Döbeln damals | Industriegeschichte | Holzindustrie
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Die Industriegeschichte der Stadt Döbeln

Holzwarenindustrie

     Die Holzwarenindustrie ist, wie die Metallindustrie, für Döbeln ein wichtiger Nahrungszweig geworden. Das älteste und größte Unternehmen in, Döbeln ist die Luxusmöbelfabrik Franz Dyhrsen. Sie ist gegründet 1866 von dem damals als Drechslergehilfe aus SchleswigHolstein eingewanderten Franz Dyhrsen, welcher das Unternehmen mit zäher Energie und unter Mithilfe seiner noch lebenden Ehefrau, die 32 Jahre lang den Verkauf der Fabrikate auf ausgedehnten Reisen bewerkstelligte, aus den kleinsten Anfängen zu großer Blüte gebracht hat. Bei zunehmendem Alter trat sein Stiefsohn Hermann Liesch in die Leitung des Unternehmens ein, 1908 starben kurz hintereinander sowohl Dyhrsen als auch Liesch, und das Unternehmen wurde in eine Kommanditgesellschaft umgewandelt. Die Leitung liegt seitdem in den Händen der beiden Schwiegersöhne des Gründers Paul Rudolph und Bruno Schubert. Die Fabrik beschäftigt durchschnittlich 160 Arbeiter. Die Fabrikation erstreckt sich auf Luxuskleinmöbel und Herrenzimmer. Die Fabrikate finden lebhaften Absatz in ganz Deutschland, ein an sehnlicher Teil davon wird nach Südamerika und Südafrika exportiert. Das Unternehmen hat sich in den letzten Jahren bedeutend ausgedehnt.
     Im Laufe der Jahre entstanden hier noch verschiedene Holzgalanteriewarenfabriken, sie sind jedoch wieder eingegangen. In der ehemaligen Nolteschen Ziegelei an der Bahnhof und Kleinbauchlitzer Straße bestand seit etwa 15 Jahren die Döbelner Parkettfabrik, welche auch Möbel und Leichenwagen anfertigt. Die Fabrik wurde von Tischlermeister Julius Größler (vorher in Rüsseina) gegründet und hat sich zu einem ansehnlichen Unternehmen entwickelt. Inhaber sind Julius Größler und sein Sohn Curt Größler. Die Fabrik für Holzbearbeitung vom Gebr. Petzold ist 1869 vom Glasermeister Richard Tröbst als Glaserwerkstätte begründet worden. Im Jahre 1882 wurde die fabrikmäßige Herstellung von Fensterjalousien eingeführt. Vor etwa 16 Jahren übernahmen die Gebrüder Petzold die Fabrik. Jetziger Inhaber ist Otto Petzold, welcher die Fabrikation erweiterte und ein stattliches Fabrikgebäude mit Dampfbetrieb an der Chemnitzer Straße, (Burgstadel) errichtete. Die Fabrikation erstreckt sich auf Fenster, Innenausbauten, Türen, Treppen, Wandverkleidungen, Fensterläden, Rolläden, Rollschutzwände, Jalousien.
     Auch eine Holzriemenscheibenfabrik besteht hier, sie wurde vor zwei Jahren von der Firma Hiele & Tischer im Beckscben Fabrikgrundstück Uferstraße 5, errichtet. Diese Fabrik ist gut beschäftigt und exportiert nach allen Weltteilen.
     Von Georg Albert Zimmermann, Gartenstraße 11, wird die Stuhlfabrikation betrieben, Das Geschäft ist von dessen Vater, Eduard Zimmermann, gegründet worden. Die Stuhl und Sofafabrik von Winkler & Co. besteht nicht mehr. Weithin bekannt ist die Döbelner Drechslerei, teils Holz, teils Horndrechslerei. Neben 7 Drechslern, die in ihrer Werkstatt tätig sind, sich jedoch sich jedoch hauptsächlich auf das Ladengeschäft stützen müssen, gibt es hier sieben Drechslerwarenfabriken. Die größte von ihnen ist die schon erwähnte Fabrik Franz Dyhrsen. Als Spezialität betreibt Karl Habenicht, Bäckerstraße 13, seit vielen Jahren die Rahmenfabrikation, er liefert Spiegel und Bilderrahmen aller Arten in rohem Zustande sowie fix und fertig zum Gebrauch. Sein Sohn Max Habenicht, Körnerplatz 17, hat sich der Herstellung leichter hölzerner Transportschachteln zugewendet, z. B. der großen Schachteln, in denen die Damenhüte versendet werden.
     Die Drechslerei, Stock und Tabakpfeifenfabrikation wird von Rob. Liebscher, Marktstraße 6, und Gebr. Müller, Ritterstraße 20, seit neuester Zeit auch von Liebschner & Piotrowski, Niedermarkt 15, betrieben. Diese Firmen liefern Tabakpfeifen aller Arten, Zigarrenspitzen usw. Auf der Leipziger Messe sind sie mit ihren Fabrikaten regelmäßig vertreten. Die Horndrechslerwarenfabrik von Richard Schietzel, Leipziger Straße 6, fabriziert seit 1888 hauptsächlich Hornsignalpfeifen, Hornhefte, Faßhähne mit Büffelhornschlüssel, Signalhupen, Automobil und Fahrradgriffe, Türknäufe, Fenstergriffe, Mundstücke für Sprachrohrleitungen usw. Absatzgebiet ist das In und Ausland.
     Die Firma Hermann Hildebrandt & C o. wurde 1899 vom Drechslermeister Hermann Hildebrandt gegründet und befaßte sich ebenfalls mit der Herstellung von Hornsignalpfeifen. Im Jahre 1901 trat dessen Schwiegersohn, der Graveur Otto Oskar Schmidt als Teilhaber in die Firma ein und erweiterte den Betrieb durch die Herstellung von MetallSignalpfeifen, Wildlockinstrumenten und Massenartikeln aller Art. Er ist jetzt alleiniger Inhaber. Im Jahre 1910 verlegte er den Betrieb in das neuerbaute eigene Grundstück Bahnhofstr, 16 und führte auch die Fabrikation von Signalinstrumenten ein, wie Signalhörner für Eisenbahn, Feuerwehr und Militärzwecke, Signalhupen und Cornets für Automobile, Motorboote, Fahrräder, Fanfaren und aller sonstigen Signal und Alarminstrumente. Die Firma beschäftigt zur Zeit 35 Arbeiter und liefert viel für Eisenbahn und Militärverwaltungen, exportiert auch nach allen Weltteilen.
     Die in Döbeln gut eingeführte Wagenbauerei gibt in einer ganzen Anzahl Werkstätten Stellmachern, Schmieden, Sattlern Arbeitsgelegenheit. Wagenbauer sind Johs. Altenkirch Zwingerstraße 19, Max Augustin, Waldheimer Straße 29, Eduard Kunze, Bahnhofstraße 4,  Richard Winkler, Schießhausstraße 6. Die größte hiesige Wagenbauanstalt ist die Döbelner Wagenfabrik Emil Zander. Diese ist 1830 als kleine Wagenbauerei begründet und 1883 von Emil Zander mit 4 Arbeitern übernommen worden. Zehn Jahre später wurden schon 25 Arbeiter daselbst beschäftigt. Die Fabrik baut Luxuswagen und Schlitten sowie Leichenwagen, und da sie alle Zweige der Wagenbauerei umfaßt, Stellmacherei, Schmiederei und Schlosserei, Sattlerei und Lackierer, so können daselbst die Wagen von Grund aus hergestellt werden. In neuerer Zeit werden hauptsächlich auch Karosserien für Automobile gebaut und an die großen Automobilwerke Deutschlands geliefert.
    
Die Wagenbauerei beschäftigt auch andere Erwerbszweige, so z. B. die Döbelner Holzbiegerei A. Haupt in Kleinbauchlitz (früherWilh. Goesecke, dann Haupt & Ihrke), welche mit Dampfbetrieb arbeitet. Hier wird das Holz gedämpft und gebogen, daraus werden Räder, Bügel, Gabeldeichseln und andere gebogene Wagenteile, Schlittenkufen, Rodelschlitten, Backtröge und gebogene Holzteile für den Automobilbau hergestellt.
     In ganz Deutschland bekannt ist die Döbelner Faßfabrik Haupt & Co., die Fortsetzung der 1850 gegründeten Schauerschen Faßfabrik. Sie liefert die verschiedenen Gefäße für Brauereien und Brennereien, Holländer, Türme für Papierfabriken, Zucker, chemische und andere Fabriken. Als die Fabrik noch an der Sörmitzer Straße sich befand, sah man oft die riesigen Tonnen und Bottiche, wenn sie zum Bahnversand durch die Stadt gefahren wurden. Vor 15 Jahren übernahm der Achsenfabrikant Wilhelm Haupt die Faßfabrik und verlegte sie in die Nähe des Bahnhofs, nach der Feldstraße. Seit zehn Jahren werden ganz besonders auch Laugenturmanlagen für Zellstofffabriken mit Gerüstbau von 3245m in Höhe ausgeführt. Die größten Laugenbottiche von 10 in Durchmesser und 7 in Höhe wurden in Pitchpine und Lärche für Zellstoffabriken des In und Auslandes geliefert. Das Unternehmen ist jetzt Kommanditgesellschaft.
     Zu den Holzwarenfabriken gehört auch die Pianofortefabrik, welche von F. W. Werner 1845 hier begründet wurde und seit fast 30 Jahren sich im Besitz der Familie Everth befindet. Seit dem Tode von Johannes Everth ist dessen Witwe Inhaberin. Diese Fabrik liefert jährlich gegen 100 Pianinos bester und einfachster Bauart und Ausstattung. Durch eine der Firma patentierte Spannvorrichtung am Resonanzboden wird ein prachtvoller Ton erzielt. Die Everthschen Pianinos haben in musikalischen Kreisen einen guten Ruf.

H. Zscherpel
erschienen in der Festschrift zum Heimatfest Döbeln vom 20. - 2. Juni 1914