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Geschichte und Geschichten - Beiträge zur Döbelner Geschichte

Töpelwinkel bei Döbeln - eine wechselvolle Geschichte
eine umfangreiche und interessante Chronik von Uwe Reinwardt aus dem Jahre 2014

Döbeln Töpelwinkel

Töpelwinkel bei Döbeln - Schullandheim um 1950

Einführung

Die vorliegende „Chronik 2014“, der Töpelwinkel im Wandel der Zeiten, ist als eine Geschichtsschreibung, weniger als eine Chronik im eigentlichen Sinne, welche meist eine Aneinanderreihung von historischen Momenten und ihrer chronologischen Anordnung, zu lesen und zu verstehen. Dies war Absicht und natürlich auch der Maßgabe geschuldet, eine Chronik lebhaft zu gestalten, ohne dass überbordende Zahlenanhäufungen langweilen würden. Während der Recherchearbeiten fiel auf, dass viele Zeitzeugen in „Papierform“ einfach nicht mehr existieren, vernichtet worden sind, wie es meist in Zeiten großer Umbrüche in Deutschland üblich war. Es folgten lange Sitzungen in Zeitungsarchiven, insbesondere im Döbelner Stadtarchiv, dem Archiv der LVZ, dem Staatsarchiv München, „Durchsuchungen“ von alten Dachböden, Befragungen von Zeitzeugen aus der unmittelbaren nahen und fernen Umgebung und intensive Internetrecherche. Leider konnten viele Lücken in der Zeitgeschichte des Töpelwinkels nicht geschlossen werden, so die Zeit als Mädchenwohnheim, Pionierhaus oder aber die Verhältnisse, in denen sowjetische Kriegsgefangene auf dem Gelände der alten Schleiferei Wöllsdorf leben mussten. Dafür sind interessante und spannende Begebenheiten aus dem Alltag des Töpelwinkels zu DDR-Zeiten, wie auch aus Zeiten der Reichsgründung, den sozialen Kämpfen dieser bewegten Zeit zugänglich gemacht worden. Nicht zuletzt lebt diese Chronik von den vielen Originalzitaten, welche erklärend kommentiert wurden, den Erläuterungen der Zeitzeugen und den Dokumenten, welche in großer Zahl hier veröffentlicht werden.

Der Töpelwinkel ist ein „Kind“ der DDR und als solches erwachsen geworden. Heutige Betrachtungsweisen und leider auch Verklärungen historischer Abläufe können das Phänomen DDR nicht wirklich erklären, ohne dabei den Effekt der „Ostalgie“ bemühen zu wollen. Ob eine kritische Vorgehensweise bei der Betrachtung und Bewertung der Geschichte angebracht ist, sollte bezweifelt werden, um einer Voreingenommenheit nicht anheim gehen zu wollen. Die DDR wie auch der Töpelwinkel ist aus einer tiefen Überzeugung und festen Glauben im Sinne des Antifaschismus, Antimilitarismus und der Schaffung einer neuen, besseren Welt hervorgegangen. Geschichte ist keine Kritik und längst auch kein Feuilleton, ihre Schreibung und Lesart sollte angemessen sein und sich nicht in Überheblichkeiten verlieren. Letztlich sollte Geschichtsschreibung immer bei der historischen Wahrheit bleiben, um Karl Marx zu zitieren.

Erklärungen zur „Benutzung“

Alle Zitate, ob Originalauszüge, Beiträge in Tageszeitungen, Dokumenten etc sind kursiv dargestellt. Deren Rechtschreibung bzw. Schreibart wurde beibebehalten, d.h. auch die „Fehler“ oder Eigentümlichkeiten wurden nicht verändert. Die Quellen sind unmittelbar gekennzeichnet, es gibt also keine Fußnoten. Ein Anspruch auf Vollständigkeit besteht nicht.

Rechte

Es gilt das Urheberrecht. Rechte Dritter sind mit der Nennung der Quelle unberührt. Formal und inhaltlich liegen alle Rechte beim Autor.

D
ank...

an alle, die bei der Erstellung dieser Chronik tatkräftig halfen, insbesondere an Brigitte Buchmann, ohne deren Hilfe diese Chronik nicht hätte entstehen können. Selbstverständlich einen besonderen Dank an Frau Wiesner vom Stadtarchiv Döbeln, der Leiterin des Natur- und Freizeitzentrums Töpelwinkel e.V., Frau Lau, dem Staatsarchiv München und stellvertretend ein Dankeschön an alle Zeitzeugen und den Menschen vor Ort.

Uwe Reinwardt

Wöllsdorf, am 21. November 2014

Name aus dem Sorbischen

Den Namen Töpelwinkel verdankt das Areal dem Ort Töpeln. Auf der Internetseite der Feuerwehr Töpeln lässt sich nachlesen, woher der Name stammt: Für die Bezeichnung ist demnach das sorbische teply- warm maßgeblich. Zum Vergleich wird auf die in der tschechischen Sprache vorhandenen Namen Teplice (Thermalbad) und Tepl (Kloster in Westböhmen) hingewiesen. Die Schreibweise von Töpeln wandelte sich seit der Ersterwähnung im Jahre 1304 von Tepil zu Tepel, Thepil, Tepele, Toppil, Tepyle, Tepeln und 1764 schließlich zu Töpeln. Nachgewiesen wurde dies durch eine Urkunde, aus der hervorgeht, dass Tunzold von Kaufungen den Ort an das Kloster Buch verkaufte. Töpeln liegt nahe des Zusammenflusses von Zschopau und Mulde und ist weniger rauhen Winden ausgesetzt als die Dörfer auf der nahen Hochfläche. Nach der Reformation im 16. Jahrhundert gehörte Töpeln zum Kurfürsltlichen Amt Leisnig, von 1856 bis 1875 zum Gerichtsamt Hartha und seither zur Amtshauptmannschaft Döbeln, heute Landkreis. Heute leben rund 90 Einwohner in Töpeln (Quelle: "Döbelner Anzeiger" 29. Dezember 2007)

Woher stammt die Ortsbezeichnung Töpelwinkel?

Es läßt sich nicht mit Gewissheit sagen, wer, wie und wann genau diese Bezeichnung in die Welt brachte, eine Abgrenzung in die Wirren um 1945 bringt etwas Helligkeit in diese Fragestellung. Der Begriff Töpelwinkel wurde vor 1945 nicht benutzt oder er war bis dazumal nicht in Gebrauch. Zeitgenössische Überlieferungen weit vor 1945 sprechen auch nicht vom Fluss Zschopau, sondern von Zschope, oder einfach nur Zschop. So war es die Zschopau selbst, die sich zum idyllischen Fleckchen in einer großen Schleife am Töpelberg rieb, die Zschop-Au freilegte. Gut zweihundert Jahre zuvor wanderten bereits Schüler der Töpelner und Technitzer Schule, die übrigens auch immer gleich Pfarreien waren, an den Ufern der Zschope, der Zschop-Au. Im Schulbuch der Schule Töpeln von 1742 liest man den Begriff "Zschop" des öfteren, im Klassenbuch als "Freiwanderung" zum Botanisieren, oder Uferwanderung mit Gesang. Jedenfalls lässt sich an keiner Stelle der Ortsname "Töpelwinkel" ausmachen. Freilich beschreibt die Zschopau keinen Winkel sondern eine große Schleife, ein Ort mit großem Reiz in landschaftlicher und geologischer Hinsicht. Menschen früherer Generationen sind mit Sicherheit auf Trampelpfaden und befestigten Wegen direkt an der Zschopau entlang gewandert oder verdingten sich im Tagewerk auf den längst bewirtschafteten Wiesen und Feldern. Auch ein Fakt: In den vergangenen 350 Jahren hat diese Landschaft eine stetig große Veränderung mitgemacht, einerseits durch eine starke Übernutzung im Zuge der angehenden Industrialisierung. Man denke an die Abholzungen großer Landstriche im heutigen Mittelsachsen, oder einfach nur an die kleine Stadt Waldheim, die in Zeitabschnitten ihren Namen nicht verdient hat. Die Hänge des Zschopautales lichteten sich in dem Augenblick, als die Bevölkerungen in den besiedelten Flecken drastisch stieg und moderne industrielle Produktionsverfahren andererseits immer mehr Flächen in Anspruch nahmen. Erst mit dem wirtschaftlichen Niedergang um 1924 und ein in gewisser Weise aufkeimendes Bewusstsein für die Grenzen wirtschaftlichen Tuns, ließ die Landschaft im Töpelwinkel für sich und auch für die Menschen schonen. Also muss abschließend gesagt werden, dass als Ortsbezeichnung "Töpelwinkel" mit Sicherheit im Bezug auf das Örtchen Töpeln und den in Ruhe gelassenen "Winkel" entstanden ist. Hier ist einfach Ruhe...

Holz und Mühlen...

Im Tal der Zschopau wurde seit jeher Holz verarbeitet und Getreide gemahlen. Wasserkraft konnte so industriell genutzt werden. Später wurde die Gewinnung elektrischen Stromes immer wichtiger und an Stelle des Holzes trat verstärkt die Papiergewinnung. Man denke an die Papierfabrik Kriebethal, von der noch die Rede sein wird. In Wöllsdorf standen damals bereits zwei Mühlen, wovon die große Mühle Albrecht Kuhnert gehörte. Kuhnert baute 1873 an der Stelle des heutigen Natur- und Freizeitzentrums Töpelwinkel eine Schleiferei. Dazu lesen wir in unseren Unterlagen zu der Zeit:" Die 12 Kilometer unterhalb Kriebstein, gleichfalls an der Zschopau gelegene Mühle wurde 1873 vom Besitzer der Wöllsdorfer Mühle Albrecht Kuhnert erbaut. Dem Vorbesitzer der Mühle, Querfurth, hatte sich Kuhnert zu einer jährlichen Rente von 1800 Mark verpflichtet für den Fall, daß er die oberhalb gelegene Wasserkraft ausbauen würde. Als dann der Bau der Schleiferei mit Wohngebäude und Arbeitshaus die erwarteten Kosten weit überstieg, sah Kuhnert seine Mittel bald erschöpft und musste 1877 Konkurs anmelden. Hierbei übernahm die Schwägerin, Frau Hedwig Christiane Kuhnert, die Schleiferei und Querfurth das Arbeiterhaus und die Mühle, welch letztere er später weiter verkaufte. Bei der Abtretung des Arbeiterhauses an Querfurth war übersehen worden, dass zu dem Folium, auf dem daß Arbeiterhaus eingetragen war, auch zwei den Ober- und Untergraben durchschneidente Grundstücksparzellen gehörten. Frau Querfurth als Erbin ihres inzwischen verstorbenen Mannes verlangte nun für diese beiden Parzellen von minimaler Ausdehnung 60 000 Mark, erhöhte aber diese Forderung, als man sich bereit erklärte, sie zu bewilligen, auf 100 000 Mark. Als sie diese nicht erhielt, machte sie sich daran, Ober- und Untergraben zuzuschütten. Da die in der Umgebung wohnenden Leute sich weigerten, ihr bei diesem Vorhaben zu helfen und die Besitzer der benachbarten Steinbrüche ihr keine Steine lieferten, ließ sie Arbeiter aus der Frankenberger Gegend kommen und bezog die Steine von auswärts.

So gelang es ihr schließlich 1882, den Graben zuzuschütten und die Fabrik zum Stillstand zu bringen. Infolgedessen geriet Frau Kuhnert ebenfalls in Konkurs, und die Schleiferei ging 1883 an Franz Julius Sach in Leisnig über, von dem sie 1884 die Städtische Sparkasse zu Hartha übernahm. In demselben Jahr kaufte ein Konsortium von fünf Nossener Herren Wöllsdorf und brachte die Fabrik, nachdem an Frau Querfurth 60 000 Mark für Überlassung der Wasserstreifen gezahlt waren, wieder in Gang. Am 15. März ging dann Wöllsdorf an unsere Firma (Kübler & Niethammer Kriebethal) über. Die Schleiferei wurde, nach mehreren baulichen Veränderungen in den folgenden Jahren, im Jahre 1896 einem gründlichen Umbau unterzogen und arbeitet mit 4 Turbinen von insgesamt 350 Pferdekräften..."

Industrialisierung einer ganzen Region

1835 faßte in Böhrigen die Industrie Fuß; Spinnereien, Webereien wandelten den Ort in ein Fabrikdorf um. Nach 1860 wurde aus Leisnig die Tuchfabrikation nach Fischendorf durch B. Bernhardt gebracht, durch seinen Bruder die Herstellung von Wollwäschen; in Tragnitz wurden landwirtschaftliche Maschinen gebaut, in Niederstriegis chemische Produkte erzeugt, Richzenhain und Schweikershain übernahmen die Stuhlbauerei, Steina, Technitz, Pischwitz und Klosterbuch die Herstellung von Pappen und Papier; am "Grünen Haus" wurden Schamotteziegel gebrannt. Viele Rittergüter führten die Spiritusbrennerei ein. Keuern, Masten, Kleinbauchlitz, Sörmitz, Etzdorf, Großbauchlitz (Nagelfabrik) sind zum guten Teil von Arbeitern bewohnt.

Wenn heute aus Kriebethal täglich hunderte von Zentnern Holzstoffpapier für den Berliner Lokalanzeiger fertig gemacht werden können, so ist dies dem rastlosen Geiste des am 27. Juni 1816 in Hainichen geborenen schlichten Webers Friedrich Gottlob Keller zu danken. Der 27 Jahre alte Meister dachte angestrengt darüber nach, wie man am besten die Lumpen, aus denen feines Papier hergestellt wird, ersetzen könnte. An einem warmen Sommertage saß er im Hofe seines Hauses und verzehrte sein Vesperbrot. Am Hinterhaus schwirrten Wespen, ihr Nest bauend, ab und zu, holten vom Schindeldach Holzfäserchen und klebten sie zusammen. Keller nahm das fertige Nest herunter und fand, daß es aus einer dem Papier ähnlichen Masse bestand. Sofort zerieb er Holz und Stroh zu Brei, aber die Masse bekam keinen Halt. Nun probierte er ein Spiel aus seinen Kinderjahren, schliff auf nassem Steine Holz Holz in der Längsfaserrichtung, kochte die Masse und rührte sie mit einem Quirl kräftig um. Davon spritzte er wenig auf das Tischtuch; das Wasser sickerte durch und zurück blieb ein dem Papier ähnlicher Stoff. Bals gelangen ihm ganze Bogen, die auch den Druck aushielten. Zur Ausnützung seiner wichtigen Erfindung pachtete er in Kühnwalde eine Mühle. Das Geld wurde knapp; er bat den Staat um eine Unterstützung, wurde aber abgewiesen. 1846 wandte er sich an den Direktor der Bautzener Papierfabrik, Heinrich Bölter, schloß mit diesem einen Vertrag ab und beide erwarben nun auf 5 Jahre ein Patent, das ihnen die alleinige Herstellung des Holzstoffpapieres sicherte. Als die Zeit abgelaufen war, konnte Keller die hohen Patentkosten nicht aufbringen und überließ Bölter die alleinige Ausnutzung seiner erfindung. 1854 erfand dieser eine Maschine, deren Grundgedanken noch heute gelten, verdiente viel Geld, galt als der große Erfinder. Keller ward vergessen. Die Heimat Hainichen tat es nicht und ernannte ihren geistvollen Sohn 1893 zum Ehrenbürger und errichtete einen Brunnen, der sein Bild und an den Seiten zwei Plaketten zeigt.

Die Herstellung des neuen Papieres wurde von Bautzen nach dem holzreichen Württemberg nach Heidenheim an der Benz unter der Firma "Heinrich Bölters Söhne" verlegt. Bei dieser trat 1850 der im Forsthaus Reichenberg im Schwabenlande geborene 17jährige Student der Gottesgelehrsamkeit Ludwig Albert Julius Niethammer zum Studium der Technik und des Handels ein. Hier lernte er den jungen Fritz Kübler kennen, der 1850 als Leiter der Papiermühle nach Kriebethal berufen wurde. Bölter schickte Niethammer dahin, damit er ihm ein Urteil über die Anlage abgäbe. Dieser erkannte sofort die Nachteile der alten Einrichtungen, aber auch die Vorteile für eine Neu-Anlage, machte sich selbstständig und pachtete gemeinsam mit seinem Freunde Kübler die Fabrik, welch erst eine werden sollte, auf 12 Jahre. 1856 wurde der Betrieb mit geliehenen 10 000 Talern aufgenommen. Kübler, der bald Niethammers Schwager wurde, war leidend, förderte aber trotzdem das Werk unaufhörlich. 1867 kauften beide die alte Papiermühle. Neue große Anlagen wuchsen bald daneben empor und als hier der Platz nicht weiter reichte, wurden in Kriebenau, Meinsberg, Wöllsdorf und 5 anderen Orten ähnliche Werke geschaffen. Kriebethal wurde 1896 mit Waldheim durch die Bahn verbunden. 1905 wurden 506 000 Zentner Papier hergestellt, 1907 zählte das Arbeigterheer der Niethammerwerke 3050 Köpfe. Die Einrichtungen der Fürsorge sind in Kriebethal vorbildlich. Es gibt eine Schule mit reichhaltiger Lehrmittelsammlung, ein Burschenhaus, eine gute Bücherei, Zeitungsauslage, Samariterdienst. Alle diese Einrichtungen entsprangen dem goldenen Wahrspruch: "Das Interesse des Arbeitgebers und des Arbeitnehmers sind unauflöslich miteinander verbunden. Eins hängt vom anderen ab; einer gewinnt wenn der andere vorwärts kommt, einer leidet, wenn der andere leidet". Alle Titel und Ehren ließen den Mann der schaffenden Kraft schlicht und einfach bleiben. Niethammer lebt in seinen Söhnen fort, die gleich dem Gründer der Werke denken und handeln. Der Dresdner Künstler Eugen Bracht hat ein vortreffliches Gemälde geschaffen: "Alte und neue Zeit." Droben Schloß Kriebstein, drunten die fabriken Kriebsteins und Kriebethals. Das Ganze ist ein Sinnbild dieses Heimatbuches, und die Losung heißt: Aufwärts!

Zu der Zeit wuchs das Familienunternehmen Kübler und Niethammer auf eine für damalige Verhältnisse stattliche Größe. Zum 50. Firmenjubiläum im Jahr 1905 waren bereits 1000 Angestellte im Unternehmen. 

Die Chronik der Unternehmung Kübler & Niethammer liest als ein eindrucksvolles Dokument sächsischer Industriegeschichte...

1856 Am 15. März übernahmen die Freunde Fritz Kübler und Albert Niethammer durch einen Pachtvertrag über 12 Jahre die Kriebsteiner Papierfabrik mit 40 Mitarbeitern vom Eigentümer Fr. W. Pohl und gründeten die Papierfabrik Kübler & Niethammer
1860 / 61 Übernahme der Papiermühle Georgenthal und Aufbau einer Holzschleiferei im Schwarzwassertal
Gründung einer Fabriksparkasse
1862 Aufstellung der II. Papiermaschine
1865 Am 2. Mai Tod von Fritz Kübler, Teilhaber und Ehemann von Natalie, der Schwester Albert Niethammers
Kauf des Hammerwerkes Breitenhof
1866 Ausbau der Holzschleiferei in Breitenhof
1867 Am 15. März Kauf von Kriebstein, Installation einer neuen Wasserkraftanlage
1871 Bau und Inbetriebnahme der III. Papiermaschine
1872 Ab dem 1. Januar Alleininhaber von Kriebstein und Georgenthal
Die Witwe Kübler, seine Schwester, erhält dafür die Holzschleiferei Breitenhof
1873 Einrichtung einer Fabrikfeuerwehr mit modernsten Geräten und Gründung eines Konsumvereins
1874 Fertigstellung der Holzschleiferei Kriebethal
1875 Ersatz der II. Papiermaschine durch eine Neue
1877 Aufstellung des 1. Bischoff’schen Rollapparates in Sachsen
1879 Einrichtung eines Kindergartens mit kostenloser Kinderbetreung
1880 Inbetriebnahme der IV. Papiermaschine mit 2,56 m Arbeitsbreite
Bau einer neuen Kesselanlage
1881 Beginn mit dem Bau von Werkswohnungen
1883 Kauf der Holzschleiferei Albertsthal im Schwarzwassertal und Aufbau einer Zellstofffabrik in Gröditz
1884 Gründung einer Betriebskrankenkasse
1886 Aufbau einer Holzschleiferei in Meinsberg Inbetriebnahme einer amerikanischen Papiermaschine mit Harper’scher Nasspartie (sämtl. Antriebe mit Friktionskupplungen)
1887 Bau einer Anlage von elektrischen Licht für Fabrik- und Wohnräumen
1888 Kauf der Holzschleiferei Wöllsdorf
1889 Stiftung einer Schule für Kriebethal1893 Errichtung einer 1000 PS Dampfschleiferei in Kriebethal
1897 Fertigstellung einer Eisenbahn von Waldheim nach Kriebethal durchs Zschopautal mit Stellung von Grundstück und 2/3 Kostenübernahme
1899 Bau eines Burschenhauses für ledige Arbeiter
1900 Errichtung einer Kläranlage und eines Wasserturms in Kriebstein
1902 Zwei der ältesten Papiermaschinen werden durch Neue ersetzt (Voith), die Dritte modernisiert
1903 Errichtung einer Filteranlage zur Abwasserreinigung
1904 Bau einer neuen Dampfschleiferei in Kriebenau mit 3000 PS
1905 50jähriges Firmenjubiläum mit 1000 Beschäftigten
1906 Stiftung eines Arbeiter- und Jubiläumsfonds
1908 Tod des Firmengründers Albert Niethammer und Übernahme der Geschäftsleitung durch die Söhne Albert und Konrad
1910 Aufstellung der II. Papiermaschine in Kriebethal, PM VIII
1911 Bau eines Kesselhauses in Kriebstein, Dampfturbine, alle vier Papiermaschinen erhalten elektrischen Antrieb
1914 Bau einer Trinkwasserleitung für das Dorf Kriebethal

Einweihung des Erholungsheims in Breitenhof

1919 Aufbau eines Großschleifers (2,5m Durchm.) und Erweiterung der Wasserkraft auf 1000 PS
Aufstellung des ersten Rotationsquerschneiders in Deutschland
Gründung der Käthestiftung für Geburtsbeihilfen
1920 PM II wird umgebaut und vergrössert
PM IV wird durch eine neue Papiermaschine ersetzt
1921 PM V wird durch eine neue Papiermaschine ersetzt
1924 Erneuerung und Modernisierung des Zellstoffwerkes in Gröditz
Gründung einer Pensionskasse
1925 Einrichtung eines Laboratoriums in Kriebstein
1926 In Kriebenau werden vier Stetigschleifer auf einer gemeinsamen Welle durch eine 5000 PS starke Dampfturbine angetrieben und durch eine erstmalig verlegte Rohrleitung, wird der entwässerte Holzschliff, 600 m weit zum Werk Kriebstein geblasen
1927 Stiftung einer Turnhalle und Tennisplatz für den Turnverein Kriebethal und Einrichtung einer medizinischen Badeanlage in Kriebstein
1929 Inbetriebnahme einer neuen Papiermaschine PM IX für Zeitungsdruck mit 3.80 m Papierbreite einschliesslich einer neuen Holzschleiferei und einer Entrindungsanlage in Kriebethal
1930 Stillegung der Schleifereien Meinsberg und Wöllsdorf im Zschopautal.
Im Schwarzwassertal werden die Schleifereien Albertsthal, Georgenthal, Breitenhof und Erlabrunn stillgelegt.

Umstellung auf Stromerzeugung

1931 Umstellung der Papiermaschinen VII und VIII in Kriebethal auf die Erzeugung mittelfeiner Papiere
1934 Aufstellung einer 3-Seiten-Schneidemaschine
1938 Aufstellung eines Doppelquerschneiders von Haubold
1945 Verhaftung der Familie Niethammer und Deportierung nach Rügen
1946 Enteignung und Demontage aller Betriebsanlagen durch die Sowjets
1954 Auf Beschluss der DDR-Regierung erfolgte der Wiederaufbau der Papierfabrik mit der PM I 365 m/min und 4 m Arbeitsbreite von Voith
1960 Aufbau der PM II für Seidenpapiere
1965 Neubau der PM III für Tissue und Verarbeitung für Taschentücher, Servietten, Verbandszellstoff und Windeln
1966 Aufbau einer Deinkinganlage auf 20 t/d (Pama-Voith)
1975 Umbau PM I auf 600 m/min., Neugestaltung der Stoff- und Holzaufbereitung
1981 Erweiterung der Deinkinganlage auf 60 t/d
1986 Wechsel des Kreppzylinders an der PM III
1987 Einbau eines Accu-Ray Qualitätsleitsystems an der PM I
1990 Rückkauf der PF Kriebstein durch die Familie Niethammer und Umbenennung in

Kübler & Niethammer Papierfabrik Kriebstein AG

Beschichtung des Trockenzylinders an der PM III
1991 Neubau der Trockenhaube
1992 Neues Nipcomat-Glättwerk an der PM I
1993 Inbetriebnahme des Kraftwerkes auf Erdgasbasis Inbetriebnahme der neuen Deinkinganlage Mit 230 t/d
1996 Erneuerung des Kreppzylinders an der PM III Neuer Stoffauflauf mit einem ModuleJet für die PM I
1998 Stillegung der PM II
1999 Inbetriebnahme der biologischen Kläranlage Erweiterung der Deinkinganlage durch eine Nachflotation und 2-stufiger Bleiche
2001 Verkauf der PM III an die Wepa, Arnsberg
Einbau eines Obersiebformers in die PM I
2002 Einbau eines Speedcoaters zum Pigmentauftrag auf das Papier
2003 Einbau einer Streichküche für den vollständigen Übergang von bisher ungestrichenem Naturpapier (Zeitung) zu beidseitig gestrichenem Offsetpapier für Zeitschriften und Werbebeilagen
2004 Transferphase mit abwechselnder ca. hälftiger Produktion gestrichener und ungestrichener Papiere. 29. Dezember Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzplanverfahrens wegen drohender Zahlungsunfähigkeit
2005 Einbau einer zusätzliche Rollenpackmaschine für zunehmenden Kundenbedarf nach 2-Meter-Rollen
2006 Einbau eines Lochdetektors zur weiteren Verbesserung der Qualität
2007 26. März Aufhebung des Insolvenzplanverfahrens. Im April Einbau neuer Antriebstechnik und Glättwerksheizung zur Erhöhung von Sicherheit und Qualität sowie eines neuen Prozessleitsystems für die Altpapierentfärbungsanlage
2008 Einbau eines Kalanders zur maximalen Steigerung der Glätte und des Glanzes unserer Papiere

(Quelle: Fa. Kübler & Niethammer Papierfabrik Kriebstein AG)

Albert Niethammer spricht sich als Nationalliberaler im Deutschen Reichstag gegen Kinderarbeit aus:

Reichstag. - 38. Sitzung. Mittwoch den 8. Juni 1887

Nun, meine Herren, ist von all den geehrten Herren Vorrednern Bezug genommen worden auf die ungeheuerlichen Eingaben, die an das Haus gelangt sind, und die sich gegen die Beschränkung der Kinderarbeit aussprechen. Ich habe eine ähnliche Eingabe, die mir nun erst zugegenagen ist, und ich darf vielleicht bitten, da es sich nur um wenige Sätze handelt, den Inhalt der mir zugegangenen Petition zur Kenntnis des hohen Hauses zu bringen. In einer Petition aus meinem Wahlkreise, dem Amtsbezirk Hainichen, in der gebeten wird, der Beschränkung der Kinderarbeit in den Fabriken nicht beizutreten, heißt es:

Erstens und hauptsächlich bitten wir um Ablehnung der Kinderbeschränkung wegen des Verdienstes, der den Eltern und Ernährern solcher Kinder dadurch entgeht, daß diese die bisher guten Löhne und leichte Fabrikarbeit nicht mehr haben sollen. Es werden dadurch beträchtliche Einnahmen beseitigt, welche jetzt den Arbeiterfamilien zu gute kommen u.s.w.

Zweitens haben die Kinder in der Fabrik eine streng geregelte Thätigkeit und gewöhnen sich an Ordnung. Sie arbeiten unter der Aufsicht entweder ihrer eigenen Eltern oder anderer erwachsenen Arbeiter. Es scheint uns besser, wenn die älteren Schulkinder von 12 Jahren an täglich einige Stunden in der Fabrik arbeiten können, als daß sie, wie sonst vielfach nicht zu vermeiden wäre, ohne genügende Beschäftigung und Aufsicht sich herumtreiben und sich an den Müßiggang gewöhnen.

Drittens sind die zwei letzten Schuljahre dasjenige Alter, in welchem sich allerlei Fertigkeiten und Handgriffe, wie sie der Arbeiter braucht, am leichtesten erlernen lassen. Es wird also gerade in dieser Zeit ein guter Grund gelegt zu der Geschicklichkeit, auf welcher der künftige Verdienst des Arbeiters beruht.

Meine Herren, unterschrieben ist diese Petition von 396 Arbeitern, und diese Arbeiter rekrutieren sich nicht etwa aus einzelnen Betriebszweigen, wo man von einer ungeheueren Noth sprechen möchte, und wo man glaubt, daß der Verdienst der männlichen Arbeiter durch die Kinderarbeit hauptsächlich herabgedrückt wird; es sind hier Tuchmacher, Gerber, Färber, Weberinnen, kurz und gut, es sind alle Branchen vertreten.

Meine Herren, auch diese Petition spricht dafür, daß die Ansichten über den Kinderschutz in den Fabriken gewiß mit vollem Recht himmelweit auseinandergehen, und daß es darum nur im Interesse unserer Arbeiter liegen kann, wenn wir uns in dieser Frage auf den Standpunkt der Resolution stellen und die Hoffnung aussprechen, daß es den verbündeten Regierungen gelingen möge, uns das Material zu schaffen, welches uns dann befähigt, zum Segen der Kinder ein Schutzgesetz zu schaffen. Denn, meine Herren, wir wollen nicht vergessen, der Arbeiter verlangt Schutz für sich und die Seinen bei der Arbeit, aber er verlangt keinen Schutz gegen die Arbeit.

(Bravo! Rechts.)

Vizepräsident Dr. Buhl: Das Wort hat der Herr Abgeordnete Niethammer.

Abgeordneter Niethammer: Meine Herren, auf die Vorwürfe, welche dem Zentralverband deutscher Industrieller gemacht worden sind, will ich mich nicht einlassen; darauf mögen diejenigen Herren antworten, welche etwa Mitglieder des Zentralverbandes sind. Aber das eine möchte ich doch vorausschicken, daß, wenn ich jetzt gegen den § 135, wie aus der Kommission gekommen ist, spreche, ich mich nach meiner Meinung nicht zu entschuldigen habe etwa wegen mangelnder Humanität oder wegen eigener Interessen, welche man ja unwwillkürlich jemandem, der anscheinend der herrschenden Meinung sich nicht ohne weiteres anbequemen will, in die Schuhe zu schieben pflegt.

Zunächst möchte ich den beiden Handelskammern von Chemnitz und Plauen, überhaupt unseren sächsischen Handelskammern gegen die Vorwürfe verwahren, welche der Abgeordnete Hitze ihnen gemacht hat. Gerade die Handelskammer Plauen hat sich bei allen diesen Untersuchungen stets durch eine seltene Objektivität ausgezeichnet, und man ist ihr die Anerkennung schuldig, daß sie wie keine andere das Material beschafft und uns einen Einblick in all die Übelstände verschafft hat, welche auf dem Gebiete der Kinderarbeit noch herrschen. Die Chemnitzer Handelskammer hat für die Beurtheilung der Kinderarbeit in den Fabriken und in der Hausindustrie weniger Material beigetragen, sie nimmt aber in ihrer Eingabe an den Reichstag auch eine solche Stellung ein, von der man nicht sagen kann, daß sie aus manchesterlicher Rücksichtslosigkeit von den Arbeiterschutzgesetzen, welche wir ins Leben einführen wollen, nichts wissen will; sie hat Bedenken, ob diese Arbeiterschutzgesetze, wie sich der Herr Vorredner am Schluß seiner Rede ausdrückte, nicht geeignet sein könnten, dem Arbeiter ein zweifelhaftes Geschenk darzubieten.

Dann möchte ich ausdrücklich die Handelskammer in Plauen wie überhaupt die sächsischen Handelskammern dagegen verwahren, als ob sie es wären, welche die Erlaubniß zur Beschäftigung der Kinder in den Fabriken auf das 10. Jahr zurücksetzen möchten. Solche Wünsche sind aus der Mitte der Fabrikanten allerdings laut geworden lediglich mit Rücksicht auf die ungeheuren Mißbräuche, welche in der Hausindustrie in Bezug auf die Kinderarbeit vorhanden sind. Da haben die betreffenden Fabrikanten auseinandergesetzt, daß es in der Tath für die Kinder eine Wohlthat wäre, wenn sie nicht in der Hausindustrie beschäftigt, sondern lieber schon vom 10. Jahre ab in den Fabriken in geordneter, gesetzlich geregelter Weise beschäftigt werden könnten. Diese Ansicht ist beispielsweise in Petitionen an die sächsische Regierung zum Ausdruck gelangt.

Meine Herren, der Herr Abgeordnete Hitze hat auch davon gesprochen, daß wir, indem wie die berechtigten Forderungen der Sozialdemokratie anerkennen, die wahren Zwecke und Ziele der sozialen Gesetzgebung fördern und zur Herbeiführung des sozialen Friedens mit beitragen.

Ich gebe ihm vollständig Recht, und es ist immer meine Meinung gewesen, daß wir keinen größeren Fehler begehen können, als wenn wir das Berechtigte in den sozialdemokratischen Forderungen nicht anerkennen, sondern von der Hand weisen. Aber zu den berechtigten Forderungen der Sozialdemokratie rechne ich es nicht, daß sie fortgesetzt und in agitatorischer Weise von dem Ausbeutungssystem der Arbeitgeber bezüglich der Arbeiter spricht, und es hat mich deshalb auch etwas peinlich berührt, daß der Abgeordnete Hitze in ziemlich allgemeiner Weise von dem Ausbeutungssystem der Arbeitgeber den Arbeitern gegenüber gesprochen hat.

(Sehr richtig! Rechts.)

Ich muß sagen, meine Herren, ich bin der Meinung, man sollte mit diesem Ausdrucke sehr vorsichtig verfahren; denn er ist nicht geeignet, zu der Erkenntnis beizutragen, daß die Interessen der Arbeitgeber und der Arbeiter innig verbunden sind, und das diese Gemeinsamkeit der Interessen der Arbeitgeber und Arbeiter viel mehr gepflegt werden sollte. Das schließt natürlich nicht aus, das man überall da, wo man Übelstände trifft, denselben entgegentritt; und daß wir denjenigen Arbeitgebern oder gar denjenigen Industriezweigen, welche in rücksichtsloser Weise ihre Arbeiter behandeln und ausbeuten, es unverholen sagen, das ist natürlich auch unsere Pflicht. Aber in dieser allgemeinen Weise soll von einem Ausbeutungssystem der Arbeiter durch die Arbeitgeber nicht gesprochen werden. Auch wir sind gerade, wie der Herr Abgeordnete Hitze und seine Partei, der Meinung, daß die Familie als die Grundlage unserer ganzen sittlichen Entwicklung und unserer kultur geschützt und gefördert werden soll. Die Sonntagsruhe steht im gegenwärtigen Augenblicke nicht auf der Tagesordnung, ich verliere darüber als über eine selbstverständliche Sache kein Wort; die Kinderarbeit, welche uns jetzt beschäftigt, ist wohl geeignet, bei manchem, der in anderen Verhältnissen steht als der Herr Hitze und Herr Schmidt, Bedenken zu erregen. Die Aufhebung der Frauenarbeit ohne weiteres so zu dekretieren, wie es von mancher Seite vorgeschlagen wird, gehört sicher auch zu den ganz bedenklichen Unternehmungen.

Meine Herren, allen diesen Verhältnissen, die uns ideal als richtig und ertrebenswerth erscheinen, denen gegenüber und neben ihnen steht die harte Nothwendigkeit, in der wir uns mit unserem wirtschaftlichen Leben befinden, und wir können mit den derzeitigen Lebensbedingungen unserer wirthschaftlichen Thätigkeit so ohne weiteres, wie es aus mancher Stelle durch die Vorschläge der Kommission geschieht, nicht brechen und nicht so tief einschneidend in dieselben eingreifen.

Wenn ich jetzt dazu übergehe, in durchaus sachlicher Weise den Beschluß der Kommission zu kritisieren und ihn von meinem Standpunkt aus als einen nicht sachgemäßen, nicht glücklichen zu bekämpfen, so will ich doch vorausschicken, daß ich glaube, auch die sächsische Regierung, welche diesen Verhältnissen nahesteht, wir, wie ich nicht zweifle, aus den Verhandlungen des Reichstags für sich und die sächsischen Verhältnisse dasjenige, was ihr beachtenswerth erscheint, sich zu Nutzen machen. Ich glaube, auch die sächsische Regierung nimmt den Standpunkt ein, daß eine Aenderung des § 135, wie sie hier von der Kommission vorgeschlagen ist, eine praktische nicht genannt werden kann.

Meine Herren, mir scheint es als erstrebenswerthes Ziel, die Arbeit der Kinder unter 14 Jahren, überhaupt der Schulpflichtigen Kinder, in den abriken zu beseitigen. Ich bin nur der Meinung, daß wir auf dem Wege, wie ihn die Kommission vorgeschlagen hat, nicht praktisch dazu gelangen, und daß wir den vorhandenen realen Verhältnissen noch Rechnung tragen müssen.

Das die Kommission zu keinem anderen Beschlusse gelangt ist als zu dem vorliegenden, das zeigt mir die Schwierigkeit der Frage, welche nicht nur vom humanitären, sondern ganz besonders vom praktischen Standpunkte aus zu beurteilen ist. Wenn von Humanität gesprochen wird, so möchte ich doch auch aussprechen: daß die wahre Humanität nicht darin besteht, daß man schablonenhaft verfährt, sondern daß man sich möglichst dem vorhandenen Bedürfnisse, den vorhandenen Verhältnissen anzupassen sucht und mehr spezialisirt. Die Thatsache, daß in einzelnen Gegenden unseres Vaterlandes und ganz besonders in Sachsen die Kinderarbeit in den Fabriken noch vorhanden ist, und daß sie für nothwendig angesehen wird für die Industrie wie für die Lebensstellung vieler Familien, ist also mit ihren Konsequenzen nicht aus der Welt zu schaffen;

und wenn in einem Handelskammerbezirke, beispielsweise Plauen, ungefähr 3000 Kinder unter 14 Jahren in Fabriken beschäftigt sind, so handelt es sich eben in diesem Bezirke um die Lebenshaltung von 2- bis 3000 Familien, das heißt um eine fühlbare Beschränkung derselben. Ich wäre sehr damit einverstanden, und es würde mich ungeheuer freuen, wenn wir zu Zuständen gelangen könnten so schnell und unvermittelt, daß der Mann überall im Stande wäre, den Lebensunterhalt für die ganze Familie zu erwerben.

Gewiß ist dieser Zustand ein wünschenswerther, aber der Herr Abgeordnete Schmidt wird mir Recht geben, daß wir so rasch zu einem solchen Zustande nicht gelangen können. Ich kann ihm darin nicht Recht geben, wenn er sagt: es mögen lieber Industriezweige zu Grunde gehen, als daß die Kinder an ihrer Gesundheit geschädigt werden,- weil er sich nach meiner Meinung in einem Widerspruche mit sich selbst befindet. Wenn der Herr Abgeordnete Schmidt mit berechtigtem Selbstgefühl von den vortrefflichen Verhältnissen und Zuständen seines Industrie-Bezirks nach dieser Seite hin spricht, so kann ich ihn wohl darum beneiden; aber das hindert mich nicht, gleichzeitig dem Umstande gerecht zu werden, daß die Industrie des sächsischen Erzgebirges in einer solchen bevorzugten Lage sich nicht befindet, und daß sie nach menschlicher Voraussicht in so glückliche Verhältnisse, wie sie im Westen zur Zeit zu bestehen scheinen, nicht so rasch gelangen wird. Gerade die Industrie des sächsischen Erzgebirges hat mit der Mode zu gehen und muß kämpfen und arbeiten, damit sie bei dem Wechsel, welcher hierdurch in ihrer Beschäftigung, in ihrer ganzen Fabriktätigkeit eintritt, immer wieder auf der Höhe der Konkurrenz bleibt und den Markt nicht verliert. Mit einem Wort: die Industrie des sächsischen Erzgebirges ist in diesem Augenblick nicht so beschaffen, daß man ihr ohne weiteres die Kinderarbeit und, wenn die Absichten der Resolution I sich verwirklichen werden, auch die Beschäftigung der Kinder in der Hausindustrie abzuerkennen vermöchte.

Auch der Herr Vorredner hat es schon angedeutet, daß über die Kinderarbeit auch nach der Richtung hin verschiedene Anschauungen existiren, ob bei der der einmal vorhanden Lage der Arbeiter das Herumlungern der erwachsenen Kinder schädlicher ist als eine leichte Fabrikarbeit, welche den Bedürfnissen des Körpers und den Ansprüchen an eine sittliche Haltung der Kinder entspricht, und welche mit den nötigen Sicherheiten ini Bezug auf eine sachgemäße Behandlung der Kinder umgeben werden kann.

Diese Seite der Frage auch in Erwägung zu ziehen ist man wohl berechtigt. Wenn mann die Kinderarbeit ohne weiteres jetzt aus den Fabriken ausscheidet, so muß ich sagen: ich bedaure, daß man nicht den Versuch macht, in nützlicher Weise für die Kinder, welche schon vom 12. Jahre ab ein gewisses Thätigkeits- und Arbeitsbedürfnis in sich verspüren, zu sorgen.

(Zurufe.)

Vizepräsident Dr. Buhl: Meine Herren, ich bitte, den Herrn Redner nicht zu unterbrechen.

Abgeordneter Niethammer: Man kann hier verschiedenes thun, indem man allerdings der Kinderarbeit eine ganz spezielle Aufsicht widmet, indem man Vorschriften dahin trifft, daß die Kinder nur in gesonderten Lokalitäten beschäftigt werden dürfen, daß sie unter spezieller Aufsicht eines vertrauenswürdigen Mannes oder, wenn es Mädchen sind, einer vertrauenswürdigen Frau arbeiten (…)

In den Betrieben Niethammers allerdings zeigt sich ein anderes Bild. In einer „Arbeitsregel“ von 1856 zeigt sich nur eines: Repressalien und Partikularinteressen

"Allgemeine Ordnungs-Regeln" für das Arbeitspersonal von K & Ni
Quelle: April 2006 Kriebsteiner Gemeindebote, Günter Möbius- Ortschronist in Kriebstein bei Waldheim
Waldheim, Druck von C. F. Seide l 1856


Allgemeine Regeln

Nachstehende allgemeine Ordnungs- und Arbeitsregeln, außer welchen je für die verschiedenen Geschäfts- Abteilungen noch einige spezielle Vorschriften gegeben werden, werden anbei mit den Bemerken bekannt gemacht, daß sich das ganze Fabrikpersonal genau danach zu richten hat und deren Verletzung unwiderruflich durch Abzug am Lohne oder nach Befinden mit Dienstentlassung gerügt werden wird.

§ 1
Sämtliche Arbeiter der Fabrik sind den Prinzipalen oder den Stellvertreter pünktlichen Gehorsam im Geschäft schuldig. Bei etwa sich widersprechenden Anordnungen haben sie den Befehlen des ihren Geschäftskreis unmittelbar Vorstehenden zu gehorchen, auch jeden ihnen von anderer Seite kommenden Befehl diesen erst anzuzeigen, wenn es die Zeit irgend erlaubt.

§ 2
Gewissenhaftigkeit, das heißt, treue Pflichterfüllung nach besten Wissen und Können, auch wenn das Auge des Vorgesetzten abwesend ist, werden von jeden unbedingt und in jedem Fall gefordert, selbst dann, wenn es nöthig wird, auf die Nachfrage des Vorgesetzten etwas zum Nachtheile der Kameraden auszusagen. Die Antwort: "ich weiß nicht, wer das oder jenes Versehen begangen hat", wird, wenn sich das Gegentheil hiervon herausstellt, als dienstliche Lüge betrachtet und jeder dienstliche Lügner erhält das erste mal einen strengen Verweis unter 4 Augen, das zweite Mal denselben öffentlich; und macht sich jemand dieses Fehlers zum dritten Male schuldig, so wird er als unverbesserlich unfehlbar entlassen, denn auf der strengen Beobachtung dieses Gesetzes beruht die Ordnung in der ganzen Fabrik; da dadurch jede Nachfrage erfolgreich, jede Postenträgerei aber entbehrlich wird.

§ 3
Gleiche Strafen treffen auch den Trunkenbold, nur noch mit der Schärfung, daß er, wenn aus seinem Vorgehen der Fabrik Schaden erwächst, zum Ersatz desselben verpflichtet ist.

§ 4
Ungehorsam gegen Vorgesetzte wird ebenfalls auf diese Weise gerügt, artet derselbe jedoch in offenbare und thätliche Widersetzlichkeit aus, so erfolgt die Entlassung augenblicklich und in letzteren Falle die Belangung vor Gericht.

§ 5
Diebereien, auch die geringfügigsten, wozu sogar die Entwendung von Eßwaaren oder Obst gehört, sollen auch mit Entlassung und nach Umständen durch gerichtliche Anzeige bestraft werden. - Wer auf diese Weise aus der Fabrik fortkommt, kann keinen Anspruch auf ein Zeugnis machen, auch nie wieder in der Fabrik angestellt werden, ingleichen ist er seines Antheils an der Kranken- und Versorgungskasse los.

§ 6
Um etwaiger Dieberei möglichst auf die Spur zu kommen, muß es sich im Falle vorliegenden Verdachts ein jeder gefallen lassen, daß er auf Befehl visitiert wird.

§ 7
Allen Arbeitern ist untersagt, ohne ganz triftige Abhaltung oder vorher erhaltene Erlaubnis, Arbeitsstunden oder Tage zu versäumen, auch darf bei dem sich wegen der verschiedenen Nachtarbeiten Ablösenden das Antreten und Verlassen des Geschäftes nicht etwa willkürlich geschehen, sondern es kann nur nach jedesmaliger besonders erhaltener Erlaubniß eine Abweichung von der Regel stattfinden. - Wer einen Viertels- oder mehrere Tage ohne Erlaubniß oder Meldung fehlt, zahlt für den Viertelstund für jeden einzelnen Tag 1 Ngr Buße, wer aber eine ganze Woche so ausbleibt, wird als ausgeschieden betrachtet und wie im § 5 des Zeugnißes und einer etwaigen späteren Anstellung, auch seines Antheils an der Kranken- und Versorgungskasse verlustigt.

§ 8 Ordnungsgemäß lößt sich das Verhältniß der Arbeiter zur Fabrik nur durch eine 14 Tage vor ihren Austritt erfolgte Kündigung auf, wer demnach eher austritt, wird ebenfalls nach § 5 behandelt und hat auf seinen rückständigen Lohn keinen Anspruch. Eine Ausnahme hiervon kann nur nach zuvor besonders eingeholter Erlaubniß stattfinden.

§ 9
Es darf durchaus nicht vorkommen, daß unter dem Vorwande, darin Eßwaaren zu wickeln, auch nur ein Blatt Papier ohne besondere Erlaubniß eines der Vorgesetzten mit nach Hause genommen wird, es muß dies sonst als Dieberei angesehen und nach § 5 bestraft werden. - Bei Androhung einer verhältnißmäßigen Buße müssen die Papierabfälle im Allgemeinen mehr beachtet werden als bisher, es dürfen solche besonders von feinen besseren Sorten nicht zum Einpacken verschiedener Gegenstände verwendet oder gar als Fidibus schonungslos verbrannt werden; ebenso dürfen sie nicht zum Abwischen der Füße, schmieriger Hände, der Maschinentheile oder anderer mehr oder weniger schmutziger Gegenstände genommen werden, sondern es werden zum Abtrocknen der Hände an den betreffenden Orte reinliche Lappen, welche immer wieder gewaschen und zuletzt gegen andere ausgetauscht werden können, gegeben; zum Putzen von schmierigen Maschinentheilen, von Preßspindeln oder anderen schmutzigen Gegenständen aber, dürfen nur wollene Hader benutzt werden, welche zuletzt ebenfalls wieder gegen andere ausgetauscht werden können. - Vorstehendes sei besonders auch bei Androhung einer verhältnißmäßigen Buße den auf längere Zeit in der Fabrik arbeitenden Zimmerleuten, Maurern, Tischlern, Schlossern gesagt, wobei dieselben noch darauf aufmerksam gemacht werden, bei etwaigen Bauten oder Reparaturen in einem Fabriklocale gut Acht zu haben, damit sie nicht etwa durch Verunreinigung der Massen usw. Schaden verursachen.

§ 10
Auch auf den Abtritt soll nur ordinäres Papier (mit dessen Herbeischaffung eine Person beauftragt ist) verbraucht werden und wenn in dieser und überhaupt in aller Beziehung ein Jedes erstlich ermahnt wird, sich sittlich zu betragen, so muß hauptsächlich Dasjenige eine Buße von 1 - 5 Ngr bezahlen, welches sich anstatt des Abtrittes, wo für Bequemlichkeit hinlänglich gesorgt ist, irgend eines Winkels in oder außerhalb der Fabrik bedient. Gleiche Strafen treffen diejenigen, welche des Besudelns der Thüren und Wände an diesem oder an jedem anderen Platze schuldig befunden werden sollten. - Wer die Abtrittthüren nicht hinter sich zumacht, wird in Betretungsfalle das erste Mal mit 1 Ngr, das zweite Mal mit 2 Ngr betraft.

§ 11
Unnöthiges Sprechen in den Sortir-und Hadersälen, und besonders Unterhaltungsgespräche der Maschinenführer und Mühlebereiter, während sie ihre Aufmerksamkeit beim Geschäft haben sollten, dürfen nicht stattfinden.

§ 12
Vorsichtiges Umgehen mit Feuer und Licht wird von jeden Arbeiter erwartet. Weder die Papier- und Haderböden dürfen mit offenen Licht besucht werden und nur mit ausdrücklicher Erlaubniß des betreffenden Vorgesetzten mit einer Laterne. Die mit Heizgeschäften beauftragten Arbeiter sind streng dafür verantwortlich, daß die ihnen ertheilten Instructionen genau befolgt und besonders bei Entfernung der Asche keine regelwidrigen Unvorsichtigkeiten begangen werden. Wer gegen die deshalb ertheilten feuerpolizeilichen Anordnungen fehlt, wird bei kleinen Versehen mit einer Lohneinbuße von 5 - 10 Ngr, bei größeren und wiederholten Vergehen aber nach den Landesgesetzen bestraft.

§ 13
Anfang und Schluß sowohl der Arbeits- als der Erholungszeit wird mit Ausnahme für die bei den Holländern, Maschinen und Dampfkesseln beschäftigten, welche sich gewöhnlich alle 12 Std. ablösen, durch eine Glocke angezeigt. Wer morgens oder Mittags 10 Minuten nach dem Läuten nicht an seiner Arbeit ist, zahlt eine Buße, welche den Betrag für eine Stunde Arbeit gleich kommt, welcher Strafe sich auch immer Diejenigen zu unterwerfen haben, welche nach dem Frühstück oder Vesper Brod zu spät beginnen, oder ohne besondere Erlaubniß vor dem Läuten ihre Arbeit niederlegen, um sich zum Weggehen bereit zu stellen

§ 14
Sollte je, was übrigens Gott verhüten möge, die Fabrik vom Brandunglück heimgesucht werden, so ist Jedes, das die Entstehung des Feuers zuerst bemerkt, aufs Strengste verpflichtet, sogleich einen der Prinzipale, oder sind diese abwesend, einen der Comptoiristen davon Anzeige zu machen. Es wird der Benachrichtigte sofort durch dreimaliges abgebrochenes Ziehen an der bereits erwähnten Glocke dem ganzen Fabrikpersonale den unglücklichen Vorfall bekannt machen lassen, worauf sich dann auch sämmtliche Arbeiter und Arbeiterinnen unverzüglich im Hofraume zu versammeln und in größter Ordnung aufzustellen haben, um die Befehle der Prinzipale oder in deren Abwesenheit die ihrer Stellvertreter entgegen zu nehmen. Alles Auseinanderlaufen und jeder vorwitzige Besuch der Brandstelle ist aufs strengste verboten und nur auf ausdrückliches Geheiß dürfen sich einzelne Personen vom Versammlungsplatze entfernen. Nachdem übrigens jedem der einzelnen Vorgesetzten eine Arbeits-Abtheilung beigegeben ist, hat diese ihren Anführer auf dem ihm angewiesenen Posten zu folgen und demselben bei allen Anordnungen unbedingten Gehorsam zu leisten. Bricht übrigens das Feuer bei Nacht aus, so hat der, welcher es zu erst merkt, bei einem der Prinzipale Anzeige zu machen, in deren Abwesenheit aber einen anderen Arbeiter zum Sturmläuten zu beauftragen und unverzüglich in die Wohnung eines Comptoiristen oder Aufseher zu eilen und diesen die Nachricht zu hinterbringen. Wer eine zur Fabrik gehörige Lampe besitzt oder eine solche zu seinem Privatgebrauch bei sich hat, soll sie sofort anzünden, um sie nach zu gegenwärtigender Anordnung aufzustellen. - Im Übrigen bleibt die Anordnung wie bei einem Unfall bei Tage und ist nur noch zu erwähnen, daß diejenigen Wasser-Räder, mit welchen die Pumpen nicht in Verbindung stehen, nebst den Maschinen unverzüglich abzustellen, die übrigen Holländer und Vorrichtungen aber, an deren Wasserrad die Pumpen mitgehen, insoweit es thunlich, auszurücken sind.

§ 15
Wer sich erfrechen sollte, aus Bosheit ohne Grund an der Glocke zu ziehen, so daß dadurch Schrecken verursacht und die Arbeitszeit abgekürzt werden würde, muß ohne Ansprüche auf Lohn den Dienst sofort verlassen.

§ 16
Während der Arbeitszeit darf bei 1/4 Ngr Buße nichts gegessen werden und wird überhaupt vor häufigen Gebrauche geistiger Getränke wohlmeinend gewarnt. Bei jedem Speiseverbrauch in der Fabrik wird übrigens die strengste Reinlichkeit verlangt.

§ 17
Das Tabakrauchen in den Fabrikräumen und überhaupt während der Arbeitszeit ist bei 5 Ngr Buße untersagt und wird diese Strafe 6fach angenommen, wenn ein Raucher an einem feuergefährlichen Orte, wie zum Beispiel auf einem Vorrathsboden usw. angetroffen werden sollte. In der zum Frühstück und Vesper Brod bestimmte Zeit ist das Rauchen jedoch nur in dem besonders dazu ausgewiesenen Localitäten gestattet.

§ 18
Alle außergewöhnlichen Wege, um nach oder aus der Fabrik zu gelangen, sind, ausgenommen besonders dringende Fälle, untersagt, ebenso darf bei Nacht keine Person in die Fabrik kommen, ohne daß sie dazu eine annehmbare Veranlassung hat. Wegen Verhütung zu vielen Besuchs, was bei Nacht nicht paßt, stört und der nöthigen Reinlichkeit in den Fabrikräumen auch nicht zuträglich ist, haben diejenige, welche die Nacht hindurch arbeiten und, nachdem sie den Tag über frei gehabt, gewöhnlich Abends um 6 Uhr antreten, ihr Getränk und etwaiges Essen gleich selbst mitzubringen; übrigens sollen sie ihr Abendbrot vorher zu Hause einnehmen, denn daß sie sich, nachdem sie die Arbeit kaum antreten, deshalb schon wieder niedersetzen, kann nicht geduldet werden, sowie überhaupt die bei Nacht Arbeitenden in allem auch die gehörige Ordnung zu beobachten haben, ganz wie bei Tage.

§ 19
Wenn die Straßen kothig sind oder Schnee liegt, so hat Jeder bei 1/2 Ngr Strafe seine Pantoffel, Schule oder Stiefel an den bei den Eingängen angebrachten Kotheisen abzuwischen auch bei Kälte oder Regenwetter die Haustüre immer hinter sich zuzumachen. Daß die Arbeiter Kinder mit in die Fabrik bringen, um sie neben der Verrichtung ihrer Arbeit zu bewahren, kann des Raumes und der gehörigen Ordnung wegen nicht gestattet werden.

§ 20
Alle Beschädigungen an Maschinen und Geräthschaften mit Einschluß der Fensterscheiben, welche aus Muthwillen, Nachlässigkeit und besonderer Ungeschicklichkeit oder auch aus Eigenmächtigkeit in der Absicht, etwas daran zu verändern, verübt werden, vergütet der Schuldige, sowie auch dasjenige, welches etwa in irgend einer der verschiedenen Arbeiten, sei es nun bei den Haderngeschäft oder bei den Holländern, bei den Maschinen im Papiersaal ectr. , aus Unachtsamkeit oder Gleichgültigkeit einen Fehler macht, oder eine Verwechslung verursacht, den Schaden zu tragen hat. Wird die schuldige Person nicht ausfindig gemacht, so haben diejenigen zusammen Arbeitenden oder einander Ablösenden den Schaden zusammen zu tragen. - Wenn gegenseitige Gehässigkeiten von den Einsichtsvollen stets vermieden werden, so taugen solche insbesondere unter denjenigen Arbeitern, welche sich ablösen, durchaus nicht und sollte daher die eine Person, welche abgelöst wird, der Ablösenden nicht die bei den verschiedenen Geschäften gegebenen Vorschriften genau mittheilen, so ist erstere natürlich zu einer verhältnismäßigen Buße wegen des dem Geschäft dadurch entstehenden Nachtheile verbunden, welche letztere Maßregel unbedingt auch in dem Falle ergriffen werden müßte, wenn dadurch, daß vielleicht die eine Person mit der anderen auf feindseligen Fuße lebt, Versäumniße entstehen sollten.

§ 21
Ein jedes, dem es nicht ganz gleichgültig ist, ob es für seinen Lohn zum Nutzen oder zum Nachtheil der Fabrik wirkt, wird die Pflicht fühlen, nicht nur für seine Person jeden Schaden, welcher dem Geschäfte durch zuwiderhandeln gegen die bestehenden Vorschriften, Verheimlichung etwa vorkommender Fehler zugefügt werden kann, zu verhüten, sondern auch, wenn es gewissenlose Arbeiter neben sich hat, bei diesem durch Warnung und Anzeige jeglichen Nachtheil fürs Geschäft zu verhindern. Dem ungeachtet ist aber noch eine Belohnung von 10 Ngr die nach Befinden bis zu mehreren Talern steigen kann, bei Verschweigen des Namens, demjenigen zugesagt, welches einen Vorgesetzten in dem Stand setzt, etwaige grobe Nachlässigkeiten im Bezug auf Reinlichkeit und Ordnung, Schonung der Maschinen oder Geräthschaften, Verbrauch an Materialien, sie mögen Namen haben, wie sie wollen, wie z. B. Hadern, Zeug, Bleich-, Leim- und Farbe- Material, Brennöl, Schmiere, Leder, Nägel, Holz, Metall, auch Schlechtigkeiten oder gar Diebstähle, in welcher Art sie auch immer ausgeübt werden, und so klein sie auch sein mögen, zu entdecken.

§ 22
Bei Strafe von 21/2 Ngr bis zu 1 Thlr und nach Befinden augenblicklicher Dienstentlassung ist es jeden untersagt, Fremde in die Fabrik einzuführen, ebenso ist ein jeder verbunden, Fremde, welche sich ohne Begleitung eines der Vorgesetzten oder der Herren Comptoiristen den Eintritt erlauben sollten, höflichst, aber aufs Nachdrücklichste abzuweißen. Daß Fremden, die irgend welche Artikel hier verkaufen wollen, in keinem der Arbeitslocale ohne besondere schriftliche Erlaubniß der Eintritt gestattet werden kann und darf, wird hiermit ebenfalls festgesetzt und zugleich bemerkt, daß auch keine der hier in Arbeit stehenden Personen einen Handel mit Getränken, Speisen oder irgend etwas anderen treiben darf. Ferner ist jeden in der Fabrik Arbeitenden bei Strafe von 1 Ngr verboten, ohne geschäftliche Ursache ein anderes Arbeitslocal, als das, worin er angestellt ist zu betreten; - sollte sich einer der Arbeitenden sogar erfrechen, an irgend einer Vorrichtung aus Naseweißheit Veränderungen oder Spielereinen vorzunehmen, so kostet dies eine angemessene Buße. - Zum Entnehmen von Wasser darf nur der im Hofe stehende Brunnen benutzt werden.

§ 23
Alle etwaigen Geschenkgelder, welche irgend eine der arbeitenden Personen in der Fabrik bekommen sollte, sind bei der Strafe des doppelten Werthes sogleich einem der Prinzipale zu übergeben, unter dessen Controlle sie nebst den Bußgeldern in die Krankencasse kommen.

§ 24

Vorgesetzte und deren Familien, auch diejenigen Arbeiter, welche die Stelle eines Saalaufsehers, Waagemeisters oder Rechnungsführers usw. bekleiden und deren Familien dürfen von Untergeordneten keine Geschenke annehmen und von den die Fabrik besuchenden Fremden auch nur für Rechnung der Krankencasse.

§ 25
Hat irgend eine Person etwa zu klagen oder zu verlangen und sie findet bei dem ihn unmittelbar Vorgesetzten kein Recht, so kann sie sich zuletzt an die Prinzipale wenden, ganze Arbeitsabtheilungen dürfen aber nur durch einen oder zwei Abgeordnete vertreten werden und nie in Masse vor den Vorgesetzten erscheinen, ansonst sie unangehört abgewiesen werden.

§ 26
Wenn besonders dringende Umstände außer der gewöhnlichen Arbeitszeit die Gegenwart der Arbeiter erfordern, so sind diese verbunden, auf Verlangen zu erscheinen und gegen ihren gewöhnlichen Lohn die vorliegenden Arbeiten zu verrichten, so wie sie sich, wenn sie die ihnen für gewöhnlich überlassene Arbeit nicht hinlänglich beschäftigt oder wenn ihnen inzwischen eine andereaufgetragen wird, (wobei übrigens wo möglich immer eine Abwechslung unter ihnen beobachtet werden wird) jeden anderen ihnen vor kommenden Geschäfte zu unterziehen haben.

§ 27
Daß die Maschinerie sowohl als sämmtliche Arbeitsräume durchaus reinlich gehalten werden müßen, davon wird in den speziellen Regeln noch mehr die Rede sein, und wird hier nur darauf aufmerksam gemacht, daß für diejenigen, welche sich in dieser Hinsicht zu nachlässig zeigen, ohne Weiteres auf ihre Kosten andere Personen zur Herstellung der Ordnung angewiesen werden.

§ 28
Sämtliche Strafen werden am Zahltage durch Anschlag an der Comptoir-Thüre bekannt gemacht.

§ 29
Damit jeder Arbeiter nach und nach zu einem, wenn auch kleinen Vermögen kommt, hat er wöchentlich vom Thaler Lohn einen Neugroschen in eine Sparcasse zu legen, deren Führung zunächst vom Geschäft besorgt wird. Das Ersparte kann nur nach Ablauf eines halben Jahres der Sparcasse entnommen werden. Jeder Arbeiter bekommt ein Sparbuch, in welchen die Einlagen wöchentlich eingetragen werden. Für die Ersparnisse, welche nach Ablauf eine 1/2 Jahres der Casse verbleiben, werden fünf Prozent Zinsen gezahlt und Sparscheine darüber ausgestellt. Beim ordnungsgemäßen Austritt erhält der Arbeiter seine Ersparnisse mit Zinsen zurück.

§ 30
Jeder Arbeiter wird ein Exemplar dieser allgemeinen Ordnungsregeln ausgehändigt, was er wohl und sauber aufbewahren und bei seinem Abgange, ehe er sein letztes Lohn empfängt, abzuliefern hat, anderenfalls ihn ein Abzug von 15 Ngr gemacht würde.

"Allgemeine Ordnungs-Regeln" verschiedene Historische Fakten... Papierfabrik Kriebstein AG 1946 - 1955
Zum 50jährigen Bestehen... 1906
Besiedlung des Dorfes Kriebethal
Geschichte Firma Niethammer
Soziale Geschichte der Firma Kübler & Niethammer

Die Zeit des Dritten Reiches

1930 wurde die alte Schleiferei Wöllsdorf wegen Unrentabilität geschlossen, lediglich das Arbeiterhaus wurde noch bewohnt. Nun begann der außerordentliche Reiz dieser herrlichen Umgebung immer mehr Kinder und Jugendliche anzuziehen. Tagelanges Zelten und Baden in der Zschopau wurden zum Vergnügen nicht nur der Wöllsdorfer und Töpelner. Körperkult und Rückkehr zur Natur, hin zum Wesen der alten germanischen Ahnen. Die Nationalsozialisten propagierten das Treiben in freier Natur, es wurde Doktrin und Kult. Vor allem der zahllosen jetzt aufkeimenden Kinder- und Jugendbewegungen, Wandervögel, Hitlerjugend, Deutsches Jungvolk, Bund Deutscher Mädel und so weiter ist es zuzuschreiben, dass eben dieses Gebiet um die Zschopauschleife zum beliebten Treff dieser Jugendorganisationen wurde.

Jetzt kamen sie in Scharen, bauten Zeltlager auf und trieben sportliche Spiele. Belegt ist, dass das Areal an der Zschopau das ganze Jahr über genutzt wurde, egal welches Wetter herrschte. Wohl aber die Hitlerjugend, die sich einer stetig steigenden Beliebtheit erfreute, gab schon bald die Marschmusik an, wenn es an die Zschopauschleife ging. Schnell sprach sich herum, wie schön es hier ist.

Im Zuge der Recherchen zeigte sich, dass es nicht unbedingt viele Aufzeichnungen oder gar Fotos aus dieser Zeit gibt. Wohl aber Zeitzeugen, die damals der Hitlerjugend beitraten und ein glaubhaftes Zeugnis abgeben konnten, wie es zu Zeiten des Nationalsozialismus zuging.

Ende 1937 hatte die Hitlerjugend 7 Millionen Angehörige, ist damit die größte Jugendorganisation aller Zeiten. Die Hitlerjugend gründete sich als Parteiorganisation der NSDAP (Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei) selbstständig, war aber der NSDAP nicht untergeordnet sondern nur verwaltet. Die der Hitlerjugend beigegliederten Jugendgruppierungen Bund Deutscher Mädel, Jungmädelbund, Deutsches Jungvolk und HJ-Schwesternschaft bündelten eine bis dahin unvorstellbare Masse an jungen Menschen.

Zeitzeugen berichten...

Harald Weiß wurde in Riesa geboren, kam als 12-Jähriger nach Waldheim und kann sich noch sehr lebhaft an die Zeiten bei der Hitlerjugend erinnern. Auch und gerade die beliebten Zeltlager im Töpelwinkel hatten sich als sehr positive Erlebnisse tief ins Gedächtnis eingebrannt. Harald Weiß erzählt: In Waldheim, Döbeln, Leisnig und auch in den kleineren Orten des damaligen Kreises formierten sich immer mehr Gruppen der Hitlerjugend. Wir sind freiwillig beigetreten, uns hat niemand dazu gezwungen. Es war eine unvorstellbare Zeit, diese Aufbruchstimmung, dieser Optimismus. Den konnte man uns nicht mehr nehmen. Unsere Waldheimer Kameradschaft zog öfters nach Wöllsdorf in den Töpelwinkel, um sich dann mit anderen Kameradschaften zum Lager zu treffen. Meist über mehrere Tage. 1941 gab es Mitte August ein größeres Zeltlager einer Gefolgschaft aus Döbeln. Auch Pimpfe waren mit dabei. Denen waren wir ja schon Vorbild und es war immer ein mächtiges Gewusel auf der großen Wiese. Dann sind wir gemeinsam zur Nixkluft bei Waldheim gelaufen, um nachts wieder zurück ins Lager zu kommen. Verrückte Erlebnisse hatten wir da. Überhaupt war das tolle Gemeinschaftsgefühl unbeschreiblich, so etwas kannten wir überhaupt nicht. Klassen- und Ständeunterschiede gab es nicht mehr, alle Unterschiede waren irgendwie nicht mehr wichtig“.

Solche Erlebnisse sind beschreibend für eine ganze Generation. Harald Weiß berichtet vom Lageralltag: „Morgens gab es die Morgenfeier, da wurde die Fahne aufgezogen. Wir hatten ja alle die gleiche Kluft an, standen in Reih und Glied. Das war schon ganz schön militärisch organisiert, aber das hat wohl keinen gestört. Dann ging es raus zum Geländelauf in kurzen Hosen. Unsere Scharführer liefen mit uns, gaben Richtung und Tempo an. Oft kamen wir völlig aus der Puste. Aber den Drill wie bei der Armee später gab's da nicht. Alles war mehr oder weniger freiwillig. Ich weiß gar nicht mehr genau, ab wann dann die Wehrertüchtigungslager durchgeführt wurden, muss wohl um 1942 gewesen sein. Da ging's richtig zur Sache. Aber an den Krieg haben wir damals nicht gedacht, zu dieser Zeit lebte man seine eigene Jugend und die der anderen aus. Und was gab es da besseres als die Hitlerjugend!“

Ähnliches erlebte Gerhard Dürasch. Als Zeitzeuge und Genosse, wenn man so sagen darf, kamen die Eindrücke nach so vielen Jahren ziemlich deutlich vor Augen. Gerhart Dürasch wurde in Mügeln geboren und kam als Pimpf zur Hitlerjugend, wohnte bald in Waldheim, wo viele der Jugendlichen in die Hitlerjugend gangen, um im Töpelwinkel Lager zu halten. Immer noch begeistert spricht Gerhard Dürasch von seinen Erlebnissen in der HJ: „Beizeiten schallte der Ruf aufstehen...alle raus! übers Zeltlager, da konnte einfach keiner liegen bleiben. Wir standen innerhalb weniger Minuten an der Fahnenstange. Ich kann mich noch daran erinnern, dass unsere Fahnenstange ein etwas schiefer langer Ast gewesen ist und irgend ein kleines Röllchen die Schnur führte. Sah schon komisch aus. Aber das hat uns nicht gestört. Das schwarze dreieckige Fähnlein mit den beiden Sieg-Runen wurde dann aufgezogen und wir grüßten mit dem Hitlergruß. Später, als Fähnleinführer, hatte ich die Aufgabe, morgens die Fahne aufzuziehen. Das war schon sehr erhebend und sehr ernst. Aber ernstvoll waren wir alle nicht! Wir hatten alle einen Riesenspaß, ob im Wald oder in der Zschopau. Unsere drei Wochen Lager im Töpelwinkel werde ich wohl nie vergessen, so etwas hab ich dann nie wieder erleben dürfen.“

Aus Spaß und Lebensfreude wurde aber schon bald bitterer Ernst. In den Jahren der raschen Erfolge im Westen und in Polen, der Anschluss der Tschechei und Österreichs ans Deutsche Reich gab es auch in der Region noch keine Missstimmungen zu vernehmen. Dies änderte sich recht bald, und zwar ab 1941, als Hitler die Sowjetunion überfiel.

Gerhard Dürasch wurde in einem Wehrertüchtigungslager bei Riesa zum Einsatz an der Ostfront ausgebildet und zum Dienst in der 6. Armee einberufen. Nach einer Grundausbildung ging es in den tiefen Osten direkt an die Front. Die Begeisterung über die Zeit in der Hitlerjugend musste einer rigorosen Ernüchterung weichen. Die 6. Armee unter General Paulus machte große Geländegewinne um dann auch genau so schnell von der Roten Armee eingekesselt und aufgerieben zu werden. Gerhard Dürasch erlebte die Einkesselung mit, gelangte in russische Kriegsgefangenschaft, über die er nicht gern spricht. Im Zuge der Recherchen zur Chronik des Töpelwinkels kam es dann doch zum „Dammbruch“ des emotional nie aufgearbeiteten Erlebten an der Ostfront. Gerhard Dürasch: „Was ich da bei den Russen durchmachen musste ist kaum vorstellbar. Was an Gewalt, Unmenschlichkeit und Gräuel gegen die Menschen, gegen uns Deutsche aufkam, kann ich mit eigenen Worten nicht wiedergeben. Was da geschah sollte nur uns passieren, ich wünsche es keinen auf dieser Welt. Wir waren ja nur Soldaten, einfache Menschen im Kriege. Doch was in den Lagern geschah, die ich allesamt mitgemacht habe, ist mit menschlichen Maßstäben nicht zu erfassen, es war die Hölle!“ Im Deutschen Reich Adolf Hitlers wusste man wenig über Kriegsgräuel, man sprach nicht darüber. Oder man konnte nicht darüber reden. Erst spät kamen Kriegsgefangene wieder in ihre Heimat, Gerhard Dürasch kam im Oktober 1949 nach Dresden und von da wieder nach Mügeln. Er fand eine völlig zerrüttete Gesellschaft vor, von Angst und Hoffnungslosigkeit getrieben. Doch die Zeiten änderten sich, die junge DDR erblickte gerade das Licht der Welt.

1945: Als die Geschichte stehen blieb

Bereits 1943 spitzte sich die Situation innen wie außen, im öffentlichen wie auch privaten Räumen zu, angloamerikanische Bombenangriffe auf die großen deutschen Städte trieben einen nicht enden wollenden Menschenstrom in die Region rund um Döbeln und die umliegenden Ortschaften. Besonders Ausgebombte aus Hamburg und Bremen langten schon 1942 in Technitz an, wie auch in Wöllsdorf und Ziegra. Oft mussten die Menschen in schäbigen Behausungen, selbst auch in Kellern untergebracht werden, gemeinsames, geteiltes Leid machte es möglich. Technitz und Ziegra platzten aus allen Nähten, bis schließlich diese Ortschaften mehr als das Doppelte an Seelen beherbergen mussten, als je Wohnräume vorhanden waren. Jedoch brachten die Jahre 1944 und 1945 eine unerreichbare Zuspitzung, einen unvorstellbares Chaos auf allen Ebenen. Die vorrückenden Fronten verschlechterten zusehens die Versorgungslage der Bevölkerung, da gezielt Hilfwerke und zivile Versorgungseinrichtungen von englischen und amerikanischen Bombern zerstört wurden. Der Krieg gegen die Zivilbevölkerung erreichte 1945 seinen Höhepunkt mit der Bombardierung Dresdens, ein völlig unsinniger, verbrecherischer Akt der Alliierten. Mitte März strömten Dresdner in die Region rund um Döbeln und verschlechterten die ohnehin desolate Situation. Töpeln und Wöllsdorf, seit 1921 eine Gemeinde, lagen Fokus der verbündeten Streitkräfte gegen die Wehrmacht. Ihre letzten losen Splitterverbände wurden Ende April 1945 aufgerieben. Standen in Waldheim die Amerikaner, kamen russische Verbände über den Töpelberg nach Hartha. In Hartha kam es zu Kampfhandlungen, an die sich Rosemarie Perl erinnern kann. Die Harthaerin erzählt uns: „Es war schrecklich. Es krachte ohrenbetäubend als die Panzer schossen. Da war ja nur noch der Volkssturm in der Stadt, ein kümmerlicher Haufen, der gegen die Russen und Amerikaner nichts mehr ausrichten konnte. Irgendwie war der Spuk schnell vorbei.“ Tatsächlich war die Lage unübersichtlich, da sich genau zwischen Hartha und Waldheim wie auch Ziegra und Töpeln sich Russen und Amerikaner gegenüber lagen, und aufpassen mussten, nicht etwa unter befreundeten Beschuss zu geraten. Nach Tagen größter Wirrnis lag der 8. Mai in der Luft, der Tag, an dem Hitlerdeutschland kapitulierte.

6. Mai: Tag der Befreiung für die Region

In den ersten Maitagen 1945 wurde auch unser Kreis Frontgebiet. Bereits einige Zeit vorher hatten sich im Luftschutzbunker der damaligen Fa. Stockmann, Waldheimer Straße, regelmäßig die Gen. Krötel, Birnbaum, Zieger und Käbisch von der KPD und die Gen. Dittrich und Voigt von der SPD zusammengefunden, um die notwendigen Maßnahmen, die beim Eintreffen der Sowjetarmee durchzuführen waren, festzulegen.

Am 6. Mai trafen motorisierte Einheiten der 1. Ukrainischen Front der Sowjetarmee, aus Richtung Zschepplitz kommend, am nördlichen Stadtrand von Döbeln ein. Nachdem einige Artillerieschüsse,die wohl mehr Warnschüsse als gezielte waren, abgefeuert wurden, liefen der Genosse Karl Krötel und der Handwerker Herbert Näcke mit weißen Tüchern auf der Zschepplitzer Straße den herankommenden Sowjetsoldaten entgegen. Es war gegen 13.30 Uhr. Vorher hatten sie mit der Bevölkerung Straßensperren beseitigen helfen. Mit dieser mutigen Tat verhinderten sie weiteres sinnloses Blutvergießen und Zerstörungen.

Der Genosse Otto Neuhäuser erinnerte sich an das Eintreffen der Einheiten der Sowjetarmee in Döbeln so: "Am 6. Mai brach endlich der Tag an, der die Erlösung vom Faschismus brachte. Ich beobachtete den Anmarsch vom Dache des Hauses Weststraße 2 aus. Drei leichte Granaten, die im Gebiet Döbeln einschlugen, kündigten den Einmarsch an. Nachdem ich mit dem Fernglas die Vorhut über die Felder von Großbauchlitz kommen sa, begab ich mich auf die Straße und lief nach dem Bahnhof. Da kam auch schon über die Gleise hinweg ein sowjetischer Soldat mit der schussbereiten MPi in der Hand. Ich winkte ihm zu und und lief ihm die Straße voraus mit dem Ruf: Weiße Fahnen heraus! Sie kommen! Es war interessant, Bettücher, Handtücher, Kopfkissen kamen erst zögernd, dann wurden es immer mehr. Ich konnte auch einzelne beobachten, die die weißen Tücher wieder einzogen und Nazifahnen heraushängten. Diese waren sich wahrscheinlich nicht klar, wer nun eigentlich kam. Da hörten wir auch schon die Panzer anrollen. Als sie an uns vorbeirollten, wagten sich auch noch andere Einwohner auf die Straße." Die Stadt Waldheim wurde am 6. und 7. Mai befreit. Sowjetische Panzerfahrzeuge überrollten die in den letzten Kriegstagen vom Volkssturm eilig aufgerichteten Straßensperren und fuhren im schnellen Tempo bis vor die Tore des Zuchthauses. Hier waren ca. 5000 Häftlinge, darunter etwa 80 Prozent politische Gefangene eingekerkert. Unter ihnen befanden sich bekannte Antifaschisten, z.B. Greta Kuckhoff, Eva Schulze-Knabe und das Ehepaar Neroslow aus Dresden sowie viele Hitlergegner aus der Tschechoslowakei. Für tausende Antifaschisten öffneten sich nach Jahren Haft am 7. Mai die schweren Eisentore dieses faschistischen Zuchthauses zum Gang in die Freiheit. Arm in Arm mit ihren Befreiern, den Soldaten der Sowjetarmee, zogen sie durch die Straßen der Stadt. Sie hatten allen Grund zum Jubel, denn einige Tage vorher hatten Volkssturmeinheiten den Befehl erhalten, Massengräber auszuheben. Die faschistische Führung im Kreis wollte täglich 500 Gefangene ermorden lassen. Daß es nicht dazu kam, war dem schnellen Vormarsch der Sowjetarmee und dem beherzten Auftreten einiger Antifaschisten zu verdanken, die Widerstand gegen diese letzten Anordnungen der faschistischen Kreisbehörden leisteten.

Die Reste faschistischer Truppen hatten sich aus dem Kreisgebiet in westlicher Richtung abgesetzt. Mit ihnen waren auch alle höheren Nazi-Beamten aus Döbeln geflohen. Die zivile Verwaltung lag danieder. Das faschistische Regime hinterließ Chaos und Unsicherheit. (...) Quelle: Im Zeichen unserer Epoche - Zur Geschichte des Kreises Döbeln 1945-1949

Kriegsgefangene im Töpelwinkel

In den Jahren 1944 und 1945 fand sich das Dritte Reich in einer mehr als totalen Situation nach innen wie auch nach außen. Der totale Krieg musste nach innen wie eine gigantische Schraubzwinge gesehen werden, niemand konnte sich der extremen Spannung entziehen. Das Reich beschäftigte unter Zwang und extremsten Repressalien mehr als 10 Millionen Arbeiterinnen und Arbeiter, zumeist Kriegsgefangene und Zwangsverbrachte. Das ganze Ausmaß des Leids, welches der Hitlerfaschismus wie aber auch das faschistische Europa über Millionen von Menschen brachte, übersteigt alle denkbaren Dimensionen. Kühle historische Deutungen, von einer menschengemachter Katastrophe, die eine unvorstellbare Größe hatte, können nicht ansatzweise das ganze Ausmaß des Verbrechens widergeben. Freilich muss die historische Forschung am Detail bleiben und wird dabei nicht das Ganze sehen können. Als Ganzes steht ein totalitäres Regime, eine Epoche schlimmster Brüche und Verwerfungen. Der Mensch fand sich in einer industriellen Höllenmaschine gefesselt, welche ständige Kriege, Not und Elend erfand. Die Industrialisierung ganz Europas, unabhängig oder abhängig voneinander im sozialistischen (Sowjetunion) wie kapitalistischen Lager (Westeuropa) forciert, ließ Heerscharen von Soldaten und Arbeitern über Schienen von Ost nach West und umgekehrt karren. Immer unter Zwang und Entwürdigung, egal ob Soldat oder Arbeiter. Das industrielle Morden nahm völlig absurde Züge an. Die herrschenden Eliten hingegen wärmten ihr Mütchen, die Marionette Hitler konnte wüten, wie es die Herrschaften wollten. Aber das trifft nicht den Kern, wie uns zahllose Filmbeiträge, Bücher und Kommentare über diese verfluchte Zeit wissen lassen wollen.

Dass letztlich die Schiene, die Reichsbahn, den Raubkrieg ermöglichte, darüber wurde hingegen wenig berichtet. Das ausgedehnte Streckennetz der Reichsbahn machte es möglich, innnerhalb kürzester Zeitspannen "Menschenmaterial" in die entlegensten Gebiete des Reiches zu verbringen. Das Schienennetz war sozusagen Garant des modernen Schlachtens, egal ob Mensch, ob Vieh. Bereits 1909 begann der großspurige Ausbau des Streckennetzes, gemäß den Planungen für den nächsten Krieg, den ersten großen Krieg. Beinahe heimlich wurden die Stränge nach Westen verlegt, Geisterbahnhöfe angelegt. Genaus so tausende Kilometer nach Osten, in die Ostgebiete, wohlwissend, dass nur so das künftige deutsch-europäische Weltreich gebaut werden kann. Immer unter der Maßgabe, den Fortschritt zu befeuern, Glück und Wohlstand für die Menschen zu schaffen, wurde in Wahrheit die totale Hegemonie über einen Großteil Europas in die Tat umgesetzt. Die Versklavung vieler Millionen im Osten war bereits 1914 von der Obrigkeit des deutschen Kaiserreiches Kalkül und weite Absicht, was heute vorliegende Dokumente beweisen. Und nicht nur dies: Europa sollte für das Reich als eine Art Hinterhof dienen, der Osten, die Sowjetunion eine riesige Kornkammer und Rohstoffquelle, Wehrdörfer sollten dem Landadel auf Ewigkeit dicke Bäuche garantieren. Großimperiale Träume sollten Wirklichkeit werden und Deutschland solle gefürchtet sein. Nicht nur in Europa!

Für die Region, dem mitteldeutschen Hinterland, bedeutete dies wie in vielen Teilen des Reiches auch massive Konzentrationen von Fremd- und Zwangsarbeitern vor allem in Betrieben der Rüstungsproduktion. In Döbeln, Roßwein und Nossen konzentrierte sich ein erheblicher Teil kriegswichtiger Industrie, wie die Firmen Tümmler und Großfuß in Döbeln, Kadner und weitere in Roßwein. Praktisch jeder Betrieb hatte Zwangsarbeiter als isolierte Belegschaft, welche dementsprechend behandelt untergebracht werden musste.

Zwangsarbeiter bei Tümmler und Großfuß. Untergebracht im Töpelwinkel...


Eine Villa für den Kreisleiter!
Streiflichter aus dem Dritten Reich

Es gibt Menschen, die, wie der einfache Mann sagt, den Hals nie voll genug bekommen können. Dem ehemaligen Inhaber der Firma Rob. Tümmler - Erhardt Tümmler - ging es ähnlich. Obwohl dieser Betrieb zu den namhaftesten seiner Branche in Deutschland zählte und vielerlei Geschäftsbeziehungen mit dem Ausland unterhielt, genügte das seinem Besitzer bei weitem nicht. Erhardt Tümmler gehörte seit 1933 der NSDAP an. Schon vorher war er Stadtrat der sogenannten bürgerlichen Fraktion. Mit fliegenden Fahnen wechselte er beim "Umbruch" ins Lager der Nazis über, um auf diese Weise den Posten eines Stadtrates weiter zu bekleiden. Wenn in seinem Privatschreibtisch Unterlagen gefunden wurden, aus denen hervorgeht, daß er auf einen Schlag 60 000 RM für die Gliederungen der Nazipartei spendete, so zeigt sich daraus seine politische Verwandtschaft mit jenen Leuten, die vor und während des Krieges sagten: Wir haben nichts zu verlieren, aber alles zu gewinnen! Und gewinnen wollte ja auch Erhardt Tümmler. Alle Mittel waren ihm dazu recht. Ein kleines Beispiel nur: Um sich bei seinem Kreisleiter Behr besonders beliebt zu machen, kaufte er in den Klostergärten eine pompöse Villa und stellte sie ihm zur Verfügung. Es lohnte sich: Zwei Millionen Jahresgewinn! Während die Firma vor 1933 in der Hauptsache Möbel- und Autobeschläge herstellte, war Tümmler bemüht, alle Gelegenheiten wahrzunehmen, um seinem Betriebe Rüstungsaufträge zuzuführen. Und siehe da: der Laden klappte! Was machte es ihm schon aus, mitten im "tiefsten Frieden", und zwar von 1933 an schon teilweise Kriegsmaterial zu produzieren. So wurde Erhardt Tümmler "Wehrwirtschaftsführer" und gleichzeitig Verbindungsmann zur Gestapo. Dadurch nahmen seine guten Beziehungen noch zu, und er stellte schließlich seinen gesamten Betrieb auf die Rüstung um. Damit stellten sich aber auch neue "Sorgen" ein: Die Betriebsräume reichten nicht aus, und eine wesentliche Erweiterung durch den Bau eines neuen Werkes machte sich erforderlich.

Und jetzt ein Blick hinter die Kulissen: Während die jährliche Produktionskapazität des Betriebes vor 1933 etwa 5 Millionen RM betrug, stieg sie in der Zeit von 1933 bis 1039 auf 6,5 Millionen RM, um dann sprungartig von 1939 bis 1945 auf 15 Millionen RM jährlich anzuwachsen. Auch die Belegschaft nahm an Stärke ständig zu. Waren es vor 1933 durchschnittlich 800 männlich und weibliche Arbeitskräfte, so erhöhte sich diese Zahl in den Jahren von 1933 bis 1939 auf rund 1200 und von 1939 bis 1945 auf 1600 bis 1800 ständig Beschäftigte.

Noch krasser ist das Verhältnis der Reingewinne. Der Herr "Betriebsführer" konnte wirklich damit zufrieden sein! Während diese Reingewinne vor 1933 rund 200 000 RM betrugen, wuchsen sie, immer jährlich gesehen, bis zu 1938 auf 500 000 RM an, um dann 1939 auf der beachtlichen Höhe von 700 000 RM zu bewegen. Während des Krieges schwankten sie dann zwischen ein und zwei Millionen RM.

Und für "Sie": einen Nerzmantel für RM 20 000,-

Sofort wird jetzt die Frage auftauchen, was denn wohl der Inhaber für seine persönlichen Zwecke gebraucht habe. Hier die Antwort: Seine jährlichen Entnahmen lagen zwischen 30 000 und 40 000 RM. Sehen wir uns auch mal die Werkküche an, deren Leitung Frau Tümmler hatte! Oh, es lohnt sich schon, der Form halber etwas Fühlung mit der Arbeiterschaft zu behalten! Die "Chefin" war ja die "Einfachheit" selbst, wenn sie auch außerhalb ihrer 500 RM Monatsgehalt dem Reingewinn noch jährlich 22 000- 24 000 RM für persönliche Zwecke entnahm. Darüber hinaus wurde noch eine Lebensversicherung in Höhe von 18 000 RM unterhalten. Es ist weiter interessant, einen Blick in die Aufstellung eines Vermögensverzeichnisses zu werfen, von der noch heute eine beglaubigte Bestätigungsniederschrift des Gerichstvollziehers beim Amtsgericht zu Döbeln vorliegt. Da auch Herr Tümmler Kriegsschäden befürchtete, ließ er diese Aufstellung, die einen Taxwert an Wohnhausinventar und Schmuck in Höhe von 420 074,20 RM ergab, anlegen. Ein rundes Sümmchen, in dem allein ein Nerz-Pelzmantel mit 20 000 RM vertreten ist! Wie hoch hätte wohl der Taxwert gelautet, wenn auch die Produktionsräume mit ihrer maschinellen Einrichtung in der Aufstellung enthalten gewesen wären! Das waren die Ausgaben für zwei Leutchen - allerdings vom Format Tümmler.

Und was bekamen die Arbeiter?

Die sozialen Aufwendungen für die gesamte Belegschaft betrugen 75 000 RM. Die Arbeitslöhne waren so gering, daß eine der Arbeiterinnen den Mut zum Leben verlor und den Tod im Wasser suchte. Herr und Frau Tümmler aber konnten mindestens ein Viertel jedes Jahres auf ihrer Besitzung "Seefeld" in Tirol verbringen. Natürlich hatte Herr Tümmler auch ausländische Arbeiter beschäftigt. Es waren 360 Mann. Die Verpflegung und Unterbringung ließen mehr als zu wünschen übrig. Die Fremdarbeiter wurden sogar gezüchtigt! In so einem Betrieb waren selbstverständlich auch Bespitzelungen an der Tagesordnung. In einer Geheim-Kartothek wurden alle Beschäftigen menschlich und politisch charakterisiert. Ein "Erfolg" z.B. war: Der Arbeiter Karl Hacker, der sich ablehnend über den Krieg äußerte, wurde ohne viel Federlesens an die Front geschickt, wo er denn auch verblutete.

Die letzte Rettung: Volkssturm!

Als schließlich das Ende des Krieges nahte und der sogenannte "Volkssturm" mobilisiert wurde, ließ es sich der hitlerhörige Herr Tümmler nicht nehmen, für seinen Betrieb eine besondere Volkssturm-Kompanie aufzustellen, deren Führer er selbst war. Auch sorgte er dafür, daß seine Kompanie in seinem Werksgelände unter seiner Leitung von Wehrmachstangehörigen ausgebildet wurde. Als aber die Rote Armee nahte, zog es dieser Herr Tümmler vor, eine Verlagerung seines Betriebes nach dem Sudetenlans vorzunehmen, was zwar praktisch nicht mehr zur Durchführung kommen konnte, ihm aber wenigstens die Möglichkeiten gab, in fremder Umgebung das Ende dieses von ihm selbst gewünschten und ausgiebig ausgenutzten Krieges zu erleben. Wir Döbelner kennen diesen Herrn Tümmler zur Genüge! Die Arbeiterschaft erinnert sich noch sehr gut der Zeiten, wo er in seiner Werkscharuniform umherspazierte, gute Freundschaft mit dem danaligen Kreisleiter und anderen Nazigrößen pflegte. Diese Menschen, die am Krieg nur gewannen, während den Frauen die Männer und Söhne genommen wurden, verdienen kein Mitleid. Denken wir daran am 30. Juni! (Quelle: "Volkszeitung", 14. Juni 1946)

Sophie Spitzner hat in ihrer Masterarbeit "Rüstungsindustrie und Kriegswirtschaft im Muldental - Aufbau und Entwicklung bis zum Kriegsende" erschreckende Zeugnisse der faschistischen Gewaltherrschaft in der Region abgeliefert. Bis heute wurden und werden die Verbrechen an ZwangsarbeiterInnen ob nun politisch gewollt oder unbewußt als Nebenschauplatz der Geschichte abgetan. Dass es mehr als 10 Million Menschen betraf, einer historisch einmaligen Zäsur, ist den wenigsten Menschen heutzutage geläufig. Obliegt es doch heute mehr oder weniger den Historikern, diese finstere Thematik aufzuhellen. Sophie Spitzner ist dies gelungen, nämlich für die Region Bezüge in die nazistische Vergangenheit zu schaffen, Bezug zu nehmen auf die quälende Vergangenheit. Auszugsweise sei an dieser Stelle Material aus der Masterarbeit von Sophie Spitzner widergegeben, welches ganz speziell Bezug auf das Lebensumfeld damaliger Zwangsarbeiter in der Region um Döbeln nimmt:

(...)

In jedem Wehrkreis wurde im Februar 1941 ein „Kommandeur der Kriegsgefangenen“ als Vorgesetzter der Kommandanturen der Kriegsgefangenenlager, der Arbeitskommandos sowie der Gefangenen selbst eingesetzt.78 Die Anlage 4, S. 85 zeigt die Belegung der jeweiligen Lager am 1.1.1943. Aus ihr geht hervor, wie viele Kriegsgefangene verschiedener Nationalitäten in den jeweiligen Stalags registriert waren und wie viele von ihnen sich beim Arbeitseinsatz befanden. So waren beispielsweise in Zeithain 3 765 sowjetische Kriegsgefangene registriert, von denen sich 552 im Arbeitseinsatz befanden. Im Stalag IV G in Oschatz waren zu diesem Zeitpunkt 31 078 Kriegsgefangene registriert, von denen 30 902 in verschiedenen Arbeitskommandos u.a. in Döbeln und Roßwein arbeiten mussten. Das Lager in Oschatz galt als Schattenlager. Es wurde nach dem Frankreichfeldzug 1940 eingerichtet und existierte bis Kriegsende. Sogenannte Schattenlager bestanden lediglich aus Kommandantureinheiten und Verwaltung. Diese Stalags verfügten über geringe Unterbringungsmöglichkeiten (für etwa 300 Gefangene) an ihren jeweiligen Standorten. Auf dem Gelände befand sich kein größerer Aufenthaltsbereich für die Gefangenen. Die in den Schattenlagern verwalteten Gefangenen wurden von anderen Stalags überstellt und befanden sich fast ausschließlich außerhalb des Stalag-Standortes im Arbeitseinsatz.80 Am 1.10.1944 befanden sich im Wehrkreis IV eine Gesamtanzahl von 232 115 Kriegsge-fangenen (darunter: 87.014 Franzosen; 35.315 Briten; 2.982 Belgier, 4.412 Polen; 12.997 Serben; 76.101 Sowjets; 6.318 Italiener; 1.563 Amerikaner; 5.413 Niederländer).

5.1 Organisation und Struktur des Arbeitseinsatzes
Jedem Stalag wurde ein „Arbeitseinsatzbezirk“ zugewiesen, der sich aus mehreren Arbeitsamtsbezirken zusammensetzte. Diese Bezirke umfassten einen festgelegten Teil eines Landesarbeitsamtes. Wehrkreise und Landesarbeitsämter hatten jedoch unterschiedliche Gebietseinteilungen, so dass Landesarbeitsamtsbezirke mehrere Wehrkreise berührten. Später wurden die Landesarbeitsämter in Gauarbeitsämter umgewandelt und deren Verwaltungsbereich den Gaugrenzen angepasst.82 Für jedes Stalag war ein „federführendes“ Arbeitsamt zuständig, welches die Vermittlung der Kriegsgefangenen an die verschiedenen Arbeitsorte organisierte. Die Stalags richteten an den Einsatzorten der Gefangenen externe Arbeitskommandos ein. Für den Wehrkreis IV ist die Einrichtung erster Arbeitskommandos ab dem 31. Juli 1941 nachweisbar. Die vom Stalag übermittelten Arbeitskommandos unterstanden dem Kommandanten des Mannschafts-Stammlagers. Als Vertreter des Kommandanten wurde für die Betreuung der Arbeitskommandos in den festgelegten Bezirken jeweils ein Kontrolloffizier eingesetzt. Die Kontrolloffiziere hatten die Aufgabe, die jeweiligen Lager bzw. Unterkünfte für die Arbeitskommandos einzurichten, abzunehmen und zu kontrollieren. Außerdem waren sie für die Überwachung des Arbeitseinsatzes, Verpflegung, Bezahlung, Bewachung etc. zuständig und fungierten als Ansprechpartner für die Arbeitgeber.85 Für die Zuteilung von Kriegsgefangenen mussten Firmen und Betriebe eine schriftliche Anforderung an das örtliche zuständige Arbeitsamt stellen. Die Firma Kadner & Co meldete am 27. November 1941 an das Arbeitsamt in Döbeln: „Wie wir hörten, werden jetzt 2 1⁄2 Millionen Russen in die Wirtschaft abgegeben. Wir bitten Sie höflichst, uns die entsprechenden Formulare zuzuschicken, damit wir rechtzeitig die Anforderung machen können.“86 Die Firmen mussten in dem Antrag die Anzahl der geforderten Kriegsgefangenen angeben, außerdem die zu verrichtenden Arbeiten, die Arbeitszeit und Löhne. Des Weiteren mussten sie Auskunft über die geplante Unterbringung, Verpflegung und Bewachung geben. Exemplarisch zeigt die Anlage 5, S. 86/87 im Anhang einen ausgefüllten Antrag für die Anforderung von 100 Kriegsgefangenen der Firma Carl Wolf Roßwein. Dieses Formular wurde an das Arbeitsamt in Döbeln gegeben. Mit einer kurzen Stellungnahme des Arbeitsamtes wurde es weiter an das für den Arbeitseinsatz der Kriegsgefangenen im Wehrkreis IV zuständige Landesarbeitsamt mit Sitz in Dresden, gesendet. Dieses prüfte die Dringlichkeit, stimmte den Bedarf mit dem zur Verfügung stehenden Kontingent an Arbeitskräften ab und bündelte die eingegangenen Anforderungen, um eine leichtere Organisation zu gewährleisten. Im Anschluss erfolgte eine Meldung des Landesarbeitsamtes an den Betrieb über die Zuteilung von Kriegsgefangenen. „Ihre Anforderung ist von mir als dringlich anerkannt und an das Lager Mühlberg zur Belieferung im Rahmen des Bestandes an Kriegsgefangenen überwiesen worden. Da nicht genügend Kriegsgefangene zur Deckung des gesamten Bedarfs zur Verfügung stehen, musste die von Ihnen geforderte Zahl 20 auf 10 herabgesetzt werden. Der Zeitpunkt des Eintreffens der Kriegsgefangenen wird Ihnen vom Lager mitgeteilt werden. Des Weiteren wurde der Kontrolloffizier eingeschaltet. Kontrolloffizier für den Landkreis Döbeln war Oberleutnant Rohsinski. Er hatte seinen Sitz erst im Gasthaus Stadt Metz, später auf der Bahnhofstraße 51 in Döbeln und war zuständig für die Unterkünfte und Arbeitskommandos der Kriegsgefangenen im Landkreis. Er prüfte die Sicherheitsvorgaben, bei den geringsten Beanstandungen wurde der Antrag abgelehnt. Wenn alle durch das OKW aufgestellten Vorschriften eingehalten wurden, ging die jeweilige Firma mit dem zuständigen Stalag ein Rechtsverhältnis über „die Bereitstellung von Kriegsgefangenen“ ein. Der Kommandant des Stalags meldete an den Betrieb das Datum und die Anzahl der
„eintreffenden Kriegsgefangenen“. In einem Vertrag, welcher durch Bedingungen des OKW geregelt wurde, verpflichtete sich der Unternehmer u.a., die für die Gefangenenarbeit festgesetzten Vergütungssätze an die Zahlmeisterei des Stalags abzuführen und die Sicherheitsbestimmungen für die Unterbringung der Kriegsgefangenen einzuhalten. Zwischen dem Unternehmer und dem Kriegsgefangenen selbst bestand keine vertragliche Verpflichtung. Ab März 1942 wurden diese Verträge zwischen dem Unternehmen und dem Stalag nicht mehr abgeschlossen. Aus den zu zahlenden Beträgen trug das Stalag die Kosten für die Unterkunft und Verpflegung. Stellte der Arbeitgeber diese selbst, wurde es vom Stalagentgeld abgezogen. Einen Teil des an das Stalag zu zahlenden Betrages, erhielten die Kriegsgefangenen als Lohn in Form von Lagergeld (Anlage 6, S. 88/89 zeigt die Bezahlung sowjetischer Kriegsgefangener).

(...)

Die Zuteilung der Kriegsgefangenen erfolgte für die Region Döbeln/Roßwein über das Stalag IV B Mühlberg und das Stalag IV G Oschatz. Die Gefangenen wurden im Stalag IV B registriert und formal an das Stalag IV G überstellt. Die Verwaltung der Arbeitskommandos und der Abschluss der Verträge erfolgten dann über das Stalag IV G. So meldete beispielsweise das Stalag IV G am 9. März 1942 das Eintreffen von „10 Sowjetrussen [fürdie Firma Kandner Co] vom Stammlager IV B Mühlberg im Lager Etzdorf“.91 Im April ‘42 wurden der Firma nochmals 39 Kriegsgefangene zugewiesen. Die Zuteilung erfolgte, weil die Produktion der Firma zu 85% aus Wehrmachtsaufträgen (Stufe SS und S) bestand und dadurch der Bedarf von Arbeitskräften durch das Landesarbeitsamt als dringend angesehen wurde. (...) Auch für die Firma Robert Tümmler befinden sich genaue Angaben in den Belegschaftslisten über die Anzahl beschäftigter Kriegsgefangener. (...)

5.1.5 Krankheit und Tod
Angesichts der völlig unzureichenden Ernährung, den katastrophalen Unterbringungssituationen und schlechten hygienischen Verhältnissen kam es schnell und gehäuft zu Krankheiten und Epidemien.140 Für die allgemeine Hygiene und zur Vorbeugung von Epidemien waren die Desinfektions- und Badebaracken in den Stammlagern zuständig. Diese Vorrichtungen reichten aber bei weitem nicht aus. Deshalb erließ das OKW am 18. Dezember 1941 eine Verordnung, die besagt, Gefangene nicht nur vor der Verlegung zu entlausen, sondern auch am Einsatzort entsprechende Maßnahmen zutreffen. In Döbeln wurde am 30.Juni 1942 beschlossen, eine Entlausungs- und Desinfektionsbaracke auf der Schießwiese zu bauen. In dieser wurden Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene vor ihrem Arbeitseinsatz entlaust, desinfiziert und ihre Kleidung gereinigt. Einige Betriebe ergriffen eigenständig Maßnahmen, um sich vor Krankheiten zu schützen. Sie beantragten beim Amt für Gesundheit und Volksschutz (Unterabteilung der DAF) Rußla-Spray. Mit diesem konnten sie Unterkünfte und Kleidung der Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen vor Ort desinfizieren und entlausen. In jedem Wehrkreis wurde ein zentrales Lazarett für sowjetische Kriegsgefangene errichtet. Im Wehrkreis IV geschah das zeitgleich mit dem Aufbau des „Russenlagers“ Zeithain. Laut Vorschrift lag es 400 Meter abseits des Lagers. Kranke und nicht mehr arbeitsfähige Kriegsgefangene sollten aus den Arbeitskommandos in der Regel in das sogenannte „Sowjet-Lager-Lazarett“ gebracht werden. Ab September 1942 diente das Stalag in Zeithain dann vorrangig der Unterbringung längerfristig und dauerhaft arbeitsunfähiger sowjetischer Kriegsgefangener und wurde zu diesen Zwecken bis Februar 1943 in ein Lazarett umgewandelt. Wenn ein Transport nicht realisierbar war, wurden die Kranken in gesonderen Abteilungen der anderen Kriegsgefangenen-Lazarette behandelt. Das geschah abgesondert unter strikter Bewachung und nur solange bis eine Transportfähigkeit erreicht war. Für die Transportkosten in die Lazarette war die Wehrmacht zuständig. Aufgrund der schlechten Ernährung und Unterbringung reichten die vorgesehen Plätze in den Lazaretten jedoch bei weitem nicht aus. Im Endausbau hatte das Lager Zeithain eine Kapazität von 7.700 Betten. Angesichts kaum verbesserter Lebensbedingungen und völlig unzureichen der medizinischer Therapiemöglichkeiten bestand für die Kranken kaum Aussicht auf Heilung. Das Lazarett Zeithain blieb bis Kriegsende für die sowjetischen Gefangenen ein Sterbelager. In Unterlagen der heutigen Gedenkstätte in Zeithain finden sich Gefangene, die von den Arbeitskommandos aus Döbeln und Roßwein in das Lazarett kamen. Beispielsweise verstarben in Zeithain am 21.05.1942 und 25.10.1942 zwei sowjetische Kriegsgefangene aus einem Arbeitskommando der Firma Carl Wolf. Auch im Oktober 1944 registrierte die Firma einen „Abgang durch Tot“. Dieser Gefangene verstarb bei der Arbeit oder im Lager in Etzdorf. Wo der Mann beerdigt wurde ist nicht bekannt. (...)

5.1.7 Kriegsgefangene im Betrieb
Am 26. Oktober 1943 wurde ein Befehl über die „Behandlung von Kriegsgefangenen“ erlassen. Dieser wurde von der DAF an alle Betriebsführer geleitet. Die Betriebsführer und Obmänner bekamen die Anweisung, „[d]ie Behandlung der in Arbeit eingesetzten Kr. Gef. [...] einzig und allein darauf abzustimmen, die Arbeitsleistung auf das höchstmögliche Maß zu bringen und sofort scharf einzuschreiten, wenn die Kr. Gef. nachlässig, faul oder widerspenstig sind. [Dazu gehörte es, die Kriegsgefangenen] nicht zu betreuen“ 149, sondern so zu behandeln, dass das geforderte Höchstmaß an Arbeitsleistung erzielt wird. Grundsätzlich hatten die Unternehmen bei der Behandlung von sowjetischen Kriegsgefangenen am Arbeitsplatz weitreichende Freiheiten. Vorschriften besagten, dass Vergehen an die zuständigen Wachkommandos gemeldet werden sollten, welche dann gegebenenfalls im Lager eine Strafe vollzogen. Doch die Realität sah oft anders aus. Es kam gehäuft zu Züchtigungen und körperlichen Misshandlungen innerhalb der Betriebe. „Die Rechtlosigkeit der polnischen und sowjetischen Zwangsarbeiter, der italienischen Militärinternierten (IMI) und Häftlinge war so ausgeprägt, daß jeder Deutsche, der sich dazu berufen fühlte, sie schlagen durfte. Durch die Entnazifizierungsprotokolle der von mir untersuchten Betriebe lassen sich zahlreiche Misshandlungen an sowjetischen Kriegsgefangenen nachweisen. Es kam zu Tritten und Schlägen am Arbeitsplatz, oft rühmten sich die Personen sogar mit ihren durchgeführten Misshandlungen. Die Betriebsführer waren selten die ausführenden Organe, jedoch wurden sie meist von den Misshandlungen in Kenntnis gesetzt und unternahmen nichts dagegen. Den Verantwortlichen drohte keinerlei Strafverfolgung, „[s]pätestens gegen Kriegsende hatten sie selbst bei Totschlag in der Regel keine Sanktionen zu befürchten.“

(...)

6.3.2 Unterbringung
Die Kontrolle der Lager übernahmen die „Beauftragten für die Lagerbetreuung“ der DAF, von denen häufig auch die Lagerverwaltung gestellt wurde. 198 Um die Lagerführer und das Lagerpersonal im Sinne der durch die NS-Führung verfolgten rassistischen und totalitären Ideologie zu schulen, wurde eigens eine Unterrichtsstätte in der Gauschule Augustusburg eingerichtet. Die Unterbringung der Zwangsarbeiter sollte in Barackenlagern und vorschriftsgemäß getrennt nach Nationalitäten erfolgen. Diese diente zum einen der gesellschaftlichen Ausgrenzung und Isolation, zum anderen erleichterte die Zusammenfassung in großen Lagern die Kontrolle und Überwachung. Sie waren schnell und preisgünstig zu erbauen. Trotzdem kam es während des Krieges immer wieder zu Lieferengpässen und Problemen bei der Zuteilung von Rohstoffen. Verantwortliche Stellen befahlen deshalb (auch im Landkreis Döbeln) die vorhandenen Lager über zu belegen. Eine genaue Belegstärke für die einzelnen Lager lässt sich für den gesamten Zeitraum nicht mehr rekonstruieren. Im ländlichen Raum dominierte die Unterbringung der Zwangsarbeiter auf dem jeweiligen Bauernhof. Einige privilegiertere Ausländergruppen wurden in Ausnahmefällen auch in Privatquartieren untergebracht. Jedoch wurde darin die Gefahr einer „rassischen und sittlichen Bedrohung für die deutsche Bevölkerung gesehen“ und diese Unterbringung nur in Ausnahmefällen gestattet. Im Januar 1944 erfolgte die Aufforderung durch die DAF/Kreisverwaltung Döbeln, dass die privat wohnenden ausländischen Zivilarbeiter (Franzosen, Weißrussen und Ukrainer) bis spätestens 1. Februar 1944 in den Gemeinschaftslagern „Vogelstange“ und „Muldental“ unterzubringen sind. Durch eine Erhebung der Kriminalpolizei Leipzig vom November 1942 lässt sich die Anzahl der in Lagern untergebrachten ausländischen Arbeiter für diesen Zeitraum in den Städten Döbeln und Roßwein rekonstruieren. Die DAF-Kreiswaltung Döbeln meldete an die Kriminalpolizei „a) wo und wie viele Lager[...] vorhanden sind und b) wie hoch die Belegung – getrennt nach Männern, Frauen und Nationalitäten – in den einzelnen Lagern ist.“ Erfasst wurden im Landkreis Döbeln zu diesem Zeitpunkt 1 312 ausländische Zivilarbeiter. Dabei sollte jedoch nicht außer Acht gelassen werden, dass sich der „Ausländereinsatz“ mit fortschreitendem Krieg erheblich ausweitete und dass in dieser Erhebung Kriegsgefangene und Häftlinge aus Konzentrationslagern nicht mit einbezogen wurden.

Um ein genaueres Bild zu vermitteln, werden im Folgenden zwei Unterbringungsorte etwas genauer beschrieben.

Die Firma H.W. Schmidt mietete anfänglich für die Unterbringung von 99 ukrainischen Zwangsarbeiterinnen Räumlichkeiten im Gasthof „Neudorf“ bei Döbeln an. Aus den Entnazifizierungsakten geht hervor, dass die Räume „äußerst primitiv und menschenunwürdig“ eingerichtet waren. Es gab kaum sanitäre Einrichtungen, welche den Zwangsarbeiterinnen eine ausreichende hygienische Versorgung ermöglichten. Die Nahrungsversorgungin dem Lager war unzureichend und mangelhaft. Unter Aufsicht des Werkschutzes wurdendie Frauen täglich zur Arbeit geführt, zusätzlich wurden dabei Wachhunde eingesetzt. Die Strecke umfasste etwa zehn Kilometer. Beschwerden der Ukrainerinnen über die unzureichende Versorgung wurden weder vom Lagerführer noch vom Betrieb beachtet. Späterwurde für die Zwangsarbeiterinnen ein neues Barackenlager auf der Greinerstraße errichtet. Lagerführerin in diesem Lager wurde Frau Ekman. Die Versorgung der Ukrainerinnen verbesserte sich jedoch kaum. Das „Ostarbeiterlager- Vogelstange“ war ein Gemeinschaftslager von vier Roßweiner Firmen. Die Verantwortung des Lagers lag in den Händen der Firma Kadner & Co. Im November 1942 waren in dem Lager 74 „Ostarbeiter“ der Firma Kadner & Co, 37 „Ostarbeiter“ der Firma Carl Wolf untergebracht. Das Lager bestand im Oktober 1942 aus drei Mannschaftsbaracken. In den Baracken war je ein Ofen untergebracht. Zusätzlich gab es eine Wachbaracke, in dieser befanden sich ein Raum für Wachmannschaften, ein Gefängnisraum und eine Krankenstation. Die Firma Kadner & Co gab an, dass sich in jeder Abteilung der Mannschaftsbaracken je 18 Mann befanden. Das Barackenlager war 2,5 km vom Betrieb entfernt.204 In dem Lager gab es weder „Kopfbezüge, Bettlaken bezw. kompl. Bettwäsche“. Diese wurden von den beteiligten Firmen auch nie beantragt. „Sämtliche Lagerinsassen haben den normalen Strohsack mit 2 Decken.“ Von der DAF wurde als Lagerführer Herr Bulang abgestellt. (...)

6.3.5 Krankheiten und Tod
Der Mangel an sauberer Kleidung, Bettzeug, Handtüchern, einfachsten Hygieneartikeln und die unzureichenden sanitären Anlagen erschwerten eine ausreichende hygienische Versorgung für ausländische Zwangsarbeiter. Hinzu kam eine völlig ungenügende, nährstoffarme Ernährung und in den meisten Fällen harte körperliche Arbeit, was eine hohe Krankheitsrate unter den ausländischen Arbeitskräften verursachte. Waren für die medizinische Versorgung der Kriegsgefangenen die Wehrmachtsbehörden zuständig, so war die Zuständigkeit für die zivilen Arbeitskräfte nicht klar geregelt. Dadurch kam es immer wieder zum Streit zwischen den Betrieben, der DAF, den Krankenkassen und den Krankenstationen über die Übernahme der Behandlungskosten. Eine medizinische Behandlung der ausländischen Arbeitskräfte orientierte sich dabei nicht an der Wiederherstellung der Gesundheit, sondern beschränkte sich auf die Wiederherstellung der Arbeitseinsatzfähigkeit. Es kam zur Einrichtung von speziellen Krankenbaracken. Am 22. Dezember 1942 wurde die Aufstellung einer Krankenbaracke für ausländische Arbeiter auf dem Gelände des Krankenhauses in Döbeln bewilligt. Desweiteren wurden in einigen Barackenlagern spezielle Krankenstationen eingerichtet um dort die Kranken zu versorgen. Die Versorgung und medizinische Betreuung erfolgte meist durch ausländische Ärzte und Krankenschwestern. Die Behandlung orientierte sich an der nationalsozialistischen „Rassenhierarchie“. Das Verbot der Behandlung in deutschen Krankenhäusern galt nicht für „arisch“ klassifizierte Arbeitskräfte beispielsweise aus den Niederlanden und Skandinavien. Eine weitere Komponente war der Schutz der deutschen Bevölkerung vor Infektionen und Epidemien wie Fleckfieber, Typhus und Tuberkulose. So beantragte die Firma Carl Wolf die Rückführung eines an Tuberkulose erkrankten Protektorats-Angehörigen in sein Heimatland. „Da eine andere Unterbringungsmöglichkeit hier nicht vorhanden ist, [wird der] Rücktransport wegen Ansteckungsgefahr vorgeschlagen.“ Ein Sammelrundschreiben vom 25.9.1942 ordnete an, „dass sowjetische Zivilarbeiter [...] in der Entlausungsstation des Landkreises (in Döbeln) alle nochmals entlaust [werden], später bei Läusebefall erneut. Sie haben dabei sämtliche Kleidungsstücke u. Decken mitzubringen.“ (...)

6.3.6 Schwangerschaften
Dass Schwangerschaften im Landkreis Döbeln keinesfalls ein Randphänomen darstellten, geht aus einem Brief des Kreisjugendamtes vom 23.12.1943 hervor. Von den „seit Anfang April d.J. eingegangenen Geburtsanzeigen sind bei zurzeit 80 neugeborenen Kindern 34 davon solche mit fremdvölkischen Eltern. [...] Die in den grösseren Betrieben in Döbeln tätigen fremdvölkischen Arbeiterinnen werden ja durch das Stadtjugendamt beim Oberbürgermeister erfasst, und es wird hier der Zuwachs kein geringerer sein.“222 In den folgenden Monaten rechnete das Jugendamt sogar noch mit einer Geburtenzunahme von ausländischen Arbeiterinnen.Während der ersten Kriegsjahre wurden schwangere Ausländerinnen, vor allem aus Polen und der Sowjetunion, in ihre Heimatländer zurückgeschickt. Manche Frauen nutzten diese Variante, um den schrecklichen Bedingungen des Arbeitseinsatzes zu entfliehen. Als jedoch der Arbeitskräftemangel 1942 immer gravierender wurde, stoppten Himmler und Sauckel diese Abschiebungen mit dem Ziel, die Arbeitskraft dieser Frauen für die Rüstungsproduktion zu erhalten. Die Mütter sollten baldmöglichst wieder an den Arbeitsplatz zurückkehren. Auch eine vorzeitige Herausnahme aus der Arbeit wurde im Interesse des Arbeitseinsatzes untersagt. Seit dem Frühjahr 1943 kam es teilweise sogar zu erzwungenen Schwangerschaftsunterbrechungen. Wie viele Ausländerinnen bis 1942 aufgrund von Schwangerschaft in ihre Heimatländer zurückkehrten, lässt sich für den Landkreis Döbeln nicht mehr rekonstruieren. Infolge des Verbotes Himmlers, schwangere Ausländerinnen zur Entbindung in Stadt- und Kreiskrankenhäusern aufzunehmen, wurden eigens dafür vorgesehene Entbindungsstationen für Ausländerinnen errichtet. Im Landkreis Döbeln wurden geeignete Räume im Alters- und Pflegeheim in Technitz umfunktioniert. Eine Aufnahme der Säuglinge nach der Geburt war in diesem Heim nicht vorgesehen. „Nötigenfalls müssen die ausländischen Mütter ihre Kinder vorübergehend mit in ihre Arbeitsstelle nehmen.“ In den Rüstungsbetrieben wurden sie in dafür „zur Verfügung gestellten Baracken untergebracht und von einigen der Kindsmütter betreut bzw. vom Aufsichtspersonal überwacht.“ In der Landwirtschaft standen meist keine geeigneten Räume für die Unterbringung der Säuglinge zur Verfügung. Dadurch erfolgte eine Zwangsumsetzung der Mütter mit ihren Säuglingen in die Industrie. Wiederholt beschwerten sich die Betriebsführer über die durch die Säuglingsbetreuung fehlenden Arbeitskräfte und forderten andere Unterbringungsmöglichkeiten. Deshalb wurde im November 1943 entschieden, „2 Säuglingsheime[...] für die Kinder der Ostarbeiterinnen im Landkreis Döbeln [...]“ zu errichten. Ein Heim wurde im stillgelegten Gasthof „Jägerhof“ in Berthelsdorf bei Hainichen für die Unterbringung von 36 Kindern errichtet. Das zweite wurde in Technitz eingerichtet. Entbindungen sollten ab diesem Zeitpunkt hauptsächlich in der Entbindungsstation in Leisnig erfolgen. Die eingerichteten Säuglingsheime sollten gewährleisten, dass die Arbeitskraft der Mütter wieder schnell zur Verfügung stand. Ziel war es auch, ausländische Kinder getrennt von deutschen Kindern unterzubringen und zu erziehen. Die Säuglingsheime wurden äußerst primitiv eingerichtet. Laut den Anweisungen sollten nur „Aufwendungen [erbracht werden] um den Raum hygienisch einwandfrei zu machen und mit dem bei Anlegung eines sehr strengen Maßstabes unerläßlichen Inventar zu versehen.“ Der Heimdirektor in Technitz wurde angewiesen, die „laufenden Kosten für die Unterbringung eines solchen Säuglings in dem Heim, [welche er] als angemessen und ausreichend betrachten würde“, zu berechnen. Er gab einen Verpflegsatz von 0,80 RM pro Tag an.Bei dieser Summe waren Verwaltungskosten und Unterhalt schon eingerechnet. Die Kosten für die Unterbringung sollten von der Kindsmutter und dem Kindsvater selbst getragen werden. Wenn sie nicht in der Lage waren, den vollen Betrag aufzubringen, sollten die Betriebsführer der Kindsmutter den Fehlbetrag zuzahlen, denn „durch die Unterbringung dieses Säuglings [stand] die volle Arbeitskraft der Kindsmutter zur Verfügung“. Auch in der Landwirtschaft drängten die Behörden auf eine Lösung des Problems, da sie durch die Zwangsumsetzungen wichtige Arbeitskräfte verloren. Die Kreisbauernschaft Döbeln forderte, es sei „unbedingt notwendig, dass ein Gesetz oder Verordnung erlassen wird, wonach die Kinder [den Müttern] weggenommen werden können“. Der Landrat ordnete daraufhin im Juni 1944 im Einvernehmen mit dem Landesernährungsamt an, dass ausländische Säuglinge in der Landwirtschaft nicht mit der Mutter in die Selbstversorgung aufzunehmen seien. Zumindest in einem Fall ist auch eine zwangsweise Einweisung eines Kindes in eine solche „Pflegestätte“ nachweisbar. Im August 1944 wies der Landrat den Gendarmerieposten Leisnig an, das Kind der sowjetischen Landarbeiterin B. zusammen mit der Mutter der „Pflegestätte“ Technitz zuzuführen. Dort sei der Mutter mitzuteilen, dass sie unverzüglich an ihre Arbeitsstelle zurückzukehren habe. Das Kind verstarb fünfzehn Tage nach seiner Einlieferung. Das Säuglingsheim in Technitz bestand aus zwei Räumen, in denen 16 bis 18 Kinder untergebracht wurden. Die Mütter konnten ihre Säuglinge jeweils am ersten Sonntag im Monat von 9 bis 17 Uhr besuchen. Von insgesamt 34 Kleinkindern verstarben sechs während ihres zwangsweisen Aufenthaltes.236 Eine zusätzliche Entbindungsstation befand sich im Dachgeschoss und konnte acht schwangere Frauen aufnehmen. Für den Zeitraum von Juni bis Dezember 1944 wurden in Technitz acht Frauen „zur Entbindung aufgenommen“. Alle waren Ostarbeiterinnen aus Russland und Polen, die kurz nach der Entbindung mit ihren Kindern zur Firma Robert Tümmler und in das zugehörige Ostarbeiterlager entlassen wurden. Für Roßwein und Etzdorf wurde im Ostarbeiterlager der Firma Bauch eine Säuglingsstation eingerichtet, in die die Mütter mit ihren Kindern nach der Geburt umgesetzt wurden. Für die Zwangsarbeiterinnen bedeute die Schwangerschaft eine zusätzliche Gefährdung ihrer ohnehin schon bedrohlichen Lebenslage. Sie bekamen keinerlei Hilfestellung zur Bewältigung der Schwangerschaft. Am Arbeitsplatz mussten sie die volle Leistung erbringen, erst wenige Tage vor der Geburt erfolgte die Aufnahme in eine Entbindungsstation. Ohne eine ausreichende Nachsorge und Stillzeit mussten sie kurz nach der Geburt wieder an ihren Arbeitsplatz zurückkehren. Die medizinische Betreuung und hygienischen Verhältnisse in den Entbindungsstationen waren unzureichend und katastrophal. In Anbetracht des geringen Verpflegsatzes und der mangelhaften Versorgung war der Tod der Säuglinge durch Verhungern oder durch infektiöse Krankheiten vorgezeichnet. Die hohe Kindersterblichkeit wurde billigend in Kauf genommen und war sogar Teil des strategischen Kalküls der NS-Führung. Sie galten als minderwertig und „unnütze Esser“, da sie die Arbeitsfähigkeit der Mütter erheblich einschränkten und zusätzlich besonders knappe medizinische Ressourcen und Nahrungsmittel benötigten. Anders gestaltete sich die Situation, wenn die Säuglinge als „gutrassig“ klassifiziert wurden. Darunter zählten die Kinder, „deren Erzeuger dem deutschen Volkstum oder dem dänischen, flämischen, niederländischen, norwegischen, schwedischen oder wallonischen Volkstum“ angehörten. Diese Säuglinge wurden „als wertvoll angesehen“ und sollten nicht in „Ausländerpflegestätten betreut, sondern wie deutsche Kinder erzogen werden.“ Für eine erbgesundheitliche und rassische Untersuchung waren das Gesundheitsamt und ein SS-Führer des Rasse- und Siedlungswesens zuständig. Wenn es sich um einen „gutrassigen“ Säugling handelte, wurde das Kind der Mutter weggenommen und in einem Heim oder in einer Pflegefamilie untergebracht und „nach den für deutsche Kinder geltenden Grundsätzen versorgt.“ Für die Stadt Döbeln ist bisher ein solcher Fall von Zwangswegnahme eines Säuglings nachweisbar. Der Säugling einer ukrainischen Zwangsarbeiterin (eingesetzt bei Otto Burg in der Landwirtschaft) wurde nach der Entbindung in Technitz durch ein entsprechendes Gutachten „als arisch“ deklariert. Daraufhin entzog man der Mutter zwangsweise den Säugling und brachte das Kind in einem Pflegeheim unter. Die ukrainische Zwangsarbeiterin starb wenige Tage später an den Folgen der Geburt und wurde in einem Massengrab in Technitz beigesetzt. (...)

Aus: "Rüstungsindustrie und Kriegswirtschaft im Muldental - Aufbau und Entwicklung bis zum Kriegsende", Masterarbeit von Sophie Spitzner, 2014, Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung

Über die Unterbringung sowjetischer Zwangsarbeiter in der alten Schleiferei im Töpelwinkel gibt es nur wenige Hinweise mündlicher Art, wie auch in den Chroniken des Landschulheimes über die verbrecherische Behandlung sowjetischer Kriegsgefangener im Töpelwinkel gesprochen wurde. Unterlagen, Akten und die Aufführung in den zur Pflicht erklärten Bestandsnotizen der Arbeitsämter wurden keine aufgefunden, ein Lager Töpelwinkel wurde nicht nach oben gemeldet. In einem Beitrag der "Leipziger Volkszeitung" wurden die Aktivitäten der Rüstungsunternehmer Großfuß und Tümmler beleuchtet, über die Behandlung von Fremd- und Zwangsarbeitern aber fand sich kein Wort im Beitrag. Die Aufarbeitung der Zwangsarbeit in der Region hat spätestens mit der von Sophie Spitzner recherchierten oben angeführten Masterarbeit begonnen, wie auch die von der Arbeitsgemeinschaft Geschichte im Treibhaus e.V. geleistete Aufklärungsarbeit.

Rosel Schubert ist Zeitzeugin, lebt seit Anbeginn in Töpeln und Wöllsdorf, hat die Hitlerzeit als Heranwachsende bewußt erlebt. Insofern kann sie sich lebhaft an diese Zeit erinnern, an ihre relative Unbefangenheit, wo in äußerst schwierigen Lebenslagen Unbeschwertheit und glückliche Kinderstuben eine Seltenheit waren. Sie spricht von den Bauern im Umland, von den Zwangsarbeitern auf dem Felde und den "Züchtigungen", denen die zumeist sowjetrussischen und polnischen Zwangsarbeiter ausgesetzt waren. Auch im Schloß Schweta wurden Fremdarbeiter verbracht, die auf den Feldern im Umland und im Gut arbeiten mussten. Die Möhrings, die damaligen Gutsbesitzer auf Schloß Schweta, galten als besonders rabiat gegenüber Fremdarbeitern, berichtet wurde über Peitzschenhiebe, Stock- und Faustschläge - selbst gegen Kinder. Auch die herrschaftlichen Katzerhaft wurde als Züchtigungsmethode genutzt. Die hohen Herrschaften wußten genau, wie sie ihre Schreckensherrschaft auf dem Lande zu ihrem Nutzen ausbauen konnten: Die Partei und der Staat taten alles, um den Landherren Respekt und zweifelhaftes Ansehen zu verschaffen. Und Vorteile.

Erwähnt werden muss der Umstand, dass der Hitlerstaat auch im Ausnahmezustand des Krieges im europäischen Ausland, beinahe wie ein Hohn auf Europa, freiwilige Arbeitskräfte anwarb und diese auch ins Reich kamen. Etwa ein Achtel der im Dritten Reich arbeitenden Zwangs-, Fremd- und Ostarbeiter waren Freiwillige, welche deutlich besser gestellt und auch besser behandelt wurden. Leider gibt es zuwenige Unterlagen in den Archiven, um eventuelle Einzelfälle näher betrachten zu können. Rosel Schubert bestätigte das Vorhandensein von Freiwilligen in Döbeln und Umland.

Was den Töpelwinkel und die ehemalige Schleiferei anbetrifft, die in den Kriegsjahren zur Aussenstelle der Rüstungsproduktion der Firmen Großfuß und Tümmler wurde, wo offenbar bis zu 100 sowjetische Kriegsgefangene als Arbeitssklaven arbeiten und leben mussten, gibt es so gut wie keine Aufzeichnungen. Offenbar wurden alle Unterlagen für dieses Unternehmen feinsäuberlich vernichtet. Das Gebiet rund um die ehemalige Schleiferei wurde streng abgeschirmt und bewacht, so Rosel Schubert. Längst waren die Aktivitäten der Hitlerjugend auf der Kahnwiese und dem Zschopaubogen verebbt, die Bevölkerung vor Ort bekam nur sehr wenig vom Treiben im Töpelwinkel mit. Was genau geschah, bleibt nur Vermutung. Auf Fotografien vom Objekt der alten Schleiferei Wöllsdorf aus der Zeit um 1945 sind große Scheunen und Schuppen, wie auch der flache Anbau, in welchem angeblich produziert wurde, auszumachen. Aus logischer Sicht konnte der Betrieb eher provisorischer Natur und die Verbringung größerer Maschinen für Dreh- und Frässteile scheint eher fraglich zu sein. Außerdem war die Straße zum Töpelwinkel außerordentlich schlecht beschaffen, Schwertransporte beinahe unmöglich, konnte die Brücke über den Mühlgraben keineswegs schwere Fahrzeuge aufnehmen. Die Unterbringung von Zwangsarbeitern und die Nutzung als Zwischenlager der beiden Firmen scheint eher zutreffend. Auch die Menge des vor Ort hergestellten Stroms spricht gegen eine Produktionanlage mit Metallbearbeitungsmaschinen. Die Verbringung der Zwangs,- Ost,- und Fremdarbeiter geschah fast immer in Nähe der Betriebe. Unwahrscheinlich daher die Annahme, dass Zwangsarbeiter tagtäglich vom Töpelwinkel aus in die Betriebe von Großfuß und Tümmler gekarrt oder per Fuschmarsch nach Döbeln gelangten. Bei Großfuß selber standen ab 1943 Schülerinnen örtlicher Schulen zwangsweise in der Produktion. Dem Autor ist ein Fall zugetragen worden, wonach eine Schülerin des örtlichen Gymnasiums und etwa 30 weiterer Schülerinnen in der Galvanik bei Großfuß ihre gefährliche Arbeit verrichten mussten und dabei schwere Verletzungen (Verätzungen von Händen und Armen) erlitten.

Zeitzeugen berichten

Rosalinde Schubert wurde 1934 in Töpeln geboren. Als Zeitzeugin unserer Chronik kann sie genauere Auskünfte darüber geben, was sich in den Wirren der Kriegsjahre, des Dritten Reiches, speziell im Töpelwinkel zugetragen hat. Sprechen wir noch von der größten Unternehmung der Region, den Papierfabriken Kübler und Niethammer, sehen wir eine unrentable Papierschleiferei, deren Betrieb bereits 1932 eingestellt wurde. Kübler und Niethammer haben sich gründlich verrechnet, die Entwicklung schritt schneller fort, als es im Töpelwinkel eine Schleiferei bräuchte. Aus der wirtschaftlichen und politischen Depression erstand das Hitlerreich. Nationalsozialistische Aufbruchstimmung drang auch in den hintersten Winkel der Zschopau, für die Menschen in dieser Region so etwas wie ein Lichtblick. Rosalinde Schubert ist gerade mal sieben Jahre alt, als der Krieg beginnt und mit ihm jene Unbestimmtheit ob des ungewissen Ausgangs. Die gute alte Zeit möge weiter laufen, die alten Herrschaftsformen hier auf dem Lande kamen mit dem Dritten Reich nicht ins Wanken. 1941 wohnte Rosalinde Schubert im Arbeiterhaus, unweit der Schleiferei Niethammer und Kübler, die nur noch zur Stromgewinnung und als Lagerplatz dienen musste. Jetzt aber kamen andere Leute hierher, Braunhemden mit Säbel und Girlanden, Kreisleiter, Betriebsleiter und hohe Herren. Mit ihnen merkwürdige Gestalten in schwarz, nicht zu vergessen: die Hitlerjugend. Letztere verschwand ebenso schnell wie die Kameraden, die oft ausufernde Feierlichkeiten begannen, die in Schlägereien ausarteten. Dafür kamen die angloamerikanischen Flieger, die in der Luft bereits 1942 das Sagen hatten. Lebhaft erinnert sich unsere Zeitzeugin an jene verstopften Zustände, die eine deutliche Trennung zwischen Herrschaft und dem einfachen Volk festschrieben: In der einen Haushälfte wohnten Bedienstete und Vorsteher, in der anderen Hälfte Arbeiter und Wirtsfrauen, natürlich auch viele Kinder. Man hatte nichts miteinander zu tun, sprach oft gar nicht miteinander. Man scherte sich nicht um den anderen, der Erwerb, das Brot und die Kirchenglocken mussten reichen. Reiche gab es einige hier, im Schloß Schweta, oder die Mühlenbesitzer hier am Ort, die sich ebenso nicht mit den Geringeren abgeben wollten. In der Stadt, in Döbeln, platzten die Metallbetriebe Tümmler und Großfuß aus allen Nähten: Rüstungsproduktion war nun angesagt, mit ihr der Aufwand an "Menschenmaterial", wie die Nazis sagten. Rosalinde Schubert konnte bis dahin gar nichts schlechtes sagen über die Nazis, oder deren Anhänger. Hier im Winkel blieb es doch ruhig, bis eines Tages, wohl Anfang 1943, das Gelände der Schleiferei umzäunt und Baumaterial angekarrte wurde. Heimlich übereignete die Firma Kübler und Niethammer die alte Schleiferei Johannes Großfuß, der feindliche Luftangriffe auf seine Unternehmung fürchtete. Mittlerweile wuchs die Firma Großfuß stetig, mitsamt ihrer Belegschaft, welche beinahe 1800 Arbeiterinnen und Arbeiter zählte. Unter ihnen 450 Zwangs- und Fremdarbeiter aus den besetzten Gebieten. Wäre es kaum der Erwähnung wert gewesen, Teile der Kriegswirtschaft aus den Mittelzentren Dresden, Chemnitz und Leipzig praktisch über Nacht in die sächsische Provinz zu verlagern, waren die beiden Döbelner Großunternehmer Erhardt Tümmler und Johannes Großfuß bereits 1942 und 1943 damit beschäftig, große Teile der Produktion von Rüstungsgütern auf's Land zu verfrachten. So geschehen im Töpelwinkel: Rosalinde Schubert kann sich deutlich an die grün angestrichenen Maschinen erinnern, die im eiligst errichteten Anbau standen. Da allerdings harrte man der Dinge; bislang blieb Döbeln von Bombenangriffen verschont. Tage und Wochen vergingen, bis das "Objekt" durch Wachpersonal gesichert und schließlich großräumig abgesperrt wurde. In der Zwischenzeit wurden das Hauptgebäude der ehemaligen Schleiferei so hergerichtet, dass Zwangsarbeiter provisorisch untergebracht werden konnten. Zwangsarbeiter aus dem Osten, speziell der Sowjetunion und Polen, sollten nicht so "komfortabel" untergebracht werden wie ihre Kollegen aus Westeuropa. Letztere wurden in Barracken direkt in der Nähe des Werksgeländes verbracht, von denen einige noch heute stehen. Die alte Papierschleiferei im Töpelwinkel diente nun als Unterkunft für polnische und sowjetische ZwangsarbeiterInnen. Genauere Erkundungen darüber, wieviele derer im Töpelwinkel untergebracht wurden, brachten keine Zahlen zustande. Unterlagen der Firma Großfuß Döbeln, welche mit Sicherheit darüber Auskunuft geben könnten, wurden bereits Anfang 1945 auf Anweisung der Firmeneigner vernichtet. Im Staatsarchiv Leipzig aber existieren einige Unterlagen über die Situation der Zwangsarbeiter in der Region, wohl aber nicht Auskünfte über den Töpelwinkel. Über das Schicksal der Arbeiterinnen und Arbeiter aus den östlichen Nachbarländern ist so gut wie nichts bekannt.

Rosalinde Schubert erlebte den Zusammenbruch Anfang Mai 1945 relativ unbeschwert, brachte die sowjetische Besatzung mit den schönsten Erlebnissen ihres Lebens in Verbindung. Die vielen Begegnungen mit Sowjetsoldaten sind ihr bis heute in lebhafter Erinnerung geblieben. Viele Jahre arbeitete sie im Landschulheim Töpelwinkel und diese Zeit zählt sie noch heute zu der schönsten ihres Lebens.

Gottfried Berger, Jahrgang 1926, ist Töpelner Urgestein, wenn man so sagen darf. Er erlebte die großen Umbrüche der Zeit aus nächster Nähe und kann sehr wohl darüber sprechen, weil ihm die Erinnerungen so klar vor Augen stehen, dass diese in ihrer Unbedingtheit Interessierte in ihren Bann ziehen können. Lebhaft kann er sich daran erinnern, als Flüchtlingstrecks von Rückkehrern, also Polen, Russen und Ukrainer auf ihren Weg in die Heimat durch den Ort zogen, die alten, verbrauchten Pferde zurücklassend, um sich bei Bauern im Ort frische Pferde aus ihren Stallungen zu holen. Hunderte Pferde, so Gottfried Berger, standen am Ufer der Zschopau zwischen Töpeln und Wöllsdorf. Genauso rasteten Hundertschaften der ersten Ukrainischen Armee mit ihren vielen Pferden an der Zschopau, auf ihren Weg Richtung Westen. Berger selbst hatte, wie er sagt, immer großes Glück gehabt, in dieser Zeit, als Denunziantentum, Willkür und Rachegelüste Hochkonjunktur hatten. Seine Zeit als Hitlerjunge ist eine unbeschwerte, glückliche Zeit, mit vielen schönen Erlebnissen in einer stillen ländlichen Gegend. Man hat seine Mitgliedsbeiträge bezahlt, so wie das alle hier taten, kam zum Sport und war immer umtriebig. Klar, organisiert waren so gut wie alle Jugendlichen, wie auch die Größeren in Parteien und Massenorganisationen gingen, um der Bewegung zu folgen, um nicht aufzufallen. Arme Schweine lebten hier in Töpeln, sagt Gottfried Berger, keiner hatte zuviel. Außer Land vielleicht, also immer viel Arbeit. Gut erinnern kann sich Berger an die jungen, sehr hübschen Polinnen, die am Hofe des Vaters arbeiteten. Nicht freiwillig, schließlich wurden zu Hunderttausenden gerade junge Polinnen ins Reich geholt, um Zwangsarbeit verrichten zu müssen. Den Mädchen ging es gut, sie wurden vom Vater gut behandelt. Aber es ging nicht allen Fremdarbeitern gut, sagt Berger, auf vielen Höfen wurden sie gedemütigt und schändlichst behandelt. Fast alle Bauern in der Umgegend hatten Fremdarbeiter, meist junge Frauen aus Polen und der Ukraine. 1945 wollten nicht alle in ihre Heimat zurück, einige sind wohl gar geblieben. Auf sowjetische Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter, welche in einer Außenstation der Firma Großfuß im Töpelwinkel arbeiten mussten, angesprochen, berichtet Gottfried Berger, dass es sehr unwahrscheinlich ist, in der Schleiferei Töpelwinkel eine Produktionsanlage laufen zu lassen. Er hätte nie etwas davon mitbekommen, geschweige etwas gesehen. Warum hätte die Firma Großfuß eine derartige Anlage bauen sollen, weit ab vom Schuss. Die Straße in den Töpelwinkel war schlecht und auch die schmale kleine Holzbrücke an der Schleiferei war überhaupt nicht geeignet, schwere Lasten zu tragen. Ob auch sowjetische Kriegsgefangene im Töpelwinkel interniert waren, bezweifelt Berger. Man war daran interessiert, die Menschen in Lagern zu konzentrieren, direkt an den Betrieben oder auf Bauernhöfen. Wahrscheinlich ist eher, dass Kriegsgefangene in den Mühlen arbeiten mussten, wie in Wöllsdorf oder Pischwitz. Irgendwie mussten die Massen an Fremdarbeitern, Kriegsgefangenen und Vertriebenen untergebracht werden. So auch im Schloss Schweta, bei Möhrings, den Großgrundbesitzern. Als das Riesenheer von Ostvertriebenen durch die Region zog, fanden viele Menschen Zuflucht auf den großen Gütern, so auch in Schweta und Töpeln. Weil die allermeisten von denen nichts hatten, außer ihre Arbeitskraft, wurden Kinder und Jugendliche zur Feldarbeit eingesetzt, um die Lücken zu schließen, die junge Männer an der Front im Osten aufmachten. Und immer stand das Glück auf der Seite Gottfried Bergers, wie er sagt, selbst im Arbeitsdienst in Danzig oder als Flakhelfer in Schleswig Holstein. Auf seiner Odyssee in die Heimat, nach Sachsen, so Berger, habe er immer mit einem Fuße im Lager gestanden, zumindest sah er viele seiner Kameraden auf den Weg in die großen Lager nach Torgau oder Mühlberg, von wo sie nie wieder zurückkehrten. Deutschland glich einem Tollhaus und Glück muss man haben, durchzukommen. Tragische Momente gab es viele, haarsträubende Situationen. Dass Menschlichkeit wichtig war und ist, davon ist Gottfried Berger überzeugt.


Antifaschistischer Widerstandskampf in der Region

Heute ist schwer nachvollziehbar, wie und in welcher Form Widerstand gegen die Nazis im Landkreis Döbeln geleistet wurde. Widerstand gab es aber, ob in passiver, unorganisierter Form oder vereint illegal, zumeist von Kommunisten der verbotenen KPD, aber auch Genossen der SPD, die ebenfalls verboten war. Leider wurde und wird dieser Widerstand heute abschätzig gering geschätzt und als kommunistische Propaganda abgetan, was überhaupt nicht zutreffend ist. So ist es momentan Usus, überlieferte Geschichte umzudeuten und handfeste Tatsachen zu ignorieren. Dies geht soweit, dass bestimmte Historikerkreise historische Gegebenheiten umdeuten, die Naziherrschaft banalisieren und heute heroisieren. Bei den Recherchen zum Kapitel Naziherrschaft stieß der Autor immer wieder auf Widerstände, wenn das Gespräch auf den antifaschistische Widerstandskampf in der Region kam. Kein Thema scheinbar. Und doch ließen sich Materialien mit eindeutigen Belegen des Widerstands auffinden und an dieser Stelle einbinden. Eine sehr ergiebige Quelle ist das kleine Büchlein "Vorwärts und nicht vergessen - Geschichte der Arbeiterbewegung im Kreis Döbeln von den Anfängen bis 1945", im Jahr 1964 herrausgegeben von der Ideologischen Kommission der SED-Kreisleitung Döbeln. Die darin geschilderten Abläufe geben ein sehr genaues Bild von den Ereignissen im damaligen Landkreis Döbeln zur Zeit des Dritten Reiches. Auszugsweise lesen wir:

Der Kampf der Döbelner Antifaschisten gegen den Krieg

"Den faschistischen Einfall in die Sowjetunion beantworteten die deutschen Antifaschisten unter Führung der KPD damit, daß sie ihren Kampf bedeutend verstärkten. Das ZK der KPD erklärte dem deutschen Volk sofort, daß Hitler mit dem heimtückischen Überfall auf die Sowjetunion das größte Unglück über Deutschland heraufbeschworen hatte. Die KPD rief unser Volk auf, Deutschland vor der unvermeidlichen Katastrophe zu retten, indem es seine Geschicke in die eigenen Hände nimmt, den Krieg durch den Sturz des Kriegstreibers Hitler beendet und einen dauerhaften Frieden erzwingt.

In der Schaffung einer antifaschistischen Widerstandsfront sah sie noch immer die wichtigste Aufgabe. Der Erreichung dieses Zieles diente auch die Brüsseler Parteikonferenz im Oktober 1935. Im "Grundriß der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung" heißt es dazu: " Die Brüsseler Parteikonferenz... brachte die Auseinandersetzungen über die neue Strategie und Taktik der Partei zum Abschluß und faßte historische, für die weitere Entwicklung der KPD und die Zukunft der Nation richtungsweisende Beschlüsse. Die Parteikonferenz wertete den VII. Weltkongreß der Kommunistischen Internationale aus und beschloß eine Politik, die der neuen , nach der Machtergreifung des Hitlerfaschismus in Deutschland entstandene Lage entsprach. Die Politik der Partei rückte den Kampf um die demokratischen Rechte und Freiheiten des Volkes in den Mittelpunkt. Die neue Strategie und Taktik der Partei war auf den Sturz der Hitlerregierung, die Verhinderung des Krieges und die Schaffung einer Koalitionsregierung der Arbeitereinheitsfront gerichtet. Damit gab die Partei dem antifaschistischen Kampf das Ziel einer neuen, antiimperialistischen, wahrhaft demokratischen Ordnung als Voraussetzung für den Übergang zum Sozialismus."

Auch die Berner Konferenz 1939 hatte dieses Ziel. Die illegale Arbeit wurde in sehr intensiver Weise ausgebaut, und es war von Bedeutung, daß sich auch aus bürgerlichen Kreisen Kräfte fanden, die das gleiche Ziel wie die KPD verfochten und deren Führung in diesem Kampf anerkannten. Derartige Fälle der Zusammenarbeit sind auch aus Döbeln bekannt. Obgleich nach Hitlers Machtübernahme nur schwer eine koordinierte illegale Arbeit entwickelt werden konnte, muß doch gerade während des Krieges von einer bewußten politischen Arbeit seitens der KPD gesprochen werden. Immer stellte die KPD das ideologische und organisatorische Zentrum des Widerstandskampfes dar. Illegales Druckmaterial stand den Döbelner Kommunisten fast nicht zur Verfügung, desto mehr aber wurde von der Flüsterpropaganda Gebrauch gemacht. Von Wichtigkeit ist, daß zu dieser Nachrichtenverbreitung von Mund zu Mund eine Anzahl von SPD-Mitgliedern hinzukamen.

Auch in den bürgerlichen Kreisen gab es in Döbeln Menschen, die aktiv gegen das Hitlerregime kämpften. Oftmals wußte man voneinander gar nichts. So konnte es geschehen, daß im Volkssturm plötzlich Flugblätter vorhanden waren, durch die die Einwohner Döbelns aufgefordert wurden, den schnellen Einzug der Roten Armee zu fördern, damit der Krieg und der Faschismus ein Ende nähmen. Zum Volkssturm waren auch einige Arbeiter, die Mitglied der KPD waren, einberufen worden. Sie wunderten sich über das plötzliche Auftauchen dieser Flugblätter und konnten dann erkunden, daß sie von einem Döbelner Geschäftsmann verbreitet wurden.

Dieser Geschäftsmann war Herbert Näcke. Seit der Katastrophe von Stalingrad hatte er einige verläßliche Döbelner um sich geschart und eine Widerstandsgruppe aufgebaut. Seine Verbindungen reichten bis zur Polizei. In erster Linie verfaßte er Hand- und Wurfzettel. In seinen Erinnerungen schreibt er dazu: "Die Vervielfältigung meiner antifaschistischen Propaganda erfolgte seit 1943, zuerst auf einer versteckt gehaltenen Schreibmaschine und später auf einen Abzugsapparat, dessen Matrize bei mir in sicherem Versteck ruhte. Seit Anfang 1945 druckte Georg Hohmann mit Tom van Laahoven, einem absolut zuverlässigen holländischen Mitarbeiter, spät abends unter Aufbieteung aller nur denkbaren Sicherheitsmaßnahmen die Zettel in seiner Buchdruckerei in der Zweckengasse. Aber wenn man bedenkt, daß die Schriftsachverständigen der Gestapo bereits an der Letternart feststellen konnten, in welcher Druckerei eine verbotene Schrift hergestellt worden ist, so ermißt man das Risiko, das auch der Drucker mit dieser illegalen Arbeit auf sich nahm."

Der Genosse Max Löwe arbeite bis Kriegsende in Hartha und wurde dann im Volkssturm im Vereinshaus als Telefonist eingesetzt. Er arbeite mit dem Klempnermeister Max Pölitz und dem Mechanikermeister Alfred Fleischer zusammen. Sie gaben aber nur die Telefonate weiter, die sie für belanglos hielten. Die anderen wurden vernichtet. "Der Widerstand gegen den Krieg und seine Urheber regte sich auch in anderen Teilen des Kreises Döbeln. Die Ursachen dafür lagen oft in der Umstellung der Produktion auf Kriegsmaterial, so zum Beispiel in Leisnig in der ehemaligen Firma Bernhardt, heute VEB Textima. Mit dem Überfall der Nazis auf die Sowjetunion kam die Produktion von Textilmaschinen immer mehr zum Erliegen. Der Betrieb wurde bis zu 96 Prozent für die Granatfertigung beansprucht. Eine ganze Anzahl älterer Kollegen war zum Militär einberufen worden, sie wurden durch Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter aus den überfallenen Ländern ersetzt. Die Mehrzahl dieser Arbeitskräfte waren Frauen. In den letzten Kriegsjahren betrug die Arbeitszeit durchschnittlich 12 Stunden. Dazu kam die ungenügende Lebensmittelversorgung. Pellkartoffeln waren oft die einzige Nahrung. Die antifaschistische Widerstandsbewegung im Betrieb arbeitete mit größter Vorsicht, denn auch in diesem Betrieb hatten die Faschisten eine Gestapogruppe eingesetzt. Die Genossen versuchten, das schwere Los der Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter ein wenig zu erleichtern.

Der Einzug sowjetischer Truppen in Döbeln - Deutsche Patrioten retteten die Stadt vor der Zerstörung

Auch als Herbert Näcke zum Volkssturm eingezogen war, ließ er von seiner antifaschistischen Tätigkeit nicht ab. Als das Ende des Krieges immer näher rückte, galt sein ganzes Bestreben dem Ziel, Döbeln vor der Zerstörung zu retten. Unter großen Wagnissen und Mühen versuchte er, der Roten Armee entgegenzugehen und mit ihr die bedingungslose Übergabe Döbelns vorzubereiten. Dies wurde sehr erschwert, da um Döbeln herum noch faschistische Truppenteile lagen, die bereit waren, Widerstand zu leisten. Auch war die Bevölkerung, die 12 Jahre unter dem faschistischen Druck stand, nur langsam zu bewegen, weiße Flaggen zu hissen. Am 6. Mai drängte Näcke den faschistischen Oberbürgermeister, Dr. Gottschalk, die Panzersperren an den Zugängen der Stadt zu beseitigen, aber dieser gab nur hinhaltende und ausweichende Antworten. In der Dresdener, Ziegel- und Oschatzer Straße ging Karl Krötel eigenmächtig daran, die Panzersperren zu beseitigen. In der Leipziger Straße war es der Kaufmann Friedrich mit einigen Anwohnern.

An die Bevölkerung wurden Flugblätter verteilt:

"Achtung Döbelner! In dieser schicksalschweren Stunde unseres Vaterlandes rufen wir Euch zur Mitarbeit auf. Die Nazis haben auch in unserer Vaterstadt den Werwolf ins Leben gerufen und wollen die anrückenden "Feindpanzer" aus Hausfluren und Wohnungen angreifen. Verhindert Euch unbekannten Personen den Zutritt zu Euren Wohnungen, aber merkt sie Euch. Für jede aus dem Hinterhalt geworfene Handgranate werden die Besatzungstruppen vielfache Vergeltung üben. Laßt Euch nicht durch Drohungen einschüchtern, - die Stunde der Vergeltung naht - nur so verhütet Ihr ein Bombardement auf unsere Stadt. Bewahrt Ruhe. Legt beim Eintreffen feindlicher Panzerspitzen weiße Tücher aus den Fenstern, aber meidet die Straße!

Es lebe das Vaterland! Das Nationale Komitee" (...)

Auch Herbert Näcke ging der Roten Armee entgegen. Als er auf die ersten Truppenverbände stieß, wurde er höflich, aber äußerst mißtrauisch empfangen, da die sowjetischen Spähtrupps in der Nähe von Döbeln drei deutsche Panzer gesehen hatten. Schließlich zeigten sich die sowjetischen Offiziere aber bereit, unter Näckes Begleitung ins Döbelner Rathaus zu fahren. Außer Stadtrat Röher war niemand mehr anwesend. Im Zimmer 7 begannen die denkwürdigen Verhandlungen. Der Kommandant gab die erste Verordnung heraus, die schon kurze Zeit danach in der Druckerei Thallwitz gedruckt und umgehend überall angeheftet wurde. (...)

Die letzten Tage der Naziherrschaft in Waldheim

"Der blutige Terror des Hitlerfaschismus in der Schlußphase des Krieges, ...die ideologische Irreführung und materielle Korrumpierung großer Volksteile durch das Hitlerregime und die Spaltungspolitik der rechten sozialdemokratischen Führer führten dazu, daß es bis zum Ende des Krieges zu keinen großen antifaschistischen Massenaktionen des deutschen Volkes kam. Doch gelang es deutschen Antifaschisten in den letzten Wochen des Krieges, durch beherzte Aktionen an verschiedenen Orten Menschenleben zu retten und Städte, Dörfer und Betriebe vor den verbrecherischen Zerstörungen durch die Faschisten zu bewahren."

So auch in Waldheim. Die Stadt sollte verteidigt werden. An den Brennpunkten der Stadt wurden Panzersperren errichtet. Dieses Vorhaben der faschistischen Kräfte hatte bei der ganzen Einwohnerschaft eine große Unruhe hervorgerufen. Die Ratsherren Krenkel und Bergmann erschienen daraufhin beim stellvertretenden Bürgermeister Müller und dem Ortsgruppenleiter der NSDAP Schuricht. Sie berichteten von der Empörung der Einwohner und wiesen darauf hin, daß die Verteidigung der Stadt im Gegensatz zu anderen Orten mit normalen Verhältnissen in Waldheim unübersehbare Schwierigkeiten auslösen könnte. Der überwiegende Teil der Zuchthausgefangenen wartete noch darauf, befreit zu werden. Diese Tatsache würde für die Stadt Waldheim größte Gefahr zur Folge haben. Die Ratsherren empfahlen aus diesem Grunde, an die Kreisstabsführung des Volkssturmes die Bitte zu richten, daß Waldheim im Zuge der Verteidigungsaktion als freie Stadt erklärt und ihr Sonderstellung eingeräumt werde. Es wurde beschlossen, am 12. April 1945 persönlich beim Kreisstabsführer des Volkssturmes in Döbeln diese Forderung zu erheben. Bei der Vorstellung in Döbeln fehlte eigenartigerweise der Ortsgruppenführer der NSDAP. Er habe angeblich den Zug verpaßt. Über das Ergebnis dieser Aussprache gibt folgender Bericht Auskunft:

"Am 11. April 1945 faßten die Ratsherren der Stadt Waldheim den Beschluß, Waldheim als freie Stadt zu erklären, die Sperren zu beseitigen und keine Sprengungen vorzunehmen. Infolge dieses Beschlusses führen die Ratsherren Krenkel und Bergmann zusammen mit dem Leiter der Zuchthäuser in Waldheim, Regierungsrat Winkler, nach Döbeln, um der Nazi-Kreisleitunug davon Kentnis zu geben. Die Kreisleitung und Oberst Saupe von der Stabsführung des Volkssturmes brachten dem Ersuchen der Waldheimer Abordnung kein Verständnis entgegen. Die Abordnung verwies noch einmal auf die Sonderstellung der Stadt und die Überbelegung der Zuchthäuser. Die Zahl der Inhaftierten war auf etwa 5000 Personen angewachsen. Die Gefangenen zu evakuieren war nicht mehr möglich, da der "Feind" von allen Seiten anmarschierte.

Von der Kreisleitung der NSDAP wurde nun angeordnet, die Insassen umzulegen. Das wurde von der Waldheimer Abordnung entschieden abgelehnt, trotz der großen Gefahr, der sie sich dabei aussetzten, selbst festgesetzt und verurteilt zu werden. Sie wurden auf die Folgen hingewiesen, weil sie sich einem Führerbefehl widersetzten. Sie fuhren unverrichteterdinge wieder zurück, leisteten aber passiven Widerstand. So wurde der Kampf um und in Waldheim vermieden, die Sprengladungen aus der Brücke entfernt, und es wurden keine Gefangenen erschossen.

Der Volkssturm in Waldheim erhielt den Auftrag, Gräben auszuheben, denn täglich sollten 500 Gefangene erschossen werden. Durch das ständige Einwirken der Ratsherren auf den Stadtkommandanten wurde diese Aktion verzögert, und dem schnellen Vormarsch der Roten Armee ist es zu verdanken, daß diese Verbrechen nicht mehr zur Durchführung kamen.

Eine neue Zeit

Bodenreform und Neuaufteilung von ländlichen Besitz. Erste Maßnahmen der neuen Landesverwaltung des Bundeslandes Sachsen:

Liquidierung des Großgrundbesitzes

Aufteilung der Rittergüter - Schaffung neuer Bauernhöfe
Verordnung über die landwirtschaftliche Bodenreform vom 11. September 1945

Entsprechend den Forderungen der werktätigen Bauern nach einer gerechten Bodenvereteilung und Liquidierung der feudalen und junkerlichen Grundbesitzes sowie zu Zwecke der Landzuteilung an landlose und landarme bauern und Landarbeiter, darunter auch diejenigen deutschen Bauern, die aus anderen Staaten umsiedelten, hat die Landesverwaltung des Bundeslandes Sachsen folgende verordnung beschlossen:

A
rtikel 1
Die demokratische Bodenreform ist eine unaufschiebbare nationale, wirtschaftliche und soziale Notwendigkeit. Die Bodenreform muß die Liquidierung des feudal-junkerlichen Großgrundbesitzes gewährleisten und der Herrschaft der junker und Großgrundbesitzer im Dorfe ein Ende bereiten, weil diese Herrschaft immer eine Bastion der Reaktion und des Faschismus in unserem Lande darstellte und eine der Hauptquellen der Aggression und der Eroberungskriege gegen andere Völker war. Durch die Bodenreform sol der Jahrhunderte alte Traum der landlosen und landarmen Bauern und Landarbeiter von der Übergabe des Großgrundbesitzes in ihre Hände erfüllt werden. Somit ist die Bodenreform die wichtigste Voraussetzung der demokratischen Umgestaltung und des wirtschaftlichen Aufstieges unseres Landes.
2. Das Ziel der Bodenreform ist:
a) das Ackerland der bereits bestehenden Bauernhöfe unter 5 Hektar zu vergrößern;
b) neue, selbsständige Bauernwirtschaften für landlose Bauern, Landarbeiter und kleine Pächter zu schaffen;
c) an Umsiedler und Flüchtlinge, die durch die räuberische hitlerische Kriegspolitik ihr Hab und Gut verloren haben, Land zu vergeben;
d) zur Versorgung der Arbeiter, Angestellten und Handwerker mit Fleisch- und Milchprodukten in der Nähe der Städte Wirtschaften zu schaffen, die der Stadtverwaltung unterstehen, sowie den Arbeitern und Angestellten zum Zwecke des Gemüsebaues kleine Grundstücke (Parzellen) zur Verfügung zu stellen;
e) die bestehenden Wirtschaften, die Forschungs- und Versuchszwecken bei den landwirtschaftlichen Lehranstalten sowie anderen staatlichen Erfordernissen dienen, zu erhalten und neu zu organisieren.(...) Quelle: "Volkszeitung", 13. September 1945

Ein Hort der Reaktion

In Landkreis Döbeln wurde mit der Aufteilung des Rittergutes Schweta der Anfang für eine Reihe von Bodenaufteilungen gemacht. Schweta war immer eine Hochburg des Junkertums, und auch der jetzige Besitzer war ein Erzreaktionär und Militarist. Hunderte von Gästen aus Döbeln-Stadt und -Land hatten sich mit den Bodenanwärtern zu einem großen Demonstrationszug vereint und hörten mit feierlicher Stille den Worten des Landrates Kränkel zu, der als Vorsitzender der Kreiskommission für Bodenreform die Übergabe der Urkunden vornahm und dabei betonte, daß durch diese Aufteilung einem Junkerbetrieb, der schon immer ein Hort des Stahlhelms, der Erhardt-Brigaden und der schwarzen Reichswehr war, ein Ende bereitet wird. Acht Neubauern, sieben Kleinbauern, elf Siedler und acht Landarbeiter waren die Glücklichen, die mit leuchtenden Augen und dankbaren Herzen die Urkunden empfingen. Quelle: "Volkszeitung", 19. Oktober 1945

Die Zeit nach dem Zusammenbruch des Hitler-Regimes und erste Anfänge der neuen Jugenbewegung. Dokumente erzählen:

Jugend des Kreises Döbeln strebt zur Einheit!
Die Versammlungs-Aktion der Freien Deutschen Jugend begann

In allen Städten und Dörfern unseres sächsischen Heimatlandes findet sich in dieser Woche die Jugend zusammen, um die Gründung der großen Jugendorganisation "Freie Deutsche Jugend" zu begehen.

Es ist symbolisch für den Kreis Döbeln, daß die erste Versammlung auf einem Dorf stattfand, zeigt es doch, wie aktiv die in unserem Kreis besonders starke Landjugend gewillt ist, sich einzureihen in den großen Bund der deutschen Jugend...

Kaum einer der Jugendlichen von Keuern fehlte am Freitag zu der Gründungsversammlung im dortigen Gasthof, auf der das Mitglied der Kreisleitung der FDJ, Karl Richter, über die Notwendigkeit der Einheit der Jugend für die Einheit Deutschlands sprach und sie aufforderte, sich zur FDJ zu bekennen, um gemeinsam am Neuaufbau Deutschlands zu arbeiten. In der anschließenden Diskussion richteten Kreisjugendleiter Arnold und Ortsjugendleiter Fleckeisen- Döbeln das Wort an die Jungen und Mädel, um sie auf die Wichtigkeit einer einheitlichen Jugendorganisation hinzuweisen.

Die zweite versammlung fand am Sonnabend nachmittag im Volkshaus zu Hainichen statt. Nach der Begrüßung durch Jugendleiter Hormes führte Kreisjugendleiter Arnold aus: Das kennzeichnendste Bild vor 1933 war die ungeheuere Zersplitterung der Jugend. Deshalb begrüßten große Teile der Jugend 1933 die Zusammenfassung in der Hitlerjugend, da sie darin das Ideal der Einheit verwirklicht sahen. Daß dahinter die Absicht stand, die Jugend für die kapitalistischen und militaristischen Ziele des Nazismus zu mißbrauchen, wurde von ihr nicht erkannt. Dadurch wurde sie in die größte Katastrophe, die je über ein Volk hereingebrochen ist, hineingetrieben. Nach dem Zusammenbruch am 8. Mai 1945 fanden sich sofort aktive Antifaschisten, die ohne Zögern mit dem Aufbau eines freien, demokratischen Deutschlands begannen. Vieles wurde in der Zwischenzeit geschaffen; trotzdem gibt es in Deutschland Menschen, dnen nichts an diesem Aufbau gelegen ist, sondern sie versuchen, ihn zu sabotieren, in dem sie gegen die Einheit Deutschlands arbeiten. Es sind dies die Mächte, für die in einem demokratischen Deutschland kein Platz mehr ist, nämlich Rüstungskapitalisten, Großgrundbesitzer und Militaristen.

D
eshalb ist es notwendig, daß gerade die Jugend geschlossen für die Einheit Deutschlands eintritt, denn nur diese Einheit garantiert uns unsere nationale Existenz.

Es wäre ein Irrsinn, in der Jugend wieder die Zersplitterung um sich greifen zu lassen, denn da alle dieselbe Not leiden, müssen auch alle gemeinsam versuchen, diese Not zu überwinden, um der Jugend eine bessere Zukunft zu schaffen.Dies ist aber nur möglich, wenn sich die Jugend zusammenfindet in einer großen Orgganisation, die in der Lage ist, die berechtigten Forderungen der Jugend durchzusetzen und gleichzeitig die gemeinsamen Aufgaben der Jugend zu leiten. Der Redner schloß mit der Losung der "Freien Deutschen Jugend": Einheit ist unsere Kraft, Arbeit unser Weg, Freiheit unser Ziel! (...) (Aus: "Leipziger Volkszeitung", 26. März 1946)

Neuer Weg der Döbelner Jugend

Der Leiter des Landesjugendausschusses, Herman Axen, sprach im "Staupitzbad"

"Freundschaft!" - kündeten große goldene Buchstaben auf rotem Untergrund von der Bühne des "Staupitzbad"-Saales, in dem sich eine erwartungsvolle, frohe Jugend am Sonnabend nachmittag zur ersten Jugend-Großkundgebung der Freien Deutschen Jugendbewegung eingefunden hatte.

Mit flotten munteren Weisen unterhielten Angehörige der Harthaer Jugendmusikgruppe die Jungen und Mädel, an die Jugendgenosse Neuendorf vom Kreis-Jugendausschuß Döbeln begrüßende Worte richtete. Das zahlreiche Erscheinen, so sagte er u.a., zeige das große Interesse, das die Döbelner Jugend der neuen deutschen Jugendbewegung entgegenbringe. Er rief ihr zu, mitzuhelfen am Wiederaufbau Deutschlands und den Weg zu gehen, den ihr der Leiter des sächsischen Jugendbewegung jetzt weisen werde.

arauf ergriff Hermann Axen vom Landesjugendausschuß Dresden das Wort. Er sprach von der Not unseres Volkes, von der in zertrümmerten Großstädten lebenden Jugend und von den grausamen Spuren, die dieser unsinnige Krieg hinterlassen habe. Schon darum, daß wir hier in einem schönen Saale sitzen können, so fuhr er fort, beneide uns die in den Kellerlöchern ausgebombter Städte hausende Jugend. Diese unschuldig betroffenen Jungen und Mädel gelte es zu helfen, ein neues Leben aufzubauen. Die Hilfe aber müsse von denen kommen, die noch etwas haben, und das seien wir. Die von der HJ enttäuschten und betrogenen Jugendlichen bezweifelten nun, daß die neue Jugendbewegung etwas esseres bringe und glaubten, daß das, was früher braun gewesen, nun rot sei. Nein, so betonte Axen, so ist es nicht, sondern was die Jugend will und was ihr entspricht, das soll sie haben. Was man aber heute nicht tue, das räche sich morgen bitter. Der Jugendausschuß trete nicht mit großen Versprechungen an die Jugend heran. Wolle sie wieder wandern, musizieren usw., dann müsse sie sich das erarbeiten. Aber noch auf einem anderen Gebiete habe die Jugend alle Kraft aufzuwenden, und zwar auf dem der Volkssolidarität. Sie könne helfen, indem sie Bastelstuben errichte und Sammlungen durchführe, gar nicht zu reden von den vielen anderen Möglichkeiten, die es in Hülle und Fülle gebe.

Wir wissen, so hob Genosse Axen hervor, nachdem er auf die kulturelle Arbeit der Jugend hingewiesen hatte - daß viele von Euch der HJ angehörten, daß sie sich dort kameradschaftlich und sportlich zu betätigen suchten und ihre Heimabende aufzogen. Wir weisen sie nicht ab. Sie gehören zu uns! Die Jugend von Döbeln wird nicht zurückstehen, wenn wir sie zur Mitarbeit am Aufbau Deutschlands rufen, denn Einheit ist unsere Kraft und ein besseres Leben unser Ziel!"

(...) Dann wurde gefragt und geantwortet. Jugendgenosse Fleckeisen vom Orts-Jugendausschuß Döbeln ging dabei des näheren auf die Fragen ein. Er sprach über den Beginn der Bastelstunden, kündigte das Erscheinen einer Jugendzeitung an und verwies auf die guten Fachkräfte, die als Lehrer bei Sport, Spiel und Tanz zur Verfügung stehen. Er betonte aber auch, daß die neue deutsche Jugendbewegung an keine Partei gebunden sei und auch keine Mitgliedsbeiträge verlange, sondern einzig und allein sich den ihr gestellten Aufgaben widme. Aufmerksam waren die Jungen und Mädel den Ausführunegn gefolgt. (...) Den Ruf "Jugend hilft der Jugend" aber werden die Döbelner Jungen und Mädel nicht ungehört verklingen lassen. ("Sächsische Volkszeitung", Januar 1946)

"Freie deutsche Jugendbewegung" und "Kinderland"

Die Jugendausschüsse betreuen, wie der Landesausschuß Sachsen mitteilt, nicht nur die Jugendlichen im Alter von 14 bis 21 Jahren, sondern auch die kinder im Alter von 6 bis 14 Jahren. Selbstverständlich ist diese Betreuung keineswegs eine Beeinträchtigung der schulischen Erziehung der Kinder. Niemals dürfen Gegensätze und Kompetenzstreitigkeiten zwischen Schule und Kinderbewegung der Jugendausschüsse entstehen.

D
ie Jugendbewegung der schulentlassenen Jugend nennt sich "Freie Deutsche Jugendbewegung", die Kinderbewegung führt den Namen "Kinderland"

Die Aufgaben der Jugendausschüsse

ist es, durch die Kinderlandbewegung den Teil der heutigen Jugend in einem jugendgemäßen, dem neuen Deutschland entsprechenden Lebensstil zu erzeihen, der weniger nationalsozialistisch verseucht ist als die heutige Jugend im Alter zwischen 14 und 21 jahren. Das freie demokratische Deutschland benötigt neue Formen und neue Wege für eine demokratische Jugenderziehung. Die Jugendausschüsse müssen es deshalb als eine ihrer dringendsten Aufgaben betrachten, die schulpflichtige Jugend zu erziehen, die die spätere Freue Deutsche Jugendbewegug bilden soll. Diese Aufgaben sind im wesentlichen folgende:

1. Durch eine die Familien- und Schulerziehung ergänzende Bildung in Kindergemeinschaften, die Jungen und Mädchen freiwillig gemeinsam besuchen, die jungen Menschen zu freiem, selbstständigen Denken und demokratischer Lebensart heranzubilden.
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. Erfassung und Bildung pädagogisch befähigter antifaschistischer Kräfte aus allen Volksschichten und Altersgruppen als Jugendhelfer.
3. Gesundheitliche Förderung der Kinder auf jede Art, besonders durch Spiel, Sport, Wanderungen, Wochenend- und Ferienfahrten.
4
. Schaffung von Kinderbüchereien mit gutem Lesestoff, Sammlung und Neuanschaffung von Spiel-, Sport- und Liedmaterial.
5. Großzügige Veranstaltungen von Kinderbelustigungen wie Puppen- und Märchenspiele.
6. Mitwirkung und gestaltung des Kinderfunkes und Kinderfilmvorführungen.
7. Organisierung und Mitwirkung bei Kinderfesten der Behörden und antifaschistischen Organisationen.
8. Verständnisvolle Zusammenarbeit mit den städtischen Behörden, Kulturorganisationen und politischen Parteien.
9. Vermittlung praktischer Anregungen für kunstgewerbliche Arbeiten zur Herstellung von kindertümlichen Spielen, Fest- und Feiermaterial.
10. Bekämpfung aller aus geschäftlichen Gewinnabsichten entsprigenden Einflüsse auf die Kinder.

Die Hauptpunkte demokratischer Jugenderziehung sind folgende:

Das Kind soll zur Freiheit erzogen werden. Das Ideal der freien demokratischen Lebensart und die Arbeit im demokratischen Vaterlande sollen als höchstes Lebensideal bejaht werden.

Das Kind soll aufgeschlossen an Geist und seele, durch Gewöhnung an klare Fragen und präzise Antworten selbstständig sein, sich logisches Denken aneignen und damit die Wahrheit erkennen und schätzen.

Das Kind soll die Achtung vor dem gesellschaftlichen Wert jeder nützlichen Arbeit gewinnen. Es soll die Arbeit nicht als unbequeme Last, sondern als Lebensaufgabe anerkennen.

Das Kind soll eine natürliche, anständige Haltung erwerben, Roheit, Überheblichkeit, Selbstsucht verabscheuen, Achtung vor Schwachen und Hilflosen zeigen.

Das Kind soll zur freiwilligen, aus der Überzeugung entspringende Einordnung in die Gemeinschaft erzogen werden, zur Achtung jeder höheren Leistung als Überlegenheit und Autorität.

Jungen und Mädchen wachsen gemeinsam heran. Zur gegenseitigen Achtung ihrer besonderen Eigenschaften und Fähigkeiten soll sich ein harmonisches Zusammenleben als Voraussetzung für eine soziale Gemeinschaft entwickeln.

Das Kind soll Freude an einem gesunden und sauberen Körper haben, denn nur in ihm kann sich ein gesunder Geist entwickeln.

Das Kind soll zu Mut, zur Furchtlosigkeit und zum Selbstbewußtsein erzogen werden. Willenskraft, Unerschrockenheit und Selbstvertrauen schaffen den sozialen Fortschritt der Völker. 

Das "Haus der Jugend"

Die schon vor 1933 mit der Geschichte der Döbelner Arbeiterbewegung eng verknüpfte "Muldenterasse", die in Nazi-Deutschland unter dem Namen "Deutsches Eck" als HJ-Heim diente, hatte am Sonntag einen großen Tag. Diese Stätte wird von nun an das "Haus der Jugend" sein. In einer schlichten, aber würdigen Feierstunde erhielt es seine Weihe. Festliche Musik des Städtischen Orchesters unter Martin Richters Leitung und lebensnahe Rezitationen von Genossen Käbisch und Wilfried Berthold begannen den Sonntagmorgen. Der Jugendleiter Fleckeisen begrüßte die Jugend, die Vertreter der Behörden, der Parteien, der Gewerkschaften, der Kreisjugendleitung und der Kirchen. Er dankte für die Mitarbeit und Unterstützung und bat die Parteien und Organisationen, auch fernerhin am Auf- und Ausbau der Jugendorganisation mitzuhelfen. Sämtliche Städte des Kreises Döbeln sind bereits im Besitze eines Jugendheims.

Auch Ober-Bürgermeister Dietze sprach zu den Jungen und Mädel. Diese Stätte, so sagte er u.a., habe nichts mehr gemeinsam mit Kadavergehorsam, Kasernenhofton und Trommelwirbel zur Wehrertüchtigung, sondern hier werde eine Erziehungsarbeit geleistet, die friedliche Ziele verfolge. Er übergab das Heim im Namen des Stadtrats zu Döbeln, der Freien Deutschen Jugend, um bei dieser Gelegenheit an die Jungen und Mädel die Bitte zu richten, mit dafür zu sorgen, daß dieses "Haus der Jugend" die Bestimmung erhalte, die ihm zugedacht sei, nämlich der Erhaltung des Friedens zu dienen und eine frohe, aufgeschlossene Jugend zu schaffen, die später einmal der Träger unseres Staates sein werde.

Nachdem die Jugend dem Oberbürgermeister für seine Unterstützung durch Überreichung eines Straußes zarter Frühlingsblumen gedankt hatte, streifte Waltraud Koch von der Kreisjugendleitung die Erziehungsmethoden des "Dritten Reiches", um dann den Versammelten zuzurufen: "...wir Jungen und Mädel sagen frohen Herzens Ja zu neuen Gemeinschaft der Jugend. Wir sehen in unseren Heimen keine Kasernen, sondern Kulturstätten, die uns auch Raum für frohe Zusammenkünfte bieten." Ihren Grüßen und Wünschen, die sie von der Kreisjugendleitung überbrachte, schloß sich auch Herr Backofen (LDP) an, der als Vertreter der demokratischen Blockparteien sprach und dabei seine Freude Ausdruck gab, daß durch die Bemühungen der Stadtbehörde der Döbelner Jugend dieses schöne Heim zur Verfügung gestellt werden konnte. Die Freischütz-Ouvertüre bildete den Abschluß der Feier. Die Jugend führte dann ihre Gäste durch das Haus, um ihnen all die einladenden Räumlichkeiten, wie gast-, Lehr- und unterrichtszimmer, Tagesraum, die Sitzungszimmer der Sport-, Musik- und Literaturgruppen, Nähstube usw., zu zeigen. Natürlich fehlt es auch nicht an einer geräumigen Turnhalle und herrlichen Terasse, auf der sich am Sonntagnachmittag zum erstenmal seit langer Zeit wieder nach dem voraufgegangenen Konzert der Kapelle Küchenmeister ein frohes, buntbewegtes Bild bot, um um das sich die einzelnen Abteilungen der FDJ, insbesondere aber die Laienspieleschar, recht verdient machten. Am Abend spielten dann die "Nossener Spatzen" im Saale des Heims zum Tanz auf, der allen Teilnehmern noch manche frohe Stunde bereitete.

Aus "Leipziger Volkszeitung" März 1946
 

Die Freie Deutsche Jugend als Initiator und Triebkraft in der Region:
Entstehungsgeschichte der FDJ im Kreis Döbeln bis 1950

Im Juli 1945 konnte nach einem Erlaß der damaligen Militär Administration die antifaschistisch demokratische Jugendorganisation geschaffen werden.

In Döbeln wurde damit Walter Käbisch und Alfred Fleckeisen durch die Partei beauftragt. Nach der Gründung in Döbeln folgten später die Städte Hainichen, Leisnig, Waldheim und Rosswein.

In Döbeln wurde ein Jugendkomitee geschaffen. Den Vorsitz hatte H. Schäfer und H. Werner (jetzt Döbeln Muldentalsiedlung): Ihm gehörten weiter F. Westin, W. Müller, J. Mucha (CDU) jetzt Westberlin, u.a. an. Die Jugendlichen trafen sich monatlich einmal in der Bürgermeisterei, jetzt FDGB-Haus. Es wurde über die Zukunft der Jugend dieskutiert, gesungen, vorgelesen, rezitiert, Gesellschaftsspiele u.a. durchgeführt. Im März 1946 wurde auf Erlaß der SMAD die Jugendorganisation gebildet. Das 1. Treffen in Brandenburg an der Havel war im April 1946. Es war die Geburtsstunde der FDJ. Den Vorsitz übernahm Erich Honecker.

Von Döbeln waren 2 Mädchen in Brandenburg, vom Kreisrat deligiert. Da die damalige Ost-Zone in Länder gegliedert war, gehörte Döbeln zum Landesverband Sachsen. (Thüringen, Brandenburg, Preußen-Berlin.) Noch im Mai 1945 konstituierte sich der Landesverband Sachsen in Dresden. Die Vertretungen der zugehörigen Kreise trafen sich in Dresden, Vorsitz hatte W. Zschaile und Herman Axen. Dabei wurde für jeden Kreis ein Arbeitsgebietsleiter eingesetzt, im Kreis Döbeln Alfred Fleckeisen, Jugendsekretär der KP und zugleich Stadtjugendleiter der Stadt Döbeln. Für die Kreisstädte wurden aus den Jugendausschüssen heraus ebenfalls Stadtjugendleiter gewählt. Diese Stadtjugendleiter hatten die Aufgabe in den zu den Stadten gehörenden Dörfern und Betrieben FDJ-Gruppen zu bilden (Hainichen – Heinz Dittrich, jetzt Bürgermeister von Döbeln), (Leisnig – Horst Arnold).

Döbeln bildete eine Kreisarbeitsgebietsleitung, die aus den Stadtjugendleitern bestand. Der Genosse Alfred Fleckeisen war für den gesamten Kreis verantwortlich. Das Büro befand sich in der jetzigen SED Stadtleitung. Als Sekretärin war als einzige M. Winkler tätig. Sie ist heute Professor für Germanistik in Berlin. Sie war gleichzeitig Kassiererin. Der Mitgliedsbeitrag betrug monatlich 0,10 M: Das Gehalt von 150,-M zahlte die Stadt. Im Laufe des Jahres wurde das Büro verlegt, in das jetzige Blumen ABC, ehemals Fahrrad-Krause.

Zum Arbeitsgebiet kam eine Kulturleiterin für das gesamte Kreisgebiet, Lore Ampft, ebenso wurde eine Abteilung Schulen – Hochschulen gebildet, Leiter Alfred Fleckeisen. Das Mobilar aus einem Schreibtisch, einem Tisch und von aus Gaststätten geliehenen Stühlen. Die Stadtleitung in Döbeln wurde erweitert durch ehemalige Mitglieder der FDJ, H. Müller, G. Brautsch, G. Weitz, F. Westin, J. Mucha, W. Kosack, W. Roitsch, W. Paul u.a.

Döbeln wurde aufgeteilt in Döbeln-West mit Keuern, und Großbauchlitz und Döbeln Mitte, die Schulen: Kaufm. Berufsschule, Landwirtschaftschule, Oberschule, Lehrwerkstatt DBM. Es wurden Straßenkassierer eingesetzt. Im Frühjahr 1947 wurde wieder umgezogen zur Wanderherberge Uferstraße, doch nur kurze Zeit. Später wurde der FDJ die Gaststätte Muldenterasse als Jugendheim übergeben. Wir zogen in den Seitenflügel des Jugendheimes. Nachdem die Organisationsformen aufgebaut waren, gab es eine Fülle von Aufgaben. Örtliche Ferienspiele für Kinder, wo es täglich ¼ Liter Milch und ein Brötchen, sowie Bonbons gab. Die Gründung von Dorfjugendgruppen und Betriebsjugendgruppen wurde beschlossen. Die Bürgermeister der Dörfer luden die Jugend ein. (Auflage) Versammlungen zwecks Gründung der Gruppen wurden abgehalten. Die Betriebsleiter taten dasselbe. Die Mitgliederwerbung begann sehr zögernd, da die Jugendlichen nicht wieder so etwas wie die Hitlerjugend erleben wollten. Auch machte sich der Einfluß der ehemaligen Hitlerjugendführer im ganzen Kreisgebiet bemerkbar. Sie wurden zu Aussprachen eingeladen oder in ihren Wohnungen aufgesucht. Der Wehrwolf mußte ebenfalls bekämpf werden. Der Führer der Gruppe war der inzwischen an der Großbauchlitzer Schule Neulehrer gewordene W. Schipke. Mit seinem Bruder und dem Kaufmannssohn Pieper, Bäckerstraße, hatte er ein geheimes Waffenlager im Scheergrunder Wald angelegt.

Trotzdem gab es im Kreisgebiet bis Ende 1946 bereits ca. 900 Mitglieder der FDJ. Im Stadtgebiet Döbeln gab es eine Laienspielgruppe, einen Chor, eine Tanzgruppe und eine Instrumentalgruppe. Durch die Schul- Bank und Bodenreform ergaben sich weitere Aufgaben. Die Werbung für Neulehrer war im ganzen Kreisgebiet zu betreiben. Die Oberschulen Döbeln, Waldheim und Leisnig waren besonders zu betreuen, denn dort waren die privilegierten Schichten mit 98% vertreten. Durch die Bankreform hatten die Eltern dieser Kinder kein Geld mehr, Arbeit war für sie meist ungewohnt, sie hatten keinen Beruf. Diese Eltern stellten nun Ansprüche auf Stipendium. Es gab viele Auseinandersetzungen und Beteuerungen, alle waren ja so „unschuldig“.

Die Anträge mußten bearbeitet werden. Es gab Aussprachen über Ablehnungen und Beschwerden. Die Mitarbeiter in der Stipendiumkommission an der Universität in Leipzig brachte ebenfalls viel Arbeit. Dazu kamen Versammlungen, Veranstaltungen, Aussprachen und Werbung von Mitgliedern in allen Schulen.

Die Büchereien in den Schulen wurden durch eine Kommission überprüft, faschistische Literatur wurde ausgesondert. Schulbegehungen schlossen sich an, denn es gab oft große Mißstände baulicher Art. Eine weitere Aufgabe war die Betreuung der Flüchtlingslager im Kreisgebiet durch FDJ und Volkssolidarität. Der Kamerad Fleckeisen war Mitglied im Kreisausschuß der Volkssolidarität. Viele elternlose Kinder mußten in Heimen untergebracht werden. Die größte Aufgabe und 1. Bewährung war während der Bodenreform zu vollbringen. Auch der Kamerad Fleckeisen war Mitglied der Kreisbodenkommission. Mit Ratsmitgliedern und der sowjetischen Kommandantur wurden die enteigneten oder verlassenen Güter aufgeteilt. Wir waren oft sogar nachts in den Dörfern und auf den Feldern, um Land auszumessen. Neubauernäuser sollten gebaut werden. Aus Abbruch auf den Dörfern entstanden mit den FDJ Gruppen die ersten Neubauernsiedlungen. Dann aber reichte auch das nicht mehr. Es fehlte an Ziegeln, denn die Ziegeleien des Kreises konnten ja wegen Kohlemangel nicht voll produzieren. Da entstand die Aktion: „Ziegel aus der zerbombten Stadt Chemnitz für die Neubauern“. Mit diesem Werk der Jugend in Chemnitz wurden viele Ziegel geborgen. Über Sonnabend – Sonntag wurde abgefahren und auf dem Bahnhof verladen. In Zusammenarbeit mit der Reichsbahn wurden Waggons bereitgestellt. Mit drei bis vier Zugmaschinen und Hängern der Volkseigenen Güter des Kreises fuhren 20 bis 25 Jugendliche nach Chemnitz, übernachteten in der Jugendherberge Küchwald, heute Zentralstation für Junge Touristen „Junge Garde“ und ein paar Mädchen kochten und richteten das Essen her. Es gab oft nur gekochte Kartoffeln mit Quark, Graupen mit Freibankknochen o.ä. Trotzdem war die Stimmung gut, denn zu Hause gab es oft nicht mal das zu essen.

Die Neubauern welche Ziegel bekamen wurden angesprochen, die Lebensmittel zu stellen. Die Oberschulen von Döbeln und Waldheim, Lehrwerkstatt Döbeln, Dorfgruppe Ostrau, Neudorf, Limmritz, und Kreisrat stellten meist die Arbeitskräfte. Auf diese Weise sind über 2 Millionen Ziegel in das Kreisgebiet gekommen. Im Jahr 1947 folgte noch die Brennholzaktion Hoyerswerda. Ein Kommando von 10 Jugendlichen schlugen 5 Waggons Brennholz aus dem abgebrannten Wald bei Hoyerswerda. Das Holz wurde an alte bedürftige Leute verteilt.

Anfang 1947 kam ein Hilferuf der FDJ und der Forstwirtschaft Suhl, „Borkenkäferaktion“. Große Teile des Waldes waren befallen. Die Stadtgruppe Hainichen stellte 15 FDJ-Mitglieder dazu ab. Die Kameraden erhielten neben Lohn und Verpflegung Brennholz als Deputat.

Das Brennholz wurde in Nutzholz umgetauscht, nach Gersdorf bei Roßwein gebracht und später zu Bauholz für den Töpelwinkel geschnitten. Das erste Jugendobjekt wurde im Juli 1947 begonnen, der Bau einer Jugend- und Wanderherberge im Töpelwinkel. Die Chronik des Heimes gibt heute Auskunft über den Werdegang des Heimes bis zur heutigen Station Junger Touristen der jungen Pioniere. Die gesamten FDJ-Gruppen des Kreises waren bei der Erstellung des Objektes Töpelwinkel mittelbar oder unmittelbar beteiligt. Den Erlös von kulturellen Veranstaltungen spendeten die Gruppen für den Bau, Arbeitseinsätze wurden übernommen, Materialsammlungen wurden durchgeführt. Junge Künstler des Kreises organisierten eine Bilder- und Kunstausstellung im Jugendheim Döbeln. Der Erlös kam ebenfalls zum Bau des Töpelwinkels. Auf diese Weise wurden ca. 60.000 Mark aufgebracht. Inzwischen war die Arbeitsleitung immer größer geworden, das Werk der Jugend übernahm der Kamerad w. Kossak. Die Abteilung Kinderland wurde gegründet, dafür gab es zwei Planstellen. Woher aber das Geld nehmen? Der Landesverband Dresden konnte nicht helfen. Die Betriebe wurden wieder aufgerufen, laufend einen monatlichen Geldbetrag zu spenden, damit die FDJ-Kameraden ihren Lohn bekommen konnten.

Im Herbst 1947 war die 1. Kreisdelegiertenkonferenz der Freien Deutschen Jugend, wo die FDJ-Kreisleitung mit einem Kreissekretär gewählt wurde.

1. Kreissekretär wurde Werner Puchta, er kam aus Roßwein. Otg-Leiter und Stellvertreter wurde Horst Graupner Döbeln, Hauptkassierer wurde eine Kameradin aus Gadewitz, Kinderland eine Kameradin aus Meinsberg, Werk der Jugend Walter Kossak, Schulen-Hochschulen Alfred Fleckeisen, Kultur Lore Ampf, Marianne Winkler Sekretärin des Kreisleiters.

1949 wurde auf einer Kreisdeligiertenkonferenz der Kamerad Lux zum 1. Sekretär gewählt, der Kamerad Puchta besuchte die Landesparteischule. Der Kamerad Lux wurde kurz nach 1950 vor einer Verhaftung republikflüchtig (Spionagetätigkeit).

Im September 1948 wurde beim Rat des Kreises ein Kreisjugendamt gebildet, es gab die Referate Jugendhilfe, Jugendschutz, Jugendförderung. Es war notwendig, da sich immer mehr amtliche Jugendfragen ergaben. Wie z.B. Kindergärten, Lehrlingswohnheime, Kinderheime, Jugendherbergen, demokratische Sportbewegung, Lehrstellenvermittlung, Jugendbetreuung u.a.

Der Genosse Fleckeisen wurde von der FDJ als Referent für Jugendförderung für diese Aufgabe verpflichtet.

Nach der Einweihung des Töpelwinkels am 4.3. 1950 nahm als 1. der von Alfred Fleckeisen gegründete Zentrale Pionier-Klampfen- und Gesangschor unter Leitung von Paul Dehnert und Johannes Braun vom Landschulheim Töpelwinkel Besitz. Ein Ereignis, das die Arbeit der FDJ beflügelte, war die Gründung der DDR im Oktober 1949. Der Kreis Döbeln stellte 500 FDJ-Mitglieder zur Demonstration in Berlin.

Die 500 FDJ-Mitglieder stellten sich in dem von der FDJ und der Kasernierten Volkspolizei geschaffenen Stadion. Der Abmarsch erfolgte unter großer Beteiligung der Bevölkerung, mit dem Spielmannszug und wehenden Fahnen zum Bahnhof. Delegationsleiter war Genosse Alfred Fleckeisen. Auf der Ehrentribühne in Berlin war Wilhelm Pieck, Otto Grotewohl, Walter Ulbricht, Wilhelm Külz (CDU), Erich Honecker und viele andere. Es waren die, die die Regierung der DDR ausgerufen hatten.

Auch das III. Parlament in Leipzig 1949 war ein großer Höhepunkt für die Aktivierung der Jugend. Die FDJ war zu diesem Zeitpunkt noch in Landesverbänden aufgeteilt. Erst nach der Gründung der DDR wurde das verändert. Zum 1. Deutschlandtreffen, Pfingsten 1950, waren es 1000 FDJ-Mitglieder, die aus dem Kreis Döbeln teilnahmen.

Von diesem Zeitpunkt an gab es dann keine Landesverbände mehr. Die FDJ wurde in Kreis- und Bezirksverbände aufgeteilt. Der Schwerpunkt der Jugendarbeit wurde auf Schul- und Betriebsgruppen gelegt. Die Arbeit der FDJ wurde tatkräftig durch die Partei der Arbeiterklasse, die Lehrer und durch die Betriebsleitungen der VEB unterstützt. Die FDJ erhielt immer größere Aufgaben und Verantwortung. (Quelle: Die Freie Deutsche Jugend in Döbeln und Umgebung- Das Aufbauwerk der Jugend- private Eindrücke)

Das Landschulheim Töpelwinkel entsteht: Marianne Winkler beschreibt mit eigenen Worten in ihrer Chronik des Landschulheimes eigene Eindrücke aus dieser bewegten Zeit:

Chronik des "Landschul- und Wanderheimes" Töpelwinkel

Nach 1945 waren es viele Jugendliche, welche der Erholung bedurften. Allein im Kreis Döbeln waren es 325, von denen nur ein verschwindend kleiner Teil in den bereits bestehenden Erholungsheimen untergebracht werden konnten. Ein Kamerad unserer FDJ machte sich darüber ernsthafte Gedanken. Er war ein guter Kenner unserer Heimat und machte die herrlich gelegene alte Holzschleiferei in Wöllsdorf ausfindig, um darin ein Erholungsheim unterzubringen. Es war der Kamerad Alfred Fleckeisen, der einige verantwortliche Kameraden des FDJ-Kreisvorstandes und einige Bausachverständige zu einer Besichtigung dieser alten stillgelegten Fabrik zusammenrief.

Die ehemalige Firma Thümmler hatte während des Krieges einen wichtigen Teil ihrer Rüstung nach hier verlegt und Kriegsgefangene der SU, welche hier arbeiten mußten, waren notdürftig auf dem Boden untergebracht. Diese haben auch noch den Flügel, in dem heute die Küche, der Waschraum und der Aufenthaltsraum untergebracht sind, erbaut.

Welcher trostloser Anblick bot sich nun bei unserer Besichtigung! Eine einzige riesengroße Halle, in der altes Geröll wüst durcheinander lag und in der man vom Boden bis zum Dach hinaufschauen konnte. Kamerad Fleckeisen schilderte uns hier begeistert seinen Plan, denn er wußte schon damals, wie das Heim aussehen sollte. Wir konnten es uns allerdings schwerlich fertig vorstellen, doch wir ließen uns von dem Kameraden Fleckeisen, Kreisrat Manneberg und einem Vertreter des Kreisbauamtes überzeugen und faßten den Beschluß, dieses Projekt in Angriff zu nehmen. Die Bauleitung wurde dem Kameraden Fleckeisen übertragen., Herr Architekt Käseberg fertigte den Entwurf zum Bau dieses Heimes an. Zuerst mußte nun die Baugenehmigung eingeholt werden. Diese wurde uns von der Landesregierung Dresden nur mit dem Bemerken erteilt, daß keinerlei Baumaterial zur Verfügung gestellt werden kann.

Aber auch Geld kostet ein solcher Bau. Unser Kreisvorstand war nicht finanzkräftig, und auch unser Landesvorstand konnte keine Zuschüsse gewähren. Doch alles das war für den Kameraden Fleckeisen kein Hindernis.

Am 15. Juli 1947 wurde mit dem Bau begonnen.

Kamerad Fleckeisen suchte sich beim Arbeistamt 15 Jugendliche, welche kriminell belastet waren oder als arbeitsscheu galten und hatte dabei den Gedanken, diese Jugendlichen durch eine derartige Aufgabe wieder in bessere Bahnen zu bringen. Die Leitung dieses Arbeitskommandos wurde Herrn Josef Miksch übertragen, welcher OdF (Opfer des Faschismus) war, als Umsiedler hierher kam und als 1. Baumeister eingestellt wurde. Zunächst wurden natürlich Arbeitseinsätze Döbelner Jugendlicher durchgeführt, die sich auch weiterhin so tatkräftig einsetzten, daß ihre Namen verdienen, genannt zu werden. Es waren die Kameraden Alfred Fleckeisen, Gerhard Brautzsch, Eberhard Mucha, Ernst Wagner, Walter Kossack, Dieter Hoffmann, Irma Becker, Horst Graupner und viele Kameraden der Döbelner Lehrwerkstatt. Aber bals wurde nun zum Bau des Heimes Material benötigt. 65. 000 Ziegel, 250lfm Eisenträger, Treppenstufen und die gesamte Heizungsanlage wurden gebraucht. Aber warum sollen in den zerbombten Städten diese Dinge zerfallen und verrotten? Unsere ständigen Arbeitskommandos wurden nach Chemnitz gebracht und bargen in einem 1/2-jährigen Arbeitseinsatz all das Material, was gebraucht wurde aus den Trümmern dieser Stadt.

Den Kalk zum Bau lieferten zum großen Teil die Kalkwerke Rittmitz und Ostrau - zum großen Teil sogar kostenlos - und den Sand bargen wir aus eigener Sandgrube, die wir am Ufer der Zschopau anlegten. 134 Meter Holz wurden uns durch Kameraden, welche zur Borkenkäferbekämpfung in Suhl weilten, aus deren Feuerholzkontingent zur Verfügung gestellt. Weitere 88 Meter wurden im Forst Kriebstein selbst eingeschlagen und im Sägewerk Geringswalde zu Balken und Brettern geschnitten.

Z
u unserem Bau brauchten wir aber auch noch 800kg Nägel. Doch woher sollten wir diese nehmen? Kamerad Fleckeisen hatte hier eine glänzende Idee. Nach vorherigen Zeitungsnotizen fanden die Einwohner unseres Kreises bei Abholung ihrer Lebensmittelkarten eine große Kiste mit der Aufschrift: "Nägel für den Töpelwinkel" vor und warfen gern die Nägel aus ihrem Haushalt ein. 60 Kilogramm brachte die Sammlung. Für weitere Nägel holten wir uns den Draht aus Spinnereien in Hartha und Mittweida. Doch nicht nur Baumaterial verschlingt ein solches Objekt, sondern auch Riesensummen an Geld. Wo sollte dies nun herkommen? Kein Problem für Alfred Fleckeisen! Er verfaßte gemeinsam mit seinen Mitarbeitern ein Schreiben an alle Betriebe, Geschäfte usw. - Postanweisungen wurden natürlich gleich beigefügt - und der Erfolg, ca 30. 000 DM, wurden auf Grund dieser Sammlung aufgebracht.

Aber auch die FDJ-Gruppen unseres Kreises wurden zur Mitarbeit aufgefordert, da es ja einmal ihr Heim werden sollte. Besonders setzten sich die Gruppen Neudorf, Limmritz und Ostrau ein, sie brachten je reichlich 1000 DM auf, auch die kleine Gruppe des VE-Betriebes Sapotex spendete ca 700 DM. Aber all diese Mittel waren Ende des Jahres 1948 aufgebraucht und der Landesvorstand der FDJ war nicht in der Lage, Zuschüsse zu gewähren. Nachdem das Heim nun zu 70% fertig war, waren wir gezwungen, es zur Einrichtung eines Schullandheimes an den Kreisrat abzugeben. Dieser stellte uns natürlich für unsere geleistete Arbeit noch einige Räume zur Verfügung.

Den Weiterbau übernahmen nun Handwerker der Strafvollzugsanstalt Waldheim, welche zur Abbüßung einer Strafe dort weilten. Alle anderen Handwerker waren mit der Erstellung von Neubauernhöfen beschäftigt.

Nun, lieber Freund, kannst u Dir ein Bild von all dem machen, was die Jugend in vereinter Kraft nach dem verbrecherischen Hitlerkrieg am Neuaufbau unseres Staates für die heranwachsende Jugend durch dieses Heim geschaffen hat. Es soll auch für Dich, wenn Du diese Zeilen liest, ein leuchtendes Beispiel aufopferungsvoller Arbeit für eine friedliche Entwicklung des Ostens Deutschlands und Ansporn zur Mitarbeit sein.

Deshalb achte und ehre die Kameraden, welche für Dich all dieses schufen und sich Tag für Tag für die Erstehung dieses Heimes eingesetzt haben. Ehre sie dadurch, daß Du alles in diesem Heim so behandelst, als wäre es Dein Eigentum. Als Mitarbeiterin des Kameraden Fleckeisen und als Schreiberin dieser Zeilen kann ich am besten ermessen, was hier geleistet wurde. Marianne Winkler

Die Chemnitzer Jugend hilft!

S
eit dem 5. Oktober arbeiten in Chemnitz zehn Jungen und Mädels des Kreises Döbeln, um aus dem Abbruch der zerbombten Häuser Ziegel für das Erholungsheim Töpelwinkel zu gewinnen. Groß waren die zu überwindenden Schwierigkeiten, sei es bei der Beschaffung der Arbeitskleidung oder im Hinblick auf Ernährung und Unterbringung. Es ist selbstverständlich, daß ein so begonnenes Werk nicht von den „schwachen“ Jungen und Mädels allein vollbracht werden kann. Nicht umsonst appellierte der Kreisvorstand der FDJ an alle Gruppen und Spendefreudigen zwecks Unterstützung.

Besonders sind die Chemnitzer Jugendgruppen und der Kreisvorstand der FDJ Chemnitz zu erwähnen, die durch freiwillige Arbeit mithalfen bei der Gewinnung der benötigten 45000 Ziegel. Als die Chemnitzer Kameraden gebeten wurden, sich in die Ziegelaktion einzuschalten, war das für sie eine Selbstverständlichkeit. Und so sah man neulich ein reges Treiben von 80 Chemnitzer Jungen und Mädchen, die bei Musik und Gesang lebhaft an der Arbeit waren. Vielleicht war es die freudige Aussicht, selbst einmal in dem Heim Erholung finden zu können, vielleicht war es der Gedanke, durch geeinte Kraft etwas gutes Gemeinsames schaffen zu können! 5000 Ziegel wurden an diesem Tage abgebrochen und warten nun darauf, abgefahren und im Töpelwinkel verbaut zu werden. (Leipziger Volkszeitung, Oktober 1948)

Not macht erfinderisch: Über Bezugsscheine und mitgebrachte Bettwäsche – Das Landschulheim wird ein Jahr später als geplant eröffnet...

Mangel und Schwierigkeiten

Mehrmals musste die Eröffnung des neuen Landschulheimes Töpelwinkel verschoben werden. So gingen die Arbeiten am Haupthaus nur schleppend voran, immer wieder mangelte es an Baumaterial, vor allem an Holz. Die aufwändigen Baumaßnahmen an der alten Schleiferei benötigten Stahlträger zur Sicherung der Statik und zum Einzug der Zwischenböden. Auch wurde Baumaterial von der Bausstelle gestohlen. Die Eröffnung des Töpelwinkels sollte im Mai 1949 stattfinden, aber beinahe ein ganzes Jahr verzögerte sich die Übergabe. Stück um Stück aber wurde doch ein Ende und damit die Einweihung sichtbar. Konnten sich die Akteure über dieses erreichte Ziel freuen, währt die Freude nicht weit, denn Mangel herrschte allerorten.

So mussten die Kinder und Jugendlichen ihre Decken, ja das gesamte Bettzeug selber mitbringen, oft auch wurde gemeinschaftlich in einem Bett genächtigt, weil eben kein Bettzeug verfügbar war. Wie auch Küchengeräte und Kohle, Holz und der stets gegenwärtigen Kälte in den Zimmern. Not macht erfinderisch, und Mangel nicht immer unglücklich. Alles was verfügbar war, sollte äußerst effektiv eingesetzt werden.

Zeitzeugin und „Akteurin“ des Anbeginns war Brigitte Buchmann, welche ihren Dienst als Wirtschaftsangestellte im Landschulheim Töpelwinkel zu verrichten hatte, kann ein lebhaftes Zeugnis darüber ablegen, wie sich der stetige Mangel auf alle Lebensbereiche auswirkte. So erzählt sie davon, dass Milch und Butter oft Mangelware war und sie selbst mit dem Fahrrad in die Stadt, meist nach Döbeln fahren musste, um mit „Mängelscheinen“, dem Markensystem und Rationskarten einigermaßen und ausreichende Lebensmittel in die Küche des Heimes zu bekommen.

Mit der Unterbringung von „schwererziehbaren“ Mädchen Mitte 1950 wurde der Töpelwinkel zum Mädchenwohnheim und gleichzeitig Ort allerlei Umtriebe. Gleichzeitig musste die Pionierorganisation aus Platzmangel ein Plätzchen im Landschulheim bekommen, der Töpelwinkel war auch gleich das Pionierhaus. Brigitte Buchmann berichtet über die notdürftige Ausstattung der Räume, es fehlte an allen. So auch Stühle, Tische, Sitzbänke, Geschirr, Essbesteck, Bilderrahmen, Hausschuhe, Gardinen etc. Die Mängelliste ließe sich beliebig verlängern. Doch Kreativität und Einsatz aber auch immer mehr Spenden der Bevölkerung linderten die Zustände schon bald. Letztlich muss heute von einer Nachkriegswirtschaft gesprochen werden, zu der uns jegliche Vorstellungskraft abgegangen ist. Die Normalisierung aller Lebensumstände, die Endnazifizierung und ein Neuanfang unter denkbar schlechten materiellen Bedingungen mussten bewerkstelligt und letztlich gemeistert werden. Unterm Strich zog Brigitte Buchmann eine optimistische Bilanz, Not und Mangel konnte die Stirn geboten werden und zufrieden waren die meisten. Not sei, wie sie sagt, der beste Lehrer gewesen, der die Kriegs- und Nachkriegsgeneration ein Vermächtnis auferlegte, dem eigentlichen Grund für die Not, dem Faschismus und Militarismus, nie aus den Augen zu lassen.

Widerstände regen sich gegen den Bau des Landschulheimes: Alfred Fleckeisen, Antifaschist und Initiator des Baus musste Überzeugungsarbeit leisten:

Als sich Ende 1947 der Bau des neuen Landschulheimes im Töpelwinkel abzeichnete, galten Stammtische und öffentliche Schaukästen als Informationsorte. Zettel, Plakate und Handzettel gab es reichlich und darauf die aktuellen Informationen der Stadtverwaltungen sowie der Sowjetischen Militäradministration, welche im Wappenhenschstift der neuen Kreisstadt Döbeln ihren Sitz hatte. Bislang konten die neuen Ortsgruppen der FDJ ihre Informationen nur auf den Versammlungen der Gruppen verlauten lassen, ab 1948 hingen Überall Infoanschläge der FDJ zu dem Projekt "Töpelwinkel", verbunden mit einem Spendenaufruf für Geld- und Sachspenden. Allerdings hatte diese Ankündigung ihren Widerwillen bei Teilen der Bevölkerung zur Folge: Bei einer öffentlichen Anhörung im Gasthof Technitz beklagten sich Wöllsdorfer und Technitzer über die derart vielen Aufrufe, die Zettel und einer nach ihrer Rede "aufdringlichen" Spendenaufforderung der FDJ-Ortsgruppe Keuern-Masten. Übrigens einer von vielen Widerständen, die dem Bau des Heimes entgegenstanden. Jedoch zeitigte der Spendenaufruf einigen Erfolg und Ende 1947 konnten erste Baumaterialien beschafft werden. Ziegelsteine und Schotter wurden durch FDJler aus Chemnitz herbei geschafft, Holzbalken aus nahegelegenen Sägewerken an der Zschopau. Der Transport bot einige Schwierigkeiten, da die Zuwegung zum Töpelwinkel sich in einem erbärmlichen Zustand befand. Nach und nach konnten soviele Ziegelsteine gereinigt und mörtelbar gemacht werden, dass der Bau Anfang 1948 losgehen konnte.

Doch immer wieder regten sich Widerstände in der Bevölkerung ob des Heimes an der Zschopau. Mit der Begründung, das wohl zwielichtige Gestalten dann umgehen könnten und überhaupt: Kann man so abgelegen Kinder unterbringen? Man kann, sagten die Akteure um Alfred Fleckeisen, die die Sache "Töpelwinkel" ins Laufen brachten. Was an Baumaterial herzu gebracht wurde, musste vor Diebstählen geschützt werden. Die große Not und der Mangel an Baumaterialien ließ die Schwelle kriminellen Handelns fallen, obwohl harte Strafen drohten. Die ständigen Diebstähle und Sabotagehandlungen brachten die jungen Arbeiter vor Ort dazu, gleich auf der Baustelle zu nächtigen oder die Kahnwiese als Schlafplatz zu nutzen, um eventuellen Langfingern auf die Schliche zu kommen. Trotzdem ging immer wieder Baumaterial verloren, was den Bau deutlich verzögerte. Überliefert ist außerdem der Diebstahl eines Pferdefuhrwerkes, welches direkt von der Baustelle gestohlen wurde. Letztlich konnte dies den Fortgang der Bauarbeiten nicht aufhalten, der übersprühende Elan vieler Jugendlicher auf der Baustelle vollbrachte beinahe Übermenschliches. Angesichts des Mangels und der Not eine wirkliche Meisterleistung!

Sind Hitlerjugend und FDJ vergleichbar? Öffentliche und nichtöffentliche Debatten, auch von westlichen Medien eröffnet:

Immer und immer wieder verlieren sich Meinungen darüber, wie sehr und deutlich das Wirken, die Symbolik, Rhetorik, Massenaufmärsche und alleiniger Machtanspruch der Freien Deutschen Jugend (FDJ) mit dem Treiben der Hitlerjugend (HJ) und dem BDM (Bund Deutscher Mädel) vergleichbar wäre. Selbst lang eingesessene Historiker wagen sich an eine derart halsbrecherische Lesart, wie eben Fahnenweihen, Massenaufmärsche, Schwüre und zahllose Aktivitäten bei Sport und Spiel, vormilitärischer Ausbildung vermuten lassen. Doch ist das so? Kann man wirklich die FDJ mit der auf menschenverachtenden Ideologie fußende HJ direkt miteinander vergleichen? Bei dieser Fragestellung galt und gilt die nähere Betrachtung der begleitenden Umstände, die Wirren der 20er und 30er Jahre im Deutschen Reich, die dem Lande 20 gescheiterte Regierungen, mehrere Geldentwertungen, Hunger, Massenelend und eine Vielzahl politischer Strömungen und Lager, beginnende Radikalisierung Rechter und Linker, paramilitärische Kampfverbände, Freibündler und eine sich immer stärker organisierende Arbeiterklasse, insbesondere in Sachsen.

Das Deutsche Reich glich einem Tollhaus, einem Vorhof zur Hölle. So eine starke Fragmentierung der Gesellschaft, die für sich in Anspruch nahm, demokratisch zu sein, konnte unmöglich demokratischen Konsen bilden, geschweige denn Lösungen anbieten, um das zerbrechende Deutsche Reich in sicherer Fahrwasser zu bringen. Nur eine Machtelite und ihre Marionetten, die Militärs und die Landesstände, allen voran der mächtige Landadel, eine auf Machterhalt und stetiger Einflußnahme bedachte Finanzelite, gemeinhin Großkapital genannt, eine auf feudale Strukturen aufgebaute Hiarchie, mit König, Kaiser, Hofstaat und Gesindel, mächtiger Industriebarone und zwielichtiger Geldströme, welche an der breiten Masse vorbei gingen, hatte die Fäden der Macht in ihren Händen. Die grundhaften Probleme der Arbeiterklasse, das gravierende Elend derselben und die systembedingten Ungereimtheiten, dem Kapitalismus in seiner menschenverachtenden Ausformung, riefen Arbeiter mitsamt ihrer Kinder auf die Bühne des Handels. Insbesondere die Zentren der Arbeiterbewegung Chemnitz, Dortmund, Plauen, Zwickau und Teile des Ruhrgebietes fanden längst Gehör am großen Oktober in der Sowjetunion. Eine erstarkende Sozialdemokratie wie auch eine sich immer weiter radikalisierende Kommunistische Partei, sorgten denn auch für eine starke Fragmentierung dieser progressiven Strömung im Lande. Dem gleich zogen Kampfverbände radikaler, kaisertreuer und kriegserfahrener Reaktionäre in Straßenkämpfen und bürgerkriegsähnlichen Zuständen gegen die erstarkende Arbeiterbewegung zu Felde. Politischer Mord, Verfolgung, Gesinnungschnüffelei, eine machtlose Polizei und eine ebenso machtlose parlametarische Grundordnung, waren an der Tagesordnung. Für die mittlerweile starke Rechte war das faschistische Italien mit seiner totalitären Ausrichtung, der Ausgrenzung von Minderheiten, Verfolgung von Kommunisten und Sozialdemokraten, Juden, Roma und Zuwanderer aus Nordafrika, zum Vorbild geworden. Ein gewisser Adolf Hitler ergötzte sich regelrecht beim Anblick Mussolinis, dem Duce del fascismo, dem Führer des Faschismus in Italien. Bizarre Formen der Ausgrenzung von Minderheiten, dem offenen Kampf gegen Linke, Kommunisten, Arbeiterräte, Sozialdemokraten, Feministinnen oder Juden, versteckte und offene Judenfeindlichkeit wurden in Männerbünden wie der Thule-Gesellschaft ausgebrütet. Letztere, so scheint es, schuf den ideologischen Rahmen des deutschen Faschismus unter Hitler und Rosenberg. Rassenhass, Gleichschaltung aller gesellschaftlichen Strukturen, einer unsäglichen Propaganda, Diffamierungen einer ganzen Klasse mitsamt ihrer Tradition und Zielsetzung, der geschickten Umerziehung Jugendlicher und Kinder. Aber erst mit Gründung von SS und SA konnte die extreme Rechte, Hitlers NSDAP, Bündische, Volksdeutsche, Freikorps und so weiter ihren Terror auf das ganz Reich ausdehnen. Hitlers Winkelzüge, seine Strategie der völkischen Auslese, sein Hass auf alles Fremde und nicht zuletzt dem Bolschiwismus brachte die zergliederte deutsche Rechte auf Linie im Kampfe gegen den Hauptfeind: die Juden.

Es ist einigermaßen schwierig, in Kürze diese geschichtlichen Prozesse zu beleuchten, die zum Faschismus in Deutschland führten. Genau so ist es mühselig, einen direkten Vergleich faschistischer mit sozialistischen Jugendorganisationen anzustellen. Bei der Recherche dieser Chronik aber konnten immer wieder Töne vernommen werden, welche nahelegten, dass doch vieles im Wesen, Art und Weise der FDJ ähnlich lag wie bei der Hitlerjugend. Doch grundhaft ist so ein Versuch sehr gewagt, wenn nicht gar unmöglich. Der gemeinsame Kampf gegen Faschismus, Militarismus und Totalitarismus einte damals die progressive Jugend und Antifaschismus, Aufbau des Sozialismus sowie die Wahrung des Vermächtnisses der millionen Toten des faschistischen Terrors waren Ziele der Freien Deutschen Jugend. So gesehen verbietet sich ein direkter wie auch indirekter Vergleich; es ist ein sich ausschließendes Begehren, welches Täter und Opfer auf eine Stufe stellt und letztere Hohn spricht. Wie verhöhnend die Nazis letztlich die europäische und deutsche Jugend vergewaltigten zeigen Dokumente der Hitlerjugend, wonach es als eine europäische Sache gelten muss, Deutschlands Vormachtstellung und der Kampf gegen die Judenheit, Bolschewismus, Sozialismus, Kommunisten, Homosexuelle und so weiter wesentlich ist. Dass ausgerechnet Pimpfe, Hitlerjungen, Maiden als Helfershelfer zur Errichtung eines faschistischen Europas ihren Dienst zu tun hatten und dies ihnen auch so eingetrichtert wurde, mit Drill und ideologischer Verblendung zu Hass, Feindschaft, Unterwürfigkeit, Gehorsam, muss als ein ungeheuerliches Verbrechen gewertet werden, schon im wörtlichen Sinne. Die Anstiftung zur Gewalt im Äußeren wie auch im Inneren sollte als ein Verbrechen historischen Ausmaßes angezeigt sein.

Koppel, Riemen, Spangen, Kleiderordnung der HJ und des BDM ähnelten nicht nur derjenigen der sozialistischen und Arbeiterbewegungen, sie sind genau von dort "ausgeliehen" und so massenhaft in Szene gesetzt, beinahe als völkischer Klimbim lächerlich aufgesetzt worden, geschweige denn heldenhaft und progressiv. Nichts von alledem hatte die Jugendbewegung der Nazis zu bieten, sondern Drill und Gewalt, in Wort und Tat, alles zum Ziele, dem Faschismus mit der Waffe in der Hand zu dienen. Genau diese Jugend sollte auf den europäischen Schlachtfeldern elende verbluten, Hitlers Wahn Ausdruck geben. Wenn also ein Vergleich, dann nur optischer Art. Man sollt es als ein Wagnis belassen und die Freie Deutsche Jugend nicht länger als Rad eines Unrechtsregimes betrachten. Das Verbot der Zeichen der FDJ setzt praktisch automatisch den Vergleich mit dem Hitlerregime und seiner HJ voraus, was aber historisch gesehen völliger Unsinn ist.

Zeitzeugen erinnern sich: Gerhard Brautzsch ist einer der Akteure, die sich fanden, um im Töpelwinkel ein Wanderheim zu errichten. Seine Version des Aufbaus finden wir in einem Brief, welcher am 28. Dezember 1968 an die Redaktin des Rundfunks der DDR geschickt wurde. Wir lesen:

Lassen Sie sich zurückführen in das Jahr 1945.

Ich selbst bin gebürtiger Leipziger, aber durch verschiedene Umstände, u.a. durch die Bombardierung der Wohnung meiner Eltern im faschistischen Krieg, wurde Döbeln meine zweite Heimat.

Al
s ich im Herbst 1945 aus amerikanischer Internierung nach Döbeln zurückkehrte, wurde ich nach einer kurzen Beschäftigung in der Döbelner Zuckerfabrik Neulehrer in Döbeln. Kurz nach meiner Anstellung im März 1946 gründete ich in Döbeln die FDJ mit. In der Kreisleitung der FDJ wurde ich ehrenamtlicher Sekretär des Sektors "Schulen und Hochschulen" und bekam mit als einer der ersten 40 FDJler als Auszeichnung für gute Arbeit ein Blauhemd. Im Jahr 1947 fand in Dresden eine Landesdelegiertenkonferenz statt. Als Fahnen hatten wir damals blaue Fahnen ohne Emblem, aber das Abzeichen der FDJ trugen wir bereits. Im Gegensatz zu den heutigen Abzeichen war der untere Teil rund.

Nach kurzer Besprechung mit meiner Frau, die ebenfalls dem Jugendverband angehörte, beschlossen wir, daß ich mit einer FDJ-Fahne, aber mit Emblem nach Dresden fahre.

Ein KLeid mußte daran glauben. Die Buchstaben und die aufgehende Sonne schnitt ich erst aus Zeitungspapier aus, um das richtige Größenverhältnis zur Fahne gefühlsmäßig zu ermitteln. Dann wurde der Stoff zerschnitten und meine Frau nähte mit der Nähmaschine das Abzeichen auf beiden Seiten auf.

V
oller Stolz hielt ich unsere Fahne, die erste Fahne - zumindest des Landes Sachsen - auf dem LKW, mit dem wir nach Dresden fuhren. Selbst auf der Straßenbahn in Dresden flatterte sie lustig vom hinteren Perron im Fahrtwind. Sie fuhr mit Döbelner FDJlern nach Dresden.

Und immer, wenn wir vereint das Neue schufen, pflanzten wir unsere Fahne auf. Zum Beispiel fuhren wir mit unserer Fahne nach dem damaligen Chemnitz, um an der Aktion "1 Million Ziegel für unsere Neubauern" teilzunehmen und auch Baumaterial für unser großes Unternehmen im Töpelwinkel bei Döbeln zu bergen. In diesem Winkel bauten wir eine alte Fabrik um zu einem Wanderheim. Dort, an einem Knie der Zschopau schufen wir ein Kleinod aus einer stillgelegten Fabrik eines Großkapitalisten. Dort flatterte auch die Fahne, wenn wir in unzähligen Wochenendeinsätzen in schwerer Arbeit die Zementöfen zerschlugen und die Stockwerke einzogen. Von dieser alten Fabrik lege ich Ihnen eine Ansichtspostkarte bei. Auch dazu einige Worte: Zum Bau brauchten wir nicht nur tatkräftige Hilfs- und viele Freunde, nicht nur FDJler machten mit, weil es zu Mittag einen kräftigen Eintopf gab - sondern auch Material und Geld. Aber keiner staatlichen Stelle war damals, 1947/48, trotz guten Willens dazu in der Lage. Wir ließen uns aber nicht entmutigen und sammelten alte, auch krumme Nägel, die unsere Mädels wieder grade klopften. Andere Freunde schlugen im Thüringer Wald anläßlich der Borkenkäferaktion Holz, das wir verbauten oder verkauften. Der Erlös wurde verbaut.

Damals hatte ich noch eine andere Idee. Ich hatte einen Fotoapparat und war seit meinem 16. Lebensjahr ein begeisteter Amateur. So machte ich von der Umgebung und vom Objekt selbst Aufnahmen. Wie Sie aus der beiliegenden Karte ersehen können, haben wir nach meinen Aufnahmen bei der Fa. Krönert in Döbeln im Dezember 1947 je 1000 Stück drucken lassen. Diese Karten haben wir dann verkauft - wir besuchten unsere Funktionäre im Partei- und Staatsapparat. Die Karte kostete 5,- Mark als Mindestpreis. Jetzt ist dieses Wander- und Erholungsheim eine Station der Jungen Pioniere.

M
aßgeblich mitbeteiligt am Bau waren noch die Jugendfreunde und Genossen Marianne Winkler und Alfred Fleckeisen. Dieses Kleinod wäre auch mal einen Besuch von Radio DDR wert, aber im Sommer, wenn alles grünt und blüht. Und wenn Sie sich das einmal überlegen und meine Frau und mich mitnehmen würden, wäre das recht schön (…)

Erste Eindrücke aus dem neuen Landschulheim...

Wir weihen das Schullandheim ein...

Am 20. Februar 1950 zogen wir als erste Belegung im Töpelwinkel ein. Lang vorher freuten wir uns auf dieses Ereignis und wir waren recht betrübt, als unsere Fahrt einge Male verschoben werden mußte. Schließlich wurden wir bis zur Wöllsdorfer Mühle gefahren. Von hier aus mussten wir allerdings die beträchtlich schweren Koffer schleppen. Nur gut, daß wir es richtig eilif hatten, im Heime anzukommen; so kam uns die Strecke nicht allzu lang vor. Das letzte Stück schafften wir noch fast im Dauerlauf.

Über der Eingangstür prangte uns ein Schild „Herzlich Willkommen“ entgegen. Der Heimleiter Walter Prengel, unser Walter, für den wir bald alle begeistert waren, begrüßte uns als erste Klasse im Heim. Die freundliche Einrichtung des Heimes und Fräulein Annelieses gute Verpflegung hatten es uns bald angetan. Viele schöne Erlebnisse gab es nun in unserer Klassengemeinschaft, in die Marianne und Claus- unsere Lehrer Frau Lange und Herr Mende- herzlich mit einbezogen waren. Stunden frohen Spiels oder Unterricht wechselten mit Wanderungen in die reizvolle Umgebung. Daß das Kahnfahren nicht an letzter Stelle stand, könnt ihr euch denken! Das Boot war uns bald so ans Herz gewachsen, daß wir ihm in einer feierlichen Taufe den Namen „Walter“ gaben.

Wie im Fluge verging die Zeit. Für den letzten Tag war nun die eigentliche Eröffnungsfeier angesetzt. Früh schon rollten Autos mit den bekanntesten Döbelner Persönlichkeiten an. Der Autobus brachte die übrigen Gäste heran. Zahlreich waren die Begrüßungsansprachen und die guten Wünsche für das neu errichtete Heim. Auch schöne Geschenke bekam es, ein Bild unseres Präsidenten Wilhelm Piek und ein Radio. Die Kindergarteninstrumentalgruppe aus Hartha die Ansprachen ab. Nun kam unser Programm an die Reihe. In Liedern, Gedichten, Stegreifspielen und Volkstänzen zeigten wir Ausschnitte aus unserem Pionierleben. Wenn wir dabei auch tüchtiges Herzklopfen hatten, so klappte doch alles gut. Am meisten hatte sich Marlies zu sorgen, die die Oberleitung übernommen hatte. Wie freuten wir uns, als unser Schulrat seine Anerkennung für unsere Vorführungen aussprach! Leider mischte sich in diese Freude ein Wermutstropfen, denn wenige Stunden später zogen wir hinter einen Bauernwagen her, der unser Gepäck zum Autobus brachte. Mit unserem Dank an die Heimleitung verbanden wir den Wunsch auf ein baldiges Wiedersehen im schönen Töpelwinkel.

Grundschule Döbeln-Großbauchlitz Kl. 8A

Töpelwinkel!- So schallte es durch drei achte Klassen der Eduard-Feldner-Schule Hainichen, als wir erfuhren, daß wir 14 Tage ins Landschulheim fahren durften. Ein eifriges Raten begann: Wo liegt der Töpelwinkel? Wie wird es dort sein? Die erste Frage konnten wir schnell beantworten; denn die Karte zeigte uns, daß wir bis zur Bahnstation Limmritz fahren mußten. Die Antwort der zweiten Frage können wir jetzt erst geben. Um es gleich von vorn herein zu sagen, Töpelwinkel ist ein Fleckchen Erde, das alle Naturschönheiten in sich birgt. Sei es der herbstliche Misch- oder Laubwald, sei es die umfangreiche Vogelwelt oder seien es die vielfachen Arten von Schmetterlingen, Raupen, Muscheln und Käfer!

Junge Pioniere lieben die Natur! Dieses Gesetz unseres Verbandes war für uns das Leitmotiv während unseres Aufenthaltes. Biologische Unterrichtsgänge führten uns die Natur vor Augen und riefen das Gefühl echter Heimatliebe in uns wach. Wenn wir auch zu Anfang die Wanderungen als Strapazen empfanden, so merkten wir gar bald, wie interessant solch Gänge sind. Sie öffneten uns die Augen für das kribbelnde und krabbelnde Leben, für das so viele bedauernswerte Menschen kein Verständnis besitzen. Damit unser schulisches Wissen nicht ganz in Vergessenheit geriet, erhielten wir am Vormittag drei Stunden Unterricht, bei denen besonders die Beobachtungen der Wanderungen ausgewertet wurden. Daneben erfeuten uns Kahnfahrten und Spiele, die den Rest des Tages ausfüllten. Am Abend vereinten sich die einzelnen Spielgemeinschaften wie Tischtennis, Schach, Dame und Mühle-Spieler. In einem Wettbewerb wurden davon die besten Spieler ermittelt und mit einer Urkunde Ausgezeichnet. So erholten wir uns in abwechslungsreichen Tagen und besonders gutem und schmackhaftem Essen, das die Haushaltkost bei weitem übertraf, sehr gut. Wir können nun nur hoffen, daß am Vorabend der Wahl, die Pläne unseres aufopfernden Heimleiters Walter Prengel in Erfüllung gehen werden. Allen nach uns kommenden Schülern wünschen wir die gleiche Erholung und Entspannung im schönen Töpelwinkel.

Die Klassen 8b, 8d, 8e der Eduard-Feldner-Schule Heinichen, Töpelwinkel vom 2. 10.-14. 10. 1950

Wo sind die Schmuggler?

Ein unheimliches Knistern ließ uns ins Dunkle spannen. Es war ein Pech, daß die Dämmerung so zeitig in den herbstlichen Wald einbrach und jeden Baum als einen Verfolgten darstellte. „ Man sollte eben eher mit dem Geländespiel zwischen Jungen und Mädel anfangen“, berieten sich die Suchenden. Sieh da! Ein Griff nach dem, was sich bewegte! Es war aber nur ein Zweig vom Eichbaum, den wir erwischten. Wir hörten nur noch die schleichenden Schritte und das Knacken der Äste des Entwischten. Nun ging die Wilde Jagd hinter ihnen drein. Wir liefen über Berge und Felder, durch Schluchten und Wälder und bewaldete Berghänge hinunter. Wir sprangen über Quellen und jagten aufgescheuchtes Wild aus seinen Verstecken auf. In der romantischen Wildnis, die der Sturm dorthin gezaubert hatte, schwanden uns die Schmuggler aus den Augen. Sie trugen Ziegelsteine bei sich, die wir ihnen abnehmen sollten. Wir rasteten einen Augenblick und schlossen uns dann einer andern Gruppe an, um den Heimweg anzutreten. Die Dunkelheit hatte nun vollends Besitz ergriffen. Unter großen Schwierigkeiten kraxelten wir einen Berghang hinunter, tasteten durch den Sumpf und gelangten nach langem Umherirren an dem Kahn an. Der Mond ließ sein Antlitz im Wasser aufblinken, und vom anderen Ufer leuchtete uns der Matte Schein einer Stallaterne entgegen.

Schüler der Grundschule Döbeln Großbauchlitz, 16. 10- 4. 11. 1950
Grundschule Polkenberg (6. bis 18. November 1950):

Wie schläft es sich auf dem Oberboden?
Es war am Abend des ersten Tages. Die Zeiger der Uhr standen auf 20 Uhr 30 . Bettruhe sollte herrschen, aber es war gar nicht daran zu denken. Die warnungen der Lehrer und des Heimleiters, unseres „Walters“ genügten nicht, uns zur Ruhe zu bringen. Aller 5 Minuten ging einer austreten. Im Zimmer herrschte ein furchtbares Getobe und schrecklicher Krach. Die wilde Jagd ging von Bett zu Bett unnd schwere Kissenschlachten wurden veranstaltet. Wenn es hieß:“Walter kommt“ war alles ruhig. Ebenso war es, wenn ein Lehrer erschien. War dann keine Gefahr mehr, begann der Krach von Neuem. Ich entdeckte eine schwarze Katze und nahm diese mit zu mir ins Bett. Daraufhin erfolgte neues Gelächter und neuer Krach. Schon kam unser Lehrer herein. Er schimpfte tüchtig und er verwarnte uns zum letzten Male. Eine Weile war es still, jedoch nach kurzer Zeit wurde das Gespräch und das Gelächter über die Katze fortgesetzt. Plötzlich ging die Tür auf „Der, der, der und der, aufstehen!“ Vier Mann mußten sich anziehen und für den Steingarten Steine aus dem Kahn ausladen. Wir kamen herunter und: „Oh, welches Glück, die Tür war verschlossen. Sogleich aber folgte das Unglück. Walter erschien und verfrachtete uns auf den Oberboden mit der Bekanntmachung: „Morgen fahrt ihr nach Hause“. Auf dem Oberboden war es ganz ungemütlich. Die Turbinen des nebenangebauten Elektrizitätswerkes, der auf das Dach tropfende Regen, der Wind und die Kälte ließen uns nicht schlafen. Wir unterhielten uns noch lange und kamen zu dem Ergebnis: Hätten wir keinen Krach gemacht, so brauchten wir auch nicht auf dem Boden zu schlafen und auch nicht nach Hause zu fahren. Wir waren an unserem Unglück selbst schuld. Die Nacht wurde nun so verbracht. Am Morgen weckte uns Walter. Wir alle vier werden diese Nacht nie vergessen. Großes Glück hatten wir noch, denn wir brauchten nicht nach hause zu fahren.

Stalinschule Hartha, Klasse 8a und 8b – Aufenthalt im Landschulheim Töpelwinkel 20.11.50 – 2. 12. 50:

Wir fahren in den Töpelwinkel!- so schallte dieser Ruf durch die beiden achten Klassen der Stalinschule Hartha, als vor einigen Wochen diese Nachricht bei uns eintraf. Am 20. November ging es nun endlich ab. Nach unserer Ankunft erhieletn wir gleich das Frühstück. Nun ging die Zimmer- und Tischeinteilung vor sich. Dabei gab es zuerst einige Enttäuschungen. Viele von uns durften nämlich nicht so zusammen schlafen, wie sie wollten. Die Einteilung erfolgte nach dem Alphabet. Aber schließlich fand man sich doch noch damit zurecht. Auch das „Bettenbauen“ wollte gelernt sein, vor allem brachten es die Jungen noch nicht. So vollzog sich unsere Ankunft.

Jetzt folgte auch der erste Nachmittag. Doch nun die erste Nacht im Heim! Jedes Zimmer glaubte von einem anderen Zimmer angegriffen zu werden. Deshalb rüsteten wir, indem wir Knoten in die Handtücher machten. Aber zu einer richtigen Schlägerei kam es nicht, denn schließlich sorgten unser Heimleiter Walter und unsere beiden Lehrer für Ruhe, indem sei eine Zeit auf- und abpatrouillierten. Lediglich kam es zu einer Handtuchschlacht zwischen „Adenauer“ und Voicht. So schliefen wir dennoch ein.

Daß man es mit der Anreise damals nicht unbedingt bequem hatte, weil die Beförderungsmöglichkeiten nicht gegeben waren, zeigt dieser Bericht:

Hurra, wir fahren ins Schullandheim
Einen Monat vor der Klassenreise
waren wir in der Schule ganz leise.
Keiner wollte zu Hause bleiben
und mit den anderen Arbeiten schreiben.

Unsere große Sorge galt dem Gepäck,
denn am Sonnabend fuhr damit das Auto weg.
Am Montag ging unsere Reise los,
bei allen war die Aufregung groß.

Um halb 10 kamen wir in Westewitz an
und kletterten behend den Spitzstein hinan.
Das Heim zog uns magnetisch hin,
drum liefen wir schnell mit frohem Sinn...

Schülerinnen und Schüler der Grundschule Leisnig, Aufenthalt im Töpelwinkel vom 15. 1. - 31. 1. 1951

Im Töpelwinkel zu Gast

Kurz bevor die Wasser der Zschopau sich mit denen der Ftreiberger Mulde vereinen, stauen sie sich noch einmal. Felsige Steilhänge mit niedrigem Baumbestand bewachsen säumen ihre Ufer. In sanften Hängen neigen sich sattgrüne Wiesen und korngelbe Felder hinunter zur rechten Flußseite, und so entsteht jenes schöne Landschaftsbild, das die Döbelner liebevoll den Töpelwinkel nennen. Fischreich sind die Gewässer der Zschopau, zahlreich das Wild in den Wäldern, und auf den sonnenbestrahlten Flußhängen gedeihen seltene Pflanzen und Moose. Rare Vogelgattungen aller Art, unter ihnen der seltene Fischreiher, nisten und brüten in den Kronen der Birken, Buchen und Tannen, im dichten Gezweig der Sträucher. Doch schöner als ihr Gesang klingt es aus den geöffneten Fernstern des Landschulheimes, das jährlich Tausenden von Kindern auf diesem schönen Fleckchen Erde Freude und Erholung bietet. Und so nimmt es sich nicht wunder, daß wir gern der Einladung folgten, das Pionieremsemble, das hier seine Ferien verbrachte, zu besuchen. Nicht immer war das Landschulheim das schöne, sonnendurchflutete Haus; noch nicht lange erfüllt Kinderlachen seine freundlichen Räume. Seine Geschichte ist wie die Geschichte unserer jungen, sonnigen Republik...

Aus eigener Kraft - für das eigene Glück

Früher eine Holzschleiffabrik, bot auch das Haus im Töpelwinkel jenen trostlosen Anblick unserer durch den Hitlerkrieg verwüsteten und verwilderten Städte und Orte. Im Hauptgebäude, einer ehemaligen Maschinenhalle, waren jahrelang sowjetische Kriegsgefangene unter unsäglich primitiven Bedingungen untergebracht, viehisch zusammengepfercht mußten sie die Drangsalierungen ihrer faschistischen Aufseher ertragen. Die Mauern des Hauses sahen viel Leid und Unmenschlichkeit, bis der siegreiche Vormarsch der Sowjetarmee dem Spuk der faschistischen Macht ein Ende bereitete. Damit begann auch für den Töpelwinkel das neue, glücklichere Leben.

Freunde der Freien Deutschen Jugend erkannten die MÖglichkeit, den Kindern der Werktätigen hier eine Stätte der Freude zu schaffen. Doch traurig war das Erbe Hitler-Deutschlands. Weder Geldmittel noch Material standen zur Verfügung. Aber für die vorwärtsstürmende Jugend gab es nur Schwierigkeiten, um sie zu überwinden. "Nägel für den Töpelwinkel", "Geld für den Töpelwinkel!" Aus vielen freiwilligen Spenden kamen schließlich die ersten 30 000 DM zusammen, rollten die ersten Wagen mit Baumaterial. Hunderte junger Hände bargen Steine aus den Trümmern und begannen mit dem Bau. So wurde aus der ehemaligen Fabrik das Landschulheim.

O Sommerzeit...

Das war so ein richtiger Sommertag, als wir uns auf den Weg machten. Und als wir die Landstraße verließen, in den zerfurchten Feldweg einbogen, der den Ufern der Zschopau entgegenführt, da tönte uns plötzlich Musik und der Gesang vieler Kinderstimmen fröhlich entgegen. Hoch am Mast die Fahne der Jungen Pioniere, grüßte uns das Heim. Doch keine Menschenseele weit und breit. Wir traten in den kühlen schattigen Hausflur. Dort empfing uns Herr Bergmann, der Leiter des Ensembles, und im Namen der Pioniere hieß er uns herzlich willkommen. Als wir ihm erzählten, daß wir eigentlich darauf vorbereitet waren, von einer ganzen Schar Jungen und Mädel begrüßt zu werden, tröstete er uns: "Das Vergnügen werdet ihr noch haben. Aber jetzt sind unsere Übungsstunden, die heute selbstverständlich wie an jedem anderen Tage eingehalten werden. Nun kommt mal mit!" Leise öffnet er die Tür zum Gemeinschaftsraum.

"Haaal! Das Ganze noch einmal von vorn." Chorleiter Braune nimmt wieder am Klavier Platz und sechzig Augenpaare warten gespannt auf sein Zeichen zum Einsatz. Vom Besuch wird vorläufig nur ganz verstohlen Notiz genommen, denn die Disziplin der Probe wird nicht verletzt, selbst dann nicht, wenn der Freund mit dem Photoapparat fleißig Aufnahmen macht. Und das will etwas heißen! Dann klingt es aus sechzig Kinderkehlen, das Walzerlied von der Sommerzeit, ein Lied aus der Sowjetunion:

Es luden zum Ball die Libellen im Walde
Bekannte und Freunde ringsum.
Im Grase versteckt spielte leis eine Geige
manch Walzerlied heidideldum.

Da tanzten die mit Gräselein zierlich
und Bienchen und Schmetterling auch.
Dazu sang das Mücklein, es schwang sein Laternchen
im Dunkel, der Glühwurm am Strauch.
Das Glückskäferlein neigt verschämt daruf sein
Köpfchen und zupfte am Kleidchen noch schnell,
dann tanzt es hurtig, bis ganz außer Atem
es hinsank am moosigen Quell.

Und als es am schönsten war - über Jubel,
da stieg hell der Mond aus dem Tann...
doch durft' er nicht bleiben und kommt nicht zur Erde,
Man sah die Betrübnis ihm an.

Die Gäste, sie tanzten... der Mond zog gar einsam
von hinnen in silbener Pracht.
Im Grase versteckt spielt er lieblich die Geige
noch immer in lauschiger Nacht.
O Sommerzeit, Glück weit und breit,
Wald und Feld singen: Schön ist die Welt.

Es sitzt. Damit ist Schluß der Chorprobe. Jetzt geht es erst richtig los. Frohes Lachen kündet, daß die Musikprobe im Anrücken ist. Da kommen sie herein, die Zehn-, Zwölf-, und Dreizehnjährigen, in der rechten Hand das Notenpult, links das Instrument, Mandolinen und Gitarren, Flöten, Akkordeons und den großen Baß. Schnell und ohne viel Unruhe ist Aufstellung genommen. Jetzt heißt es besonders Obacht geben, damit Tempo und Einsätze von Chor und Orchester übereinstimmen. Der Niederrheinische Bauerntanz klingt auf. Wir haben Zeit, die Gesichter zu beobachten. Mit welchem Ernst und welcher Sammlung sind die kleinen Musikanten dabei. Fleiß, Fleiß und noch einmal Fleiß. Wenn sich dann am Abend des Auftritts der Vorhang schließt und die immer zahlreichen Besucher vor Freude und Dankbarkeit stürmischen Beifall spenden, dann ist das der allerschönste Lohn. Die Probe geht weiter.

Unterdessen schauen wir uns das Heim an. Wie ordentlich und freundlich sind die Schlafräume. Jeden Tag, so berichtet uns die Freundschaftsratsvorsitzende, wetteifern die Zimmer untereinander um die größte Sauberkeit und Ordnung. Das beste Zimmer erwirbt sich damit die Berechtigung zu einer Bootsfahrt auf der Zschopau. Blumen überall auf den Nachttischen, zwischen den weißbezogenen Betten. Verwundert schauen uns die Puppengesichter an, denn diese und jene Puppenmutter konnte sich von ihrem Liebling nicht trennen. Da klingt der Gong durch das Haus. Die Probe ist zu Ende gegangen, der Tischdienst hat den Gemeinschaftsraum hergerichtet, das Essen steht bereit. Verlockend steigt der Duft der gutgekochten Schnittbohnen in die Nase. Aber jetzt heißt es noch warten, bis alles versammelt ist. Die Gespräche verstummen.

Eh' wir unser Mittag essen,
woll'n wir jene nicht vergessen,
die mit Arbeit, Müh und Kraft
unser täglich Brot geschafft,
Setzt euch hin und haltet Ruh,
den Löffel zur Hand - langt tüchtig zu!

Zu den Aufgaben des Tischdienstes gehört es, zu jeder Mahlzeit einen Tischspruch zu machen. Wie man sieht, gelingt es ganz gut. Und nach dem Essen geht alles ins Körbchen.

"Wie eine Gruppe von Berufsmusikern..."Die Großen können den Mittagsschlaf schon einmal verschmerzen und so setzen sie sich zu einem Gespräch zusammen. Schüler der Karl-Marx-Schule, der Schloßbergschule und der Schule Großbauchlitz bilden das gemischte Pionierensemble. Nicht jeder kann ihm angehören. Musikalisch begabt muß er sein und gute Lernergebnisse aufweisen. Das Ensemble hat sich die Aufgabe gestellt, in erster Linie alte, schon in Vergessenheit geratene deutsche Volkslieder und Tänze wieder lebendig zu machen. Daneben hat es ein großes Repertoir von Jugendliedern und Liedern aus den befreundetetn Nationen. Eine Tanzgruppe ist jetzt im Entstehen, acht Paare üben schon fleißig unter der Leitung des Tanz- und Gymnastiklehrers Gruhle, der erst kürzlichst seine Arbeit aufgenommen hat.

Das Ensemble ist eine Art Schule besonderer Art. Abgesehen von den zahlreichen Erfolgen, die es bis jetzt schon errang - vor kurzem konnte es bei den Bezirksausscheidungen der Jungen Pioniere den zweiten Platz belegen -, werden in seinen Reihen die Jungen und Mädchen mit der deutschen Volksmusik vertraut und zu jenen Kräften herangebildet, die später an ihrem Arbeitsplatz die Pfleger und Verbreiter der deutschen Volkskunst sein werden. Hier ist der Boden, auf dem stimmliche, tänzerische, instrumentale Talente wachsen können. Entspricht aber die Sorge, die die demokratische Verwaltung dem Ensemble angedeihen läßt, dem Wert dieser Einheit? Gern würde der Gesangslehrer die Singproben an Hand von Notenblättern durchführen. Es fehlt ihm aber an den nötigen Mitteln und an der nötigen Zeit. Das Orchester spielt größtenteils mit Instrumenten, die das Eigentum der Kinder sind. Scheiden diese aus, wird das Ensemble auch um Instrumente ärmer. Die Orchestergruppe selbst besitzt nur ein Schifferklavier, einen Streichbaß, einige Blockflöten und eine Klarinette, das Freundschaftsgeschenk der Volkspolizei Döbeln.

Dringend fehlen noch Rhythmusinstrumente und ein Schlagzeug. Wie eine Gruppe von Berufsmusikern mußte sich das Ensemble in der Vergangenheit oft durcharbeiten, da es nicht regelmäßige Unterstützung erhält. Viele Auftritte leistete es allein im letzten Jahr. Darunter muß die künstlerische Qualität leiden! 20 DM erhalten die kulturellen Leiter im Monat für ihre anspruchsvolle Arbeit. So hindern die Enge der Mittel und die Knappheit der Zeit die künstlerische Entfaltung aller Kräfte, hemmen die vielfältige Betreuung der über den Durchschnitt Talentierten. Darum müssen sich die Kreisleitung der Freien Deutschen Jugend und die Abteilung Volksbildung beim Kreisrat ernstlich Gedanken darüber machen, wie sie bald und schnell das Pionierensemble auf eine feste finanzielle Grundlage stellen, wie sie die künstlerische und politische Betreuung verbessern wollen.

Eins - und zwei - und drei - und vier...

Unterdessen hab die 95 kleinen Künstler ausgeschlafen. Der Gong holt sie aus den Betten, und schnel wird unter der Pionierfahne Aufstellung genommen und mit einem frischen Lied zum Sportplatz marschiert. Nach den Klängen des Akkordeons macht die Gymnastik Spaß. Beim Kaffee kühlen sich alle genügend ab. Mit Jubel geht es anschließend ins Wasser, und schon sin die Gäste Mittelpunkt heißer Spritzschlachten. Viel zu schnell geht der Tag zu Ende. Man möchte gern noch bei den Jungen und Mädchen bleiben, ihren Liedern zuhören, mit ihnen die Schönheiten des Töpelwinkels durchstreifen, morgen Gast beim Lustigen Lagerzirkus sein und in ihrem Kreis am Lagerfeuer sitzen. Auf Wiedersehen, du schöner Töpelwinkel, Freundschaft, ihr Jungen Pioniere!

Eintönig klappert die Schreibmaschine, reiht Buchstaben an Buchstaben, Wort an Wort. Sonnabend ist es und auf der Straße der Befreiung eilen viele Döbelner, die letzten Einkäufe zu tätigen. Sie streben nach Haus, das Wochenende vorzubereiten. Da erklingt plötzlich Gesang zwischen den Häusern. Ein Lastwagen voll junger, braungebrannter Gestalten, weiße Hemden, blaue Halstücher. Fröhlich winken die Döbelner ihnen zu. (Quelle: "Leipziger Volkszeitung", 23. August 1951)

Landschulheim, Mädchenwohnheim und Pionierhaus...

Mit der Eröffnung des Landschulheimes am 4. März 1950 zogen auch gleich erste Gäste ein, junge Mädchen zuweilen, welche aus den ausgebombten Großstädten kamen und im Töpelwinkel für kurze Zeit ein friedliches Zuhause fanden. Und so ranken sich auch Geschichten aus dieser Zeit, denn wie nicht anders zu verstehen ist, bot die Zeit Lebenshunger zu stillen. Die jungen Damen zogen allerlei Gestalten, meist männliche an. Zeitgenossen erinnern einige Geschehnisse, die wir heute mit Schmunzeln zur Kenntnis nehmen können: So Brigitte Buchmann, langjährige Leiterin des Landschulheims und Augenzeugin eines Vorfalls, welcher ein feuchtes Ende nahm. Mädchen, auf einem Pferdegespann sitzend, frohlockend und scherzend, verloren die Kontrolle über ihren Wagen und rollten die Böschung hinunter zur Zschopau hin. Dies geschah nun in einem beachtlichen Tempo, eine Bremse kam wohl nicht zum Einsatz. So landeten die Mädchen in der kühlen Zschopau. Zum Glück blieb es bei diesem unfreiwilligen Bad in der Zschopau. Dieser und ähnliche Vorfälle häuften sich nun, was die örtliche Einwohnerschaft sehr in Sorge brachte. Mithin mussten einige Mädchen das Landschulheim aus Strafe verlassen. Über die Mädchen selber ist wenig bekannt, nur soviel und ohne Umschweife, dass man getrost von einem schwer erziehbaren Klietel sprechen konnte. Was für sich übertrieben schien, den, wie oben eingefügt, der überschäumende Lebensmut der Jugendlichen und die aufkommende Aufbruchsstimmung kannten kaum Regeln und Gesetze. Meist hatten die Jugendlichen kein Elternteil mehr und waren völlig auf sich gestellt, bis sich eine geeignete Unterkunft und Betreuung fand. Eine beinahe ständige Unterbringung obdachloser Mädchen gab es tatsächlich bis ins Jahr 1953, als die Sowjetische Militäradministration den Wappenhenschstift in Döbeln räumte und diesen für die Unterbringung der Mädchen und Frauen freigab. Überliefert sind einige teils haarige Vorkommnisse in unmittelbarem Zusammenhang mit der Unterbringung der Mädchen.

Die „Leipziger Volkszeitung“ berichtet über das Landschulheim:

Kreisausschuß für das Ferien- und Wanderwerk gebildet

Auf Einladung des Landesvorstandes der FDJ waren die Vertreter der Parteien und Organisationen zur Bildung eines Kreisauschusses für das Ferien- und Wanderwerk zusammengekommen. Nach den Ausführungen über die Aufgaben ergab sich eine rege Diskussion, die das große Interesse weiter Kreise für das Ferien- und Wanderwerk aufzeigte.

Das Ferien- und Wanderwerk des Landesvorstandes der FDJ will alle Möglichkeiten planmäßig ausnutzen. Auch im Kreis Döbeln werden Herbergen geschaffen, u.a. in Wolfsthal bei Roßwein; der Töpelwinkel ist im Sommer schon beziehbar. Auch in der Burg Kriebstein soll eine Herberge eingerichtet werden. Ein Zeltlager für 1000 Junge Pioniere und 500 FDJ-Mitglieder soll in den großen Ferien entstehen. Die Gesetzgebung der DDR bietet viele Möglichkeiten, das Wandern zu pflegen. Deshalb ruft der Kreisausschuß alle Interessenten auf, mitzuarbeiten, um dieses Gesetz zu verwirklichen. Volkskorrespondent Fleckeisen (Quelle: Leipziger Volkszeitung, März 1950)

Landschul- und Wanderheim Töpelwinkel wird eingeweiht

Nach zweieinhalb Jahren Bauzeit kann nun am 4. März das Landschulheim Töpelwinkel seiner Bestimmung übergeben werden. Alle Parteien und Massenorganisationen werden aufgefordert, zur Einweihung des Heimes ihrer Vertreter zu entsenden. Das Heim liegt in einem der schönsten Winkel des Zschopaugebietes und wird ein ideales Wander- und Erholungsziel unserer Kinder und unserer Jugend sein. Die moderne und praktische Einrichtung entspricht allen gestellten Anforderungen, so daß hier unsere Jugend fröhliche und sorgenfreie Stunden verbringen kann. Es ist Gelegenheit gegeben, dieses Heim bei der Einweihung zu besichtigen. Am Samstag, dem 4. März, 9.15 Uhr, fährt an der Jacobikirche (Straßenbahndepot) ein Omnibus der Döbelner Straßenbahn nach Töpeln. Rückfahrt um 13.30 Uhr. (Quelle: Leipziger Volkszeitung, 2. März 1950)

Neues Leben blüht aus Ruinen

Landschulheim im Töpelwinkel wurde seiner Bestimmung übergeben

Vor zweieinhalb Jahren hätte wohl kaum jemand daran geglaubt, daß aus der alten verlassenen Maschinenhalle Niethammers im landschaftlich herrlich gelegenen Töpelwinkel das heutige Landschulheim entstehen könnte. Unendlich viel Fleiß und Mühe waren notwendig, bis das schöne Heim fertig war. Nur wenige FDJ-Mitglieder, ihnen voran Kamerad Fleckeisen, begannen damals aus vier Wänden und dem Dach darauf das neue Heim zu bauen. Keine materiellen Mittel- nur den festen Willen und die Kraft besaßen sie für ihr Werk. Aus den Trümmern von Chemnitz holten sie sich ihr Baumaterial, 70.000 Ziegelsteine, alte Eisenträger, die Heizanlagen und die Treppenstufen. Jugendfreunde, die einen Borgenkäfereinsatz im Thüringer Wald mitmachten, stellten ihr Prämienholz – insgesamt 300 Kubikmeter – zur Verfügung. 30.000 Mark und 60 Kilo Nägel spendete die Bevölkerung. Volkseigene Betriebe übernahmen Patenschaften und halfen durch Materiallieferungen. Während die FDJ-Kameraden durch Arbeitseinsätze über das Wochenende das Werk vorwärtstreiben halfen, standen Bauern der Gemeinde Töpeln, die zumindest mit ihren Geschirren hätten aushelfen können, abseits. Kurz vor der Vollendung waren jedoch die Mittel erschöpft. Der Döbelner Kreisrat übernahm die Fertigstelliung und konnte nun kürzlich in einer Feierstunde das neue Landschulheim, in dem 80 Betten für das eigentliche Landschulheim und 40 für die Wanderherberge vorhanden sind, übergeben.

V
ertreter der Parteien und Massenorganisationen, der Schule, der Industrie und der Verwaltungsbetriebe waren zu dieser Feierstunde in den Töpelwinkel gekommen. Die Pioniere der 8. Klasse der Schule Großbauchlitz, die als erste 14 Tage im Heim verbringen durften, führten Ausschnitte aus ihrer Arbeit auf. Lieder und Rezitationen lösten Sportübungen und kleine Theateraufführungen ab. Auch der letzte der Versammelten mußte erkennen, daß unsere Jugend mit einem neuen Geist an ihre Arbeit geht.

Mit der Errichtung einer Wanderherberge im Landschulheim wurde gleichzeitig eine Forderung des Gesetzes zur Förderung der Jugend in die Tat umgesetzt. Hier werden sich die jungen Menschen die Schaffenskraft holen, die sie zur Erfüllung ihrer Aufgaben brauchen. Kreisschulrad Seidenfaden konnte mitteilen, daß die Gewerkschaft Lehrer und Erzieher dem Heim zur Beschaffung von Lehrmitteln 500 Mark zur Verfügung stellte. („Leipziger Volkszeitung“ März 1950)

Herzlich willkommen“

Die Klasse 8a der Schule Großbauchlitz ist als erste in das neue Schullandheim „Töpelwinkel“ eingezogen. Von ihren ersten Eindrücken in diesem schönen Heim schreiben zwei Schüler:

Mit freundlichen Worten begrüßten uns der Leiter des Heimes und das gesamte Heimpersonal. Über der Eingastür hing ein Schild mit der Aufschrift: Herzlich willkommen! Mit gespannten Erwartungen betraten wir das Heim. Wie freuten wir uns über die blitzblanken Waschräume für Mädel und Jungen und besonders über den Duschraum, dessen Brausen und Badewannen wir von nun an eifrig benutzen. Die Schlafräume sind hell und freundlich mit je 8 Betten und praktische Nachttischen. Das Essen schmeckte allen ausgezeichnet, und bis heute hat uns die Köchin auch noch nicht enttäuscht. Es störte uns anfangs, daß auch eine Schultafel aufgestellt war; aber wir mußten uns überzeugen lassen, daß es ganz ohne Unterricht auch im Landschulheim nicht geht.

Wie im Fluge vergeht die Zeit bei Wanderungen, Betriebsbesichtigungen und anderen gemeinsamen Erlebnissen. Da die ganze Klasse dem Verband der Jungen Pioniere angehört, haben wir uns vorgenommen, das Heim so zu verlassen, wie wir es vorgefunden haben, damit sich noch recht viele nach uns hier wohl fühlen können.

Marlis Hanisch, Georg Schankin, Junge Pioniere der Klasse 8a in der Großbauchlitzer Schule (Quelle „Leipziger Volkszeitung. 7. März 1950)

Frohes Kinderlachen im Töpelwinkel

A
n drei Seiten von Wasser umgeben, in der großen Schleife der Zschopau, lag in einem malerischen Winkel eine alte Holzschleiferei. Seit Jahren war sie stillgelegt, und sie verfiel langsam, bis – eines Tages, es war im Jahre 1947, eine Schar junger Menschen mit dem Aufbau begann; die FDJ wollte ein großes Heim zur Erholung für unsere Jugend bauen. Nichts erinnert den Besucher heute mehr an jene vergangene, trostlose Zeit. Wandert er zum Töpelwinkel, so hört er schon von weitem Lachen und frohe Kinderstimmen. Junge Menschen erholen sich hier mit ihren Lehrern 14 Tage lang und sammeln inmitten der herrlichen Natur neue Kraft für ihre Schularbeit.

Können Sie ganz leise sein? Wir zeigen Ihnen Eisvögel, Fischreiher, Habichte, Füchse und Dachse. Wenn wir Glück haben, sehen wir vielleicht sogar ein Reh. - Dieses Gebiet steht nämlich schon seit Jahrzehnten unter Naturschutz“, erzählt uns der Lehrer. Doch wir folgen nun der fröhlichen Schar unserer Kinder. Sie sitzen gerade beim Frühstück im Speisesaal. Was gibt es hier in einer Gemeinschaft alles zu erzählen! Um 7 Uhr stehen sie auf. Nach dem Frühstück erteilen die Lehrer drei Stunden Unterricht. - Unterricht? - Ja, auch hier wollen die Kinder lernen. „Sie werden erstaunt sein, mit welchem Eifer unserer Kinder arbeiten“. Sagt der Lehrer. Dann ertönt die alte Glocke und ruft zum Mittagessen. Was es alles gibt? So viel, daß wir es kaum bewältigen können, es schmeckt alles sehr gut, erzählen die Kinder.

Nach dem Mittagsschläfchen wandern wir hinaus. Der Spitzstein, die Kapelle in Nauhain, die Papierfabrik in Limmtitz, alle diese Dinge lernen wir kennen. Unser heimatlicher Kreis wird uns nun erst recht vertraut. Müde und mit großem Hunger kehren wir dann abends zurück, und nach erneuter Stärkung mahnt die Uhr 20.30 Uhr, daß es Zeit ist, das Licht zu löschen.

Lauschen wir einmal an den Türen. Oh, was gibt es hier noch alles vom verflossenen Tag zu berichten: die Kahnpartie, das Völkerballspielen und viele andere Dinge.

Denken wir einmal daran: Während sich unsere Kinder hier erholen können, frei von Sorgen und Kummer, werden in einem anderen Lande Kinder durch amerikanische Bomben getötet. Auch in Deutschland möchten jene Kriegsbrandstifter wieder Bomben werfen. Denken wir deshalb bei unserem Kampf um den Frieden an unsere Kinder!

Jugendkorrespondentin Elisabeth Haack (LVZ vom 24. November 1950)

Für den Heimatkundeunterricht und nicht nur für diesen, veröffentlichte Gustav Adolf Kittler, um 1955 Lehrer an der Lessingoberschule in Döbeln, ein kleines aber bemerkenswertes Heftchen mit dem Titel "Lehrpfad im Umkreis des Pionierhauses Töpelwinkel" (1955?), worin die Geologie, Siedlungsgeschichte aber auch historische Bezüge auf das Idyll der großen Zschopauschleife und seiner Bewohner eingegangen wird. Freilich ist der verkürzte Sprachduktus und auch Vorgehensweise gewöhnungsbedürftig. Dafür aber ist uns ein überaus interessantes kleines Werk der Heimatgeschichte überliefert worden, welches an dieser Stelle auszugsweise veröffentlicht werden soll. Wie schon der Titel des Heftchens nahelegt, dreht sich alles um eine Wanderung durch das Zschopautal mit seinen geologischen Besonderheiten...

(...) Hinter Hasennest links um Fabrik!

Dicht dahinter Gebiet des Tonschiefers. Fußweg wieder am Prallhange! Links der Zschopau breite Aue (Gleithang). Vor uns rechts waldbedeckter Hügel: Pfarrberg. Besteht aus Serizitgneis, der nächsten Schicht des Schiefermantels des Granuligebierges (griech. serikon = Seide), nach seinem seidigem Glanze. Ehemals pophyrartiges Erstarrungsgestein, zwischen Schiefern abgesetzt. Kontaktmetamorph verändert. Sehr widerstandsfähig gegen Verwitterung, daher nicht so stark erodiert wie die umliegenden Gesteine und so als Hügel stehengeblieben ("Härtling"). Aufstieg auf Fußweg rechts. Auf Nordseite Steinbrüche. Schichtfallen und - streichen feststellen (Fallen: Nord, Streichen: Ostwest ). Serizitgneis ehemals zu Treppenstufen, Säulen, Platten verarbeitet. Zurück zur Zschopau. Fußweg weiter mach Westen. Am westlichen Ende des Pfarrberges Insel in der Zschopau, dicht vor Wehr. Sie befindet sich genau an der stelle, wo Zschopau ihren Mäanderbogen von rechts nach links verlegt, d.h. dort, wo Heger entstehen müssen. Hier ist der der Heger bis zur Wasseroberfläche gewachsen. Wasserpflanzen haben sich auf Heger angesiedelt, haben bei Hochwasser Schlamm festgehalten und dadurch Heger über die normale Wasseroberfläche erhöht. Dadurch Insel entstanden. Unterhalb der Insel und des Wehres von links durch Wiesen Weg an Zschopau, von Saalbach kommend, in Richtung auf Heger. Vielleicht haben haben auf ihm die Saalbacher Bauern, die Furt überquerend, ihr Getreide in die Wöllsdorfer Mühle gebracht. Der an der Zschopau heute blind endende Weg deutet also auf Furt. Am Wehre Aufstieg auf die Niederterrasse der Zschopau, d.h. in das Bett, das sie während - und schon vor - der letzten Eiszeit (Weichseleiszeit) benutzt hat und in das sie sich nach dieser Eiszeit eingeschnitten hat. Sie liegt heute im allgemeinen hochwasserfrei, kann daher von Siedlungen benutzt werden. Es liegen z.B. darauf: Pionierhaus, Wöllsdorf, Töpeln, an der Mulde: Döbeln, Westewitz usw. Wir können sie daher "Siedlungsterrasse" nennen.

Über die Brücke zum Pionierhaus!

Vom Pionierhaus Umblick: Im Süden allmählicher Anstieg nach Saalbach (275m, d.h. 120m über Zschopau), den Gleithang hinauf. Westlich sehr steiler Hang mit Wald zur Töpelstraße (Rochlitz-Geringswalde-Zschopaufurt-Mochau-Lommatzsch und Meißen). Dieser Hang: Prallhang.

Unterhalb des Pionierhauses: rechts Wöllsdorf, links Töpeln (nicht wie "Töppeln", sondern wie "Döbeln" auszusprechen, nur eben mit T und P). Zwischen beiden Dörfern wieder Seitenwechsel des Stromstriches, daher hier Heger und alte Furt der Töpelstraße (heute Straße verlegt, nach Brückenbau unterhalb Töpeln). Heute statt Furt Kahnfähre. An der Stelle des Hegers zwischen Wöllsdorf und Töpeln vorzeiten starkes Zusammendrängen der aus der Mulde zur Zschopau abschwenkenden Lachszüge. Daher leicher Fang. Beide Dörfer ehemals dem Kloster Buch (unterhalb der Mulde) gehörig als Fischerdörfer. Ausnützung des starken Gefälles der Zschopau: auf der von uns durchwanderten Strecke der Zschopaui sechs Werke, die Wasserkraft ausnutzen (Mühlen, Papierfabriken). Gefälle besonders dann gut auszunutzen, wenn Mäanderbögen durchstochen werden: Mühlgraben solcher Art am Hasennest, westlich Pfarrberg, Töpeln. Der Fluß bekommt damit kürzeren Lauf (schneidet Bögen ab) und erhält damit größere Kraft. (...)

Genau westlich des Pionierhauses wird der Wald frischer, fetter, dichter, im Laube dunkler: er steht auf anderem Gesteine, dessen Verwitterungskrume ihm offenbar zuträglicher ist als der kambrische Schiefer. Es ist der Serizitgneis, dess Lage der Wald also ausgezeichnet andeutet. Das kleine Bachtal, das aus dem Walde kommt, liegt geradwe in der Mitte des Serizitgneisstreifens ( das Bachtal heißt "Rummelloch" ). Den Serizitgneis fanden wir bereits bei unserem Hermarsche zum Pionierhaus. Wir gehen also das geologische Profil jetzt in umgekehrter Richtung ab.

Der Weg führt nun in der Aue hin, auf der Wiese. das ist "gegen die Regel" eines Flußlaufes. Denn die Zschopau müßte hier eigentlich am Waldrand laufen, unmittelbar unter dem Prallhange, der hier aufsteigt. Wahrscheinlich ist der Zschopaulauf hier künstlich verlegt worden. Wenn wir nämlich die Fläche der Wiese betreten, so finden wir ein flaches, heute trockenes Flußbett, das wirklich genau am Prallhange hinläuft. Es wird jetzt vom Bächlein des Rummelsloches benutzt, ist aber das alte Flußbett. Und 150 Meter weiter südlich des Rummelsloches liegt auch ein langgestreckter "Teich". Er ist ein Rest des älteren Zschopaulaufes, ein "Altwasser". Während des Hochwassers strömt die Zschopau immer noch in diesem alten Tale: vom "Altwasser" nach der Rinne des Rummellochbaches, und zwar nach der merkwürdigen Ausbuchtung der Zschopau, genau westlich des Pionierhauses, die uns nunmehr verständlich wird. Vielleicht haben die Bauern, um mehr Wiesenland zu haben, die Zschopau in ihren "unnatürlichen" heutigen Lauf gezwungen. Gegenüber unseres Standortes, jenseits des Flusses, läuft ein ähnliches Trockental durch die Aue. Weiter am Prallhange hin nach Südosten bis zum Altwasser!

Am Altwasser gut zu beobachten, wie die "Verlandung" eines stehenden Gewässers vor sich geht: vom Rande her wandern die Pflanzen in das Wasser. Es gibt solche, die unter Wasser wachsen, dann folgen - nach außen hin - solche, die nur auf dem Grunde wurzeln, ihre Blätter und Sprossen aber über den Wasserspiegel heben, und schließlich solche, die nur nassen Boden haben wollen. Alle fangen den Schlamm auf und tragen so so zur Erhöhung des Grundes bei, der dadurch bis an die Oberfläche wächst. In demselben Maße dringen die Pflenzen weiter nach der Mitte des Altwassers zu.

Aufstieg in dem Tälchen, das beim Altwasser aus dem Walde des Prallhanges heraustritt! In halber Höhe rechts bis zum nächsten, dem Rummelloche und dann Rückweg in das Pionierhaus!

(Quelle: "Lehrpfad im Umkreis des Pionierhauses Töpelwinkel" , Dr. Gustav Adolf Kittler, 1955)

1952 bis 1962

Das Landschulheim als „Mehrzweckeinrichtung“

Im Landschulheim Töpelwinkel wurden nicht nur Kinder und Jugendliche untergebracht, es fanden eine Vielzahl von Lehrgängen und Ausbildungsveranstaltungen statt, wie wir aus den Chroniken zu entnehmen ist. Selbst Qualifizierungslehrgänge für Bürgermeister waren im Töpelwinkel keine Seltenheit:

Qualifizierungslehrgang für Bürgermeister des Landkreises Döbeln im Landschulheim Töpelwinkel vom 16.6. bis 3.7. 1952

In einer Zeit voller politischer Spannungen und grosser Entscheidungen für unser Deutsches Volk wurden wir 22 Kollegen in das Landschulheim berufen, um unser gesellschaftliches und fachliches Wissen zu qualifizieren. Die Fülle der Probleme, die in der kurzen Zeit behandelt wurden, stellten grosse Anforderungen an uns, doch wurde in echter demokratischer Zusammenarbeit mit dem Seminarleiter - auch in freiwilligen Überstunden - von jedem Teilnehmer im Bewußtsein seiner Aufgabe als Verwaltungsfunktionär ein Wissen aufgenommen, das uns befähigen wird, unsere Arbeit in den Gemeinden noch besser und fortschrittlicher durchzuführen. Die herrliche Umgebung in der das Landschulheim liegt und die Ruhe und Abgeschiedenheit sind günstige Vorbedingungen für eine gute Schulungsarbeit. Die gute Unterkunft und Betreuung im Heim sind anzuerkennen und wird der Heimleitung und allen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen sowohl in Küche als auch Internat der Dank ausgesprochen.

Möge das Landschulheim seine Aufgabe als Hort unserer Jugend und des Friedens dieses herrliche Stückchen Erde so wie unserem friedliebenden Volke erhalten bleiben. Für diesen Frieden uns einzusetzen und zu kämpfen wird unsere höchste Aufgabe sein!

Der gesamte Lehrgang“

Oft verbrachten Kinder „ihren“ Aufenthalt im Töpelwinkel gemeinsam mit Erwachsenen, welche hier einen Lehrgang absolvierten:

Grundschule Marbach Klasse 8

Sehr ruhig war es in der Zeit vom 10.11. - 22.11. 52 im Landheim, denn nur 19 Kinder der oben genannten Schule verbrachten diese 13 Tage an den Ufern der im Moment reißenden Zschopau. Zusammen mit 20 Erwachsenen, die an einem Lehrgang für Zirkelleiter teilnahmen, wurden frohe und ernste Stunden verlebt. Der tägliche Unterricht, der sich auf 3 Vormittagsstunden ausdehnte wurde durch eine „Bino-Pause“ unterbrochen, denn dann erhielten wir Fleischbrühe und Semmeln. Zum Ruhme der Küche sei gesagt, daß sie uns daneben auch Kaffee anbot, zeitweise gab es auch Milch. Sehr abwechslungsreich konnten die Tage nicht gestaltet werden, denn das Wetter war miserabel. Nur 3 „schöne“ Tage wurden registriert und die nutzten wir gründlich aus. Neben dem traditionellen Fußballspiel der Jungen ließen sich die Mädel von ihrem Betreuer im Kahn spazieren fahren. Oftmals stellte man fest, daß man 1m vorwärts und 2m zurückfuhr. Die Zahl der Wanderungen blieb natürlich auch beschränkt. Meistens spielten wir im Heim Gesellschafts- oder Brettspiele. Einige zukünftige „Ingenieure“ bauten eifrig Zukunftsmaschienen um nach kurzer Zeit festzustellen, daß Müh' und Plag' umsonst waren.

Was Beköstigung und Betreuung anbetrifft, so glauben wir, uns den schon von früheren Belegungen ausgesprochenen Dankesworten anschließen zu können. Die Köchinnen haben es verstanden, mit den stark gekürzten Rationen schmackhaft und gut zu kochen. Nicht vergessen wollen wir Walter, der es uns ermöglichte, diese frohen Tage hier zu verbringen. Ihm und allen seinen Mitarbeitern wünschen wir für die Zukunft alles Gute und hoffen, daß unsere jüngeren Mitschüler auch einmal in den Genuß kommen können, ihn und „sein Haus“ kennen zu lernen.“

Der streng geregelte Tagesablauf machte wohl einigen Probleme, doch nach kurzer Zeit hatte man sich daran gewöhnt. Jung- und Thälmannpioniere konnten übrigens seit 1951 im Töpelwinkel das Touristenabzeichen in Bronze erwerben. Die Bedingungen waren nicht ganz ohne, galt es doch sich Gelände zurechtzufinden, also den Umgang mit Karte und Kompass zu trainieren, wie auch das Beherrschen einfacher Feuer- und Lagerstätte, das Errichten eines Zeltes oder das Bestimmen von Pflanzen und Tieren. Lesen wir, was Schülerinnen und Schüler der Karl-Marx-Schule Döbeln alles erlebten:

Die Klassen 7b und 7c der Karl-Marx-Schule Döbeln waren vom 24.11.1952 - 6.12.1952 im Landschulheim im Töpelwinkel. Ich glaube, wir alle haben uns auf diese 14 Tage dort sehr gefreut. Die Vorbereitungen nahmen uns ganz in Anspruch, es gab viel zu beraten und zu bedenken. Doch enflich war es soweit. Am 24.11. um 8 Uhr trafen wir uns auf dem Karl-Marx-Platz. Von allen Seiten kamen die Schulkameradinnen und Schulkameraden mit schwerem Gepäck. Bald waren alle beisammen, ein Lastauto, das unser Gepäck befördern sollte, stand auch schon bereit. Die Lehrer, die uns in diesen Tagen im Landschulheim betreuen wollten, gaben noch die letzten Anweisungen, und dann marschierten wir über Masten an Schweta und der Wöllsdorfer Mühle vorbei. Bald waren wir an unserem Ziel.

Zuerst wurden wir Schüler auf die einzelnen Zimmer verteilt, wir packten unsere Sachen aus und richteten uns ein, denn 14 Tage lang sollte ja nun dieses Heim unsere Heimat sein. Gleich am 1. Tage wurde ein Freundschaftsrat gebildet, der mit den Lehrern jeden Abend den Tagesplan für den nächstenn Tag besprach. 6.45 Uhr war Wecken. Es war zwar noch so schön in den Betten, aber es gab kein Erbarmen, denn 7.30 Uhr mußte wir fix und fertig am Frühstückstisch sitzen. 8.10 Uhr war Morgenappell, die Fahne wurde gehißt und der Tagesplan vom Lehrer vom Dienst bekannt gegeben. Vormittags hatten wir 2-3 Unterrichtsstunden. Wenn um 12 Uhr der Gong zum Mittagessen ertönte, waren wir auch schon hungrig, und das stets schmackhaft zubereitete Mittagessen mundete uns immer gut. Von der angeordneten Mittagsruhe waren wir zuerst wenig begeistert, dsoch auch daran gewöhnten wir uns. War die Mittagsruhe vorüber, rief schon wieder der Gong zum Kaffee. Bei schlechtem Wetter setzten wir Pioniere uns zu Arbeitsgemeinschaften zusammen. Es gab die Arbeitsgemeinschaften: Schach, Tischtennis, Touristik, Zeichnen und Musik. Bei schönem Wetter lernten wir die nähere Umgebung des Töpelwinkels kennen und erfuhren, daß dieses Gebiet unter Naturschutz steht. Der Nachmittag verging sehr schnell, wir mußten schon wieder zum Abendappell antreten. Nach dem Abendessen, das es um 18 Uhr gab, hatten wir Freizeit bis zum Schlafengehen oder uns wurden Filme gezeigt. 20.30 Uhr war Bettruhe. Doch ganz so schnell war noch nicht Ruhe im Hause, es gab noch so manches zu erzählen, aber allmählich wurden alle müde und der Lärm verstummte.

Die 2. Woche unseres Aufenthaltes im Töpelwinkel war ausgefüllt mit den Vorbereitungen zur Ablegung des Touristenabzeichens. Wir lernten, wie ein Zelt gebaut, ein Rucksack richtig gepackt, erste Hilfe geleistet, eine Feuerstelle angelegt wird. Wir mußten mit dem Kompaß umgehen können, die Karte einnorden und Tierfährten und Baumarten bestimmen können. Wir machten eine Sternwanderung und eine Nachtwanderung. Auf der Nachtwanderung erschreckten uns sogar einige Geister, die plötzlich aus dem Walde hervorkamen. Fast alle Pioniere der beiden Klassen haben das Touristenabzeichen abgelegt.

Auch sonst wurden uns allerlei Abwechslungen geboten. Einen Abend fand eine Ring-frei-Sendung statt. Am Sonntag kamen die Eltern ihre Kinder besuchen, um zu sehen, wie es ihnen dort ergeht. Wir hatten eine kleine Kulturveranstaltung vorbereitet, um damit unsere Eltern zu erfreuen.

Leider waren die 14 Tage zu schnell vorbei und der Abschiedsabend kam heran. Wir verlebten zusammen mit unseren Lehrern, die uns in so liebevoller Weise die 14 Tage betreut haben, ein paar schöne Stunden. Zum Abschied möchte ich noch sagen, daß es uns im Töpelwinkel sehr gut gefallen hat und wir am liebsten im Sommer wieder hinmöchten.

Diese schönen Tage verdanken wir unserer Regierung, die ständig bemüht ist, gerade uns Kindern ein glückliches und friedliches Leben zu gestalten. Daß es immer so bleiben möge, ist unser aller Wunsch, den wir durch eine Resolution an den Bundestag in Bonn gegen die Ratifizierung des Generalvertrages zum Ausdruck brachten.“

Ordnung und Strenge

Der neue Chef des Töpelwinkels, Walter Prengel war wohl beliebt, aber meist auch gefürchtet. Prengel war Haftaufseher im Gefängnis Waldheim zu NS-Zeiten. So nimmt es nicht wunder, dass in den Chroniken der Anfangsjahre unterschwellig auf den rauen Umgangston eingegangen wurde.

Aufgeregtheit stand Disziplin gegenüber. Die zahlreichen Maßregelungen, deren man sich ausgesetzt fühlte, mußten einer höheren Ordnung dienen, der Heimordnung, die in geschriebener Form an der Hauswand immer zu lesen stand. Zuweilen erinnert dies an militärischer Zucht, als an eine Hausordnung. Heimvorsteher „Walter“ achtete stets darauf, dass die Hausordnung auch eingehalten wurde. Damals und darauf stand das Prinzip Ordnung, es war und wurde Politikum. Politisch ging es korrekt zu im Töpelwinkel, wie uns die folgende Schilderung bestätigt:

Früher, als bei uns noch das Naziregime bestand, hatten die deutschen Monopolkapitalisten nur an ihren eigenen Vorteilen Interesse. Da Kriege den Imperialisten im allgemeinen ungeheuren Profit bringen, so plante Deutschland schon damals wieder einen erneuten Krieg, nachdem es aus dem 1. Weltkrieg als Besiegter hervorgegangen war. Deswegen hatten die Kriegstreiber den Wunsch (wie heute Adenauer), daß die deutsche Jugend für sie in den Krieg und somit in den sicheren Tod ziehen sollte. Von einer gewissen Summe des Profites, mit Unterstützung der Monopolkapitalisten, wurden Wehrertüchtigungslager errichtet. Bei dieser Gelegenheit ließ man die deutsche Jugend gleich militärisch ausbilden, um sie für den 2. Weltkrieg reifzumachen. Später trillte man sich auch öffentlich.

Heute besteht ein neuer Staat mit neuen Motiven. Gleich nach dem Zusammenbruch des Hitlerfaschismus ginge die verantwortlichen Vertreter des antifaschistisch- demokratischen Blocks zum Neuaufbau eines schöneren Deutschlands über. Während im Westen unserer Heimat wieder eine imperialistische Regierung gebildet wurde, wurde bei uns eine Regierung gebildet, die nach dem wirklichen Willen des Volkes handelt. Jetzt werden zur Erholung der Pioniere, der FDJ und Werktätigen Heime errichtet. Aber nicht, um die Jugend darin militärisch zu trillen, sondern um ihr frohe, erholungsreiche Tage zu gönnen.

Auch wir, als Schüler der Stalinschule Hartha, befanden uns in der glücklichen Lage, 14 herrliche Tage im Landschulheim Töpelwinkel zu verbringen. Am 4.2. sollte unsere Abfahrt nach dem Töpelwinkel beginnen. Fast schon eine ganze Woche zuvor erfaßte uns das „Reisefieber“, obwohl der Töpelwinkel gar nicht so weit von Hartha entfernt liegt. In der Nach vor unserem gemeinsamen Start konnten wir vor Aufregung kaum die Augen schließen. Voller Erwartung verließen wir montags früh 8.30 Uhr den Schulhof unserer Stalinschule. Nach einer anstrengenden Gewaltpartie trafen wir endleich 11 Uhr im zukünftigen Heim ein. Nachdem wir unsere Skier abgeschnallt hatten, betraten wir den geräumigen Speisesaal. Als uns der Heimleiter die Zimmer zugewiesen hatte, und wir es uns gemütlich gemacht hatten, gongte es zum 1. Male zum Mittagessen. Nach dem Essen gab uns Walter, unser Heimleiter, den Tagesplan bekannt. Schon nach einigen Tagen stellten sich beiderseits einige kleine Mängel fest, die baer so schnell wie möglich wieder behoben wurden. Auf Grund des schlechten Wetters konnten wir keine wanderungen durchführen, und so mußten unsere Lehrer und walter die schlechte Erfahrung machen, daß wir nicht wußten, was wie mit unserer Freizeit beginnen sollten. Nach Einberufung des fast vollzähligen Freundschaftrates wurde der Fehler behoben, indem wir Arbeitsgemeinschaften aufstellten. Jeder gehörte nun einer Interessengruppe an. Aber auch hier mangelte es an Einigem.

Da war zum Beispiel die Lok der Eisenbahn nicht in Ordnung, sie hatte einen Defekt. Filme, die uns gezeigt werden sollten, konnten nicht aufgeführt werden, das sich der Filmapparat in Döbeln befand. Trotz anfangs mangelnder Selbstdisziplin brachten uns unsere Lehrer durch geringe Strafen zu Bewußtsein, daß wir nur dann einen freien und frohen Lageraufenthalt verbringen können, wenn wir uns äußerst diszipliniert betragen. Mit vielen Spielen und Wanderungen umrahmt, verbrachten wir glücklich und fröhlich die herrlichen zwei Wochen.

Wir sprechen unserer Regierung, die es uns ermöglichte, uns hier zu erholen, innigsten Dank aus.“

Diese und andere Schülerinnen und Schüler bestätigen uns, dass es weitaus weniger freud- und lustvoll im Töpelwinkel zugegangen sein muss, wie dies auch Zeitzeugen immer wieder mündlich bestätigen. Ordnung sei nun mal das halbe Leben, alles andere wiederum müsse sich ihr fügen. Mehr und mehr bahnte sich marxistisch- leninistische Ideologie ihren Weg in den Töpelwinkel. Zahllose Lehrgänge und Schulungen finden nun im Objekt statt, außerdem natürlich Ferienlager und Klassenfahrten. Mag Schule und Pflicht für viele eine Pein gewesen sein, stand doch noch immer Freude und Spaß auf der Tagesordnung; wenn auch in geregelten Bahnen:

Seit nahezu zwei Jahren sprach man von der verlockenden Möglichkeit, zwei Wochen im Landschulheim verleben zu dürfen. Sooft die Reise in Aussicht stand, freuten wir uns riesig und verwandelten uns in Musterschüler. Leider half es nichts. Andere Klassen durften fahren, und wir hatten das Nachsehen. Darum waren die meisten Kinder mißtrauisch, als es im April 1952 hieß: „Es geht los! Wir fahren ins Landschulheim!“ Allmählich wuchs aber die Begeisterung, und mit frohen Erwartungen wanderten wir am 15.4. gen Töpeln. Auf dem Marsch malten wir uns schon aus, was wir alles unternehmen wollten. Im Heim angelangt, mußten wir gleich alles untersuchen und beschnüffeln. Der Kahn war uns ein willkommenes „Spielzeug“ und erweckte in uns die Lust, ihn einmal zu probieren. Da die Sonne vom Himmel brannte wie im Hochsommer, kostete es manchem von uns viel Beherrschung, um nicht kopfüber ins Wasser zu springen. Die Lehrkräfte hatten wirklich Mühe, uns dem Flusse fernzuhalten.

Am Spätnachmittag traf endlich das Auto mit unseren Sachen ein. Wir schnappten uns unseren Koffer und stürmten in die zugewiesenen Zimmer. Einige konnten sich schwer an das Lagerleben gewöhnen, aber Walter sorgte schon dafür, daß es ihnen bald gelang. Nur das Marschieren bei den Wanderungen wollte nicht klappen. Alle liefen durcheinander. Mit einer solchen Horde konnte sich Walter nicht sehen lassen. Darum brachte man uns an einem Nachmittag das Marschieren bei. Dergleichen Übungen waren uns nicht angenehm. Wir strengten uns nach Kräften an, und für die Zukunft bildete Marschieren ein wirksames Strafmittel.

Eines Tages lagerte ein Trupp Soldaten der Roten Armee neben unserer Spielwiese. Mit Interesse sahen wir den Pionieren beim Brückenbau zu. Am Abend unterhielten wir uns mit ihnen. Nachdem die Brücke wieder abgebrochen war, trieben eine Menge Balken auf der Zschopau. Unsere Rudermannschaft war eifrig bemüht, die Stämme zu fischen. Das eingefangene Holz kam dem Lager zugute.

Wer sagt denn, die Jungen könnten keine Betten bauen? Fragt nur Walter! Er wird euch bestätigen, daß zwei Jungenzimmer noch besser aussahen als die der Mädchen. Zur Belohnung gab es zwei Stunden Extrakahnfahrt. Natürlich waren die Jungen sehr stolz darauf.

Am Sonntag erwarteten viele ihre Eltern. Die Ruderer hatten genug zu tun, die Besucher überzusetzen. Die Eltern brachten aber neben manchem Angenehmen auch die ersten Regenwolken mit, und das herrliche Sommerwetter hatte ein Ende.

In der zweiten Woche begann der Ernst des Lebens in Gestalt des Unterrichts. Die Umstellung von der unbeschwerten Ferienzeit auf das Schulleben vollzog sich ziemlich reibungslos, denn wir hatten ja genügend Kräfte gesammelt.

Trotzdem brachte uns die Ganztagswanderung nach Leisnig eine willkommene Unterbrechung der anstrengenden Schularbeit. Maorgens nach dem Frühstück nahmen wir alle ein Paket Schnitten in Empfang und eilten zum Kahn. Unsere Rudermannschaft brachte uns ans andere Ufer der Zschopau. Nach dem wir ein paar Kilometer zurückgelegt hatten, machte sich bei manchen der Magen bemerkbar. Wir rasteten und verschlangen einige unserer Schnitten. So gestärkt, marschierten wir weiter. Wir passierten die Maylust. Von da aus hatten wir eine gute Aussicht auf Klosterbuch. Walter gab uns einige Erklärungen. Endlich gelangten wir oiin Leisnig an. In der „Bastei“ ruhten wir aus und stärkten uns. Viele liefen in die HO und kauften sich etwas zu naschen. Dabei hatte der Geldbeutel nichts zu lachen. Den Höhepunkt bedeutete die Besichtigung der Burg und des Museums. Am liebsten hätten wir uns die altertümlichen Sachen stundenlang betrachtet. Aber wir mußten zum Bahnhof. Bald traf unser Zug ein. Wir fuhren bis Westewitz und pilgerten den altbekannten Pfad über den Spitzstein. Wir gelangten gut in unserem Heim an und ließen uns die Makkaroni gut schmecken.

Die schöne Zeit verging wie im Fluge. In gedrückter Stimmung holten wir am letzten Morgen unsere Koffer vom Boden und begannen mit dem Einpacken. Nach dem Kaffeetrinken nahmen wir Abschied vom Heimleiter, vom Küchenpersonal und überhaupt von dem idyllischen Töpelwinkel.

In diesen Tagen lernten wir unsere Heimat noch mehr lieben, und es ist der sehnlichste Wunsch aller, daß wir vor Abschluß unserer Schulzeit noch einmal gemeinsame Tage im Landschulheim verbringen dürfen.

(Schülerinnen und Schüler der Klassen 7a,b,c,d - Stalinschule Hartha, 15. bis 26. April 1952)

Diese Schilderungen lassen vermuten, dass nicht alles im rechten Lichte verlief und immer Schönwetter im Töpelwinkel herrschte. Sich vom Gegenteil zu überzeugen, fällt bei den beinahe feingeistigen Reimen von Schülern der Zentralschule Leisnig durchaus leichter...:

Es erschienen am 11. Mai allhier
3 Lehrer mit Kindern, also wir.
Hier wollten wir bei Sonnenschein
hübsch fleißig und recht lustig sein.
Doch immer findet man nicht den Genuß,
den man mit Recht erwarten muß,
denn leider bemerkten wir sehr bald,
daß es regnerisch und kalt.
Wir froren im Mai noch an Finger und Ohren,
die Tomaten dagegen sind ganz erfroren.
Nicht ein einziges Mal hat richtig die Sonne gelacht
doch viel hat uns das nicht ausgemacht,
denn wir wanderten, wie es sich frommt,
weil man dann Appetit bekommt.
Regnete es in einem fort,
betrieben wir fleißig Tischtennissport.
Wir studierten sehr fleißig, besonders den Wetterbericht,
dabei wurde recht lang so manches Gesicht,
denn statt brauner wurden wir immer blasser,
der Himmel weinte auch viel Wasser.
Das Regenwasser mißfiel uns sehr,
das Zschopauwasser begeisterte uns mehr,
denn Kahnfahren begeisterte und liebte jedermann,
und täglich hörten wir: „Ich war heut' bestimmt noch nicht dran!“
Die Zschopau scheint auch sehr magnetisch zu sein,
der Kleine Frank fiel ja der Länge lang hinein,
falls Bauer nicht hinzugekommen,
wäre er wie ein Fischlein davongeschwommen.
Oh, kleines Fischlein, warte, warte,
der Walter hat jetzt eine Angelkarte.
Nach Würmern er im Lampenschein stiert,
dann angelt er fleißig, fängt nichts und friert,
kommt spät nach Hause mit traurigem Sinn,
im Eimer hat er die restlichen Würmer nur drin.
Anziehend wirkt die Zschopau auch auf manchen Ball,
die bewies uns mancher Fall,
denn es kann ja sein, daß mit dem Kahn
man diesen Ball dann holen kann,
was besonders dann erfreut,
wenn es vorher hieß: „Kahnverbot ist heut!“
Sachen, die man viel benutzt,
werden dreckig und beschmutzt,
das betrifft besonders das Tuch der Tasche,
dann heißt es:“Friedrich, Taschentüscher wasche!“
12 Tücher waren es an der Zahl,
dem Hofmann war dies eine Qual.
Man nehme ein wenig Wasser und einen Eimer, recht klein,
schütte ein volles Päckchen „Fewa“ hinein,
dann verwandelt sich bestimmt alles in Schaum,
doch dieser taugt zum Waschen kaum.
Wer viel ißt, dem schmeckt es gut,
viel Essen wieder erhöt den Mut,
Hat einer viel Essen, Mut und Verstand,
erreicht am Schluß er allerhand.
Also hat Heinz die Kreisboxmeisterschaft
nur durch die Güte der Küche geschafft.
Alles hier im Heim ist rühmlich,
nur der Sonntag zeigt sich eigentümlich,
denn an diesem Tage finden wir
vor der Haustür viel Bonbonpapier.
Diese Unordnung können wir gar nicht gassen,
wahrscheinlich habein die Eltern es liegen lassen.
Hatte nun einer Magenbeschwerden
oder beabsichtigte anderswie krank zu werden,
wollte von Wanderungen sich drücken im Stillen,
schon nahte Walter mit Tränklein und Pillen.
So blieben wie aus diesem Grund,
erstens brav und zweitens gesund.
So wäre ich am Ende mit meinem Gedichte,
oder besser gesagt, mit meinem Berichte,
es wäre wohl noch manches, ohne zu lügen,
gewissenhaft hinzuzufügen.
Doch ganz am Ende sei allen, die sich mit uns geplagt
von ganzem Herzen Dank gesagt.
Beim Scheiden werfen wir gern ein Blick
in den schönen Töpelwinkel zurück
und heißt es: “Ab, Richtung Heimat! Mit gleichem Schritt!“
dann nehmen wir viel schöne Erinnerungen mit.“

Im Gleichschritt also geht es nach Hause. Galt kurz nach dem verheerenden Kriege jedes Marschieren oder militärisches Lavieren, ob laut oder leise als hassenswert, macht sich 1952 der kalte Krieg bemerkbar. Entnazifizierung und Entmilitarisierung, so könnte man denken, sollten nach sieben Jahren Wirkung zeigen. Doch weit gefehlt! An den Schulen und neu errichteten Landschulheimen in der jungen DDR wird wieder marschiert und salutiert, man spricht von einer wehrhaften sozialistischen Republik und vom Klassenkampf. Letzterer doktriniert mittlerweile alle

Bereiche des gesellschaftlichen Lebens. Am 10. Juli 1952 erfolgte per Proklamation in der Volkskammer der DDR eine Wiedermilitarisierung hin zur Schaffung der Nationalen Volksarmee, welche auf Basis einer Freiwilligenarmee am 18. Januar 1956 per Gesetz gegründet wurde. Einige Jahre Später bereits, wurde an Schulen für den Dienst an der Waffe aktiv geworben.

Im Landschulheim Töpelwinkel selbst fanden immer wieder Schulungen zur Wehrerziehung im Unterricht durch Angehörige der NVA statt.

Viele der damals im Landschulheim untergebrachten Kinder und Jugendlichen können sich heute lebhaft an den militärischen Drill in der Einrichtung erinnern, der wohl herrschte und nicht nur Heim-Vater „Walter“ zu verantworten hatte. Angestellte Befragungen Ehemaliger brachten die Kernaussage, dass es nicht immer angemessen zuging und Strafen als besondere Härten empfunden wurden. Jedoch das Marschieren und der oft militärische Ton war besonders

bei den jungen Menschen verpönt.

Viele der heute Mitsiebziger wissen noch, wie es damals war. Noch musste von einer sehr schwierigen Versorgungslage gesprochen werden, alles war rationiert. Man spricht von Hungerjahren, denen sich ein großer Teil der Ostdeutschen Bevölkerung ausgeliefert fand. Die Versorgungslage besserte sich bereits in den Jahren 1950, 1951. 1952 musste nicht mehr von Hunger gesprochen werden, eher von einem Mangel. Allerdings sind die Besucher des Töpelwinkels offenbar satt geworden:

Gute Nacht, schlaft gut“ - Walter schaltet das Licht aus. Ein Tag ist zu Ende! In der herrlichen Wintersonne liefen wir Schneeschuh und rodelten. Es war doch heute wieder herrlich, Dieter!“ Aber Horst bekommt keine Antwort. Er hört nur noch das gleichmäßige Atmen seines Freundes. Und Horst? Ist auch er schließlich eingeschlafen? Plötzlich steht Walter vor ihm. „Steh auf, meine Junge!“ - „Ich bin noch so müde“, gähnt Horst und reckt und streckt sich. „Du sollst 13 herrliche Tage im Landschulheim verleben. Ich laß Dir gleich das Frühstück bringen.“ - Ohh - diese Speisekarte!“ - „Du Leckermäulchen darfst Dir das beste davon aussuchen!“ - Ja, Kakao, Bienenhonigbrötchen und Pudding.“ Horst frühstückt behaglich, denn er darf „Tom Sawyer“ dabei lesen.„ Die Wärmflasche wird doch kalt,“murmelte er und steht auf. Waschen, puh... nur etwas, Gesicht und Hände - und hinein geht's in den Speisesaal. Überall tummeln seine Kameraden umher. „Die schöne Eisenbahn!“ - Aber Günter schraubt verschiedene Teile auseinander. Spiele liegen auf der Erde verstreut. „Richtig austoben! Keine Schule! Diese russischen Gedichte lerne ich nie und dann die Formeln!“ rufen alle durcheinander. Horst holt den Volleyball und schießt damit ohne Rücksicht auf Lampen und Fenster. Essen und Spiel lösen einander ab. Nachmittags zeigt das Thermometer 3 Grad Kälte. Rausgehen? Wir wagen es nicht; die Straße könnte zu glatt sein, die Schneeschuspitzen brechen, oder wir könnten den Hang herunterpurzeln. Abendbrot! Film! Großartig!“ ertönt es überall. 15 Filmrollen werden angeschleppt. „Dieter, ich bleibe solange da, bis alle Rollen abgelaufen sind. Schau, die Tropen, der Südpol, der Nordpol, Argentinien, die Taiga, Jalta, der Töpelwinkel! Da, sieh das neueste Flugzeug über unserem Landschulheim! Ei, noch eins, noch eins!“ -„7 Uhr, aufstehen! Ruft Walter. Alle springen aus den Betten und stürmen in den Waschraum. „Horst, komm!“ ruft Dieter. Aber Horst schaut ganz verwundert um sich. „Daß man so etwas überhaupt träumen kann! Solch eine Unordnung wäre im Landschulheim doch nicht auszudenken! Gut, daß es einen Tagesplan gibt. Und mein Gedicht! Das habe ich auch gelernt!“

(Schüler der 5 bis 8 Klassen der Grundschule Niederstriegis, 21. 1. bis 2.2. 1952)

Im Traum keimte so etwas wie eine Wunschvorstellung von einer schönen neuen Welt. Und einem vollen Teller. Zur Nebensächlichkeit verkam dann allerdings die Strenge, welche im Heim herrschte. „Unser Walter“ wie er oft in den Schilderungen des Tagesablaufs vorkam, war in Wirklichkeit ein gestrenger Mann und oft auch nicht gerade zimperlich. Insgeheim war so mancher Schüler froh, das Landschulheim wieder verlassen zu können...

Tagesablauf

Ach, das ist ja wirklich dumm,
die schöne Zeit ist leider um.
Wir blieben alle gerne hier
und wären es der Wochen vier.

Wir alle haben viel gegessen,
das werden wir im Leben nie vergessen.
Wir wünschten es wär immer so,
dann wären wir im Leben immer froh.

Früh um halb 7 aus dem Bett
ist doch manchmal gar nicht nett.
Ausgeschlafen hat man nicht
und macht ein bitterbös' Gesicht.

Wenn die Uhr dann 7 schlägt,
alles sich im Hause regt.
Dann mußten wir schnell heraus,
denn sonst lachte man uns nur aus.

Schnell gewaschen angezogen,
ein paar Zeilen überflogen,
daß man in der Schule etwas weiß,
denn „ohne Fleiß keinen Preis.“

Nun zum 1 Mal es gongt,
der Tischdienst in den Speisesaal kommt.
Das Geschirr von einer Hand zur andern wandert,
denn draußen warten schon die andern.

Ein Tischspruch vor dem Essen,
haben wir niemals vergessen.
Nun haben uns die Schnitten gut geschmeckt,
schnell haben wir für den Unterricht eine weggesteckt.

Der Unterricht war für uns nicht immer schön,
„wir wollen lieber wandern gehn“
Doch mußten wir ausharren bis zu letzt,
sonst hätte es eine Strafe gesetzt.

Zum Mittag hieß es: Laßt es gut euch schmecken,
aber bei Tisch nicht etwa necken.
Eßt das Essen mit Bedacht,
denn es hat viel Arbeit gemacht.

1 Uhr ging es schnell ins Bett,
das fanden wie aber gar nicht nett.
Deshalb machten wir großen Krach
und „Kartoffeln schälen“ wurde uns zugedacht.

Von 1-3 Uhr schliefen wir,
das Vesperbrot kam halb vier.
Dann sagte Walter, aus den Betten beeilt euch doch,
waschen, kämmen müßt ihr noch!

Durch das Haus erschallt der Gong,
alles soll zum Essen komm'.
Jeder bekommt 2 große Schnecken,
die uns ganz besonders schmecken.

Nun rüsten wir uns zur Wanderung,
alles rennt und saust darum.
Der eine hat die Mütze vergessen,
der and're hat noch eine Schnecke zu essen.

Im Winter zu wandern ist 'ne Lust,
denn da bekommte man keinen Durst.
Den „höchsten“ Berg haben wir erklommen,
doch herunter sind wir schneller gekommen.

Wir sind gerutscht, gerannt, gesaust,
dabei haben wir uns die Haare zerzaust.
Auch die Jacke hatte darunter gelitten,
die Lehrerin mußte sie dann wieder flicken.
 
Gut zu Hause angekommen,
wird das Abendbrot eingenommen.
Danach wird noch gesungen und musiziert,
was uns alle sehr amüsiert.

Um 8 Uhr wird dann Schluß gemacht,
halb 9 kommt Walter und sagt „Gute Nacht!“
Doch konnten wir nicht gleich Ruhe finden
und unser Lehrer mußte tüchtig schimpfen.

So hatte man weiter keine Plage,
ja, ja so ging es alle Tage.
Du Töpelwinkel, wir sind dir gut,
du gibst uns Freude, Kraft und Mut.

(Stalinschule, Klassen 8a, 8c und 8d, 4.2. - 16.2. 1952)

Der Internationale Kindertag im Landschulheim 1951

Internationaler Kindertag-Sportfest!“ hallte es durchs Haus. „Ich spiele Völkerball – ich Fußball – ich will rudern - ich mache Hochsprung!“- Alles schrie durcheinander. Jeder wurde nach seinen Fähigkeiten eingeteilt. Mit Völkerball wurde die Sache eingeleitet. „Achtung, fertig, los!“ Das waren die Staffelläufer. Beim Tauziehen waren die Jungen der einen Klasse so schwach, daß sie von den andern über den ganzen Platz geschleift wurden. Am Abend besuchte uns Zirkus Saure-Sahne. Das hochzuverpuppelnde Erdlikum lachte sich krank und wurde gesund dabei. Das einmalige Auftreten des Chores 3/8 Lunge bildete das Entzücken aller. Floh Benjamin ging verloren und unter größter Anstrengung wurde das Riesenpferd Nora als kleines Holzpferdchen hervor gezogen. Danach bekranzten wir die Sieger des Tages...

Schüler der Grundschule Großbauchlitz zum Tag des Kindes am 1. Juni 1951

Dies mag ganz und gar unpolitisch gewesen sein. Die Vorbereitungen auf die dritten Weltfestspiele, die am 5. bis 19. August 1951 in Berlin durchgeführt wurden, fanden am 27. Juli 1951 mit Proben des Kulturensembles der Jungen Pioniere des Kreises Döbeln im Töpelwinkel ihren Höhepunkt. Wir lesen in der ersten Chronik davon...

Unter den mehr als 2 Millionen Jugendlicher aus allen Teilen unseres Vaterlandes, die sich vom 5.-19. August 1951 in Berlin, der Hauptstadt Deutschlands, mit der Jugend der Welt zu friedlichen kulturellen und sportlichen Wettbewerb vereinigen, befinden sich auch 100 Pioniere des Kulturensembles der Jungen Pioniere Kreis Döbeln. Im Landschulheim Töpeln, wo vor Jahresfrist das Ensemble sich konstituierte, hatten wir uns wiederum eingefunden, um vom 23.7.-4.8. die letzten Vorbereitungen unserseits zum großen Festival der friedlichen Menschheit zu treffen.

Im August, im August in Berlin...“

Das war der Inhalt unserer Lieder, die wir uns jeden Vormittag in 3stündiger Probe erarbeiteten. Sauch unsere Wanderungen, Sport und Spiele dienten diesem hohen Ziel.- Am 27.7. boten wir den Einwohnern von Töpeln in einem gut besuchten Unterhaltungsabend im Heim Einblick in unser Berliner Programm. - Unter dem Motto: „Deutsche Heimat sei gepriesen...“ fand für den Kreis Döbeln am 29.7. an der Talsperre Kriebstein der Tag des deutschen Volksliedes statt; an dem wir Pioniere mit schönen Erfolg teilnahmen.- Ein Fahrzeug der MTS Zschackwitz brachte uns am Mittwoch den 1.8. nach Döbeln, wo früh 9 Uhr im Capitol eine Feierstunde für die Lektoren und Instrukteure der SED anl. des Abschlusses des Parteilehrjahres und der Überprüfung der Parteimitglieder stattfand. Unsere Lieder eröffneten die festliche Stunde. - Aber auch im Dienste der Erhaltung unserer Ernährung stellten wir uns an diesem Tag. Nach dem Mittagessen wurden einige Felder nach Kartoffelkäfer abgesucht. Die Beute war überraschend hoch. Den Insassen des Krankenhauses Technitz boten wir am gleichen Abend ein Konzert. Herzlichen Beifall dankte dem Ensemble für diese Betreuung. Noch einmal waren es die Töpelner Einwohner, die am 2.8. den Klängen unseres Chores lauschten. Das vollkommen neue Programm wurde begeistert aufgenommen und viele Zugaben erzwungen. Es konnte die erfreuliche Feststellung gemacht werden, daß die Tage im Töpelwinkel eine Leistungssteigerung für Chor und Orchester zur Folge hatten. Die Stunden fliehen und bald sind wir in Berlin. Wir, die Landessieger vom internationalen Kulturwettstreit Pfingsten 1951 in Dresden, wollen unser Bestes geben, um unsere Heimat würdig zu den III. Weltfestspielen zu vertreten.

Kulturensemble der Jungen Pioniere Kreis Döbeln

Kampf den „Faltengebirgen“...

Ordnung sei das halbe Leben. Diesen Spruch mussten sich die Besucher des noch jungen Landschulheimes des öfteren anhören. Natürlich beugte man sich und glättete die Wogen in den Betten....

Ferientage – frohe Tage“

Freitag, der 17. August. Die frohe Gemeinschaft hat sich heute in Gruppen und Grüppchen gespaltet. Überall im Heime herrscht eifriges Getuschel. Vom Sportplatz schallt ein lustiges Lied herüber, hinter dem Heim wird ein Volkstanz eingeübt, und auf der Wiese tritt der Herr Zirkusdirektor persönlich auf. Ja, alles probt für den Abschiedsabend!

Ist es denn möglich, daß die 14 Tage, auf die wir uns schon wochenlang gefreut hatten, schon vorüber sind? Die Zeit ist doch wahrhaftig wie im Fluge vergangen! Noch einmal ziehen die frohen Tage an uns vorüber. Wißt ihr noch, wie es am ersten Tage mit dem Bettenbau gar nicht klappen wollte? Na, Gott sei Dank sind bis heute sämtliche „Faltengebirge“ verschwunden. Gern werden wir uns auch an unsere schönen Wanderungen erinnern.

Kleine Spaziergänge führten uns rund um den Töpelwinkel nach Limmritz, Steina, Nauhein und Westewitz. Auf größeren Touren lernten wir das alte Leisnig und die Talsperre Kriebstein kennen. Besonderen Spaß machte uns hier die Überfahrt im lustig schaukelnden Boot. Wenn wir im Heim blieben, wechselten Spiele, Baden und natürlich Kahnfahrten miteinander ab. Der Kahn war auch bei uns wieder ein ganz besonderer Anziehungspunkt.

Auch für unser leibliches Wohl war bestens gesorgt. Einige handelten nach dem Leitspruch: „Lieber den Magen verrenkt als dem Wirt was geschenkt!“ Bei ihnen halfen nur noch Walters gefürchtete Hofmannstropfen.

Morgen wir unsere frohe Gemeinschaft auseinandergehen. Wir haben uns erholt und neue Kräfte gesammelt. Im neuen Schuljahr wollen wir nun wieder frisch an die Arbeit gehen. Bevor wir Abschied nehmen, möchten wir noch all denen danken, die uns den schönen Ferienaufenthalt ermöglichten. (75 Kinder der Grundschule Großbauchlitz im August 1950)

Immer und immer wieder wird das Gemeinschaftsgefühl besonders hervorgehoben, was man damals pflegte. In den Anfangsjahren der DDR wurde die Gemeinschaft als ein besonders Gut angesehen und wurde als ein Wesenszug der sozialistischen Gesellschaft propagiert. Nicht minder und auch gerade im „Freizeitbetrieb“ Töpelwinkel wurde Gemeinschaft immer groß geschrieben. Kleine „Grüppchen“ oder Einzelgängertum waren verpönt. Alles, was Gemeinschaft förderte, also Sport und Spiel, gemeinsame Unternehmungen, Wanderungen und der „Betrieb“ im Landschulheim, war besonders erstrebenswert. Doch lesen wir weiter in der Chronik Nummer 1:

21.8. - 31. 8. 1951

Die beiden letzten Wochen der Sommerferien verbrachten 101 Kinder von Angestellten des Kreisratsamtes Döbeln und der Grundschule Marbach im Töpelwinkel, um sich hier bei vorzüglicher Verpflegung und Unterkunft neue Kraft für die kommenden Wochen zu holen. Dieser Ferienaufenthalt wäre infolge unglücklicher Umstände beinahe ins wasser gefallen. Das Absagetelegramm war schon unterwegs. Umso größer war unsere Freude, als doch noch ein gegenteiliger Bescheid eintraf, der uns den Aufenthalt im Heim gestattete. Der Name Töpelwinkel hat im ganzem Kreis einen so guten Klang, daß ein eventueller Verzicht die ganzen Ferien getrübt hätten.

Wie immer gab es an den äußeren – und doch so wichtigen Dingen wie Verpflegung, Unterkunft und Organisation nichts auszusetzen. Das Heimpersonal trägt viel dazu bei, daß die Berichte der Kinder über den Aufenthalt im Töpelwinkel so günstig ausfallen. An der Spitze steht Walter, der wie ein echter Herbergsvater um das Wohl seiner Gäste besorgt ist. Das Wetter ließ uns nicht im Stich, es gab kaum einen trüben Tag. Das war umso erfreulicher, als die Unterrichtsräume verschlossen blieben und daf+r ein reger Strandbetrieb an den Gestaden der Zschopau stattfand. Auch das Spielzimmer sah wenig Besucher, bis auf die Ping-pong-Künstler und alle, die es noch werden wollen.

Alle anderen Sportler tummelten sich draußen, teils zu Wasser, teils zu Lande. Sportliche Höhepunkte bildeten zwei spannende Fußballvergleichskämpfe Kreisrat – Marbach, wobei die ersteren durch gutes Spiel beide Treffen für sich entschieden. Getreu dem Vorbild der Motorboote auf der Talsperre Kriebstein verkehrte auf der Zschopau ein „Konzert-Äppelkahn“. Die Forderung der Musikanten auf doppelte Kompottportionen wurden seitens der übrigen Fahrgäste nicht erfüllt. Einmal besuchte uns die MAS-Filmstelle und verschaffte den Kleinen am Nachmittag und den Großen am Abend zwei interessante Stunden.

Durch Walters Initiative sahen wir am letzten Tage unseres Aufenthaltes eine Hundedressur-Vorführung der Volkspolizei, von deren Darbietungen alt und jung begeistert war.

Auch der traditionelle Ausflug nach Kriebstein fehlte noch. Er stand diesmal unter dem Motto:

Neunundneunzig zogen aus – zweiundneunzig kamen nach Haus.“

Die restlichen Sieben gingen aber nicht verloren, sondern kamen mit dem nächsten Zug. Übrigens war es an diesem Tage nicht von Vorteil, Walter in die Arme zu laufen. Am nächsten Tage aber schien wieder die Sonne!

Ein jeder von uns hat sich vorgenommen, möglichst bald wieder einmal in den Töpelwinkel zu fahren, an jenen malerischen Teil des Zschopautales, wo neben vielem seltenem Gewächs und Getier das Lachen freudiger Kinder daheim ist!“

Vom Alltag im Landschulheim

Die Chronik Nummer „1“ gibt ein getreues Abbild der Zeit um 1950 bis 1952. Köstlich sind kleine und große Episoden aus dem Alltag im Landschulheim:

Unsere Erlebnisse...

Es war so weit-
Es war am 12.11.1950. Unser Klassenleher erfreute uns mit einer überraschenden Mitteilung. Wir furften 14 Tage in den Töpelwinkel fahren. Das sollte die Auszeichnung für unsere gute Pionierarbeit sein. Am 18.11.60 wollten wir Döbeln verlassen, aber zu guter letzt wurde die Fahrt bis zum Frühling verschoben. Wir freuten uns schon sehr auf diese Zeit, doch zu unserem Verdruß wurde es auch dieses Mal abgesagt. Darüber waren wir sehr betriebt. Erst nach den großen Ferien war es soweit.

Auf der Hinfahrt
Alle Pioniere kamen am 24.9.51 mit traurigen Gesichtern zur Schule. Schuld daran war der graue Wolkenhimmel. Wir warteten und warteten; doch der Omnibus, der uns in unsere neue Heimat bringen sollte, kam nicht. Endlich, endlich kam er. Wir nahmen Abschied von den Eltern und drängten in den Omnibus hinein; denn jeder wollte einen schönen Platz haben. Das war ein Gewühle. Wir brachten unsere Koffer nicht unter. Sogar die Schulleitung mußte mit helfen, damit alles klappte. Alle waren eingestiegen, nur für einen war kein Platz mehr da, für unseren Freund und Lehrer Herrn Stracke. Was nun? Er nahm sein Rad und versuchte mit dem Omnibus Gleichschritt zu halten, das ihm auch gelang. Rot wie eine Tomate und erschöpft erreichte er das Ziel.

O, welche Pein!
Im Heim mußte auch Ordnung herrschen, deshalb gab es Strafen. Was uns nicht so erfreute war der 2stündige Mittagsschlaf. Wer beim Schwatzen erwischt wurde, der bekam Gelegenheit, seine Schwazhaftigkeit auch in der praktischen Küchenarbeit zu beweisen. Es kam in der 1. Woche öfters vor, daß mehrere von uns in der Küche mit helfen mußten. So passierte es einmal, daß 4 Mädels aus unserem Zimmer zum Kartoffelschälen geholt wurden. Unten trafen wir noch andere Übeltäter, die ihren Mund auch nicht halten konnten. Abends waren es meistens die Jungen, die noch nicht müde genug, und die Nacht zum Tag machen wollten. Ach, wie schön hatten es dann die Mädchen, die von der Wanderung „verdreckten Latschen“ blitzeblank geputzt bekamen.

Biologie im Geländespiel Eines Tages stand auf dem Tagesplan „Biologie im Gelände“ - was mag das wohl sein – fragten wir uns. Doch welche Überraschuung und welcher Spaß – Kartoffellesen war gemeint. Wir zogen unsere alten Sachen an und warteten bis der Bauer mit dem Kartoffelroder kam. Wir wurden auf die einzelnen Flächen aufgeteilt und begannen mit der Arbeit. Dabei stöberten wir ein Nest mit jungen Mäusen auf, mit den wir unseren Spaß trieben. Die Arbeit mußte oft unterbrochen werden, weil die Kartoffeln zu Wurfgeschossen verwendet wurden. Wenn der Bauer mit der Maschine vorüber war, stürzten wir uns auf die Kartoffeln, die wie gesät um uns herum lagen. Waren die Eimer voll, trugen die Jungen die Kartoffeln zum Keller. Es dauerte nicht lange und das Kartoffellesen war beendet. Dann ging es gleich in den Waschraum, um der Arbeit Schweiß und Dreck gegenseitig wegzureiben.

Auf der ZschopautalesEinmal in der Woche war Sportnachmittag. Aber auch der Kahn stand im Interesse unseres Sportes. Ach, wie freuten wir uns mit dem Kahn fahren zu können. Aber nicht so einfach – es mußte verstanden sein! Erst wurde eine ausgebildete Kahnmannschaft, Ruderer, Lotse, Wasserschöpfer und Landungsfachmann aufgestellt.

Der Kahn leck, die Ruder schon alt, die Manschaft unerfahren und die Zschopau voller Steine, weinig Wasser und viele Gefahren. Doch wir schafften es, nicht immer ohne Zwischenfall. Einmal.... Wir setzten mehrmals über zu einer Tageswanderung nach Leisnig. Es hieß die letzte Überfahrt, der Kahn schon voll und im Fahren, als plötzlich noch einer kam
und an Bord gehen wollte. Schaffte er es mit kühnen Sprunge? Er wagte ihn – er sprang und sprang daneben- Plumps – rücklings ins Wasser. Ach, o weh in aller Frühe ein so kühles Bad! Naß wie eine Maus kletterte er aus der Zschopau raus, zog sich um und war dabei – bei der lustigen Wanderei. Und die Lehre von der Geschicht sei pünktlich und wage zuviel nicht.

Abschied

Töpelwinkel nennt sich dieses schöne Fleckchen Erde, wo wir verbrachten 13 bunte Tage. Habt Dank – wir zum Abschied sagen, ach – zu schnell war vorbei die schöne Zeit. Wir schliefen in sonnigen Zimmern, die Betten waren hübsch und rein. Doch können wir das Heim nur wiederbesuchen, wenn ständig wird Friede sein. Gar manche schöne Stunde verlebten wir im Heim, wir werden ihn nie vergessen, den Töpelwinkel - das Landschulheim.“

(Pionierklassen 8a und 8c, Karl-Marx-Schule Döbeln, 24. September bis 7. Oktober 1951)

Tage später trafen Schülerinnen und Schüler der Lessingschule Döbeln im Töpelwinkel ein, um sich vom Schulalltag zu erholen. Chronik „1“ wurde zum Tagebuch umfunktioniert und wir lesen dieses: „8. Oktober: 14 schöne Tage liegen jetzt vor uns. Wir haben unsere Zimmer bezogen und uns jetzt gemütlich im Aufenthaltsraum versammelt. Das Mittagsessen schmeckte vorzüglich. Ebenso das Abenbrot. Anschließend konnten wir gleich einen sehr netten Abend verleben. Der MAS-Landfilmdienst spielte „Die lustigen Weiber von Windsor.“ Das war ein schöner Anfang. Hoffen wir, daß wir weiterhin solch herrliche Abende verleben können.

11.Oktober: Heute ist der erste Wandertag. Ziel: Hasennest-Limmritz-Steina. Unser Heimleiter Walter will uns mit unserer nächsten Umgebung vertraut machen. Einige müssen feststellen, daß sie ihre nächste Umgebung sehr wenig kennen. Aber in den nächsten Tagen wollen wir das Versäumnis nachholen.

13. Oktober: Und dann kam er - wer? - natürlich unser „Bunter Abend.“ Die Erlebnishungrigen strömten in Scharen in den Speisesaal; hatten sich doch schon den ganzen Nachmittag die geistig Hochstehenden ihr Köpfe zerbrochen. Zuerst traten einige mehr oder weniger begabte Zauberer auf, die sich den Beifall der Menge erheischten und zum Teil bekamen. Die zwischendurch eingeschobenen Gesellschaftsspiele wollen wir nur nebenbei erwähnen. Im zweiten Teil spielte eine vorzügliche Kapelle zum Tanz auf. In Summa betrachtet brachte der Bunte Abend vielen die Lust zum Tanzen bei, wie die am nächsten Morgen stattgefundene „Not-Tanzstunde“ bewies. Kurz und gut, der Abend war nicht die richtige Taste, aber geklungen hat es doch!

14.
Oktober: Am 15.10 führten wir eine Schnitzeljagd durch. Die Füchse waren mit Taschentuch behangene linken Vorderpfote gekennzeichnet. Sie brauchten jedoch nie in rüder Flucht die Lunte zwischen die Beine zu klemmen, denn - man höre und glaube - die Jäger fanden die, in diesem Falle weiße Fährte nicht. Ziemlich irregelenkt suchte der ganze Trupp mit Herrn Oberförster Hasse an der Spitze im falschen Quadranten. Währendessen zogen die Füchse ruhig weiter ihre Spur. Nun gingen die Füchse dazu über, die Jäger zu suchen. Was half's? Wenn Füchse im Bau sind, so ist das nichts Besonderes. Doch wenn Jäger im Bau sitzen, so ist das paradox. Man sollte es nicht glauben, aber nach vergeblicher Pirsch hatten sie sich wirklich ins Heim zurückgezogen. Schmunzelnd konnten also die 20 Reineckes feststellen: Der Erbfeind mit 1:0 geschlagen!

15.
Oktober: Am Dienstag, dem 16. 10. führten wir die Kämpfe um die Handballmeisterschaft im Töpelwinkel durch. Nachdem die 11a sowohl von 10b (0:3) als auch von 11b I (2:3) geschlagen worden war, zogen oben genannten Mannschaften ins Endspiel ein. Obwohl die 11b2 in der 1. Halbzeit überlegen spielte, konnte die 10b durch großen kämpferischen Einsatz ein 4:4 erzielen. An diesem Ergebnis konnte auch eine Verlängerung nichts ändern. Der endgültige Meister wurde am folgenden Tage durch ein Entscheidungsspiel zwischen 11b2 I. und 10b ermittelt. Die favorisierte Mannschaft der 11b2 siegte mit 5:2.

17.
Oktober: Am 17. Oktober verließen wir unser Heim schon frühzeitig. Unser Ziel war Burg und Stadt Leisnig. Mit rüstigen Schritten strebten wir unserem Ziel entgegen. Nach eingenommenem Mittagsmahl suchten wir die Burg auf und sahen uns das nach Altertum duftende Museum an. Auf engen Treppen ging es zur Turmspitze empor. Anschließend erläuterte uns ein freundlicher Fremdenführer Geschichte und Werdegang von Leisnig. Darauf trug uns die Eisenbahn nin Richtung Westewitz nach Hause. Abends sanken wir müde in unsere Betten, mit der freudigen Gewissheit, ein neues Stück unserer schönen Heimat kennengelernt zu haben.

18.
Oktober: Zum letzten Male hatten wir uns zu einem fröhlichen Beisammensein im Speisesaal versammelt. Abschied galt es vom Heim und von 12 schönen Tagen zu nehmen. In bunter Folge zeigten unsere Freunde ihre Darbietungen. Besonderen Beifall fand ein Töpelwinkellied unserer Mädchen. Mancher bekam seine Fehler und Schwächen in humoristischer Art gezeigt, wobei auch die Lehrkräfte nicht verschont wurden. Bei einer Ring-frei-Sendung sahen wie förmlich die Köpfe rauchen. Jeder konnte sein Wissen an den Mann bringen. Nachdem wir uns noch zwei Stunden im Foxtrott und Tangoschritt gedreht hatten, suchten wir zum letzten Male im Heim unser Lager auf, um dem Abschiedstag entgegen zu schlafen.

19.
Oktober: Heute ist es nun soweit, daß wie den Töpelwinkel wieder verlassen müssen. Nur noch wenige Stunden und dann wird uns der Autobus wieder nach Döbeln zurückbringen. Gern werden wir immer an diee Tage im Töpelwinkel denken. Wir haben hier neue Kraft für unsere Arbeit gefunden. Bald ruft uns wieder die Pflicht, denn diese Tage im Töpelwinkel sollen uns ein Ansporn zu neuen Leistungen sein. Wir verlassen den Töpelwinkel mit einem herzlichen „Freundschaft!“

wird fortgesetzt

Apropos Kahnfahren...

Gerade mal sechs Jahre liegt der alles zerstörende Krieg zurück, kindliche Biographien zerstoben bis auf lange Zeit. Doch Krieg und Elend scheinen im Töpelwinkel ganz und gar vergessen, folgt man den Äußerungen in den Chroniken des Landschulheimes Töpelwinkel. Die jungen Menschen kamen hierher, um sich zu erholen, um Spass zu haben. Wir lesen in der „1“ Chronik von 1951:

14 fröhliche Tage...

Es wird hier lediglich notiert,
was Wichtiges bei uns passiert,
Wir kamen erschöpft im Töpelwinkel an,
doch verlockend winkte uns der Kahn.

Wir veranstalteten eine Ruderwettfahrt,
so ganz auf unsere eigene Art.
Herzlich haben wir gelacht,
als Ewald in den Kahn gebracht.

Die Wand'rungen waren lehrreich und schön,
wir haben viel dabei gesehen.
In Kriebstein gab es sehr viele Mücken,
leider zerstachen sie uns Gesicht und Rücken.

Am Wasser war es wunderschön,
doch konnten wir nicht baden gehen.
Die Motorbootfahrt gefiel uns über alle Maßen,
denn einige hatten von uns schon Blasen.

Nach Waldheim ging es hin im Flug,
nach Hause fuhren wir im Zug.
Die Schnitzeljagd hat uns viel Freude gebracht,
besonders haben wir über Christa gelacht.

Den Jungen wollte sie entlaufen,
dabei mußte ihr Schuh im Sumpf ersaufen.
Die Freude war bei allen groß,
als wir zogen zum Stadtbad los.

Viele begannen ein großes Geschrei,
denn sie waren wasserscheu.
Entsetzlich war die Ruhezeit,
in unseren Zimmern herrschte Heiterkeit.

Mit Kissenschlachten ging es fort,
bis wir gaben unser Wort:
Für Ruhe und Ordnung bereit zu sein!“
jedoch das fiel uns selten ein.

Zur Strafe mußten wir Aufsätze schreiben
und den ganzen Tag im Zimmer bleiben.
Wer Günthers Bett einmal sah prangen,
der wär gleich wieder fort gegangen.

Doch es hat uns hier sehr gut gefallen
bis wir mußten das Ränzlein schnallen.
Nachdem wir traurig Abschied genommen
haben wir behend den Spitzstein erklommen.

Gern werden wir des Heimes gedenken und oft uns're
Gedanken nach hier wieder lenken.“

Schüler und Schülerinnen der Grundschule Leisnig im Frühjahr 1951

Spass, Heiterkeit, Fröhlich sein und im Gegensatz dazu Ordnung und strenge Tagesabläufe. Dies muss sich nicht unbedingt ausschließen, wie uns die nachfolgende Belegung der Lessing-Oberschule Döbeln bezeugt:

11 Tage von Sorgen frei!

Im Kreise gelegen, der Döbeln sich nennt,
liegt er- der Winkel, den jeder kennt.
Wir waren zwar nur elf Tage dort
und kenn kaum zur Genüge den Ort
die anderen, die ihn umgaben.
Doch hat sich während dessen viel zugetragen.
Davon denn nun auch die Rede sei.
Nebenbei:
Ich werde jetzt nicht alles erzählen,
sondern nur aus der Fülle der Ereignisse wählen.
Denn sparsam heißt es umzugehn
mit den Seiten, die uns zur Verfügung steh'n!

6 Uhr 30 ist schon Wecken.
Für die Faulen war's ein Schrecken.
Heraus aus den Decken – anzieh'n, sich sputen,
denn es sind nur fünf Minuten
bis zu unser'm Frühsport noch.
Nach demselben hat der Koch
alle Tische schon gedeckt:
Ihr glaubt ja gar nicht, wie das schmeckt!
Brot und Wurst und Marmelade
war ihm keineswegs zu schade,
um zu füllen unser'n Bauch.
Suppe gab es dazu auch.
Die Zeitungsschau war sonst nicht schlecht.
Doch der „Pastor“ dieser Knecht
dacht, er sollt 'ne Predigt halten,
konnt sie aber schlecht gestalten.
Mit einem Liede vor der Fahn'
fing der Tag dann richtig an.

Damit die Bildung nicht verschleißt,
begann der Unterricht, daß heißt
wir hatten hier drei Stunden nur,
trotz alledem war stets Aufruhr.
Wenn verführerisch die Sonne lacht,
wer hat an Formeln da gedacht?
Nach einem reichen Mittagsmahl
begann für uns 'ne große Qual:
Wir mußten alle in die Betten,
um uns're Kalorien zu retten.
So mancher wurde rausgeschmissen
Freunde, das war sehr..........!
Bescheiden zupften sie Gras am Rand
und schleppten eifrig groben Sand.
Halb dreie war die Ruh' zu Ende,
und alle wuschen sich schnell die Hände.
Das Vesperbrot man dann genoß;
das Wandern und das Spielen keinen verdroß,
der nicht mit ander'm beschäftigt war,
was gar nicht selten, oft geschah.
Ein Beispiel hier der „Pastor“ sei,
dem kein's der Mädel sonderlich neu.
Wenn hell am Tag die Sonne lachte,
man eine Fahrt zu Kahne machte.
Herr Zöllner das Kommandieren verstand,
ihm ging es alles von der Hand.
„Backbord klar! Zum Landen bereit!“
so schallte es vom Flusse weit.
Durch Wandern lernen wir erst kennen,
was wir uns're Heimat nennen.
Die Schnitzeljagd uns durch die Wälder trieb,
wobei ein Stückchen der Hose dort blieb.
Dann schmeckt das Abendessen schön.
Doch trotzdem konnte es nicht gehen,
daß alle pünktlich hier erschienen.
Sie durften dann als Fischdienst dienen.

Daß wir des Abends schlafen Geh'n,
das wird wohl jeder klar verstehn.
Des Schlafes nicht begierd'ge Leute,
vereint der Walter zu 'ner Meute,
Sie auf des Bodens Planken schlafen.
Das wäre allgemein gedin
im Töpelwinkel das Weltgeschin.
Jetzt noch schnelle – das Individuelle:
Das Haupt der buntgewirkten Schar
ein homo namens Walter war.
Heiter und von Sorgen frei,
kam er stets den Wünschen bei,
mit denen wir sehr oft ihn quälten.
Zur Kategorie Erzieher zählten
der Tyrannen ihrer drei.
Ihn war es einerlei,
ob Sonne schien, ob Donner grollten;
sie machten immer, was sie wollten.
Auf Frau Ziesings Unterricht waren wir nicht sehr erpicht.
In Deutsch und Englisch und Latein
quälte uns das Schneiderlein.
Des Mittelalters grausige Geschichte,
brachte in bekannter Dichte
Herr Dietrich, - Lehrer in Geschichte.
Weiter wäre nichts zu sagen.
Wir haben auch keine Lust, uns weiter zu plagen.
Denn die Musen sind von uns gewichen.
Und der Geist, der anfangs uns vorantrieb,
ist verblichen.
Sei nun gegrüßt, du sonniges Tal!
Wir werden an diech denken tausendmal.
Sei nun gegrüßt, du trauten Heimes heller Schein!
Lange wirst du uns Erinnerung sein.“ (…)

So zeichnet sich ein klares Bild vom Alltag im Landschulheim Töpelwinkel ab. Drei Stunden Schule mussten sein, um die Lücke im Lehrplan nicht allzu groß werden zu lassen, stand das Landschulheim im zyklischen System einer geschlossenen Schulbildung in der noch jungen DDR.

Doch wer waren die Kinder und Jugendlichen, welche damals ins Landschulheim kamen?

Grad eben stellte das Volksbildungsministerium jenen Grundsatz vorn an, wonach die Arbeiterklasse ein Privileg genoss und auch sonst denen alles gab, welcher noch vor einigen Jahren
nur einer Oberschicht vorbehalten war. Die Diktatur des Proletariats ist Leitmotiv und Kernsatz des ersten sozialistischen Staates auf deutschen Boden. Bürgerliche und ehemalige Angehörige der Eliten des Reiches mussten außen vor bleiben, was nicht ohne Folgen blieb.

Ja, unser Walter ist famos...

Walter Prengel  (auf dem Foto sitzend) war der erste Heimleiter im Töpelwinkel. In Erinnerungen und den Aufzeichnungen, die heute noch vorliegen, spielt „unser Walter“ eine große Rolle. Doch was war das für ein Mensch, dieser Walter? Im „Lied vom Töpelwinkel“ bemühten sich Zschaitzer Schüler redlich, kurz und bündig Wesenszüge des Heimleiters anzudeuten:

...Ja, unser Walter ist famos,
Des Abends läßt er Filme los.
Und ist im Saale keine Ruh,
So schimpft er auf uns immer zu.

Wenn abends keine Ruh im Kahn,
Kommt unser guter Walter an.
Den kennen alle Kinder schon,
den er ist ja die Hauptperson.

Walter Prengel kam direkt als Wachmann im Strafvollzug Waldheim ins neu gebaute Landschulheim Töpelwinkel. Streng muss er gewesen sein, doch immer auch gerecht und fair. Seine brummige Art und das offene direkte Wesen machten ihn unter den Kindern beliebt, aber auch gefürchtet. Seine langen Naturwanderungen waren ausgiebig und besonders lang. Für Fußlahme und Faule hatte er überhaupt kein Verständnis. Dafür konnte er bestens über Pflanzen und Tiere referieren, was für die meisten Kinder und Jugendlichen zu einem unvergessenen Erlebnis geriet.

In der ersten Chronik lesen wir viele Worte voll des Lobes um Walter Prengel. Neben ausgiebigen Schilderungen des Tagesablaufes im Landschulheim entstanden Geschichten und Fabeln, die allein für sich sprechen; wie denn auch „Walter“ immer wieder unterschwellig beteiligt scheint:

„Nach Jahren kam ein Wandergeselle- er hieß Walter- dahergeschritten. Aber wie war er erstaunt, als er nahe an der Mühle eine scharrende Elster und neben ihr viele Goldstücke liegen sah. Behend sprang er hinzu. Endlich hatte er den ganzen Schatz ausgebuddelt und freute sich sehr. Lange überlegte er, was er mit den vielen Gold anfangen sollte. Plötzlich überkam ihn ein guter Gedanke.- Im Töpelwinkel nahe an der Zschopau entstand ein wunderschönes Landschulheim.-Fast aller 14 Tage verbrachten hier viele Schulkinder ihre Erholungszeit und vertrieben sie mit Sport und und viel Heiterkeit.- Nächtelang sangen die Turbinen, die Geister und die Wassernixen ein und dasselbe schaurige Lied und jagten nächtlich Erwachten einen fürchterlichen Schreck ein. So ging es, bis endlich die Sonne ihre goldenen Strahlen über die erwachte Natur sandte, und die Geister sich in ihre Höhlen zurückzogen.- Frühmorgens als der Hahn die Langschläfer weckte, sprangen sie mit verschlafenen Gesichtern aus dem Deckenknäuel und eilten dem neuen Tag entgegen. Der Gong ertönte durch die Korridore des Hauses. Mit knurrendem Magen eilten die Kinder an ihre Tische. Hungrig wie die Wölfe verzehrten sie das gute und reichliche Essen.

Alle Tage gingen sie mit prall gefüllten Bäuchen zum Unterricht. Lange Wanderungen unternahmen sie und lernten die engere Heimat, viele Tiere, seltene Pflanzen, alte Bräuche und winklige Gassen kennen. Wenn sie dann abends von den Wanderungen zurück kamen, sanken sie todmüde in ihr Bett. Bald darauf sangen die zarten Stimmen der Wassernixen sie in den tiefen Schlaf ein, und sie träumten von erlebten Dingen...

Noch nach vielen Jahren dankten die Kinder dem Heimleiter Walter für die mannigfachen Erlebnisse und die fürsorgliche Betreuung...“ (…)

Dies schrieben Kinder der Marbacher Grundschule im März 1951.

Unser Walter, der gestrenge Chef...

Immer und immer wieder bekamen „Unholde“ und „Rauflüstlinge“ die ganze Härte des Ordnungssinns eines Heimleiters mit dem unscheinbaren Namen „Walter“ zu spüren. Schon bei kleinsten Delikten mussten die Schuhe geputzt oder Küchendienst verrichtet werden.

Wir lesen in der „1.“ Chronik vom 16. April 1951:

Malwin der Schuheputzer...

Wer von den Ostrauern kennt den Malwin nicht?

Unser Malwin konnte sich ganz und gar nicht in die Gemeinschaft einfügen. Eines Tages, nach dem Kaffeetrinken begann ein Streit zwischen Malwin und einem seiner Kameraden. Malwin wollte auf diesen mit dem Pantoffel einhauen. Walter, der gerade dazu kam, verhinderte diese Balgerei. Malwin natürlich fand gleich eine Ausrede und Sagte: “Walter, ich wollte Füße waschen gehen.“

Doch die Strafe bleib nicht aus. Weil er sich nicht in die Gemeinschaft einfügen konnte, mußte er für die Gemeinschaft arbeiten, und zwar mußte er Schuhe putzen.

Wenn er auch so tat, als mache ihm diese Arbeit, (die zwei Stunden dauerte) gar nichts aus, so glaubten wir doch, daß dadurch seine Rauflust ganz schön gemäßigt wurde.“

(Schülerinnen und Schüler der Grundschule Ostrau und Gorschmitz-Brösen, 16.- 28. 4. 1951)

Heimleiter Walter stand meist in der Tür, als die Neuen kamen. Die erste Begegnung mit ihm war für die Schüler der Schloßbergschule Döbeln mit großer Angst verbunden:

„Unser Einzug...

Bepackt mit Koffern und Taschen zogen wir unter Stöhnen und Keuchen bei strömendem Regen im Landschulheim ein. Der Weg von der Wöllsdorfer Mühle bis hier her mit schwerem Gepäck war bestimmt keine Leichtigkeit. Der Regen schien auch auf unser Gemüt eingewirkt zu haben, denn als wir ohne Gruß eintraten, wurden wir von Walter, unserem Heimleiter, wie wir später erfuhren, barsch wieder hinausgewiesen. Damals kannten wir wir ihn noch nicht näher und hatten sehr viel Angst vor ihm. Wie wir aber im späteren Umgang feststellten, war er uns gegenüber sehr gemütlich und kameradschaftlich. Als wir unser Gepäck abgesetzt hatten, gab uns Walter die Hausordnung bekannt. Unter anderem teilte er uns mit, daß großer Wert auf den Bettenbau gelegt wurde. Dieses rief bei manchen großes Stöhnen und Jammern hervor, zumal die unordentlich gebauten Betten wieder eingerissen wurden. So verlief unser Einzug mit Hindernissen, die fast alle schon wieder vergessen sind.“

Solche und ähnliche Erlebnisse mussten viele Besucher des Landschulheimes machen. Der zuweilen etwas übertriebene Ordnungssinn schärfte den Tagesablauf um so gestrenger in die Gedächtnisprotokolle unserer Kinder und Jugendlichen ein. Manch einer sieht diese Bilder aus längst vergangenen Tagen mit Widerwillen und Ablehnung. Im Grunde aber war dies ein Stück

Erziehungsarbeit, wofür die heutigen Erwachsenen dankbar sind. Auffällig auch hier, wie sehr sich Jungen gegen die verschärfte Ordnung auflehnten. Mädchen dagegen fügen sich dem „Regime“ ohne großes Federlesen.

Ähnliche Töne vernehmen wir aus den Schilderungen der folgenden Belegung, die das Landschulheim Töpelwinkel in der Zeit vom 19. bis 31. 1951 März bewohnte:

Achtung!!!

Hier spricht das Landschulheim Töpelwinkel mit den Klassen 7b, 7c, 7e der Eduard-Feldner-Schule Hainichen in der Zeit vom 19.-31. März 1951

Am Ende unseres Aufenthaltes haben wir Schüler und Schülerinnen es uns zur Aufgabe gemacht, einmal in der Chronik einen Rückblick zu halten. Er soll schriftlich das Gute und das Schlechte, das wir aus dem Gemeinschaftsleben erfuhren, festhalten.

Es ist doch im allgemeinen so, daß zu einer Gemeinschaft sehr, sehr viel gehört, wenn sie wirklich zum Erlebnis werden soll. Jeder muß zum Gelingen beitragen. Wir geben nun unseren kleinen Artikeln mathematische Wertzeichen, die aufzeigen sollen, wie unsere gedachte Abschlußrechnung aussieht:

Die Belegung der Zimmer ging nicht nach Wunsch, sondern es wurden alle bunt durcheinander gewürfelt. Das stärkt den Gemeinschaftsgeist und fördert die Freundschaft.

Das Benehmen bei Tisch war mitunter gar nicht schön. Die Mahlzeiten waren so reichlich, daß nicht um Brocken gehastet werden mußte. Der Platz am Tisch war ausreichend für beide Hände und die Stühle waren nicht zum kippeln gedacht.

Von wenigen nicht verstanden, dafür von den anderen Schülern mit großer Freude aufgenommen waren die Verschönerungsarbeiten am Heim. Es wurden Steine gefahren, Sand geschippt und die Grundlage zum Steingarten geschaffen. Jedem steht die Möglichkeit offen, die Vollendung einmal zu besehen.

Da wir sehr viele Wanderungen unternahmen, brauchten wir auch die entsprechende Ruhe. Die wurde leider immer wieder von einigen Störenfrieden unterbrochen. Auch sonst gingen manche noch nicht so mit den Gegenständen des Heimes um, wie es erforderlich gewesen wäre. Der Heimleiter Walter baut alles mit soviel Liebe aus, das sollten wir uns überlegen.

Zu Spiel und Sport bot uns das Heim und seine Umgebung die besten Möglichkeiten. Späße sind nie verboten, man muß aber wissen, Schuhcreme nun einmal seine feste Behausung in der Schachtel und nicht an Türklinken hat. Obwohl uns schon manche vor den „langen“ Wanderungen Angst zu machen versuchten, gingen wir gern mit und lernten dadurch Natur und Heimat kennen.
Und so können wir als Abschluß, vor allem als Pioniere sagen, daß gerade unsere Gesetze in diesem schönen Heim Anwendung finden. Wir danken allen die uns die Tage verschönern halfen.

Zur gleichen Zeit war die Grundschule Marbach mit ihrer 8. Klasse im Töpelwinkel einquartiert. Ob nun Walter mit seinen „Gewaltmärschen“, oder die Kahnfahrten auf der Zschopau; bleibende Erinnerungen an diese Erlebnisse wurden in Liedform gebracht und zum Abschluss vorgetragen:

13 Tage sind vorüber,
13 Tage voller Freud:
scheiden müssen wir heut wieder,
schade um die schöne Zeit.

Froh gelaunt war'n wir gekommen
schwer gestimmt ziehn wir dahin,
jeder hat was mitgenommen,
gut erholt ist unser Sinn.

Walter hat es gut verstanden,
uns zu lenken, zu betreun;
wir ihm dafür herzlich danken,
weil wir's später nicht bereun.

Wenn das Bett jedoch nicht gerade,
wird es von ihm eingerissen,
und es wäre ziemlich schade,
wenn wir's nochmals machen müssen.

Kommt der Walter früh ins Zimmer,
schlafen wir noch alle fest,
und dann weiß er es schon immer,
daß wir gingen spät ins Nest.

Doch der Walter eines Morgens
kam nicht in das Zimmer rein,
und wir schliefen ohne Sorgen,
bis uns weckte Fräulein Stein.

Täglich geht er mit uns wandern,
daß wir abends besser ruhn,
und manchmal einer sagt zum andern:
„Ich möchte lieber was and'res tun.“

Gestern jagt er uns bis Leisnig,
doch wir haben's nicht bereut;
Unsre Jungen marschierten im
Gleichschritt.

Allen anderen hat es gefreut.
Jeder fuhr mal auf dem Wasser
in dem eisernen „Äppelkahn“,
mancher wurde manchmal blasser,
als der der Kahn zu schaukeln begann.

 Auch die Küche hat bewiesen,
daß sie prima kochen kann,
täglich wurde sie gepriesen,
nicht nur von mir, von jedermann.

Nun zum Schluß wollen wir sagen,
jeder käme gern nochmal her,
keiner wir zu Hause klagen,
jeder wiegt bestimmt was mehr.


Immer wieder trübten plötzlich auftretende Krankheiten das Gesamterlebnis, wie eben unsere Leisniger Schüler berichten:

Als war eine Woche vergangen,
hat ein böses Übel angefangen.
Scharlachbazillen haben einzug gehalten
und unsere große Gemeinschaft gespalten

Reingard lag krebsrot im Bett mit Fieber,
wir machten uns schwere Sorgen darüber.
Im Nu war schon ein Arzt zur Stelle,
schickt sie nach Technitz hin ganz schnelle.

Die übrigen 7 aus Zimmer 3
begannen bald ein groß Geschrei.
Man isolierte sie von allen,
wohl keinem hat die Maßnahme gefallen.

Bald wieder kam der Arzt ins Haus,
schickt Lilo und Marlies ins Krankenhaus.
Damit die Jungen nicht auch die Krankheit bekamen,
schon am nächsten Tag sie Abschied nahmen.

Traurig blieben wir Mädchen zurück
und fügten uns ungern dem Geschick.
Mit der großen Gemeinschaft war es vorüber,
man ging zur Bildung von Grüppchen über.

In fremde Zimmer durften wir nicht,
wehe, wer dort wurde erwischt.
3 Tage über unsere Zeit
mußten wir bleiben, dann war es soweit.

Traurig nahmen wir Abschied vom Heim
und zogen am 31.1. in Leisnig ein,
doch uns allen wurde versprochen
das Wiedersehen im Sommer
für ein paar fröhliche Wochen.

Tatsächlich kam ein Teil der Leisniger Schülerinnen und Schüler im Sommer 1951 wieder in den Töpelwinkel, um sich dann richtig und ohne Krankheiten erholen zu können. Was an Kinderkrankheiten zu erleiden war, spiegelte sich in den Chroniken und Gästebüchern wider. Bis in die 1960er Jahre hinein kamen immer wieder Fälle von Diphterie, Masern, Keuchhusten und Scharlach vor.

Nicht nur Friede, Freude, Eintracht – Restriktionen und totaler Staat. Der Stalinismus und George Orwell lassen grüßen

Beispiellose Hetze

Bereits die Sommerunruhen von 1953, welche am 17. Juni ihren Höhepunkt fanden, nahm die neu formierte Staatssicherheit zum Anlass, auch in der Region besonders hart gegen Kritiker, Auffällige, vor allem aber gegen eigene Meinungen vorzugehen. Oder bei geringstem Anlass, wie aus in Limmritz, Wöllsdorf und Ziegra verteilten Flugblätter zu sehen ist:

Freund oder Feind?

9. Mai 1957...22 Uhr. Die Tür des Gasthofes in Limmritz öffnet sich. Gastwirt Freund tritt heraus. Wie ein Dieb schleicht er über die Straße. Blitzschnell zerreißt er ein Plakat und verschwindet wieder. Es war ja nur ein Plakat, so könnte man meinen. Das ist falsch! Es war eine ernste Mahnung gegen die Gefahr eines Atomkrieges. Es war eine Entlarvung Adenauers und seiner Kriegspolitik. Es war ein Aufruf an das Gewissen der Menschheit. Hat Gastwirt Freund kein Gewissen? Wir fragen: Will er einen Atomkrieg? Will er das Ende von Limmritz? Will er den Tod seiner Mitmenschen? Hat er den Vernichtungswahn des Faschismus vergessen? Schleppt er noch faschistisches Gedankengut mit sich herum?

Einwohner von Limmritz und Umgebung! Denkt an Euer Leben! Denk an die Zukunft Eurer Kinder! Sagt diesem "Freund" - so wird man zum Feind! Plakate zerreißen - damit fängt es an. Gastwirt Freund - besinne Dich! Wir sind auf der Hut! Unseren Arbeiter- und Bauernstaat lassen wir nicht antasten! Unseren Weg zum Sozialismus geben wir niemals preis. Gastwirt Freund, Du wirst das Rad der Geschichte nicht aufhalten! Alle Wege unseres Jahrhunderts führen zum Sozialismus.

Kreisausschuß der Nationalen Front

Denunziation und Verrat kennzeichnen das Klima in dieser verrückten Zeit. Die Stasi und ihre "freien Mitarbeiter" hatten genügend Augen und Ohren, um Kritiker oder Andersdenkende ans Messer zu liefern. Im Falle Freund, dem Gastwirt aus Limmritz, nach Waldheim. Das berüchtigte Gefängnis unweit des Töpelwinkels war nun nicht nur ein Hort von Schwerverbrechern, viel mehr politisch Verfolgte und "Feinde des Sozialismus" saßen dort ein. Hatten die berüchtigten Waldheimer Prozesse aufhorchen lassen, bei denen Altnazis meist zum Tode verurteilt wurden, kamen jetzt die Feinde des Staates unters Fallbeil. Die 1950er Jahre waren der Anfang einer beispiellosen Verfolgung im Innern des Staates. Waldheim, Bautzen, Hoheneck, Torgau und so weiter, überall lauerte Freiheitsentzug und Tod. Freilich wurden Todesurteile in den 1970er Jahren in lange Haftstrafen umgewandelt, doch die Vielzahl von Menschen, die in diesen Jahren hinter Gittern kamen, spricht Bände.

Brandzettel, Flugblätter und öffentliche Aushänge dienten zur Einschüchterung der gesamten Bevölkerung. Gerade in Ziegra und Limmritz, den Orten, in denen sich breiter Widerstand gegen die Obrigkeit regte, sind derartige Vorfälle ungezählt. So zum Beispiel musste sich Bauer Friedrich aus Ziegra verantworten, weil er mehr Lebensmittel frei verkaufte und sich so der Bevormundung durch die LPGs entziehen wollte, damit natürlich mehr Geld einnahm als LPG-Bauern. Der Fall landete vor dem Kati und Friedrich im Knast.

Diese und ähnliche Fälle sorgten für großen Unmut in der Bevölkerung. Aber auch für Angst und Unsicherheit. Die Stasi, Schild und Schwert der Partei, tat alles, um den Widerstand gerade hier auf dem Lande zu brechen. Die 1950er Jahre waren sicher Höhepunkt dieses Kesseltreibens nach Stalinschem Vorbilde. Der totale Staat, totale Überwachung, Meinungsterror und Gehirnwäsche, Frei nach Orwell, wohingegen seine Fassung "1984" als ein Kinderspiel erscheinen muss.

Waldheim ist kein Idyll, ein verwunschener Ort. Viele aus Nah und Fern mussten hier Lebenszeit verschwenden, nur weil sie ein falsches Wort sagten, oder einfach nur anders dachten, tickten. So etwa Edeltraut Eckert, junge Lyrikerin, ein freier Geist. Ihre Geschichte und derer, welche ebenfalls in Waldheim einsaßen, aus nichtigem Grunde und doch so schwerwiegend für den einzelnen Menschen:

Vom Leben trennt dich Schloss und Riegel
Gelesen: Edeltraud Eckert "Jahr ohne Frühling"

Edeltraud Eckert war 1950 junge Autorin, schrieb erste Gedichte und Texte. In der noch jungen DDR aber war für ihr Tun wenig Platz. Als Schriftstellerin und kritische Stimme gegen den sich rekrutierenden Machtapparat der SED langte eine Zeile auf einem Flugblatt: "Für Freiheit und Demokratie", um eine langjährige Haftstrafe verbüßen zu müssen.

In Potsdam festgenommen wurde sie in einem Schauprozess zu 25 Jahren Arbeitslager verurteilt und ins Zuchthaus Waldheim verbracht. Dort angelangt, begann für sie ein unvorstellbarer Leidensweg unter Hass, Repressalien und körperlicher Not, in einer lebenswidrigen Umgebung, gemeinsam mit Schwerverbrechern, die ihre gerechtfertigte Strafe abzubüßen hatten.

Eine Zeile auf einem Flugblatt reichten, um in diese Mühle zu geraten, in der DDR offenbar besonders schnell. Dieser Umstand wird heute, zwanzig Jahre nach der Wende kaum noch wahrgenommen, geschweige denn andächtig angenommen, wie es sich für eine bewusste Nation geziemt. Als junge Frau, in den besten Jahren, schien es Edeltraud Eckert noch leicht zu fallen, die Härten des Waldheimer Strafvollzuges zu erdulden. Sie konnte sich sogar arrangieren mit ihren Peinigerinnen im Wachpersonal, fiel durch gute Arbeitsleistungen auf, die ihr schließlich gestatteten, Schreibzeug und auch Bücher zu benutzen, um Gedichte und Briefe an ihre Lieben zu schreiben.

Freilich konnte Edeltraud Eckert nur soviel "Tragbares" schreiben, als ihr die Briefzensur ständig im Nacken saß, und trotzdem gelangten viele Bilder in ihren Texten nach draußen, in die Hände der nächsten Verwandten. In einem totalitären Staat war nicht viel Platz für freie Geister, und Platz für sie musste hinter Gittern reichen.

Dieser "Freiraum" kam zwar ungelegen, die Flucht ins Innere aber ließ Gedanken-und Gefühlströme fließen, die schließlich in so wunderbare Lyrik mündeten, wie man sie selten unter die Augen bekommt. In der Edition Büchergilde erschienen Edeltraud Eckerts Gedichte und Briefe an die Familie, dank eines glücklichen Momentes. Ihre Schwester Dorothea stellte Briefe und Texte dem Verlag zur Verfügung.

Als zehnter und neuester Band der Buchreihe "Die verschwiegene Bibliothek" lesen wir heute Texte meist junger Autoren in der damaligen DDR, die früher verschwiegen wurden und heute vergessen sind. Eine Edeltraud Eckert aber ist nun einer breiten Öffentlichkeit zugänglich, um sich vielleicht der eigenen Vergangenheit im DDR-Staat gewahr zu werden. Unter den Augen der Allgewaltigen in der DDR entstand eine literarische Gegenwelt mit Blick auf eine bessere Welt, die aus innerster Sichtkraft und dem Wunsch nach Veränderungen gespeist wurde.

Heute sind die Gedichte beinahe Anklang auf eine längst verdrängte Zeit, die man sich heute scheinbar schön redet und ihre Opfer einfach so vergisst. Waldheim ist wieder einmal ein Ort des Erinnerns, als Dichter und Freidenker über viele Jahre hinter Gittern leben mussten.

Edeltraud Eckert ereilte ein schlimmes Schicksal: Bei einem Arbeitsunfall im Strafvollzug Hoheneck/ Stollberg wurden ihr durch eine rotierende Welle die Haare vom Kopf gerissen. Durch zögerliche Behandlung der Schlimmen Wunde und durch den nun eintretenden Wundstarrkrampf wurde ihre Lage lebensbedrohlich. Sie starb 25-jährig in der Chirurgischen Universitätsklinik Leipzig an den Folgen dieser schweren Verletzung. Uwe Reinwardt (Quelle: "regionDL", 22. Oktober 2007)


Auch Siegfried Heinrichs saß drei Jahre seines Lebens im Waldheimer Knast:

Siegfried Heinrichs Zelle 421

Der bekannte ostdeutsche Lyriker saß drei Jahre im Waldheimer Knast

Wie lang braucht man eigentlich, um einmal den Waldheimer Knast zu umrunden? Zehn Minuten in etwa, wenn man sich der Mauern annimmt, die für sich eher einem Kloster ähneln, wären da nicht Wachtürme und Stacheldraht. Die Justizvollzugsanstalt in Waldheim hat Geschichte und die Geschichte hat den Waldheimer Knast. Wer hier sitzt muss was ausgefressen haben, nach Jahren dann sind es viele Blechnäpfe, die zu leeren sind, um die Jahre zu zählen.

Siegfried Heinrichs saß drei lange Jahre im Waldheimer Knast. Siegfried Heinrichs saß ein, weil er Gedichte schrieb, die den Oberen in der DDR nicht recht ins sozialistische Bild passten. Es waren nur ein paar Zeilen gegen Mauer und Stacheldraht, Zeilen gequälter Liebe. Nach acht Monaten Haft bei der Staatssicherheit folgte 1964 das Urteil wegen Herstellung und Verbreitung staatsgefährdender Schriften, drei Jahre Zuchthaus Waldheim.

Siegfried Heinrichs wurde 1941 geboren, verbrachte seine Kindheit auf dem Lande, arbeitete als Hilfsarbeiter, Soldat, Bankangestellter, Sachbearbeiter, - das Schreiben aber wurde sein Lebensanker. 1974 wechselte Heinrichs in den Westen, weil im Osten unliebsam und nun ohne weitere Sinngabe.

Als Angestellter im Westen musste Heinrichs jenes seltsame Gefühl verspürt haben, wenn der Lebensanker im Fleisch der Totalität Wunden in der Seele schlägt: Die Staatssicherheit verbuchte selbst lyrische Fragmente als umstürzlerische Gesinnung, in ihrer akribischen Sammelwut geriet sie jedoch in die seltsame Lage, Lyrik lesen zu müssen, um sie dann zu archivieren. So wurden Heinrichs Texte hinübergerettet, wenn man so sagen darf. Heinrichs Gedichte fanden recht bald Beachtung, im damaligen Osten nicht minder als im Westen. Wolf Biermann schrieb 1979 über Siegfried Heinrichs:

Siegfried Heinrichs ist einer von den DDR-Dichtern, die sich für Jahre in den deutschen demokratischen Knast hineingeschrieben haben und dann ausgesperrt wurden in den Westen. Wenn ich seine Gedichte lese, denke ich: der muß sich noch jahrelang die DDR vom Halse dichten. Aber wen haut hier im Westen solch leises Schreien schon vom Stuhl? Es ist schade, daß auch diese Gedichte sich hier als Waren verkleiden müssen, um an Menschen zu kommen.

Im Osten schreibt man sich solche Texte mit der Hand ab und gibt die Kopien der Kopien weiter zum Kopieren - ja, eine Art realsozialistischer Verbreitung, ohne Verlag, ohne Buchhändler. Im Osten kosten solche Verse einige Nächte Schreibmaschinengeklapper, und wenn die Blätter bei der Haussuchung gefunden werden, kosten sie zwei bis drei Jahre...

Doch ob der Dichter seine Gedichte zu teuer bezahlt hat, das entscheiden die Leser.

Ausgerechnet der eigene Bruder lieferte Heinrichs an das Messer der Stasi und des Justizapparates. Eine Anzeige reichte für die Verhaftung und monatelanger Verhöre. Denunzianten und Lyriker haben eins gemeinsam: sie müssen sich in Acht nehmen. Lyrik in der DDR zu veröffentlichen oder zu verbreiten, musste einem Spießrutenlauf gleichen, je mehr Leute bescheid wußten, je mehr Schläge gab es.

Siegfried Heinrichs verdichtete seine Erlebnisse mit der DDR-Justiz:

IM NAMEN DES VOLKES

im namen des volkes:
verurteilt
wegen staatsgefährdender schriften
zu drei jahren zuchthaus.
mit irren, kinderschändern, mördern,
dichtern, dieben.

im namen des volkes:
das urteil ist nicht anfechtbar,
nicht einsehbar
nicht und niemals
verfügbar.

im namen des volkes:
die strafe ist antretbar
sofort.
(im namen der erde,
des brotes,
der zwiebel,
des messers,
des steines,

im namen aller ungeschriebenen
verse,
ich protestiere
vergeblich)

Waldheim bleibt ein Ort staatlicher Unzucht. Wer heute frei zehn Minuten lang zu Fuss den Knast umrundet, muss sich klar werden, dass man einst selbst hinter Mauern lebte, ohne dafür verurteilt worden zu sein. Siegfried Heinrichs ist heute eine prominenter Lyriker, der im Westteil Berlins lebt und Bücher verlegt. Waldheim hat "seinen" Lyriker längst vergessen. Wer wohl heute in Zelle 421 sitzt?

Uwe Reinwardt (Quelle: regionDL, 12. Mai 2008)

Die 1960er und 1970er Jahre...

Antreten zum Einölen...

Dass ganze Schulklassen über eine Zeit von vierzehn Tagen im Landschulheim verweilten und dabei nicht in "Lernverzug" kamen, wurde wochentags drei Stunden Unterricht gehalten. Diese Methode hatte sich über die Jahre im Landschulheim bewährt. Ein Bericht, welcher 1961 in der "Leipziger Volkszeitung" veröffentlicht wurde, schildert den entspannten und abwechslungsreichen Tagesablauf:

Ein vierzehntägiger Aufenthalt im Landschulheim Töpelwinkel

Schon seit Beginn des Schuljahres planten die Klassenleiterinnen der Hortklassen 4a und 4b der Karl-Marx-Oberschule Döbeln einen gemeinsamen Aufenthalt im idyllisch gelegenen Landschulheim Töpelwinkel. Die Eltern wurden rechtzeitig davon unterrichtet, damit sie sich darauf einrichten konnten. Die Kinder selbst sammelten fleißig Altstoffe, die Patenbrigaden gaben einen Zuschuß, und ein nicht unerheblicher Betrag wurde von der Abteilung Volksbildung bereitgestellt. In den letzten Wochen gab es dann nur noch einen Gesprächsstoff, den Aufenthalt im Landschulheim! Am 12. Juni, gerade zum Lehrertag, traten wir unsere Fahrt an. Trotz allen Vorbereitungen und Aufregungen hatten die Kinder den Feiertag ihrer Lehrerinnen und Erzieherinnen im Hort nicht vergessen, und erfreuten diese mit Blumen und Geschenken. Genosse Zieger von der Dienststelle der Volkspolizei transportierte uns mit unserem Gepäck in einem großen LKW vom Treffpunkt Karl-Marx-Oberschule bis zum Landschulheim. Wir möchten ihm und der Dienststelle auf diesem Wege unseren Dank abstatten, denn auch die Rückfahrt - 12 Tage später - ging ebenso schnell und reibungslos vonstatten.

Nachdem die Betten überzogen, die Koffer ausgeräumt und alles verstaut war und die ersten Eindrücke und Aufregungen vorrüber waren, begannen wir den nächsten Tag nach vorher festgelegtem Plan. 6.30 Uhr wurde geweckt, anschließend ging es in die Waschräume, und nach dem Bettenbau trafen wir uns 7.00 Uhr zum Fahnenappell. Anschließend nahmen wir das erste Frühstück ein. 8.00 Uhr begann der Unterricht. Während des Aufenthaltes im Landschulheim waren pro Tag drei Stunden Unterricht im Raum, die übrigen Stunden wie Zeichnen, Singen und Sport im Freien geplant. Herrliches Wetter erlaubte es uns, diesen Plan so durchzuführen, wie wir uns es gedacht hatten. Nach der zweiten Unterrichtsstunde wurde das zweite Frühstück in Form einer Milchssuppe gereicht. Die Zeit zwischen Unterrichtsschluß und Mittagessen wurde mit sportlichen Spielen ausgefüllt. Nach der täglichen Mittagsmahlzeit wurde bis 14.30 Uhr Ruhepause gehalten. Eine Maßnahme, die sehr zu begrüßen ist, leider aber oft auf den Widerstand der meisten Schüler stieß. Der Nachmittag wurde dann zu Wanderungen und fröhlichen Spielen auf der großen Heimwiese an der Zschopau benutzt. Hier zeigten viele ihr Können. Kopfstand, Handstand, Hecht und Rolle durch den Reifen, aber auch aufregende Staffelläufe, Federball und Fußballspiele waren beliebt. Besonders gern beschäftigten sich die Kinder auch - wie könnte es anders sein an solch warmen Tagen - am und im Wasser der Zschopau. Da hieß es wieder aufpassen, daß die Kinder keinen Sonnenbrand erwischen. Viel Spaß gab es immer beim Antreten zum Einölen! Nun, es hat sich gelohnt, wir sind alle mit schöner, brauner Hautfarbe zurückgekommen. 18.00 Uhr wurde Abendbrot gegessen, und nachdem wurden Schuhe geputzt, gewaschen, und ab 20.00 Uhr war Nachtruhe. Um den planmäßigen Ablauf unseres Tagesprogrammes zu gewährleisten, hatten wir den Sonntag als Besuchstag festgesetzt, und wir waren recht erfreut darüber, daß beinahe alle Eltern nach dem Töpelwinkel kamen, um sich an Ort und Stelle zu überzeugen, wie schön ihre Kinder in diesem Heim untergebracht sind. Dieser Aufenthalt wurde auch dazu benutzt, die restlichen Punkte des Stufenprogramms der Jungen Pioniere zu erfüllen. So wurde unter anderem das Regenschutzdach gebaut, ein Geländespiel veranstaltet, bei dem auch verschiedene Hindernisse zu überwinden waren. Wir sangen Pionierlieder und führten auch eine schöne Wanderung zum Spitzstein durch. ("Leipziger Volkzeitung", 28. Juni 1961)

Landschulheim „Töpelwinkel“ erreicht 1966 die geplante Kapazität und lastet diese voll aus:

So richtig Gestalt bekam das Landschulheim als solches zum Anfang der Sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Alte Wohnräume, welche bislang als Unterkünfte für Anwohner und Mitarbeiter des Heimes dienten, wurden umgebaut, Toilettenräume modernisiert. Die provisorische Nutzung als Pionierhaus und Mädchenwohnheim wurde nun beendet, der geplante Ausbauzustand erreicht. Gemäß einer sozialistischen Erziehung der Kinder und Jugendlichen, oblag das Trennugsgebot der Geschlechter einer beinahe althergebrachten Methodik wilhelminischer Tradition. Dies wiederum geschah einerseits unbewußt, auf der anderen Seite diente die bürgerliche kleingeistige Prüderie als eine Art "Beruhigungsfaktor", disziplinierend auf unruhige Geister. Letztlich hatte der kleinbürgerliche Charakter des Ordnungssystems im Töpelwinkel willige Fürsprecher in den Leitungsebenen. !966 wurde übrigens erstmalig eine Auslastung von 100 Prozent erreicht, was aus einem Schreiben an den Rat des Kreises hervorgeht:

Die Kapazität des Landschulheimes Töpelwinkel ist mit 65 Plätzen festgelegt worden. Für diese Belegungszahl sind die vorhandenen hygienischen und sanitären Einrichtungen lt. Überprüfungen durch die Hygiene-Inspektion ausreichend. Eine Gegenüberstellung mit den letzten beiden Jahren bezüglich der Auslastung des Landschulheimes zeigt folgendes Ergebnis: 1964 - 62,5%, 1965 - 69,1%. Im Jahre 1966 wurden 100,4% erreicht. Die 100 Prozent der Auslastung sind also erreicht worden, jedoch bedeutet das, daß auch Wochenendschulungen im Landschulheim mit durchgeführt worden sind, wodurch natürlich auch erhöhte Anforderungen an das gesamte Personal gestellt wurden.

Wir haben uns vorgenommen, das 1966 erreichte Ziel auf jeden Fall wieder zu erreichen, bzw. noch um einige Prozente zu überbieten. Wir wollen den Pionieren und Schülern das Landschulheim zur größtmöglichen Nutzung zur Verfügung stellen. Auch durch die räumlichen Erweiterungen durch die frei gewordenen Wohnungen konnte das Landschulheim netsprechend besser für die Kinder eingerichtet werden. In der ersten Etage befinden sich die Schlafräume für Mädchen, dazu ein Schlafraum für Lehrerinnen, zwei Krankenzimmer, das Fotolabor, der Fernsehraum und ab 1. 3. 67 der Klub- bzw. Aufenthaltsraum für die Lehrer.

In der zweiten Etage befinden sich die Schlafräume für Jungen und dazu ein Schlafraum für Lehrer, zwei Unterrichtsräume und der Tischtennisraum, der gleichzeitig als Bastel- und Arbeitsraum für Arbeitsgemeinschaften Verwendung findet. Dieser Raum liegt unmittelbar über dem Turbinenraum und hat die Stärksten Geräusche. Erfreulicherweise konnte dieser Schlafraum nun einer besseren Bestimmung übergeben werden. Seitdem kommen von Seiten der Kinder keine Beschwerden mehr, daß sie nachts nicht schlafen können. (...) (Quelle: Schreiben an den Rat des Kreises, Abteilung Volksbildung, vom 10. Februar 1967)

Die Zeit als „Station Junger Touristen“ 1972-1989 -

Auszug aus „Chronik Nr. 6“:

In der Zeit vom 16. - 25. 2. 72 führte unser Kreisaktiv der Pioniere Döbeln, hier in der schönen Station Junger Touristen, das diesjährige Winterlager durch, welches vom Haus der Jungen Pioniere organisiert wurde. Durch eine gute Vorbereitung jedes Teilnehmers auf unser Lager und die aufopferungsvolle (Auf) Arbeit und Hilfe aller Mitarbeiter der Station gelang es uns, alle Aufgaben entsprechend unserem Plan in die Tat umzusetzen.

Dabei stand die Vorbereitung unserer Freundschaftsratsvorsitzenden und Stellvertreter und der Vorsitzenden der internationalen Klubs auf dem 50. Jahrestag der PO W.I. Lenin und auf dem 20. Jahrestag der Namensverleihung an unsere Pionierorganisation im Mittelpunkt.

Zu schönen Höhepunkten wurden:

das Manöverspiel und der Manöverball

die thematische Versammlung „Wir lernen von unseren Freunden, den Leninpionieren“

die Exkursion nach Dresden, in die Stadt des 1. Pioniertreffens 1952 und des zentralen Rätetreffens 1972,

das Abschlußfest unter dem Motto „Drushba – heißt Freundschaft“.

Mit großer Freude und Begeisterung halfen wir bei der Vorbereitung der Einweihung der Station am 17. 2. 72. Mit besonderer Herzlichkeit begrüßen wir unseren stellv. Kreisschulrat Genossen G. Raßat und die anderen Gäste. 10 Tage sind nun zu Ende. In zahlreichen Diskussionen über unsere Arbeit an den Pionierfreundschaften haben wir unsere Erfahrungen ausgetauscht und viel gelernt. Manch schwere Aufgabe mußte gelöst werden. Wir waren immer fröhlich und guter Dinge und werden uns immer gern an unseren Aufenthalt in unserer Station erinnern.

Auf diesem Wege möchten wir unserer Genossin Buchmann und dem gesamten Kollektiv der Station für alles recht herzlich danken. Wir fühlten uns wie zu Hause, den Sauberkeit, Hilfe und Unterstützung und gutes, sowie reichliches Essen, machten uns den Aufenthalt sehr angenehm. Ungern verlassen wir dieses gastliche Haus.

Lagervorsitzende Petra Courtois.“

Am heutigen Tag wird das ehemalige Landschulheim Töpelwinkel als Station Junger Touristen offiziell der Bestimmung übergeben. Ich kenne den erfolgreichen Entwicklungsweg dieser Einrichtung, die fest zur Schulgeschichte unseres Kreises gehört. Als Station Junger Touristen erwachsen allen Mitarbeitern neue und größere, aber auch schönere Aufgaben. Die Station Junger Touristen Töpelwinkel hat in unserem Volksbildungswesen spezielle Aufgaben auf dem Gebiet der außerschulischen Bildung und Erziehung zu erfüllen. Ich bin gewiß, daß alle Beschäftigten diesen hohen Auftrag gewissenhaft erfüllen werden.

Ich benutze die heutige Feierstunde zur Eröffnung dieser schönen Einrichtung, um der Leiterin und allen Mitarbeitern viel Erfolg in der Arbeit, Gesundheit und Schaffenskraft zu wünschen.

Kreisschulrat Raßat, Töpelwinkel, den 17. 2. 1972

In einer Urkunde des Kreisschulrates, die merkwürdigerweise erst am 17. Februar 1972 durch Studienrat Herbst ausgestellt wurde, und den offiziellen Namen der Einrichtung in „Station Junger Touristen“ benennt, wird die zukünftige Leiterin Brigitte Buchmann berufen

Freilich hat sich seit dem Tag eine grundhaft geänderte Ausrichtung des Landschulheimes hin zu einer „Zweigstelle“ des Ministeriums für Volksbildung, als eine „Station Junger Touristen“, insgeheim auch der vormilitärischen Ausbildung ergeben. Zivilschutz und vormilitärische Ausbildung wurden zum festen Bestandteil des Lehrplanes, somit auch im außerschulischen Bereich. Jetzt galt es, junge Menschen im Umgang mit Karte, Kompass, beim Aufbau einer Feuerstelle und der Errichtung von Zeltlagerstätten zu schulen. Was vordergründig touristische

Ambitionen vorgab, muss als vormilitärische Ausbildung gesehen werden. Insofern veränderte das Landschulheim Töpelwinkel ab dem 1. Januar 1972 seinen Charakter völlig.

Um dies zu belegen, lesen wir einen Eintrag in der Chronik Nr. 6:

-Wir danken!-

Entsprechen der Losung:

„Für den Schutz der Arbeiter und Bauernmacht- Kampfauftrag 72“
folgten Reservisten dem Ruf von Partei und Regierung und führten einen Lehrgang mit dem Ziel durch, unsere sozialistische Heimat gegen alle imperialistischen Versuche allseitig und wirksam zu schützen. Mit Wissen und Können sowie mit der aktiven Bereitschaft all´ unsere Kraft in den Dienst der sozialistischen Staatengemeinschaft zu stellen, kehren wir in unsere Arbeitsbereiche zurück, mit der Gewißheit des Dankes an all'jene, die uns hier vorbildliche Bedingungen schufen. Wir fühlen uns eng verbunden mit allen Kräften, die uns das Lernen und Arbeiten erleichterten, die uns halfen, unsere gemeinsame Aufgabe in Ehren zu erfüllen.

Wir danken der Heimleitung, dem technischen Personal und den Fachkräften für ihre Einsatzbereitschaft und Tatkraft. Wir werten diese Mithilfe als Ausdruck der engen Verbundenheit zwischen Volk und Armee. Wir wünschen Ihnen für Ihre weiteren verantwortungsvolle Arbeit viel Erfolg und persönliches Wohlergehen.


Haft, Lehrgangsleiter, 28.01. 1972

Mit der Umbenennung des Landschulheimes Töpelwinkel in „Station Junge Touristen“ wird eine weitere Militarisierung sozialer Rückzugsräume sichtbar, offenbar dem sich zuspitzenden kalten Krieg geschuldet. Die DDR-Führung sah genügend Gründe für eine „Mobilmachung“ der jüngsten Reserve, als Rekrutierungsraum für zukünftige Soldaten und Offiziere der NVA.

Unser Zeitzeuge Rolf Apitz war damals mit dabei, als es darum ging, im Gelände Entfernungen zu bestimmen oder Feuerstellen anzulegen: „Da wurden Manöver abgehalten, Spiele im Feld. Erst Jahre Später begriff ich die Umstände, wie militärisch es schon da zuging. Mußte ja alles auf Linie sein, der Frühsport und der Bettenbau. Bei der Armee später war das ja genau so“.

Derartige Stimmen konnten im Zuge der Erstellung der Chronik öfter vernommen werden. Nicht nur Spiele und Manöver wurden im Töpelwinkel abgehalten; vielmehr wurden verstärkt fachspezifischer Unterricht wie zum Beispiel im Mathematikspezialistenlager erteilt:

Fleißig lösten wir an den Vormittagen mathematische Probleme. An Nachmittagen und Abenden wanderten wir, hörten uns Vorträge an und erholten uns bei Sport und Spiel. Besondere Höhepunkte unserer Freizeitgestaltung waren das Geländespiel, das die Erzieher unter der Leitung von Frau Träger vorbereiteten; der Abschiedsabend, bei den wir unter anderen das Bewegungsspiel“Der Lehrsatz des Pythagoras“ vorführten. Ein kleines Gedicht, was die Schüler der Klassen 5 und 6 am Abschiedsabend vortrugen, sei auf der folgenden Seite aufgeführt.

Uns gefiel es hier sehr gut. Die Tage sind viel zu schnell vergangen. Besonderen Dank wollen wir dem Personal des Heimes sagen, das uns mit seiner aufopferungsvollen Arbeit diese schönen Ferientage ermöglichten. Wir haben uns vorgenommen durch weiteres fleißiges Lernen unserem Staat zu nützen.“

„Wir haben zwei hübsche Mädchen, Gudrun und Sigrid,
und wenn sie durch das Lager gehen, schauen alle Augen mit.

Wir haben einen prima Kehrer, der heißt mit Vornamen Klaus
und wenn er mit dem Besen kommt, da lachen wir ihn all aus.

Wir haben noch `ne Kleine, auch diese kann schon was,
sie zählt schon ihre Bonbons wie ein großes Matheass.

Frau Winkler ist `ne kluge Frau, ja sie ist wirklich äußerst schlau,
sie verlieh uns den ersten Platz beim Geländespiel im Paps.

Herr Windisch und Herr Gähmlich, zwei nette junge Herrn,
die sehn sich gar nicht ähnlich, und doch haben wir sie gern.

Eine, die stets um uns besorgt ist Frau Buchmann,
Bücher hat sie uns ausgeborgt, und Karten hat sie uns versorgt.

Herr Träger ist ein sehr besorgter Mann, wenn einer Sorgen hat,
dann rückt er bei ihm an.

Nie hat er Ruhe vor uns Göhren und trotzdem kann er uns noch hören.
Herr Gleisberg muß oft schimpfen über unseren Krach,
auch wenn wir die Nase rümpfen, schlafen wir dann doch die ganze Nacht.
Jeden Früh um 7 Uhr werden wir von Frau Träger aus den Betten getrieben,
denn die kluge Frau hat wohl bedacht,
daß man nicht verschlafen darf Tag und Nacht.

Die Küchenfrauen wir sehr loben, ihr Essen alle gern erproben,
denn es ist wirklich reichlich und unvergleichlich...“


Das geschäftige Treiben im Töpelwinkel spricht sich herum. Mittlerweile kommen Gäste aus der ganzen Republik, verbringen Tage und Wochen in der Einrichtung. Was aber geschah weiter im Jahr 1972? Wir lesen weiter:

In der Zeit vom 2.5. - 4.5. 1972 weilten die „Besten“ Pioniere des Bezirkes Leipzig, deren Kollektive den Namen Dimitroff tragen, zur Vorbereitung des Freundschaftsfluges in die VR Bulgarien, im Töpelwinkel.

Unsere Pioniere fanden hier den Ort, der für sie geeignet war, sich intensiv vorzubereiten. Wir danken allen Mitarbeitern der Station „Junger Touristen“ für die freundliche Aufnahme und gute Bewirtung....

1967 – vor 5 Jahren

sind unsere Großen schon mal Töpelwinkel gefahren. Es blieb uns in guter Erinnerung,
drum wagten wir nochmal den Sprung.
4 Tage nur- das war nicht viel,
doch erlaubte unser Direktor nur Wandern und Spiel.
Zum 1. Mal fuhr die Klasse 3b fort.
Frau Danzfuß erzählte von dem schönen Ort.
Die „Kleinen“ waren das Wandern noch nicht gewöhnt.
„So weit- so weit!“ haben sie zuerst noch gestöhnt.
Sie jammerten: „Wir sind schon schlapp!“
Doch wir brachten sie immer wieder in Trab!
Am 1. Tag schon zogen wir los,
da gab es einen kurzen Spaziergang bloß.
Der Pfaffenberg und Wöllsdorf waren unser Ziel.
Überall gabs für Großstatdtkinder zu sehen viel.
Nicht immer nur gehen zu zwein, wie in der Stadt,
das hatten sie wirklich einmal satt!
Das Drum nutzten sie die Freiheit-
sie konnten es nicht fassen- und rasten umher
wie losgelassen!
Am Mittwoch fuhren wir mit dem Boot über den Fluß,
das war ein ganz besonderer Genuß.
Wir kletterten im Eichberg herum
und sah`n dort drüben uns mal um.
Übern Berg, über Töpeln, Pischwitz und Wöllsdorf zum Heime-
abends hatten alle müde Beine.
Donnerstag war Groß-Wandertag:
Von Töpelberg bis Schweta zu Fuß,
dann nach Waldheim mit dem Autobus.
Dann begann der Marsch zur Burg Kriebstein,
die gefiel uns allen wirklich fein.
Dort lernten wir viele interessante Dinge,
ehe wir zur Talsperre Kriebstein gingen.
In Waldheim sahen wir das Zuchthaus an,
darin sitz so mancher böser Mann!
Bis Limmritz brachte uns abends die Bahn,
hungrig und, und nun der letzte Fußmarsch begann.
Hungrig und müde kamen wir in Töpelwinkel an.
Am letzten Morgen malten wir, was wir gesehen,
und ruhten uns aus, das war auch mal schön.
Die wenigen Tage war´n zu schnell vorüber,
vielleicht dürfen nächsten Jahr wir kommen wieder.
Es war so schön, es gefiel uns so gut,
wir fühlten uns in guter Hut.
Alle fleißigen Frauen im Heim
betreuten uns wie Muttis so fein.
Wir danken herzlich ihnen allen
und sagen „Auf Wiedersehen“,
es hat uns so gut hier gefallen!

Klasse 3b der Gehörlosenschule „Albert Klotz“ Halle, 24. Mai 1972

So konnte man meinen, dass damals zu Zeiten größten Umweltfrevels die Zschopau als Badegrund völlig ungeeignet wäre, zeigen sich die jungen Besucher der „Station“ völlig unbeeindruckt. Die Zschopau bot Badespass pur, wie uns die Einträge in Chronik Nr. 6 beweisen:

Unseren herzlichen Dank!

Die Klasse 7b der Georgi-Dimitroff-Oberschule weilte vom 5.6. bis 9.6.72 in der „Station Junger Touristen“ im Töpelwinkel. Wir unternahmen fast täglich ausgedehnte Wanderungen durch landschaftlich schöne Gebiete. Mehrmals am Tage fanden sehr schöne Bootsfahrten auf dem Fluß statt. Die Höhepunkte waren jedoch das Baden im Fluß und das Lagerfeuer am Abend des 8.6.72.

Doch auch für die gastfreundliche Aufnahme, das gute und reichliche essen und die Freundlichkeit der Heimleitung und des Personals möchten wir recht herzlich danken.

Der Abschied fällt uns allen sehr schwer, doch hoffen wir, daß wir wieder einmal herkommen dürfen...

Georg Schumann wird Namensgeber der „Station Junger Touristen“

Wer war Georg Schumann? Vom Sozialdemokraten zum Sozialisten und schließlich Kämpfer gegen Militarismus, Faschismus und Krieg

Wenn schon vergilbt, so zu Unrecht außer Beachtung und genau so bewußt und unbewußt verdrängt, gerät Georg Schumann als Namensgeber der Station „Junger Touristen“ Töpelwinkel zu einem der Menschen seiner Zeit, die als Lichtgestalten einer neuen Bewegung anzuerkennen sind. Und Georg Schumann war so eine Lichtgestalt, die heute leider mehr oder weniger gemeinsam mit der jüngsten DDR-Vergangenheit in Vergessenheit geraten ist. Beinahe verstohlen und ganz sicher aus Unwissenheit verschwanden Büsten, Denkmäler und Namenszüge aus der öffentlichen Wahrnehmung, zahlreiche Straßen, die seinen Namen trugen, wurden Umbenannt. Groteskerweise kamen die politischen Widersacher Georg Schumanns erneut zu Ehren, eine beinahe typisch deutsche Eigenheit beim Umgang mit der eigenen Geschichte. Allerdings nimmt sich die Betrachtung darüber mehr und mehr unehrenhaft aus, wie doch zu beachten wäre, was ein Georg Schumann für seine Mitmenschen geleistet hat. Leider erhöht die aktuelle Politik, ganz sicher aus Unwissenheit, Mitgänger und Akteure des Militarismus wieder in der Öffentlichkeit, für ehemalige Kämpfer gegen den Faschismus und Militarismus ein Hohn.

Georg Schumann kannte keinen Stillstand, Rast im bürgerlichen Sinne; er war ein Kämpfer gegen Faschismus und Militarismus, Propagandist und ein Mensch mit dem Herzen am rechten Fleck, wohl aber es immer links schlug. Alle, die ihn kannten, berichteten voll des Lobes über die ausgesprochen entwickelten menschlichen Qualitäten, die er wohl hatte.

Georg Schumann

1886 Georg Schumann wird in Reudnitz bei Leipzig, Tiefe Straße 4 (heute 10) als Sohn des Steindruckers Richard Schuhmann und dessen Ehefrau Melitta Schumann geboren

1892 Umzug der Familie Schumann in den Dösener Weg am Bayrischen Bahnhof

1893 Ostern Einschulung in die 1. Bezirksschule in der Glockenstraße

1899 Ostern Umzug in die heutige Alfred-Frank-Straße in Leipzig-Schleußig. Deswegen Umschulung Georg Schumanns in die 26. Bezirksschule in der Könneritzstraße

1901 Ostern Abgang von der Schule

1901-1909 Lehre in der Werkzeugmaschinenfabrik Ferdinand Kunad in Leipzig-Kleinzschocher

1905 Eintritt in die SPD

1905 20. Juni Übersiedlung Georg Schumanns nach Erfurt. Arbeit in der Firma John

1905 Mitbegründer der Arbeiterjugendbewegung in Erfurt

1905-1907 Rege Beteiligung an politischer Arbeit, Georg Schumann ist Mitglied eines Arbeitergesangvereins und eines Propagandabildungsvereins

1906 1. Mai Georg Schumann wird wegen Organisierung eines Streiks aus dem Betrieb geworfen und auf die „schwarze Liste“ gesetzt.

1906 Sommer Er findet Arbeit in einer kleinen Etikettenfabrik

1907 17. März Übersiedlung nach Jena. Er arbeitet bei der Firma Carl Zeiß und wohnt im Haus Magdelstieg 3

1907 September Wahl Georg Schumanns zum Gewerkschaftsvertrauensmann. Führender Funktionär der Jenaer Arbeiterjugend.

1907 Pfingsten Georg Schumann wird vom 1. Thüringer Jugendtag an die Spitze des leitenden Organs der Jugendausschüsse des Bezirkes gestellt.

1907 8. November Erste Zusammenstöße mit der reaktionären Polizei

1912/13 Teilnahme an einem sozialistischen Bildungslehrgang in Berlin. Die Lehrer sind Rosa Luxemburg, Hermann Duncker, Heinrich Conow, Heinrich Conrady, Heinrich Schulz und Emanuel Wurm. Der Sekretär der Schule ist Wilhelm Pieck

1913 Beginn seiner Arbeit als Volontär in der Redaktion der „Oberfränkischen Zeitung“ in Hof

1914 Februar Redaktion der „Oberfränkischen Volkszeitung“

1914 April Redakteur der „Leipziger Volkszeitung“ (LVZ)

1914 1. Mai Erstmaliges Erscheinen einer Jugendbeilage der LVZ, die von Georg Schumann ins Leben gerufen wurde. Arbeit in der Liebknecht-Gruppe gegen den Weltkrieg

1915 26. April Georg Schumann heiratet die Junggenossin Johanna Wagner

1915 23. Juni Zeitweiliges Verbot der LVZ, weil Georg Schumann in dieser Zeitung einen – wenn auch versteckten – Kampf gegen Krieg und gegen die Kriegsgewinnler führt

1915 September Übernahme der Funktion des 1. Vorsitzenden des Leipziger Jugendausschusses

1915 Herbst Verhaftung Georg Schumanns. Er wird angeklagt, der Hauptverbreiter der verbotenen Zeitschrift „Jugend-Internationale“ zu sein. Er muß jedoch bald mangels an Beweisen freigelassen werden

1916 1. Januar Teilnahme an der Reichskonferenz der Gruppe „Internationale“ (Spartakus)

1916 Ostern Teilnahme Georg Schumanns als Leipziger Vertreter an der Jugendkonferenz in Jena, Zusammentreffen mit Karl Liebknecht

1916 Mai Eröffnung der Polizeiakte S 40 623 über Gerorg Schumann

1916 Sommer Einzug zum Militär, Ausbildung in Borsdorf bei Leipzig

1917 Januar Georg Schumann wird wegen Kriegsgegnerschaft und Zersetzung der Truppen vor ein Kriegsgericht gestellt und in eine Strafkompanie nach Galizien versetzt. Agitation unter den Soldaten

1917 September Erneute Verhaftung. Er kommt vor das Feldgericht der 53 Infanteriereservedivision

1917 September Georg Schumann wird zu Gefängnis verurteilt und ins Militärgefängnis nach Dresden gebracht

1918 Januar Die Gefangenen werden größtenteils entlassen, um sie erneut an der Front zur Verlängerung des Krieges einsetzen zu können. Auch Georg Schumann wird entlassen

1918 November Georg Schumann wird während der Revolution führendes Mitglied im Soldatenrat seiner Truppe

1918 Dezember Georg Schumann kehrt nach Leipzig zurück

1919 1. Januar Aus dem Spartakuskämpfer Georg Schumann wird ein Mitglied der KPD

1919 4. Januar Bildung der Leipziger Parteiorganisation der KPD, deren Mitbegründer Georg Schumann ist

1919 11. April Das Zentralorgan der KPD, „Die Rote Fahne“, wir vorübergehend in Leipzig gedruckt. Während dieser Zeit ist Georg Schumann Chefredakteur. Sitz: Windmühlenstraße 14/16

1919 1. Juni Georg Schumann und seine Genossen geben im Bezirk Groß-Leipzig wöchentlich die Zeitschrift „Klassenkampf - Organ der KPD (Spartakusbund)“ heraus. Druck in Bitterfeld

1919 19. November Georg Schumann wird in der Wohnung des USPD-Funktionärs Haneis in Leipzig-Gohlis verhaftet

1920 21. April Georg Schumann kommt durch eine Amnestie für politische Gefangene frei

1920 Dezember Georg Schumann wird in die Parteileitung des Bezirkes Halle-Merseburg gewählt, und Mitglied des Zentralausschusses der KPD

1921 3. Januar Die erste Nummer des Organs der Vereinigten Kommunistischen Partei Deutschlands (VKPD), „Klassenkampf“, erscheint. Georg Schumann ist Chefredakteur

1921 2. Februar Geburt der Tochter Ruth

1921 20. Februar Landtagsabgeordneter in Preußen

1921 Frühjahr Bezirksleiter des Parteibezirkes Halle-Merseburg der KPD

1921 Sommer Die dreiköpfige Familie Schumann zieht in eine Wohnung, die im Gebäude des Parteibüros in Halle lieg

1922 5. November Teilnahme Georg Schumanns am 4. Weltkonkreß der kommunistischen Internationale in Moskau

1923 Ende Januar Georg Schumann wird auf dem 8. Parteitag der KPD in die 21 Mitglieder umfassende Zentrale gewählt

1923 Winter Familie Schumann siedelt von Halle nach Berlin in die Oranienstraße 37 über

1924 6. Februar Geburt des Sohnes Horst

1925 Georg Schumann erhält die Aufgabe, als Vertrauensmann der Partei und als Funktionär der revolutionären Gewerkschaftsbewegung bei der Roten Gewerkschaftsinternationale (RGI) in Moskau zu arbeiten

1926 Januar Erscheinen einer Broschüre von Georg Schumann mit dem Titel „Weltarbeitslosigkeit“

1926 14. April Georg Schumann wird bei einem Urlaubsaufenthalt in Deutschland verhaftet und nach Berlin-Moabit verschleppt. Die Polizei beruft sich auf einen Haftbefehl, der Jahre zurückliegt

1926 November Entlassung Georg Schumanns. Der groß angekündigte Kommunistenprozeß gegen Schumann, Heckert, Stoekker, Pfeifer, Koenen, Hoernle, Eberlein u.a. wird verschoben

1927 Februar Auf dem Bezirksparteitag in Leipzig wird Georg Schumann zum Politischen Leiter der KPD für Westsachsen gewählt. Er gibt den Volkskalender der KPD für Westsachsen heraus

1927-1929 Mitglied des ZK der KPD

1928 Mai Reichstagsabgeordneter der KPD

1929 Georg Schumann tritt im Reichstag aktiv gegen die sich verschärfende Ausbeutung der Arbeiter und Angestellten auf. In diesem Sinne erscheint von ihm eine Broschüre „In der Knochenmühle zermalmt“

1933 27. Februar Georg Schumann und seine Genossen müssen in die Illegalität

1933 Familie Schumann zieht nach Leipzig-Wahren. Sie lebt im Siedlungshäuschen des Bruders. Zeitweilig bleibt Georg Schumann illegal bei der Familie Grimm, Leipzig-Neugohlis, Juister Weg 5

1933 Teilnahme am Plenum in Zeuthen bei Berlin

1933 Anfang Juni Reise nach Breslau als Bauleiter Müller. Er bildet mit der Genossin Friedel Malter einen leitenden Kern der illegalen Parteiorganisation

1933 Georg Schumann, Friedel Malter und zwei weitere Mitarbeiter geraten in die Fänge der Gestapo

1934 15. August Prozeß vor dem 1. Senat des „Volksgerichtshofes“ Anklage wegen Vorbereitung zum Hochverrat. Einweisung ins Zuchthaus Waldheim

1936 15. August Nach Ablauf der Haftzeit wird Georg Schumann nicht auf freien Fuß gesetzt, sondern kommt in das Gerichtsgefängnis Waldheim und von da in das KZ Sachsenburg. Für ihn und für viele seiner Genossen beginnt die Zeit der „Schutzhaft“. Später ist er Lagerältester

1937 Sommer Das KZ Sachsenburg wird aufgelöst, Georg Schumann kommt in das KZ Sachsenhausen bei Oranienburg. ER gehört zum illegalen Aktiv der Parteileitung im Lager

1939 21. Juni Entlassung aus dem KZ Sachsenhausen

1939 Juli Er wohnt bei seinem Bruder Albert in Leipzig-Wahren, Raustraße 6, und bekommt Arbeit in der kleinen Firma Revus in Leipzig-Leutzsch

1939-1944 Nach der Entlassung sofortige Kontaktaufnahme – zunächst durch Familienbesuche. Georg Schumann ist wesentlich beteiligt am Ausbau und Festigung der Leipziger Parteiorganisation der KPD und der Bildung und Entwicklung der NKFD in Leipzig. Erarbeitung der „Plattform“ für den Widerstandskampf. Erarbeitung und Herausgabe von Flugblättern und Kontaktaufnahme in Leipziger Betrieben mit vielen anderen Genossen. Herausbildung der operativen Leitung der KPD für Deutschland, deren Mitglied Georg Schumann zusammen mit Jacob, Neubauer, Saefkow, Schwantes und Bästlein ist.

1944 März Auf Anregung Georg Schumanns bringt die Leipziger Parteiorganisation die illegale Zeitung „Widerstand gegen Krieg und Naziherrschaft herausbildung1944 19. Juli Georg Schumann und seine Frau werden von der Gestapo verhaftet. Auch viele andere Genossen geraten in die Fänge der Gestapo

1944 21. November In der Dresdner Hauptverhandlung verurteilen die faschistischen Blutrichter Georg Schumann und seine Genossen zum Tode

1945 11. Januar Georg Schumann wir in Dresden im Landgerichtsgebäude am Münchner Platz hingerichtet

Quelle:Gerd Thielicke und Bernhard Schmidt in „Georg Schumann in Leipzig“ , Stadtarchiv Leipzig

Mitkämpfer über Georg Schumann

Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft „Junge Historiker“ der 58. Oberschule Leipzig-Wahren besuchten Ruth Rößler, die Tochter Georg Schumanns. Sie notierten sich dabei:

Beide Kinder verehrten ihren Vater und ihre Mutter sehr. Georg Schumann war ein sehr liebevoller Vater. Für alle Fragen der Kinder zeigte er ein reges Interesse. Horst und Ruth erlebten nie einen elterlichen Streit.
Manchmal wurden die Kinder zum Reichstag mitgenommen. Dort zeigte ihnen der Vater alles. Ernst Thälmann und Wilhelm Pieck waren ihre „Onkels“, zu denen man großes Vertrauen haben konnte. Später, während des Krieges, wohnte Ruth – nun schon erwachsen – einige Häuser weiter, auch in der Raustraße. Damit wurde die illegale Arbeit erleichtert. Belastendes Material wurde grundsätzlich bei ihr aufgehoben. Beim Vater blieb nichts. Geschrieben wurde das illegale Material von Änne Hoppe, die für die Schumann-Engert-Kresse-Gruppe arbeitete. Die Frau von Kurt Kresse war beim Prozeß gegen Georg Schumann und seine Genossen dabei. Sie berichtete danach den Genossen, der „großen Familie“, daß „Schorsch“ mutig bekannte:

„Ich bin als Sozialist geboren,
ich habe als Sozialist gelebt
und bin bereit,
als Sozialist zu sterben!“


Änne Hoppe erzählte den Mitgliedern der Arbeitsgemeinschaft:

Ich selbst kenne die Familie Georg Schumann seit 1914, als ich aus der Volksschule Leipzig entlassen wurde und in die sozialistische Arbeiterjugend eintrat. Und ich habe das erste Wissen über die Gedanken des Marxismus von Genossen Georg Schumann erhalten, der damals hier in Leipzig im Volkshaus die ersten marxistischen Abende durchführte und uns mit diesem Wissen vertraut gemacht hat. Ich denke noch heute gern an die Abende zurück, weil es der Genosse Georg Schumann ausgezeichnet verstanden hat, sein Wissen auf das Wissen der Jugend zu übertragen. Und ich bin über die SAJ in die USPD eingetrten, das war am 21. September 1917. Mit Ungeduld habe ich auf das 18. Lebensjahr gewartet, um in der Partei aktiv mitarbeiten zu können. (Quelle: Stadtarchiv Leipzig)

Die Station „Junge Touristen“ Töpelwinkel stand nicht nur den Schülerinnen und Schülern offen. Auch private Gruppen und Organisationen fanden im ehemaligen Landschulheim eine Bleibe:

Der Motorsportclub „Start“ Döbeln veranstaltete am 14. und 15. Oktober 1972 hier im Töpelwinkel sein 1. Motorradtreffen. Daran beteiligten sich Sportfreunde aus allen Bezirken der DDR. Es war ein unvergeßliches Erlebnis, und alle Motorradfreunde sprachen schon begeistert von einer Wiederholung des Treffens im nächsten Jahr. Obwohl die Zahl der gemeldeten Fahrer weit übertroffen wurde, gab es keine Schwierigkeiten in der Versorgung und Unterbringung der Motorsportler. Das verdanken wir der stetigen und umsichtigen Fürsorge der Heimleiterin Frau Buchmann, die uns für diese Veranstaltung so viel Verständnis entgegenbrachte, und der Hausmeisterin Frau Olga Koch. Im Namen aller Motorradfreunde bedanken wir uns bei diesen beiden Frauen und ihren Kolleginnen recht herzlich. Wir hoffen und wünschen, daß der MC „Start“ 1973 sein zweites Motorradfahrertreffen wieder im Töpelwinkel durchführen kann.

Fichtner, Fahrtleiter

Tatsächlich trafen sich die Motorradfreunde ein Jahr später wieder im Töpelwinkel. Mittlerweile herrscht Hochbetrieb im Töpelwinkel, es ist ein ständiges Kommen und Gehen verschiedenster Personengruppen. Seit dem Bestehen der Einrichtung, ist es das Jahr 1972, in dem bislang noch nie so viele Menschen den Töpelwinkel besuchten. Mit der „Aufwertung“ des Landschulheimes hin zum wichtigsten Treffpunkt für Pioniere und FDJler im ehemaligen Landkreis Döbeln trafen sich Schulklassen und politische Organisationen im Töpelwinkel. Der Töpelwinkel wurde zu einer regelrechten Pilgerstätte.

Immer wieder taucht die Frage auf, wie sehr DDR-Alltag mit dem allumfassenden ideologischen Überbau verflochten schien. Politik war damals allgegenwärtig. Überall Fahnen und Appelle, allgegenwärtig der Vorsitzende an den Wänden, einheitliche Pionier- und FDJ-Kleidung, Halstücher und Schwüre. Nach genügend großem Abstand und dem Blickwinkel der heutigen Zeit steht die Frage, wie es insbesondere junge Menschen damit hielten. Schließlich galt nicht wirklich ein Zwang, Pionier- oder FDJ-Kleidung zu tragen. Viel schwieriger wiegt der Umstand, in Verweigerung einzutreten, der Doktrin nicht Folge zu leisten. Wer sich nicht mit einschloss, wurde argwöhnisch beobachtet und ausgegrenzt, ja sogar als Staatsfeind gesehen. Immerhin muss das als absolute Ausnahme gesehen werden, denn wer wollte sich schon ausgrenzen lassen. Um nun die Frage zu beantworten, wie sehr Partei und Staat, ihre Politik und ihre Riten, den Alltag durchsetzten, kann nur so beantwortet werden: Sie waren allgegenwärtig.

Schöne Erlebnisse waren es, die all den ideologischen Überbau schnell vergessen ließen. Und doch klang bei vielen absolute Überzeugtheit mit, ob nun Schülerinnen und Schüler oder „Personal“:

In der Zeit vom 16.-20.10 1972 verlebten die Klassen 4b und 4c der Rosa-Luxemburg-Oberschule Döbeln frohe und erfolgreiche Tage im Touristenlager Töpelwinkel.

Dank der großen Unterstützung und der guten Betreuung der beiden päd. Kräfte Kollg. Buchmann und Koll. Hecht konnte diese Zeit recht effektiv genutzt werden, neue Kenntnisse und Fähigkeiten zu erwerben und die vorhandenen zu festigen. Insgesamt 50 Schüler erfüllten die Bedingungen des Touristenabzeichens, davon 33 in Silber und 17 in Bronze. Der Aufenthalt wurde für Kinder und Betreuer durch den vorbildlichen einsatz des technischen Personals sehr angenehm gestaltet Schüler, Lehrer und Betreuer möchten sich hiermit bei allen Beteiligten recht herzlich bedanken und wünschen noch vielen Schülern des Kreises dieses schöne Erlebnis.“

„Töpelwinkel, 9. 11. 72

Zwei 4. Klassen trafen sich hier im Töpelwinkel in der Zeit vom 6.11.72 bis 10.11.72 Die eine kam aus Ebersbach von der Dr.-Richard-Sorge-Oberschule, die andere aus Leisnig von der Peter-Apian-Oberschule. Alle Schüler erwarben das Touristenabzeichen und erfreuten sich gemeinsam an Wanderungen und lustigen Stunden. Wir möchten den freundlichen und fleißigen Frauen im Heim für die gute Betreuung herzlich danken. Es wird uns immer in guter Erinnerung bleiben. Wir wünschen dem Kollektiv de „Töpelwinkel“ unter der Leitung von Frau Buchmann weiterhin viel Erfolg und Anerkennung für ihre verantwortungsvollen Arbeit!“

Die Klassen 4a und 4b der Valentina-Nikolajewa-Tereschkowa-Oberschule Döbeln waren in der Zeit vom 11.12.72-15.12.72 Gast in der Station Junger Touristen Töpelwinkel. Wir nutzten diese Zeit, um effektive außerschulische Arbeit zu betreiben. Alle Pioniere konnten das touristenabzeichen erwerben. Den Pioniergeburtstag und die Weihnachtsfeier konnten wir hier einmal in einer ganz anderen Form verleben. Am erfolgreichen Gelingen hatten alle Angestellten des Heimes großen Anteil.

Unser Dank gilt ganz besonders Frau Buchmann, die uns stets mit Rat und Tat zur Seite stand und keinen Sonderwunsch unerfüllt ließ. Der Aufenthalt im Töpelwinkel wird für uns alle unvergeßlich sein. Irene Kubat, Klassenleiterin der 4b“

Die Pioniere der Klasse 4c der Geschwister-Scholl-Oberschule Roßwein durften vier schöne Tage im Töpelwinkel verbringen. Alle wollten das Touristenabzeichen erwerben und strengten sich an, um bei Geländespiel, Geländelauf und touristischen Wettkämpfen beste Leistungen zu erreichen. Alle Pioniere fahren mit dem Abzeichen in Silber nach Hause zurück.

Unser Dankeschön gilt Herrn Hecht, der uns so tatkräftig unterstützte und allen Angestellten, die sich viel Mühe machten, um uns die Tage zu verschönen.

R. Rosenblatt
G. Große, Töpelwinkel, den 19.1. 1973“

Wie aber gestalteten sich Geländespiele und touristische Wettkämpfe? Nach welchen Vor- und Maßgaben wurden diese organisiert und durchgeführt? In den Chroniken können wir einige grundhafte Details ausmachen, wie Geländespiele im Töpelwinkel und den angrenzenden Waldstreifen durchgeführt wurden. Dabei wurde vom fachlich geschultem Ausbilder nach genauen Vorgaben gehandelt, wie sie vom „Komitee für Touristik und Wandern der DDR“ vorgegeben waren. Im Lehrheft „Methodisches Material: Vorbereitung und Durchführung von touristischen Wettkämpfen und Geländespielen“ lesen wir unter anderem dieses:

Da das Interesse unserer Kinder und Jugendlichen an sportlich-touristischer Betätigung sehr stark ist, bilden Geländespiele durch ihre Vielfalt in ideales Betätigungsfeld. Sie unterstützen die sozialistische Wehrerziehung und helfen, solche Persönlichkeitsmerkmale wie Mut, Ausdauer, Geschicklichkeit usw. bei allen Kindern und Jugendlichen herauszubilden. Es gibt vielfältige Möglichkeiten, Geländespiele zu organisieren.

Sie eigenen sich gut für die Verwirklichung der Zielstellung, sozialistische Persönlichkeiten zu erziehen, die bewußt unsere sozialistische Gesellschaft mitgestalten, die als Patrioten und Internationalisten die DDR und die sozialistische Staatengemeinschaft ständig stärken und zuverlässig schützen.

Geländesportliche Betätigung dient damit unmittelbar der Erreichung des sozialistischen Bildungs- und Erziehungszieles. Deshalb sollte jedem Geländespiel eine politisch motivierte Spielidee zugrunde liegen, wie

der Kampf der Sowjetunion und der KPD gegen den deutschen Faschismus,
der heldenhafte Freiheitskampf des vietnamesischen Volkes gegen den USA-Imperialismus und der Befreiungskampf aller vom Imperialismus unterdrückten Völker,
der Kampf der Interbrigaden in Spanien,
die Aufgaben zur Sicherung der Staatsgrenze der DDR nach Westdeutschland und Westberlin,
Manöver der Vereinten Streitkräfte der Warschauer Vertragsstaaten,
Episoden aus der Arbeit der Kampfgruppen.“

Wie wir lesen können, haben Geländespiele und touristische Wettkämpfe einen eindeutig militärischen Hintergrund. Dienen sie doch zur direkten Vorbereitung auf die Wehrerziehung und den Militärdienst bei den bewaffneten Organen der DDR. Währenddessen der Gruppencharakter in Geländespielen ausschlaggebend ist, bilden angenommene Gegner ein regelrechtes Kriegsszenario.

Doch lesen wir weiter, was in den Arbeitsleitlinien des Komitees für Touristik und Wandern in der DDR dazu ausgeführt wird:

Die Darstellung des Gegners:

Folgende zwei Grundvarianten können bei der Darstellung des Gegners verwendet werden

a) Der angenommene Gegner

Gegnerische Kräfte werden durch Luftballons, Pappfigurscheiben, Imitation von Fahrzeugen u.a. dargestellt, die von den Teilnehmern mit Luftgewehren, Keulen, Bällen usw. bekämpft werden.

b) Der durch Personen dargestellte Gegner
Für solche Aufgaben werden vorwiegend Erwachsene eingesetzt. Achtung! Pioniere und Schüler sowie uniformierte Erwachsene nicht als Gegner einsetzen, weil das unsere sozialistische Erziehung widerspricht. FDJ-Mitglieder der oberen Klassen können dafür eingesetzt werden, wenn sie entsprechend politisch-ideologisch darauf vorbereitet werden. Die den Gegner darstellenden Personen müssen sehr gründlich in ihre Aufgabe eingewiesen werden und die Spielidee, den Verlauf und den geplanten Ausgang des Geländespiels genau kennen.“

Dies wiederum lässt doch auf eine gewisse Ernsthaftigkeit des „Spiels“ deuten, wenn schon FDJ-Mitglieder politisch-ideologisch darauf getrimmt werden müssen. Auch die Darstellung von Übungsbeispielen sind alles andere als touristische Spiele im Wald:


Die südvietnamesische Volksbefreiungsarmee ist unbesiegbar

Seit Jahrzehnten käpft das vietnamesische Volk gegen die Unterdrückung durch imperialistische Mächte. Vom französischen Kolonialjoch befreit, mußte es erneut den Kampf um seine Freiheit aufnehmen, diesmal gegen den aggressiven USA-Imperialismus. Im heldenhaften Kampf gegen eine mit der modernsten Militärtechnik ausgerüsteten Übermacht, wuchs die südvetniamesische Volksbefreiungsarmee unter Führung der Provisorischen Regierung der RSV zu einem machtvollen Heer von Patrioten heran, die ihren Unterdrückern eine Niederlage nach der anderen bereiten. Gestützt auf die Bevölkerung der befreiten Gebiete erobern die Kämpfer der Volksbefreiungsarmee trotz massiver Luftüberfälle durch USA-Bomber eine Stadt nach der anderen. Die Geschichte hat schon vielfach bewiesen, daß letzten Endes der Fortschritt, die Sache der friedliebenden Völker siegen wird, wenn der Imperialismus auch versucht, durch militärische Aggression die Entwicklung aufzuhalten. Das gibt uns die Gewißheit, daß auch das vietnamesische Volk, gestützt auf die aktive Solidarität der Völker der ganzen Welt, den USA-Imperialismus und seine Handlanger in Südvietnam besiegen und das ganze Land befreien wird.“

Die „Leipziger Volkszeitung“ berichtet im März 1972 über die Station Junger Touristen

Landschulheim jetzt Station Junger Touristen

Die Pioniere des Kreisaktivs weilten während der Winterferien im Schulungslager Töpelwinkel. Am 13. Februar wurden sie von Mitarbeitern der Abteilung Volksbildung beim Rat des Kreises, Gemeindevertretern, Genossen der WPO und des Ausschusses der Nationalen Front von Töpeln sowie von einer Abordnung der Maxim-Gorki-Oberschule Technitz besucht. Anlaß dazu war die Verkündung, daß das Landschulheim nun eine Station Junger Touristen ist. Der 1. Stellvertreter des Kreisschulrates Genosse Oberlehrer Raßat, betonte in seiner Ansprache, daß damit allen eine neue Verpflichtung erwächst. Die Tätigkeit der Station Junger Touristen stellt höhere Forderungen an alle. Genossin Buchmann, die Leiterin der Touristenstation, gab einen kurzen Rückblick auf die Entwicklung des Landschulheimes, das von FDJ-Mitgliedern und Lehrern aus einer ehemaligen Fabrikhalle gebaut und 1949 eröffnet wurde. Mit primitiven Mitteln, mit Baumaterialien aus dem zerbombten Chemnitz, mit Nägelsammlungen und anderen Aktionen halfen sich die Jugendfreunde. Durch eine großzügige Unterstützung kommunaler Organe konnte das Heim im Mai 1949 den Kindern und Jugendlichen übergeben werden.

Rund 52.000 Kinder und Jugendliche aus unserem Kreis und dem Bezirk haben seitdem das Heim kennengelernt. Einige Zeit war das Haus der Pioniere im Landschulheim untergebracht, ebenso das Mädchenwohnheim. Viele ausländische Pioniere lernten den Töpelwinkel kennen, sogar aus Ghana konnten wir hier schon Gäste beherbergen. Voll wirksam soll die Station Junger Touristen ab dem neuen Schuljahr werden. Das Ziel besteht darin, alle 4. Klassen der Schulen des Kreises zu je einem einwöchigen Aufenthalt im Töpelwinkel zu gewinnen. Dort sollen die Pioniere neben dem vollen Unterrichtsprogramm die Bedingungen für das Touristenabzeichen ihrer Stufe ablegen und somit eine Grundlage zu weiterer touristischer Arbeit erhalten. Wochenenden und Ferien sollen dann Thälmannpionieren zum Aufenthalt und zur touristischen Betätigung dienen. Ehrenamtliche Redaktion Volksbildung ("Leipziger Vollkszeitung", März 1972)

10. September 1976: Ein rabenschwarzer Tag für den Töpelwinkel

Als schwärzester Tag in der Geschichte des Landschulheimes ist der 10. September 1976 zu erwähnen. Bei einer Übung der Freiwilligen Feuerwehr wurde der Umgang mit neuen Motorkettensägen geprobt. Dabei musste eine alte Trauerweide direkt am Gebäude des Landschulheimes sozusagen als Übungsobjekt und als eine dauerhafte Gefahr für das Haupthaus beziehungsweise Küchentrakt weichen. Doch was dann geschah, wagte keiner der Beteiligten für möglich zu halten. Brigitte Buchmann, die damalige Leiterin der Einrichtung kann sich noch lebhaft an jenen 10. September 1976 erinnern: Es sei eine neue Art gewesen, um große Bäume zu fällen. So wähnte man sich in relativer Sicherheit, als völlig unvorhergesehen eine Windböe aus nördlicher Richtung in die Krone der riesigen Trauerweide fuhr und den bereits gekeilten Baum mit großem Getöse in den seitlichen Flachbau fallen ließ. Eine riesige dunkle Staubwolke hüllte den Töpelwinkel ein und es dauerte Minuten bis diese sich gelegt hatte. Was dann zu sehen war, musste alle vor Ort erschrecken. Sekunden vor dem Unglück waren Köchinnen damit beschäftigt, Speisen und Getränke für die Feuerwehrmänner zuzubereiten, die Küche war also voll besetzt. Glücklicherweise, so erzählt uns Brigitte Buchmann, konnten sich die Mitarbeiterinnen durch Sprung aus den Fenstern der Küche ins Freie retten. Eine Fluchttüre gab es ja nicht. Was sich jetzt für ein Bild des Schreckens bot, konnte niemand fassen. Wahrlich, der Anblick ließ vermuten, als wäre eine Fliegerbombe eingeschlagen. Ein riesengroßer Krater bot sich den Entsetzten, das Dach völlig demoliert, Seitenwände umgestürzt, die Kücheneinrichtung unbrauchbar, ein riesiger Haufen Schutt und jetzt auch Ärger. Von nun an hatten die Feuerwehrmänner voll auf zu tun, um die Schäden grobum zu beseitigen. Dies war Glück im Unglück, denn so konnten die schlimmsten Auswirkungen schnell beseitigt werden. So konnte man auch mutmaßen, ob dieser Vorfall vieleicht gar kein Unglücksfall für den Töpelwinkel war, sondern ein Wink mit dem Zaunspfahl. Oder mit dem Baum... Ein Umbau des alten Seitengebäudes war längst fällig geworden und Pläne dafür lagen bereits in den Schubladen. Unmittelbar nach dem Vorfall begannen die Bauarbeiten am Seitenflügel, wurde ein weiteres Geschoss und ein neues Dach aufgesetzt, der Grundriss verändert. Für die Genossen des Rates des Kreises hatte der unvorhergesehene Baumsturz etwas Komisches für sich. Einer sagte wohl: "Da können wir gleich eine Sternwarte draus machen", was dann aber nicht passierte. Die lange Bauzeit für den Seitenflügel brachte es mit sich, dass auch für längere Zeit keine Gäste den Töpelwinkel besuchen konnten. Die neuen Räumlichkeiten wie auch neue Toiletten verbesserten die Gesamtsituation des Landschulheimes deutlich.

Russisch, Mathe, Ferien...

Die Spezialistenlager: Ob Mathematik, russische Sprache oder junge Verkehrshelfer, für talentierte Kinder und Jugendliche bot der Töpelwinkel einiges mehr als nur Unterricht. Die meisten erinnern sich gern an diese Zeit...

Beliebte Ferien im Spezialistenlager

Leisnig. In den kommenden Herbstferien werden, längst zur Tradition geworden, wieder Junge Verkehrshelfer und Junge Mathematiker gemeinsam ihr Spezialistenlager in der Station Junger Touristen "Georg Schumann" gestalten. Alle Schulen sind im Besitz einer entsprechenden Auschreibung des Kreisschulrates und haben zum großen teil bereits ihre Deligierten vorgeschlagen. Viele ehemalige Teilnehmer bewerben sich erneut darum, sicher ein Zeichen dafür, daß Inhalt und Organisationsform interessant und abwechslungsreich waren. Quelle: LVZ, 14. September 1981

Im Töpelwinkel trafen sich die Spezialisten

Bereits zum 12. Male Lager Junger Mathematiker und Junger Verkehrshelfer

In den Herbstferien trafen sich Junge Mathematiker und Junge Verkehrshelfer im bereits zur Tradition gewordenen "Spezialistenlager". Zwanzig Schulen unseres Kreises hatten ihre Deligierten gesandt. Während an den Vormittagen fachliche Kenntnisse vertieft und erweitert wurden, gehörten die restlichen Tagesstunden gelenkter und individueller Freizeitgestaltung, wobei die Schüler eigenverantwortlich vieles selbst in ihre Regie nahmen. Eine größere Wanderung sowie ein Geländespiel, Sport und Basteln, Filmveranstaltungen und Spiele ließen keine Langeweile spürbar werden. Reges Interesse fand ein Einsatzwagen der Verkehrspolizei, an welchem Genossen der VP Einblick in die Technik zur Unfallaufnahme gaben. Sowohl im "Dienst" als auch in der Freizeit war das Verhalten der Teilnehmer durch gute Disziplin gekennzeichnet. Einem Lagerfeuer am Vorabend der Abreise folgte eine lustige Abschlußveranstaltung. In diesem Rahmen wurden die Sieger der Lagerolympiade und weiterer Ausscheide und des großen Wissenstotos ausgezeichnet.

Bei der Verabschiedung wurde immer wieder der Wunsch laut, im kommenden Jahr wieder dabei sein zu dürfen. Zweifellos liegt liegt darin auch eine Anerkennung für das Heimkollektiv der Station "Junger Touristen" Georg Schumann im Töpelwinkel, das, wie seit vielen Jahren ein guter Gastgeber war. Ein großes Dankeschön auch der Kreisdirektion Döbeln der Staatlichen Versicherung der DDR, welche die Durchführung des Lagers unterstützte. Quelle "Leipziger Volkszeitung", September 1982

Karl-Eduard von Schnitzler im Töpelwinkel

Einen prominenten Besucher bekam der Töpelwinkel im Jahr 1981 zu Gesicht. Kein Unbekannter und für die meisten in der damaligen DDR keine angenehme Personalie: Karl-Eduard von Schnitzler. Bei Dreharbeiten der Arbeitsgruppe Schnitzler des Fernsehens der DDR in und um den Töpelwinkel stieg der allseits bekannte Systemkritiker und Macher des "Schwarzen Kanals" samt Drehstab im Töpelwinkel ab, übernachtete hier. Von Schnitzler bedankte sich im Gästebuch der Einrichtung mit folgendem Wortlaut: "Eine schöne Zwischenstation bei der Motivsuche für eine Fernseh-Reportage! Die Gastfreundschaft, die wir erfuhren, wird sich auf unsere Arbeit wohltuend auswirken. Dankeschön!" Dieser Eintrag erfolgte am 27. Februar 1981. Gegenstand der Reportage war die Wermsdorfer Binnenfischerei, die im Töpelwinkel seit 1975 versuchsweise eine Forellenaufzuchtanlage mehr oder weniger Erfolgreich betrieb. Der kurze Besuch von Schnitzler blieb weitestgehend unbemerkt, lediglich das Personal musste überrascht worden sein. So bekam die "Leipziger Volkszeitung" Wind von der Sache, kam aber nicht mehr mit von Schnitzler in Berührung. Von Schnitzler bleibt bis heute eine zwielichtige Figur im historischen Kontext. Als "Sudel-Ede" verspottet und zuweilen auch gefürchtet, brachte der redegewandte Selbstdarsteller unangenehme Wahrheiten auf die Mattscheiben der DDR, als er von den gesetzmäßigen Widersprüchen der kapitalistischen Welt und vor allem der BRD zürnte. Kaum jemand wußte etwas über Karl-Eduard von Schnitzlers Vergangenheit. Dass er Sohn wohlhabender Bankierseltern war, als Kind im Hause Adenauer umging, ein Medizinstudium absolvierte und die materiellen Vorzüge, Überfluss und Protz kennen- und verachten lernte, wissen nur wenige. Spätestens sein Beitritt zur damals illegalen Kommunistischen Partei brachte den Bruch mit dem Elternhaus und mit der Westzone. In der jungen DDR stieg von Schnitzler als Propagandist und Medienmacher auf und brachte es auf 1600 Sendungen "Der Schwarze Kanal".

Wehrlager im Töpelwinkel. Anfang vom Ende?

Wehrerziehung: Der kalte Krieg drohte in den 1980er Jahren ein heißer zu werden. Es galt, den Sozialismus gegen äußere und innere Feinde zu verteidigen. Für einige Jugendliche durchaus eine Art Abenteuer, für viele aber eine lästige „Pflicht“. Doch die Angst vor dem Krieg und die Rechtfertigung der Wehrhaftigkeit des Sozialismus, ließen die Wehrerziehungslager im Töpelwinkel als notwendiges Übel erscheinen. Tatsache ist jedoch, dass die inneren Widersprüche des DDR-Alltags und seiner politischen Akteure, einer Verselbstständigung des Militärapparates und die brisante innenpolitische Situation, bereits 1987 die Wende durchaus sichtbar war. Im Juni 1989 bereiteten sich die Jugendlichen insgeheim auf die kommenden Unruhen im Inneren des Landes vor. Die kurz darauf folgende Stabsübung der Betriebskampftruppen von ELMO und VEB DBM und der Polizei im Töpelwinkel belegen diese Vermutung deutlich. An die Internierung von „Aufständischen“ oder Konterrevolutionäre im Töpelwinkel sollte niemand denken, aber diese Option stand tatsächlich in den Einsatzstäben zur Debatte.

Praktisches Können war am letzten Tag gefragt

Im Lager für Wehrausbildung beobachtet

Die ersten Strahlen brechen ihre Bahnen, schieben die kleinen Regenwolken beiseite. Noch ruhig ist es an diesem Dienstagmorgen im Juni in der Station Junger Touristen Töpelwinkel, genauer seit dem 17. des Monats im „Lager für Wehrausbildung“. Urplötzlich unterbricht die Alarmglocke jegliche Stille. Binnen vier Minuten hat die GST-Hundertschaft marschmäßig Aufstellung genommen. Die Jungen der neunten Klasse aus Zehn Oberschulen des Kreises waren startklar für die Abschlußübung ihrer zweiwöchigen Wehrausbildung im Lager. Ihr Können sollen sie nun unter Beweis stellen. Vor ihnen liegt ein 8-Kilometer-Marsch mit neun „Hinternissen“, die es zu nehmen galt. Wir begleiteten den 3. Zug unter der Führung des Offiziersschülers Volker König. Diese Jugendlichen haben bisher die Nase vorn im Wettbewerb um Ordnung, Disziplin und beste Ausbildungsergebnisse. Nun setzen sie alles daran, um auch bei der letzten Bewährungsprobe einen vorderen Platz zu erringen. Nach erfolgreichen Absolvieren einer Strecke werden gleitend topographische Kenntnisse verlangt. Nächstes „Hindernis“ ist der Pfaffenberg. Dort sollen ein Zeltlager errichtet und Lageskizzen angefertigt werden. Man hilft sich gegenseitig, denn nur die Gruppenleistung zählt. Bis jetzt liegen die Jungen gut in der Zeit. Vielleicht winkt der 1. Platz? Mit Spannung sehen alle dem Nachmittag mit der Auswertung der Abschlußübung entgegen. Angelika Falkner („Leipziger Volkszeitung“ Juni 1989)

Das Jahr 1989 – Die Wende

Rauchende Stasiakten und verblüffende Verbindungen in die Nazizeit

Wie so oft in dieser Region greifen epochale Umbrüche zeitverzögert oder gar unbemerkt in den Alltag der Menschen in der sächsischen Provinz ein. So auch die Wendeereignisse um 1989 im Töpelwinkel. Noch immer kommen Schulklassen in die Station Junger Touristen, die so heißt aber kurzum ihren Sinn verloren hat. Es kommen plötzlich viel weniger Kinder und Jugendliche als Besucher der Ferienlager im Sommer in die Einrichtung, der Name "Station Junger Touristen" verschwindet beinahe unbemerkt, wie auch die Fahnen und Symbole sang- und klanglos verschwinden. Der Weiterbetrieb des Landschulheimes, wie es plötzlich umgangssprachlich wie auch verwaltungstechnisch heißt, ist mit fortschreitender Unsicherheit in den Führungseben der Volksbildung in Frage gestellt. Eine umfassende Entpolitisierung, wie auch ein Wechsel der Entscheidungsträger bringt den Töpelwinkel in ein schwieriges Fahrwasser und das Objekt in die Obhut des Landratsamtes Döbeln.

Eine bizarre Begebenheit schließt sich als unmittelbare Folge des Zusammenbruchs der DDR und ihrer Institutionen, in dem Falle des Ministeriums für Staatssicherheit an. Der damalige langjährige Dienststellenleiter für das MfS in der Döbelner Reichensteinstraße Schmidt, im Volksmund gemeinhin "Stasi-Schmidt" gerufen, hatte im beschaulichen Töpelwinkel ein privates Anwesen, zur Erbauung und wohl auch als konspirativen Treffpunkt. Unmittelbar nach den Novemberereignissen 1989 und Wochen darauf, stiegen Rauchwolken in den Himmel, welche übrigens von Zeitzeugen gleichlautend bestätigt wurden. Diensstellenleiter Schmidt verbrachte offenbar brisantes Material auf sein Grundstück und verbrannte dieses vor Ort. Was genau passierte, wissen wohl nur die damals Beteiligten und Schmidt selber...

Aber eine Sache, und die ist verbrieft, dürfte für Interessierte, Unbeteiligte mehr als brisant erscheinen: Schmidts Kontakte zu Gottfried Reimer, eine wichtige Gestalt in Sachen "Führermuseum" Linz und Hitlers Sachverständiger zum Umgang geraubter Kunst- und Kulturschätze. Gottfried Reimer ist Döbelner, ein verschlossener Mensch, wie wohl alle Beutekunst-Akteure verschwiegen sind. Schmidt "besuchte" Reimer persönlich in dessen Villa an der Grimmaischen Straße in Döbeln des öfteren. In einem Beitrag des Autors dieser Chronik, welcher im Regionalmagazin "RegionDL" veröffentlicht wurde, wurden Hintergründe näher beleuchtet. Dass Oberstleutnant Schmidt hier erscheint, dürfte nicht verwundern:

"Onkel Kunst"

Er muss still gewesen sein, ganz still. Ein Mensch, der wenig Bezugspunkte in der realen Welt hatte, weil er in der Vergangenheit lebte. In der Vergangenheit seiner Familie. Bei seiner Mutter, die er liebte, verbrachte Gottfried Reimer die längste Zeit seines Lebens. In einer alten Villa an der Grimmaischen Straße in Döbeln, inmitten einer behüteten Familiengesellschaft.

Wie schon sein Vater, war Gottfried Reimer Kunsthistoriker. Die elterliche Villa war an sich schon ein Museum, zahllose Einzelstücke, darunter wertvolle Gemälde, Bestecke, eine riesige historische Bibliothek mit äußerst wertvollen Bänden, große, aufwendig gefertigte Standuhren in fast allen Zimmern, Figuren aus Zinn und Stein, metallene Kunstgegenstände und wuchtige Möbel ließen jeden Besucher erstaunt aufsehen.

Es war ein Leben in der Kunst und mit der Kunst. Außen die kleine Kreisstadt Döbeln, die angesichts derartiger Fülle bedeutungslos werden musste. Doch um Gottfried Reimer ranken sich Gerüchte, er sei ein Nazi gewesen. Zu den Besuchern, die später Reimer aufsuchten, gehörten immer öfter Angehörige des Ministeriums für Staatssicherheit. Ein Brief des Berliner Freundes Heinz Schuster ging der örtlichen Stasibehörde ins Netz. Kryptische Wortspiele, Vernetzungen, gaben der Stasi Rätsel auf. Dienststellenleiter Oberstleutnant Schmidt müht sich nun persönlich um den Vorgang "Robinson", fand heraus, dass nach dem Krieg über 500 Gegenstände aus dem Besitz der Dresdner Kunstsammlungen unauffindbar verschwanden. Als Kunsthistoriker war Gottfried Reimer ein großer Kenner der Materie.

Wer ahnt denn schon, dass ausgerechnet jener weltfremde Sonderling Hitlers erster Beauftragter in Sachen Beutekunst für das größte in Linz zu bauende "Führermuseum" war? Sicher muss der Name Reimer an der Glocke gestanden haben, in Döbeln aber wusste außer der Stasi kaum jemand etwas davon. Die Ermittlungen des Döbelner Stasi-Chefs Schmidt brachten eine unvorhergesehene Wendung in der Sache "Reimer". Schmidt ahnte, dass er einen dicken Fisch an der Angel hatte. Reimer wusste bis jetzt nicht, dass er von der Stasi beobachtet wird. Aber was war der Grund für das ausufernde Interesse an Gottfried Reimers Geschichte? Schnell musste ein Erfolg her, Stasi-Mann Schmidt legte einen zu großen Eifer an den Tag, als er von der Berliner Stasizentrale in der Normannenstraße gestoppt wurde. Hans Seufert, direkt dem Mielke-Stellvertreter Gerhard Neiper unterstellt, leitete eine kleine Sondergruppe, die dem verschollenen Bernsteinzimmer auf der Spur war.

Seufert vermutete in Reimer eine der wichtigsten Figuren bei der Verbringung des Bernsteinzimmers. Lange Zeit konzentrierten sich die Ermittlungen auf den merkwürdigen Döbelner Kunsthistoriker, der so gar nicht in das gängige Nazi-Schema passte. Doch die Berliner Stasi wusste, dass mit Reimer keine Geschäfte gemacht werden konnten. Reimer galt als komisch, kauzig. Nach dem Krieg konnte Reimer geschickt seine Tätigkeit für Hitler herunterspielen, lebte sehr unauffällig in der Villa seiner Eltern, die längst schon verstorben waren. Dass Reimer für die Aufarbeitung, Beurteilung und Verbringung von Beutekunst der Nazis unter Hitlers Befehl stand, und dem bis dato geheimgehaltenen Plan eines Führermuseums in Linz beratend agierte, machte die Angelegenheit besonders delikat. Selbst in kleinstem familiären Kreise verlor er kein Wort über diese Zeit. Einzig der Neffe Ivo hatte mehr Zugang zum "Onkel", wie Ivo immer sagte.

Die Besuche des Neffen aus Bochum sind der Stasi weitgehend verborgen geblieben. Ivo Reimer erzählt vom Onkel, der äußerst zurückgezogen lebte, fast im Verborgenem. Aber erzählen konnte der "Onkel", mit leuchtenden Augen gab er köstliche Anekdoten preis, für die er bestaunt und in gewisser Weise geliebt wurde. Wahrscheinlich war es die Ruhe nach dem Krieg, die dazu beitrug, dass Gottfried Reimer misstrauisch wurde. Spätestens seit jener Brandschutzkontrolle, die der Döbelner Stasi-Chef Schmidt als Vorwand anordnete, um in die Wohnung des Kunsthistorikers zu gelangen, wusste Reimer, was die Stunde geschlagen hatte. Die Vergangenheit holte ihn ein. Und die Stasi. Jedoch wusste man jetzt, woran man war. Immer aber auch der Abstand, der ein Nichteingeweihter haben muss, wenn er sich der Dienstsache Kunst näherte. Kunst war eine schützende Glocke.

Und es ging um viel Geld, um Beutekunst schlechthin. Behutsam tastete sich die Stasi in das Leben des Gottfried Reimer, erlangte so tiefe Einblicke in den "Kunstbetrieb" der Nazi-Obrigkeit. Reimer blieb wahrscheinlich immer nur ein Werkzeug; durch seine ausgezeichneten Kenntnisse als Kunstkenner und Liebhaber gelangte er in die oberste Riege des NS-Regimes und musste sich den Vorwurf der Mittäterschaft gefallen lassen. Ob es seiner Weltfremdheit, wie oft zu hören war, geschuldet werden kann, dass Reimer nicht in die Mühlen der Justiz geriet, muss ein Geheimnis der Stasi bleiben. Jener merkwürdige Kauz wurde schnell von den Döbelnern vergessen. Einzig die Villa steht noch heute an der Grimmaischen Straße. Uwe Reinwardt (Quelle: "RegionDL")

Unruhige Zeiten, Schließungen und lebhafte Debatten...

Die Nachwendezeit war für den Töpelwinkel alles andere als einfach. Nach kurzfristigen Schließungen wegen sanitär- und baulicher Mängel, Wechsel der Verwaltung und der Leiter, Geldmangel und ungeklärter Eigentumsverhältnisse stand ein Weiterbetrieb auf der Kippe. Das beherzte Vorgehen des Landratsamtes und die Option, die große Zschopauschleife auch weiterhin einer breiten Öffentlichkeit zu erhalten, brachte schon bald eine weitere Wende zum Positiven. In einem Beitrag der örtlichen Presse notierte Redakteurin Katrin Saborowski in ihren Block...

Seit Wiedereröffnung immer volles Landschulhaus

Töpeln. "Das Jugendlandschulheim in Töpelwinkel ist ja nicht wiederzuerkennen", äußerten sich Betreuer bei ihrem Kurzbesuch im Töpelwinkel erstaunt über das Jugendlandschulheim. Die holländischen Gäste, die zusammen mit einer Schar Gymnasiastinnen die Einrichtung als Zwischenstation für eine Tour nach Krakow nutzten, waren schon einmal vor über einem halben Jahr da. "In der Zeit hat sich allerdings einiges verändert", erzählt Heimleiter Dietmar Hälsig. Genau seit dem 3. Mai 1993, dem Tag der Wiedereröffnung des Landschulheimes, betreut der Döbelner die Einrichtung des Jugendamtes.

Der frühere Wanderstützpunkt gleich neben dem eigentlichen Heim wurde neu eingerichtet, Teppichboden verlegt, die Zimmer vorgerichtet. Das Gebäude, das 26 Plätze bietet, beherbergt neben den Unterkünften für die Kinder auch ein Betreuerzimmer, einen Kulturraum mit Fernseher und Radio, im Keller Duschen und WC sowie einen Freizeitraum zum Tischtennisspielen. Im Außengelände halfen ABMer mit, neue Sitzbänke aufzustellen, wurde eine Grillecke geschaffen, schmücken neue Laternen den Platz.

Daß Jugendamt und Hausleitung mit dem Runderneuerungskonzept Erfolg haben, beweisen die Eintragungen ins Hausbuch. Seit Mai war das Haus immer voll besetzt. "Wir sind sogar schon in den bis in den fünften Monat des kommenden Jahres hinein ausgebucht", freut sich Dietmar Hälsig. Durch die Anbindung ans Fremdenverkehrsamt in Döbeln laufe die Vermittlung der Landschulheimplätze wirklich gut. Diese Verbindung solle noch weiter ausgebaut werden, bis hin vielleicht mal zu einem internationalen Jugendaustausch.

Neben Schulklassen, vor allem den Klassenstufen vier bis sechs, Jugendgruppen und kirchlichen Vereinen aus ganz Sachsen, zum Beispiel Riesa, Nossen, und Leipzig, nutzen nun auch ausländische Gäste die Einrichtung unweit von Döbeln. Die zentrale Lage ist das große Plus des Jugendlandschulheimes, wird den Mitarbeitern immer wieder von den Besuchern bestätigt. Döbeln biete sich hervorragend an, um Sachsen zu erkunden. Ausflüge nach Chemnitz, Dresden, Meißen oder Leipzig stehen daher zumeist mit auf dem Programm der Gäste. Neben den "Durchreisenden" hat das Landschulheim derzeit aber auch Dauergäste: Lehrlinge aus dem Döbelner Wohnheim in der Straße des Friedens, wo derzeit gebaut wird. Außerdem, erzählt der Heimleiter, werde oft auch Hilfesuchenden aus der Kreisstadt vorrübergehend Obdach gewährt. So zählten auch schon Frauen, die von ihren Männern mißhandelt wurden und deren Kinder zu den allerdings mehr unfreiwilligen Gästen des Hauses. Katrin Saborowski (Quelle: "Döbelner Allgemeine Zeitung" vom 25.10.1993)

Rückblick der Regionalpresse

Abenteuerlich und lautstark

Walter Prengel und Brigitte Buchmann führten das Landschulheim Töpelwinkel

Döbeln. Schon in den frühen 50er Jahren haben sich Schulklassen aus der Region im Landschulheim Töpelwinkel niedergelassen. Heute ist das Natur- und Freizeitzentrum eine Oase für Natur- und Wanderfreunde. In einer dreiteiligen Serie schildert der Heimatfreund Hermann Schneider die Entwicklung des Freizeitheims – von ihrer Entstehungsgeschichte bis heute.

Drei Stunden Unterricht pro Tag waren in dem Landschulheim vorgesehen. Aber was sollte man machen, wenn zur Sommers- und Badezeit die Sonne draußen so einladend schien? Meist hatten dann die Lehrer ein Einsehen und räumten das Feld. Dennoch ist es einmal vorgekommen, dass ein Schulstreik das Baden erzwingen sollte, was allerdings erst nach entsprechenden Diskussionen geschah.

Höhepunkte waren selbstverständlich die Abschlussveranstaltungen mit kulturellen Darbietungen, Polonaisen und den bald traditionellen Lagerfeuern, zu denen manchmal die Einwohner Töpelns eingeladen wurden. Neben Ausgelassenheit und Freude kam bei jedem Abschied nicht selten begreiflicherweise Wehmut, aber auch der Wunsch auf, bald wieder hierher zu kommen.

Großes Verdienst an den erlebnisreichen und glücklichen Tagen kommt dem langjährigen Heimleiter Walter Prengel zu. Er hatte Geschick, mit Kindern umzugehen, beschäftigte sich oft mit ihnen und ihren Problemen, konnte aber auch konsequent und streng sein, wenn es notwendig wurde, sorgte beharrlich für Ordnung und Disziplin. Abenteuerlich und lautstark ging es vor allem nach Verkünden der Nachtruhe schon manchmal zu. Walters Entscheidungen wurden letztlich jedoch von allen respektiert. Die Schüler mussten einsehen lernen, dass es für das Verhalten in einer Gemeinschaft Regeln gibt, die man nicht verletzen darf. Passiert das doch einmal, so wurde von Walter angedroht, die Schüler sofort nach Hause zu bringen. Das war ungefähr das Schlimmste, was den Schuldigen geschehen konnte.

Walter Prengel zur Seite stand, wie schon erwähnt, Brigitte Buchmann, der gute Geist des Hauses, zuständig für alle wirtschaftlichen Fragen, auch für die Verpflegung. Oft ist sie in den schwierigen Anfangsjahren mit dem Fahrrad nach Döbeln gefahren, um Lebensmittel für die Kinder im Heim zu holen. Zu ihr konnten alle mit ihren persönlichen Sorgen und Kümmernissen kommen.

Beide ergänzten sich und boten die Gewähr für frohe Ferientage. Mehrfach konnten Weihnachtsfeiern stattfinden, das Kreispionierensemble unter Paul Dehnert und Hans Braune gründete sich 1950 hier, selbst Angestellte des damaligen Kreisrates, Lehramtsanwärter und Bürgermeister nutzten den Töpelwinkel als geeignete Stätte zur Weiterbildung.

Über 50 Jahre sind seither nach den nicht leichten Jahren des Anfangs vergangen, vieles hat sich naturgemäß im Heim und um das Heim verändert. Es ist unmöglich, dies alles in einem Beitrag festzuhalten. Deshalb ist eine Weiterführung des Geschehens und der Entwicklung des Heimes gedacht. Auf jeden Fall hat der Töpelwinkel seine Attraktivität bis heute nicht eingebüßt und lebt als Natur- und Freizeitzentrum unter der Leitung von Carin Lau weiter. (Quelle: „Leipziger Volkszeitung“)

Erbitterte Proteste in Ziegra, Wöllsdorf und Töpel – Landschulheim soll Unterkunft für jugendliche Straftäter werden

Als kreiseigenes Objekt konnte das Landschulheim bereits kurz nach den Wendeereignissen in einem nicht unerheblichen Maße von Zuwendungen aus der Kreisumlage profitieren, den gestiegenen Kosten für die Betriebskosten und dringend notwendigen Reparaturen zu Folge stand schnell fest, dass der Landkreis auf Dauer den Töpelwinkel nicht halten kann. Dies ging dann soweit, dass in Folge eines Beschlusses des Kreistages, das Landschulheim Töpelwinkel Anfang 1992 vorübergehend "stillgelegt" wurde. Über die weitere Nutzung des Objekts stritten sich die Kreistagsabgeordneten lebhaft, bis schließlich der Jugendhilfeausschuss und versteckt die neue Justiz im Döbelner Amtsgericht folgenden Vorschlag zur Diskussion in den Kreistag brachten:

Landschulheim aus Geldmangel geschlossen.

Jugendliche Straftäter ziehen in Töpelwinkel ein.

Das Landschulheim des Kreises Döbeln ist geschlossen. Vorbei ist es mit den schönen Ferienfahrten, die vor allen Dingen Schulklassen gemeinsam verlebten und den Klassenzusammenhalt stärkten. Was wird aus dem ehemaligen Landschulheim, einem kreiseigenen Objekt im Töpelwinkel?

Da der Kreis die Nutzung des Landschulheimes nicht mehr finanzieren konnte, wurde nach anderen Nutzungsmöglichkeiten gesucht. Nun soll noch in diesem Jahr ein Landesmodellprojekt in Zusammenarbeit (auch finanziell) mit dem Freistaat Sachsen eingerichtet werden. Das Projekt sieht vor, jugendliche Straftäter zu betreuene, um diesen die Untersuchungsahaft zu Ersparen. Zuweilen ist es aus sozialen und rechtlichen Gründen nötig, jugendliche Straftäter aus ihrer Umgebung herauszulösen. Das ist in der Regel nur durch die Unterbringung in einer U-Haft-Anstalt möglich. Besonders für Jugendliche bedeutet dies einen großen Eingriff in ihre persönliche Lebensgestaltung und sollte vermieden werden. Wie aus dem Jugendamt des Kreises weiter verlautete, wird gerade bei jugendlichen Gefangenen deutlich, welche schädlichen Nebenwirkungen Untersuchungshaft haben kann: Abgesehen von der Gefahr krimineller Ansteckung können die Folgen bis hin zu dauerhaften Störungen der seelischen Entwicklung reichen. Auch Vertreter der Justiz sind sich dabei der U-Haftproplematik für Jugendliche bewußt, zumal entsprechende Voraussetzungen der U-Haft in Sachsen zur Zeit überhaupt nicht oder nur in geringe, Maße gegeben sind.

Jugendrichter können laut Gesetz zur Vermeidung von Untersuchungshaft die einstweiligen Unterbringungen in einem geeigneten Heim der Jugendhilfe anordnen. Diesen Status würde bei Durchführung des geplanten Modellprojektes das Kreisobjekt im Töpelwinkel erhalten. Für die Abgeordneten des Kreistages trug eine möglicherweise zu berücksichtigende finanzielle Entlastung des Kreishaushaltes nicht unbeträchtlich dazu bei, für dieses Modell zu stimmen. (Quelle: "Döbelner Anzeiger" 3. Februar 1992)

Kurz nach dem Bekanntwerden dieser Absichten in der örtlichen Presse schlugen die Wellen in Wöllsdorf, Töpeln und Ziegra hoch: Wütende Proteste bis hin zu Drohungen aus der Bervölkerung der Ortschaften in Richtung Kreisverwaltung brachte dieses Vorschlag jedoch schnell zu Fall. Das Projekt eines U-Haftersatzes wurde von der Bevölkerung der Gemeinde einhellig abgelehnt. Jedoch wurde die Umnutzung des Landschulheimes nicht zur Gänze ad acta gelegt. Als eine neue Konzeption solle nun Jugendlichen aus sozial schwierigem Umfeld eine neue Heimstätte geschaffen werden, um nicht etwa das Wort "Heim" zu bemühen, sondern betreutes Wohnen für junge Menschen, welche sich im regulären Umfeld nicht zurecht finden. Im Sächsischen Landesamt für Familie und Soziales Chemnitz und dem Regierungspräsidium Leipzig fand man für dieses Vorhaben offene Ohren. Die Planungen für ein betreutes Wohnen für Jugendliche begannen alsbald auf Initiative des Landratsamtes.

Pilotprojekt bringt ganzes Dorf in Aufruhr

Große Aufregung herrscht derzeit in dem kleinen Dorf Wöllsdorf bei Döbeln. Denn das Kreis-Jugendamt und das Land Sachsen haben neue Pläne mit dem Landschulheim Töpelwinkel. Und den Anwohnern passen diese Pläne überhaupt nicht. Denn: In dem jetzt meist leerstehenden Gebäude sollen jugendliche Straftäter untergebracht und betreut werden. Am Mittwochabend lud Bürgermeister Arnulf Richter die aufgebrachten Anwohner zu einer Bürgerversammlung ein. Sie sollten Gelegenheit erhalten, ihre Bedenken zu äußern; gleichzeitig sollte Jugendamtsleiter Werner Krug das Projekt vorstellen. Unterstützt wurde Krug dabei vom Leiter des Waldheimer Gefängnisses, Willi Schmidt, von der Kreis-Sozialdezernentin Katrin Illgert, der Vorsitzenden des Jugendhilfeausschusses Elke Liebig und Jugendgreichtshelferin Oehmigen. Über 50 Personen waren der Einladung gefolgt und machten in einer recht geladenen Atmosphäre ihrer Erregung Luft. Die Beschwichtigungen Krugs, daß man das Projekt doch erst einmal nur vorstellen und es auf keinen Fall gegen den Willen der Einwohner errichten wolle, besänftigte die Anwesenden kaum. Dennoch gaben sie Krug und Schmidt erst einmal Gelegenheit, die Idee vorzustellen: Bei dem Projekt "Betreutes Wohnen" handelt es sich um ein Pilotprojekt in Sachsen, das nach und nach auch in anderen Kreisen angeboten werden soll. Wie Krug betonte, werde diese Art der Jugendbetreuung auf jeden Fall im Kreis Döbeln angesiedelt. Denn dafür erhalte sein Jugendamt Geld vom Land, jedoch für andere Bereiche nicht, so auch nicht für die Weiterführung des kreiseigenen Landschulheims.

Etwa zwölf junge Leute zwischen 14 und 21 Jahren sollen im Haus Töpelwinkel einmal untergebracht werden, so die Vorstellung des Kreis-Jugendamtes. Betreut würden sie von insgesamt vier Fachkräften und dies rund um die Uhr. Die Straftaten der der Teenager hielten sich dabei in Grenzen, versicherte Oehmigen. Oft reichen schon das Schwarzfahren im Bus oder ein kleiner Ladendiebstahl, damit ein Jugendrichter eine (warnende) U-Haft verhänge.

Doch in Sachsen gebe es keine eigenen Einrichtungen für einen Jugendarrest, schilderte Schmidt. Die Jungen und Mädchen kämen deshalb oft in richtige Gefängnisse - Tür an Tür mit Schwerverbrechern und Mördern. Diese Gesellschaft würde die Jugendlichen noch mehr verderben, und sie würden oft völlig den Halt verlieren. In dem neuen Pilot-Projekt könnten solche Jugendliche aufgefangen, betreut und wieder in die "normale" Gesellschaft integriert werden, versprach Schmidt. Gute Erfahrungen aus Stuttgart würden belegen, daß dort die Rückfallquote nur bei 20 Prozent läge, in den sächsischen Gefängnissen jedoch bei bis zu 80 Prozent.

Die jugendlichen Straftäter, die im Töpelwinkel betreut werden sollen, könnten auch aus Limmritz, Töpeln oder Wöllsdorf kommen und die Kinder oder Enkel der Anwesenden sein, mahnte Frau Oehmigen. Die Anwohner waren jedoch nicht umzustimmen. In einer hitzigen Diskussion drückten sie phantasiereich die möglicherweise negativen Auswirkungen der neuen Einrichtung aus. Die letzte Entscheidung hat nun der Kreistag, zuvor will sich aber noch einmal der Gemenderat mit der Angelegenheit beschäftigen und vermutlich eine Empfehlung an das zuständige Parlament weiterleiten. (Quelle: "Döbelner Anzeiger", 9. Oktober 1993)

1993: Nun doch keine kriminellen Jugendliche – Landkreis bekennt sich zum Töpelwinkel. Nach der provisorischen Schließung im Jahr zuvor reanimiert man das Landschulheim.

Nach der Schließung des Töpelwinkels im Jahr 1992 wurde im Kreistag immer wieder heftig um eine Wiederbelebung der Einrichtung gerungengen. Man könne doch nicht einfach so ein Schatzkästchen runterkommen lassen. Schon bald standen aus dem riesigen Heer von Arbeistslosen, die den Kreis Döbeln an den Rand einer sozialen Katastrophe brachten, so genannte "ABMer" zur Verfügung, um das Objekt vor Verfall und Verwilderung zu bewahren. Einig waren sich die Abgeordneten und die Vorsitzende des Jugendausschusses Elke Liebig, dass das Objekt unbedingt weiter genutzt und erhalten werden müsse. Ein provisorischer Betrieb durch das Ehepaar Drescher als "Verwalter" allerdings dürfe kein Dauerzustand bleiben. An sich bliebe der Betrieb des Töpelwinkels als Jugendherberge oder Landschulheim ein Zuschussgeschäft, wie sich zeigte, sollte sich die Einnahmesituation nicht ändern:

Töpelwinkel ist wieder gefragtes Ausflugsziel

Was wird aus dem Töpelwinkel? Viele Ideen wurden dazu von Seiten der Verwaltung gebracht. Nun scheint sich dieses Problem erst einmal von selbst zu lösen - ganz zur Zufriedenheit der Vorsitzenden des Jugendausschusses, Elke Liebig. Denn allein bis zum Mai wurden im Töpelwinkel rund 12000 Mark eingenommen. "Bis zum August ist das Gebäude zunächst ausgebucht", freut sich Elke Liebig, "und selbst bis Oktober gibt es bereits einige Vormerkungen für Wochenendseminare im Heim." Für die Kreistagsabgeordnete ist dies eine wichtige Einnahmequelle für den Kreis und insbesondere die Jugendhilfe, denn am Montag soll im Kreistag der neue Haushalt diskutiert werden. Darin sind für die Jugendhilfe des Kreises 23 Millionen Mark an Ausgaben mit aufgeführt. Demgegenüber stehen jedoch erst einmal nur 14 Millionen Mark an Einnahmen. Zum Vergleich nannte Elke Liebig die Zahlen vom Vorjahr: Damals standen Einnahmen in Höhe von 12 Millionen Mark Ausgaben in Höhe von etwa 18 Millionen Mark gegenüber. Immerhin zwei Millionen Mark mehr Einnahmen will die Jugendhilfe und die Jugendpflege in diesem Jahr tätigen. Wenn sich in den geplanten Haushaltskosten nichts ändert, so Elke Liebig, wären die Ausschußmitglieder mit ihren finanziellen Möglichkeiten erst einmal zufrieden. Zu den Einnahmen werden auch die Übernachtungskosten des Töpelwinkels zählen - und dies obwohl man die Preise sehr gut kalkuliert sind. Die Übernachtung, so einigte man sich im Ausschuß, soll bezahlbar bleiben und gleichzeitig kein Zuschußgeschäft für den Kreis werden. "Wir glauben daß wir die Preise für den Töpelwinkel vertretbar sind und jeder Prüfung standhalten:" So einigeten sich die Ausschußmitglieder auf Übernachtungskosten von 12 Mark für ein Kind und 18 Mark für einen Erwachsenen. Für ein Frühstück - je nach Wunsch - würden noch einmal zwei Mark "pro Nase" dazu kommen. (Quelle: "Döbelner Anzeiger", 22. Mai 1993)

Bangen um den Töpelwinkel: Wer ist Eigentümer?

In den darauffolgenden Jahren wurde es ruhig um den Töpelwinkel. Immer wieder ließen sich Gäste, zumeist Kinder und Jugendliche, einquartieren. Der Betrieb wurde provisorisch weitergeführt. Jedoch war die Bausubstanz in einem schlimmen Zustand, baurechtlich und bautechnisch kaum mehr den Vorschriften gewachsen. Die offene, ungeklärte Eigentumsfrage sorgte weiterhin dafür, dass es praktisch keinerlei Zusagen für Fördermittel oder Investitionsmittel geben konnte, der formale Eigentümer, das Landratsamt Döbeln, steht als solcher frelich im Grundbuch, übertragen wurde das Gebäude kurz nach dem Krieg aus dem Grundbesitz via Enteignung an den Rat des Kreises, Abteilung Volksbildung. Erst mit der Erklärung der Firma Niethammer und Kübler, mittels Übertragung der Grund- und Bodenrechte an den Landkreis Döbeln und der Sozialklausel, welcher über die Verwendung des Objektes Töpelwinkel als ein Hort für die Kinder und Jugendlichen bestimmte, konnte der Landkreis mit der „vorsichtigen“ Sanierung und mit Investitionen in die Modernisierung beginnen. Dies geschah fortlaufend in den Jahren 1996 bis 2000. Die Firma Niethammer und Kübler hatte ohnehin kaum mehr Interesse am Objekt, da dieses mit den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts bereits unrentabel und ein Verlustgeschäft für das Unternehmen war.

Töpelwinkel bleibt für den Landkreis Zuschussgeschäft

Als Plan- und Kostenstelle des Arbeitsamtes konnte mit Kräften des zweiten Arbeitsmarktes, zuweilen qualifiziert und motiviert der Weiterbetrieb über die Jahre gewährt bleiben, je nach „Kassenlage“ des Amtes. Im Kreistag unterdessen wurden Rufe laut, das Objekt nicht länger als Faß ohne Boden im Bestand zu halten, da die Zuschüsse für den Töpelwinkel bereits den machbaren Rahmen sprengen würden. Es sei ja auch nicht so, dass der Töpelwinkel ein Schatzkästchen wäre, auf Dauer könne man die Einrichtung nicht halten. Entscheidungen mussten her und per Entschluss wurde im Jahr 2000 ein Förderverein aus der Taufe gehoben. Dieser könne als Betreiber und Förderer den Weiterbetrieb des ehemaligen Landschulheimes garantieren und vielleicht später in Eigenverantwortung das Objekt übernehmen. Sechs Mitarbeiter waren im Jahr 2000 im Töpelwinkel beschäftigt, darunter deren Leiterin, Carin Lau.

Neuer Verein unterhält nun das „Natur- und Freizeitzentrum Töpelwinkel e.V.“

Dem Töpelwinkel eine Zukunft zu geben ist eine Option des eingetragenen Vereins unter der Leitung von Carin Lau. Die engagierte Chefin und ihre Mitarbeiter hatten viele Vorstellungen, das ehemalige Landschulheim im idyllisch gelegenen Zschopautal nicht nur als Übernachtungsstätte zu erhalten, sondern perspektivisch völlig neue Nutzungskonzepte für das recht große Objekt zu entwickeln. Natur- und Umweltschutz, Erziehung junger Menschen hin zu Nachsicht und Nachhaltigkeit im eigenen Tun, dem Unterricht in der Natur, wie auch sportliche Ambitionen, aktiver Freizeit und Entspannung, dies alles ist nun Programm und sucht für die Zukunft nicht nur Besucher, sondern auch potenzielle Geldgeber und Akteure. Da der Landkreis Döbeln sich mittelfristig aus der Finanzierung zurückziehen muss, sind neue Ideen wirtschaftlichen Handelns gefragt. Der Landkreis Döbeln schießt jährlich erhebliche Summen in den Unterhalt der Einrichtung zu.

Ein Naturereignis als großes Unglück und Glücksfall zugleich...

Die Jahrhunderflut von 2002

Noch im April 2002 mussten sich die Ortfeuerwehren bei einer Übung auf mögliche Gefahren- und Unfallmomente, Auswirkungen größerer Katastrophen und der Organisation zwischen den Feuerwehren beweißen. Es wurden Verkehrsunfälle und größere Brände simuliert. Derartige Szenarios wurden und werden von den Ortfeuerwehren immer wieder trainiert. Doch das Jahr 2002 brachte eine Katastrophe zutage, womit kaum einer in den Einsatzstäben gerechnet hatte: Ein Jahrhunderthochwasser. Feucht fing der August an, Bauern hatten bereits ihre liebe Not, seit Wochen waren so gut wie keine Feldarbeiten mehr möglich. Dauerregen und schwierige Situationen an den Staustufen brachten das Faß zum Überlaufen, das Stauwerk Kriebstein lief über. Schnell stieg der Pegel in Waldheim und am Unterlauf der Zschopau. Wohingegen aber die Zschopau selbst weniger Wassermassen aufzunehmen hatte, drohte schon bald die absolute Katastrophe am Zusammenfluß von Freiberger Mulde und Zschopau in Pischwitz. Im Töpelwinkel wurden die Uferwiesen und auch die große Kahnwiese überflutet, das Haupthaus bekam ebenfalls feuchte Füße.

Doch der Anblick des breiten Urstromtales unterhalb von Technitz musste einfach schockieren, die Freiberger Mulde war hier nämlich schon breiter als die Donau im bulgarischen Ruse. Die Städte und Dörfer an der Mulde waren bereits völlig Überfordert, an der Zschopau wußte man sich an den steileren Hängen halbwegs in Sicherheit. Die Rettungseinsätze von Feuerwehr, Bundeswehr und Bundesgrenzschutz konzentrierten sich bei den Muldeanliegern, Döbeln, Leisnig, Grimma. Im Töpelwinkel gab es erhebliche Probleme dadurch, da die einzige Zufahrt an der Mühle Wöllsdorf überspült war. Bewohner waren für zwei Tage von der Außenwelt abgeschnitten, Räumarbeiten begannen aber unmittelbar nach dem Abfluss der Wassermassen. Die Schäden waren gewaltig: Die Hängebrücken an der Zschopau wurden weitestgehend zerstört, Häuse beschädigt, Zufahrtsstraßen unterspült, Keller- und Heizungsräume geflutet. Gigantische Müllberge lasteten an den Ufern der beiden Flüsse, wie auch angeschwemmter Müll aus den Städten zu beseitigen war. Mit Recht sprach man schon bald von einem Jahrhunderthochwasser und auch die Folgenabschätzung, der Schaden der Flut, übersteigerte alles Dagewesene der vergangenen hundert Jahre. Der Schaden im Töpelwinkel war ebenfalls enorm: Außenalagen wurden zerstört, wie auch die Heizungsanlage im Haupthaus unbrauchbar wurde. Für eine längere Zeit war der Töpelwinkel "außer Gefecht" gesetzt, an Gäste dachte vorerst keiner mehr. Doch schnell bündelte sich die Hilfe, Freiwillige aus ganz Deutschland, Polen und anderer Länder halfen mit, die gröbsten Schäden zu beseitigen, den Schlamm wegzuschaffen, die Gebäude zu säubern. Der Landkreis selber konnte relativ schnell Mittel bereitstellen, um zwingend wichtige Reparaturen zu gewährleisten. Jedoch dauerte es fast zwei Jahre, bis das Natur- und Freizeitzentrum Töpelwinkel saniert und jetzt deutlich besser aufgestellt Gäste begrüßen konnte.

Schäden sind Geschichte

Knapp zwei Jahre nach dem Augusthochwasser sind auch die letzten Schäden im Natur- und Freizeitzentrum Töpelwinkel beseitigt. Der Landkreis als Träger der Einrichtung habe zwar auch schon in den vergangenen Jahren in den „Töpelwinkel“ investiert. Dennoch habe das Hochwasser Investitionen möglich gemacht, an die sonst nicht zu denken gewesen wäre, sagte Landrat Manfred Graetz, der seine Amtsleitersitzung gestern ins Freizeitzentrum verlegt hatte. So wurd ein neues Multifunktionsgebäude statt des alten Schuppens gebaut, der Hof gepflastert, die Außenanlage gestaltet. Das Abwasser wird jetzt in einer vollbiologischen Kläranlage behandelt, und ein Bootsanlegesteg ist neu gebaut worden. Schon im vorigen Jahr war ein neuer Sportplatz entstanden. Insgesamt habe der Landkreis 371.000 Euro in die Beseitigung der Flutschäden gesteckt – das Geld stamme aus dem so genannten Wasa-Fonds des Landes zur Beseitigung der Flutschäden, so Graetz.

Das Gebäude selbst sei durch glückliche Umstände von den ganz schwerden Zerstörungen verschont geblieben, erzählte die Leiterin Carin Lau. Nach der Reparatur der Heizungsanlage habe der Betrieb schon recht bald fortgeführt werden können. Helfer und Bauarbeiter seien nach der Flut die wichtigsten Gäste gewesen. Heute sind es vor allem Schulklassen, die das Heim an der Zschopau für Klassenfahrten, Ausflüge und Projekttage nutzen. Zwei Schulklassen mit insgesamt 62 Personen können im Heim übernachten und verpflegt werden. Dafür unterhält der Landkreis sogar eine eigene Küche. „Catering fand bei den Schülern keinen Anklang. Die meinen, das hätten sie jeden Tag“, erzählt Carin Lau. Bis zu 6000 Gäste zählt die Leiterin pro Jahr. Auch aus den alten Bundesländern melden sich immer mehr Gruppen für einige Tage im Töpelwinkel an. Seit der neue Sportplatz existiert, seien es auch immer mehr Sportvereine, die Trainingslager einrichten wollen. Mit 35 Euro pro Woche und Person sei das Heim am unteren Ende der Preisskala. „Wir wollen es auch nicht teurer machen, sonst bleiben die Gäste weg. Es gibt jetzt schon Eltern, die das Geld für ihre Kinder nicht aufbringen können“, sagte die Leiterin. Kostendeckend ist der Töpelwinkel trotz der Nachfrage nicht zu unterhalten. Jedes Jahr schießt der Landkreis rund 60.000 Euro zu, erklärt Graetz. Es sei eine politische Entscheidung des Kresitages gewesen. „Wir sind froh, dass wir es erhalten haben“, so Landrat Graetz. (Quelle: Döbelner Anzeiger“, 6. Juli 2004)

Neue Ideen, neue Events...

Bestrebungen, auf kulturellen Gebiet neue Wege einzuschlagen, gar größere Veranstaltungen im Töpelwinkel stattfinden zu lassen, fand im Jahr 2003 das erste Sommerfest statt. Im Jahr 2004 dann gab bereits eine zweite Auflage:

Sommerfest im Töpelwinkel: Fast doppelt so viele Besucher wie im Vorjahr begrüßt

Musik der 70er Jahre mit Double Deuce“ und Punkrock mit „Steelpower“ hatten die Organisatoren des zweiten Sommerfestes im Töpelwinkel angekündigt. Diese Mischung erschien auf den ersten Blick zwei sehr verschiedene Publikumsgruppen anzusprechen. Doch Carin Lau, Leiterin des Natur- und Freizeitzentrums Töpelwinkel, hatte keine Bedenken: „Die Gruppe „Double Deuce“ macht eher Musik für mein Alter. Als „Steelpower“ anfragte, ob sie bei uns auftreten können, haben wir uns gedacht, warum sollen wir den jungen Leuten nicht die Chance geben. Extreme Musik machen sie nicht, eher solche, die ich mir auch ab und zu ein Mal anhöre.“

Wegen des wechselhaften Wetters bauten die Bands ihre Instrumente in der neuen Scheune auf, die bei der Flut vollständig vernichtet wurde und inzwischen als Fahrradschuppen und Werkstatt wieder genutzt wird. Die Gäste konnten auf dem frisch gepflasterten Hof Platz nehmen. Die dem Wetter nicht trauten, machten es sich im großen Festzelt bequem. Auch eine Jugendgruppe, die zum Zeltlager im Töpelwinkel war, mischte sich unter die Gäste und freute sich über den zusätzlichen Höhepunkt ihres Ausflugs. Beide Bands animierten sowohl die jungen wie auch die älteren Geste zum Tanzen und Mitsingen. Von gelegentlichen Regenschauern ließ sich keiner die Stimmung verderben. Die nass gewordenen Bänke wurden kurzerhand wieder trocken gewischt.

Die Veranstaltung zeigte Carin Lau, dass sie mit ihrem Konzept richtig lag. Sie konnte fürs nächste Sommerfest schon einige Bands zusagen. Die Festorganisatoren hoffen, dass sie im nächsten Jahr noch mehr Gäste begrüßen können. Im Vergleich zum letzten Mal waren fast doppelt soviele gekommen. Die Schirmherrschaft für das Fest hatte erneut Landrat Manfred Graetz übernommen, der diesmal persönlich vorbeischaute. (Quelle: „Döbelner Anzeiger“, 17. August 2004)

Lernen im "grünen" Klassenzimmer

Mitte Mai 2004 wird das Waldklassenzimmer am Pfaffenberg eingeweiht

Jägerin Beate Wolters vom Döbelner Kreisjagdverband hatte die Eingebung wohl im Jahr 2003, als sie in einer Landwirtschaftszeitung von einem Waldklassenzimmer las, welches in der Lüneburger Heide eingerichtet wurde. Schnell brachte Beate Wolters das Gelesene Carin Lau, Chefin des Natur- und Freizeitzentrums, nahe, welche sofort hellauf begeistert war und den Vorschlag für ein Waldklassenzimmer in dieser Region als Projekt in die Tat umsetzte. Gemeinsam mit den Jägerinnen und Jägern des Kreisjagdverbandes Döbeln, der Gemeinde Ziegra-Knobelsdorf, der BayWa Hartha und Renner Baustoffe Waldheim wurde am Wöllsdorfer Pfaffenberg mit relativ einfachen Mitteln ein Klassenzimmer auf einer Lichtung hergerichtet und Mitte Mai 2004 feierlich eröffnet. Landrat Manfred Graetz lobte ausdrücklich die Arbeit der beteiligten Akteure und die zügige Umsetzung des Projektes. Es sei wichtig, den Kindern und Jugendlichen die einheimische Fauna und Flora nahezubringen und dies besonders anschaulich und naturnah zu tun. Das Klassenzimmer im Grünen bietet ideale Voraussetzungen zur freien Unterrichtsgestaltung vor allem im Fach Biologie.

Probleme und Hindernisse

Seit Jahren legt sich ein großes Problem für den Töpelwinkel quer: Die Brücke über den alten Mühlgraben. Sie ist eine alte Metall-Holz-Konstruktion und von minderer Tragfähigkeit. Für Bau- und schwerere Lieferfahrzeuge ein echtes Problem: Sie dürfen nicht über die Brücke fahren. Zumindest wurde der mittlerweile kritische Zustand der alten Brücke meist missachtet, doch jetzt war guter Rat teuer. Die geplante Brücke wurde dann doch viel später in die Tat umgesetzt. Als „unendliche Geschichte“ geht der Brückenbau als Provinzposse durch, zumal die Anlieger Natur- und Freizeitzentrum und Fischereibetrieb Schnek, als direkt Betroffene unter der langen Bauzeit leiden mussten. Beinahe fünf Jahre zog sich das Bauvorhaben hin, als dann im Sommer 2009 die Brücke endlich fertig wurde.

Kreistag stimmt Trägerwechsel im Freizeitzentrum zu

Das Natur und Freizeitzentrum Töpelwinkel bekommte einen neuen Betreiber. Der Kreis Döbeln wird voraussichtlich zum 1. Januar 2008 die Trägerschaft an den Förderverein des Natur- und Freizeitzentrums Töpelwinkel übertragen. Nachdem sich im Vorfeld schon der Verwaltungsauschuss für den Trägerwechsel ausgesprochen hatte, folgte bei der gestrigen Sitzung auch der Kreistag dem Vorhaben. Der Landkreis Döbeln, der in den vergangenen Jahren viel Geld in die Sanierung des Objektes investiert hatte, wird weiterhin Besitzer der Immobilie bleiben. Sämtliches Inventar soll allerdings kostenlos dem neuen Träger überlassen werden, bei Vertragsende ist aber eine Rückübertragung notwendig. Außerdem wird sich der Landkreis Döbeln auch künftig mit einem Zuschuss am Betrieb des Natur- und Freizeitzentrum beteiligen. In einem Vertrag, der zwischen dem Kreis und dem Freizeitzentrum abgeschlossen wird, soll auch die Frage der Personalübernahme geregelt werden. Der Landkreis Döbeln legt auch großen Wert darauf, dass der neue Träger weiter am Projekt zur Errichtung eines Hochseilgartens auf der Landzunge im Töpelwinkel festhält (...) Quelle: "Döbelner Allgemeine" vom 5. Juni 2007

Vom Kletterwald zum Kletterbogen...

Ihr habt den Bogen raus“

Der Gedanke, einen Kletterwald im Töpelwinkel zu errichten schwebte schon lange vor, es war, wie berichtet, eine Option des Trägervereins, diese neue Attraktion für den Töpelwinkel in die Tat umzusetzen. Nur gab es ein sehr großes Problem: Unmittelbar in Rufweite kamen andere schneller in die Spur, die Rede ist vom Kletterwald in Kriebstein. Ein weiterer Kletterwald würde dann doch keinen Sinn machen. Erst ambitionierte Kletterfreunde wie Dirk Polster und Jürgen Bretschneider brachten die Idee auf, einen Kletterbogen als neuen Magneten für Kletterfreunde und solche, die es werden wollen, auf der Landzunge zwischen Mühlgraben und Zschopau zu errichten.

Jürgen Bretschneider ist Designer, geistiger Urheber und schließlich Vater des "Overhill". Dem Umstande angesichtig, dass es doch "nur" eine Idee von einer Wand gab, die letztlich als Sportgerät, wenn man so will, nur diese Funktion gehabt hätte, wäre da nicht... Ein Designer wie Jürgen Bretschneider, sportlich als Kletterer selbst aktiv und umtriebig mit einer Vision: Die Kuppel einer Kirche oder eines Doms, reduziert auf ein gewölbtes Band, wenn man die beiden Hälften ganz einfach weglässt. Sich selbst abstützende steil aufragende Wände, dazu geneigt und sich nach oben verjüngend, höchste Schwierigkeitsgrade für den Kletterer verspricht, so der Gedanke. Erste Modelle entstanden, Rücksprachen mit den Auftraggebern und schließlich das Modell des "Overhill" als Vorlage für den großen Bogen, welcher von der Essener Torkret AG dann in den Töpelwinkel "gepflanzt" wurde.
Dann ist es nicht ganz richtig, Jürgen Bretschneider als einzigen Vater des "Overhill" zu benennen. Letztlich war es eine Gruppe, ein Team indem Akteure und "Aktivisten" miteinander am großen Ziel Kletterbogen arbeiteten. Ein weiterer Aktivist, ein aktiver Sportkletterer und ebenfalls Designer kommt ins Spiel: Gunter Gäbel, maßgeblich für die Kletterrouten am Bogen, für die Schwierigkeitsgrade verantwortlich, ist für das Projekt "Overhill" ebenso als Vater des Kletterbogens zu bezeichnen. Bretschneider und Gäbel arbeiten Hand in Hand und selbst am Bau trifft man sich immer wieder, wie auch zum Klettern am Overhill.

Dirk Polster kann getrost als einer der Väter des Kletterbogens im Töpelwinkel gesehen werden, wenn nicht gar als der, welcher maßgeblich den Stein des Anstoßes, nämlich die Kinder- und Jugendarbeit im ehemaligen Landkreis Döbeln, aufnahm und als Akteur im Landkreis offene Türen einrannte. Im Jahr 2001 und in den folgenden Jahren trafen sich Kletterfreunde wie Steffen Heimann, Gunter Gäbel und Dirk Polster, um speziell mit Kindern und Jugendlichen Kletter-Events durchzuführen. Damals fuhr das Fahrzeug des Kinderschutzbundes mit einer mobilen Kletterwand durch den Landkreis, um Kinder und Jugendliche für das Klettern und sportliches Tun zu begeistern; und dies mit Erfolg. Schon bald stellte sich die Idee einer ortsfesten Kletteranlage als machbare Option ganz speziell für den Töpelwinkel. Man war sich darüber einig, dass der Töpelwinkel samt dem ehemaligen Landschulheim aufgewertet werden müsse, um die Einrichtung attraktiver, anziehender zu machen. Landrat Graetz sah dies ähnlich und stand sofort hinter den Ideen. Ein Klettergarten solle es sein, anspruchsvoll und möglichst vielseitig nutzbar, mit Querung des Mühlgrabens als besondere Schwierigkeit. Allgemein war man sich darüber einig, dass der Töpelwinkel mit seinem Alleinstellungsmerkmal für den kleinen und überschaubaren Landkreis Döbeln ein ideales "Fleckchen" für ein ortsfestes "Großsportgerät", eines Klettergartens ist. Schnell wart ein Modell erstellt worden, Fördermittelanträge wurden geschrieben. Carin Lau, Chefin der Einrichtung, stand mit Feuereifer hinter dem Projekt, sorgte für die nötigen Kontakte, erledigte den "Bürokram". Dann aber wurde es ebenso schnell ruhig um das Projekt, wie sich andere Akteure ebenso an einen Kletterwald machten und diesen letztlich in Kriebstein bauten.

Die Ferienlager sind geblieben. Natürlich auch die Natur...
Dank aufopferungsvollen Engagements der Mitarbeiter im ehemaligen Landschulheim, Lust und Liebe am Erhalt und Weitereintwicklung des Natur- und Freizeitzentrums, konnten für die Kinder und Jugendlichen neue, interessantere Angebote gerade in Sachen Natur und Umwelt geschaffen werden. Das schon traditionelle Basteln von Vogelhäuschen oder Insektenhotels, der Herstellung von aromatisierten Speiseölen, das Färben mit Pflanzen, das kreative Gestalten, der Unterricht im Waldklassenzimmer und neuerdings die Ausbildung zum Junior Ranger Natur, oder Geo-Caching, dies alles sind Angebote, welche für unsere Heranwachsenden eine neue Blickrichtung geben, hin zu Nachhaltigkeit und Diversität. Geblieben sind auch die bereits zur Tradition im Töpelwinkel gewordenen Ferienlager, welche immer gut besucht werden.

Schöne Tradition: Ausländische Gäste im Töpelwinkel:

20 Jahre Freundschaft zwischen Vyskov und Döbeln: Junge Tschechen verbrachten fünf tolle Tage...

(18.06.2012) 

Daran hat sich noch immer nichts geändert: Zwischen den beiden Städten Vyskov und Döbeln liegen noch immer rund 450 Kilometer Fahrtstrecke. Also mussten vierzehn junge Schülerinnen und Schüler des beruflichen Gymnasiums Vyskov eine ebenso lange und beschwerliche Reise auf sich nehmen. Belohnt wurden sie dafür auf alle Fälle! Und so traf die kleine tschechische Delegation am 13. Juni 2012 im Natur- und Freizeitzentrum Töpelwinkel ein, ihrer Heimstätte für fünf tolle Tage. Zuvor, und das lag nahe, gab es ein Besuch des befreundeten Lessing-Gymnasiums Döbeln, wo sich die jungen Tschechen ein Bild von den mittlerweile ausgezeichneten Lernbedingungen an dieser Einrichtung machen konnten.

Am Tage eins wurde keine Müdigkeit vorgeschützt, denn obwohl sieben lange Fahrtstunden auf den Schultern lasteten, kam der Ball zum Volleyballnetz und man traf sich mit den wesentlich Kleineren der aktuellen Belegung des Haupthauses zum fröhlichen Spiele am Abend. Geselligkeit wird nun mal im Töpelwinkel groß geschrieben... Neuer Tag, neues Glück. Es sollte nach Leipzig gehen, dem Mittelzentrum in Sachsen. Erstes Ausflugsziel war das Völkerschlachdenkmal im Süden der Stadt. Ziemlich zugig auf 92 Metern! Aber das macht nichts, es gab dafür eine ganze Menge zu sehen und zu erfahren. Iveta Höferova ist Lehrerin und Schulberaterin am zukünftigen vereinten Gymnasium Vyskov, welches medizinische Fachrichtungen und Fremdsprachen anbietet, und Dolmetscherin der Gruppe.

 Die historische Masse des Ortes wiegt schwer, genau so schwer wie das Völkerschlachdenkmal selbst. Iveta hat manchmal Mühe, den kleinen Haufen neugieriger Schüler zusammen zu halten, für sie aber ist es kein Problem. Die jungen Vyskover sind beeindruckt von der Fülle, der Größe des Denkmals. Die historischen Umstände, die Völkerschlacht und der erste große Weltenbrand berühren viel mehr. Froh ist man doch, wieder unten zu stehen. Weiter ins Zentrum der Stadt. Wir besuchen die Nikolai-Kirche, das geistige Zentrum der Wende von 1989. Heute herrscht andächtige Betriebsamkeit, tschechisch mischt sich mit japanischer Sprache. 

 Im zeitgeschichtlichen Forum in direkter Nähe des alten Rathauses dann doch viele Fragezeichen und Gelächter: Auf Fotos, Tafeln, Monitoren und Tischen zieht ostdeutsche Geschichte ihre Bahn, oder was man dafür hält. Unsere Gruppe konnte sich des Eindrucks eines Gemischtwarenladens nicht erwehren, es blieb beim Schmunzeln über eine schier bodenlose Aneinanderreihung ideologischer Fragmente und Haushaltsgegenstände der ehemaligen DDR. An der Thomaskirche dann konnten sich alle vom wohl bekanntesten Leipziger, Johann Sebastian Bach, ein Bild machen. Mit der Kamera natürlich. Das wuchtige Bach-Denkmal lud zum Gruppenfoto ein...

 Szenen und Richtungswechsel am Freitag, dem 15. Juni 2012. Wir sind in Meissen, der heimlichen Hauptstadt Sachsens. Alle kennen diesen Ort vom Namen her, der klangvoll bis nach Tschechien klingt. Da sind die zwei gekreuzten Schwerter, Symbol der Meissener Porzellanmanufaktur. Natürlich ist ein Besuch Pflicht. Alle Schauvorführungen in tschechischer Sprache. Eva Adamcova, eine Schülerin der Gruppe, schmunzelte über den deutsch-sächsischen Akzent in der Stimme. Man ist gerührt, dass alle Beiträge in tschechischer Sprache zu hören sind. Dann geht es hinauf zum Dom und der Albrechtsburg. Ein herrlicher Ort, wie auch Veronika Businova findet. Allerdings haben wir auch heute viel zu wenig Zeit, um all das Sehenswerte dieser schönen Stadt sehen zu können. Am Abend gab's im Bürgergarten Döbeln ein festliches Essen im Beisein von Döbelns Bürgermeister Hans-Joachim Egerer und Vyskovs ehemaligem Stadtoberhaupt Milos Olik, welche kurz darauf gemeinsam das Döbelner Stadtfest eröffneten.

 Samstags ging es ins WelWel zum Bowling. Nach all den Erlebnissen der letzten Tage mal eine Gelegenheit, beim Schieben der Kugel auf andere Gedanken zu kommen. Nachmittags besuchen wir die Färberhäuser und Döbelns Urgestein Rolf Berndt. Als wäre es die warme Stube der Stadt, kam der Zufall zupass, Herrn Berndt per Handglocke an die Tür zu locken. Wir bekamen Einlass und staunten nicht schlecht, wie herrlich gemütlich urig hand- und hausgemachtes Inventar die Seele befriedigen. Angeblich sei es ja nicht so weit her mit der deutschen Gastfreundlichkeit, sagt man. Rolf Berndt aber konnte uns mitnichten darin bestätigt fühlen lassen. Es ging weiter mit Deutschlands einziger Pferdebahn.

 Als ein ganz besonderes Erlebnis für die jungen Tschechen bot die Fahrt mit der Döbelner Pferdebahn tolle Momente. Und nicht nur die: Als einziges Museum in Deutschland ist das Döbelner Pferdebahn-Museum ein Novum für sich. Die Schülerinnen und Schüler aus Vyskov konnten sich an besonders schön gestalteten Modellen erfreuen und ein bißchen Pferdebahngeschichte mitnehmen. Inzwischen kam das Döbelner Stadtfest auf Touren, unsere tschechischen Gäste mittendrin. Es sollte noch ein schöner Abend werden im Ratskeller Döbeln. Nämlich schon 20 Jahre besteht die Städtepartnerschaft zwischen Vyskov und Döbeln. Grund genug, gemeinsam mit Stadträten und der tschechischen Delegation ein festliches Essen einzunehmen.

 Unterm Strich zufriedene Gesichter: Krystof Cala wie auch Michal Novak können mit angeblichen Sprachbarrieren nichts anfangen. Im Gegenteil! Wenn man sich verstehen möchte, versteht man sich, so Michal Novak. Er und alle anderen waren sehr gern hier, und Verständigung funktioniert über Sport und Spiel am besten, sagt er. Vlasta Michlickova fand, dass die Leute hier freundlich sind. Wenn ich wieder die Möglichkeit bekomme, werde ich auf alle Fälle wieder kommen, sagt Vlasta... Uwe Reinwardt

2013: Wieder Glück im Unglück

Anfang Juni 2013 goss es wieder einmal in Strömen, tagelang regnete es, die Zschopau und Freiberger Mulde schwappten über die Ufer. Erneut stieg das Wasser binnen Stunden in die Städte und überschwemmte die Ufergebiete. Wie schon 2002 machte sich in der ehemaligen Kreisstadt Döbeln die ernorme Fließgeschwindigkeit des Mulde-Wassers als Ursache für enorme Schäden in beiden Jahren verantwortlich. Normalerweise führt die Freiberger Mulde nicht einmal ein Drittel der Menge an Wasser, welches die Zschopau talwärts befördert. Die Zschopau hatte im Gegensatz zur Freiberger Mulde zwar ebenfalls einen enormen Pegelstand, der Höchststand von 1933 wurde weder 2002 noch 2013 wieder erreicht. Zum Glück, muss man sagen, denn das Hochwasser von 2013 schrammte am Töpelwinkel vorbei, ohne wesentlich Schaden anzurichten. Lediglich die Boote wurden losgerissen und die "Liebesbank" eingemüllt. Am Haupthaus waren keinerlei Schäden zu verzeichnen. Das Szenario in diesen Tagen beschrieben wir auf der Homepage des Töpelwinkels:

Uns gibt es noch...

Das Natur- und Freizeitzentrum Töpelwinkel e.V. wurde vom Hochwasser 2013 verschont. Keine oder nur geringe Schäden. Gäste sind auch weiterhin ohne Einschränkungen willkommen.

Gibt's euch noch? So oder so ähnlich klangen besorgte Anrufer und Helfer, welche gleich mal in den Tagen der Hochwasser-Katastrophe Ende Mai/ Anfang Juni 2013 hier bei uns vorbei kamen. Uns gibt es noch! Und Hand auf's Herz! Es war sehr eng! Die Zschopau führte in diesen Tagen enormes Hochwasser, der kritische Pegel wurde auch dieses Jahr wieder erreicht. Doch der Zschopau-Gott oder wer auch immer hatte ein Einsehen und ließ die Pegel wieder sinken. So blieb das Natur- und Freizeitzentrum Töpelwinkel e.V. von größeren Schäden verschont. Einzig unsere Kähne wurden vom Wasser auf den "Rücken" gelegt und die "Liebesbank" stand unter Wasser.

Alles andere blieb heil und unsere Einrichtung steht auch weiterhin unseren Gästen offen. Mittlerweile hat sich die Situation bezüglich der Anfahrt deutlich entspannt. Die Sperrung der B 175 auf Höhe der Ortsumführung Keuern-Masten wegen eines Erdrutsches führte zu Behinderungen bei der Anfahrt in den Töpelwinkel. Insgesamt hatten die Anrainer der Zschopau dieses Jahr mehr oder weniger Glück. Obwohl die Zschopau deutlich mehr Wasser als die Freiberger Mulde führt und zum Hochwasser führte, ist sie doch im Vergleich deutlich langsamer, was die Fließgeschwindigkeit angeht. So sorgte die Mulde wie schon in 2002 für gewaltige Schäden in der großen Kreisstadt Döbeln und an der umliegenden Verkehrs-Infrastruktur. Sicherlich sorgte die umsichtige Wasserhaltung an der Staumauer Kriebstein dafür, dass größere Schäden unterhalb der Zschopau ausblieben. Dies sollte hier auch als ein Dank an die Verantwortlichen der Landestalsperrenverwaltung vernommen werden.

Der Töpelwinkel in der Zukunft

64 Jahre nach Inbetriebnahme des damaligen Landschulheimes, der Station Junger Touristen, dem Döbelner Pionierhaus, Wanderheim, Mädchenwohnheim und heute dem Natur- und Freizeitzentrum Töpelwinkel e.V. ist es dem Betreiberverein gelungen, trotz schwieriger finanzieller Umstände, den Weiterbetrieb der Einrichtung zu gewährleisten. Und nicht nur dies: Viele neue Angebote, der Kletterbogen „Overhill“, das neue Format des Junior Ranger Natur, welches speziell jungen Menschen die Liebe zur Natur nahebringt, Projekte wie das Färben mit Pflanzenfarbstoffen, Kreatives Gestalten, Projekttage für Schulklassen und so weiter, lassen für viele den Töpelwinkel über die Grenzen des Landkreises Mittelsachsen hinaus immer attraktiver werden. Diese erweiterten Nutzungskonzepte, eingeschlossen die traditionellen Aktivitäten wie die Ferien- und Zeltlager, Forellenessen, Wanderungen etc, werden auch in der Zukunft von den Gästen unserer Einrichtung gefragt sein. Die Zukunft wird zeigen, ob die Arbeit der Akteure im Natur- und Freizeitzentrum Töpelwinkel e.V. dem Erhalt dieses „Schatzkästchen“ zum Nutzen aller gerecht werden kann.

Wöllsdorf, am 21. November 2014