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Geschichte und Geschichten - Beiträge zur Döbelner Geschichte

Veröffentlichung des folgenden Beitrags mit freundlicher Genehmigung von:

www.doebeln-entdecken.de

Geschichte der Friedhöfe von Döbeln

     Seit Menschen unseren Erdball bewohnen, wissen sie von dem steten Kreislauf in der Natur, jenem Werden und Vergehen, dem sich jegliches Leben unterordnen muss. Keinem Menschen ist es vorbestimmt, zu welchem Zeitpunkt sein Erdendasein beginnt, wie lange er bleiben darf und wann er seine Mitmenschen wieder verlassen muss. Und die Weiterlebenden haben schon immer Orte angelegt, an denen die sterbliche Hüllen der Erde übergeben werden und wo sie ihrer Toten gedenken können.
     Da das Thema des Sterbens, dem sich niemand entziehen kann, nun einmal zum Inhalt des menschlichen Lebens und Denkens gehört, gehe ich heute in meinen Geschichten aus dem tausendjährigen Döbeln auch auf die Historie der Begräbnisstätten der Stadt ein.
     In der jüngeren Stein- bzw. Bronzezeit lebten die ersten Siedler in unserem Raum auf den Höhen entlang des Muldenbereiches. So wurden bei archäologischen Grabungen Urnen mit sterblichen Überresten auf dem Staupitzberg geborgen. Selbst auf dem Terrain des letzten Oberfriedhofes an der Dresdner Straße kann ein Gräberfeld aus der Bronzezeit um 1600 bis 1200 vor Christi seit seiner Offenlegung im Jahr 1929 nachgewiesen werden.

Innerstädtische Friedhöfe

     Als sich Döbeln im Schutz der Burg unterhalb des Schlossberges von Osten nach Westen entwickelte, bauten die Bürger der Stadt zu Füßen des Schlossberges ihre erste Kirche St. Nicolai. Im Umfeld des Gotteshauses legten sie einen Kirchhof für die Verstorbenen an. Stadtchronist Carl Wilhelm Hingst schreibt im Jahr 1872: „Der ganze freie Platz von der Kirche bis zum Rathause war in früher Zeit der Kirchhof St. Nicolai bis noch ein zweiter Gottesacker vor der Oberstadt nach Westen hin angelegt wurde, um den nun die Niederstadt allmählich entstand.“.
     Der St.-Nicolai-Oberfriedhof blieb bis 1474 bestehen. Danach wurden Teilflächen, zum Beispiel im Jahre 1528 mit einer Garküche, überbaut. Aber auch die Fleischbänke der namensgleichen Innung konnten gegen ein geringes Entgelt an die Kirche auf dem Kirchhofgelände regelmäßig errichtet werden. Später kamen Häuser zwischen Obermarkt und Kleiner Kirchgasse hinzu. Vereinzelt fanden im Umfeld von St. Nicolai noch Begräbnisse bis Mitte des 17. Jahrhunderts statt. Die Pfarrer fanden ihre letzte Ruhestätte im Mittelgang und vor dem Altar der Kirche. Von der Grablegung bis ins 18. Jahrhundert zeugen Grabsteine, die bei der Kirchenrenovierung 1885 an einen Mauerrest der von der Burg herabführenden Stadtmauer aufgestellt wurden. Die Inschriften der Steine haben Wind und Regen fast ausgetilgt.
     Der Friedhof der Niederstadt, im Bereich des heutigen Niedermarktes, erhielt die St. Jacobskirche als Begräbniskirche, die so zu einer Vorläuferin der Jacobikirche an der Bahnhofstraße wurde. Nach dem großen Stadtbrand von 1523 entschloss man sich, die Kirche auf dem Niedermarkt nicht wieder aufzubauen. Ihr genauer Standort ist leider nicht verbürgt. Die Chronisten schreiben von Auerbachs Hof, dort wo die Töpfer ihre Ware feilhielten. Das dürfte auf die überbaute Fläche zwischen Niedermarkt und Breite Straße hinweisen.
     Eine dritte Begräbnisstätte jener Jahre war der Klosterfriedhof im Klosterviertel nördlich der Oberbrücke. Er war von den Nonnen des Benediktinerklosters angelegt worden, die der Stadthauptmann Seuschin 1330 nach Döbeln holte. Die Stätte blieb bis 1539 am gleichen Ort. Beerdigungen, auch von Bewohnern dieses Stadtteiles, fanden bis Anfang des 17. Jahrhunderts statt. Es existieren aber nur wenige Relikte aus dieser Zeit, zumal das Gelände durch einen später erfolgten Umbau anderweitig genutzt wurde.

Ober- und Niederfriedhof

     Durch die enorme Anzahl von Pesttoten in den Jahren 1474/1475 waren die Döbelner gezwungen, einen weiteren Friedhof außerhalb der damaligen Stadtgrenzen vor dem Obertor anzulegen. Der St.-Nicolai-Friedhof, später Oberfriedhof genannt, nahm eine Fläche, die von der Hinterfront des Wappenhenschstiftes, beginnend zwischen St.-Georgen-Straße und dem Muldenufer, bis ungefähr zum Schlossbergwehr verlief, ein.
     Auf dem Gelände stand die Kapelle Maria Magdalena, die 1656 zu verfallen begann. Die Schließung des Totenfeldes erfolgte im Jahr 1861. Das Totenwärterhaus im Bereich der heutigen Wappenhenschstraße stand noch bis 1974. Reste der Friedhofsmauer sind am Muldenufer und hinter dem Wappenhenschstift erhalten geblieben.
     Als in den Jahren 1584/85 wiederum die Pest in Döbeln wütete, musste ebenfalls der Niederfriedhof vor das Niedertor am Fuße des Hirtenberges verlegt werden. Am 22. Juli 1585 war die Friedhofsweihe. Gepredigt wurde von einer steinernen Kanzel unter einer Linde. 1619 begann man eine Kapelle zu bauen, die jedoch, durch den Dreißigjährigen Krieg verzögert, erst am 1. Februar 1671 eingeweiht werden konnte. Diese „Kapelle zum Heiligen Geist“ musste 1856 wegen Baufälligkeit geschlossen werden. Am 23. November 1857 konnte die neue Kapelle einhundert Meter oberhalb des alten Standortes ihrer Nutzung übergeben werden. Nahe der Kapelle, in welcher heute noch die Trauerfeiern stattfinden, endete früher der Friedhof mit einer Mauer nach Süden zu. Seine Erweiterung begann 1865 bergauf in südliche Richtung. Eine Vergrößerung als Parkfriedhof ist in den Jahren 1910 und 1911 vorgenommen worden. In diesem Teil des Niederfriedhofes haben viele bekannte Döbelner aus der industriellen Gründerzeit ihre letzte Ruhestätte gefunden.
    
Eine schöne Grabanlage ist die der Familie Robert Tümmler. Sie wird von einem Brunnen und einer Christusfigur, genannt „Der gute Hirte“ verziert, und lädt Besucher zu einer stillen Andacht ein. Nicht weit davon entfernt ruht Carl Schlegel, der u.a. den Brunnen vor dem Rathaus finanzierte. Eine Grabfigur stellt Carl Schlegel als Pilger dar. Andere Grabstellen vermitteln verschiedenste Aspekte, die zur Geschichte von Döbeln gehören.
     Der alte Oberfriedhof schloss 1861 und mit dem Bau der Wappenhenschstraße 1892 erfolgte seine Einebnung. Im Jahr 1861 hatte die Stadt das Gelände am oberen Ende der Dresdner Straße erworben, wo der neue Oberfriedhof angelegt werden sollte. Der Chronist Hingst beschreibt die Anlage mit Maß- und Kostenangaben in allen Details. Im gleichen Jahr baute man das Totengräberhaus an der Dresdner Straße (heute ein schmuckes Einfamilienhaus) sowie an der westlichen Friedhofsmauer eine Totenhalle. Hingst gibt die Mauerlänge mit 167 Ellen an, was ca. einhundert Metern entspricht. Die Kapelle im östlichen Teil des Gottesackers kam erst 1892 hinzu. Ein 1865 in Döbeln erlassenes Begräbnis-Regulativ gab vor, dass auf den Oberfriedhof nur Verstorbene aus Döbeln zur Beisetzung zugeordnet werden, die östlich der Kreuzstraße bzw. Stadthausstraße sowie des Stau-
pitz- und Klosterviertels wohnten. Es gab in drei Klassen unterteilte Grabstellen, ein schönes Beispiel für das Wirken des deutschen Amtsschimmels.
     Im Jahr 1986 kam es zur Schließung des 3. Oberfriedhofes. Wie man damals vernahm, würde er nicht zwischen die Wohngebiete von Döbeln Ost I und Ost II passen. Da waren die „Urdöbelner“ des Mittelalters doch toleranter mit ihren Verstorbenen, denen sie einen letzten Platz in ihrer Mitte gewährten. Kapelle und Leichenhalle des Friedhofes verschwanden ebenso wie die Grabstellen. An deren Stelle finden wir jetzt eine Parkanlage für die Anwohner. Nur die erhaltenen deutschen Soldatengräber in der Nähe des Friedhofwärterhauses und die Gräber von sowjetischen Soldaten östlich des symbolischen Golgathahügels mit seinem weißen Marmorkreuz erinnern noch an die frühere Bestimmung des Geländes.

Krematorium

     Im Jahr 1938 hält die moderne Bestattungstechnik in Döbeln Einzug. Auf dem Hirtenberg wird am 5. November das 130. Krematorium des Deutschen Reiches geweiht. Das dazugehörige Urnenfeld ist von der Südgrenze des Niederfriedhofes nur durch eine Kleingartenanlage getrennt.
     Einäscherungen haben nun gegenüber Erdbestattungen Vorrang. So gab es schon 1992 in Döbeln 702 Feuerbestattungen gegenüber 302 Erdbeisetzungen, wobei die Zahlen der Bestattungen auch Bürgern von außerhalb Döbelns beinhalten. Das Krematorium ist ausgestattet mit einer großen Andachthalle, deren Stirnseite ein großes Sgraffito schmückt, welches neben Symbolfiguren den Spruch trägt: „Staub wird die Hülle, aber des Geistes edle Tat reift zur Unsterblichkeit".
     Neben Urneneinzelgräbern gibt es Gemeinschaftsgräber im Friedhofsbereich, die nur durch eine Säule mit Jahreszahl gekennzeichnet sind. Das neueste Angebot sind dem mediterranen Brauchtum entlehnte, in Mauern gefertigte kubische Hohlräume für je zwei Urnen, die mit einer Namenstafel verschlossen werden. An den Stätten der Gemeinschaftsgräber haben wir jetzt jene Anonymität, wie wir sie beim Fund einer Urne aus der Bronzezeit antrafen.
     Dafür gibt ein Grabstein aus Porphyr auf dem Krematoriumsgelände wahrscheinlich selbst Außerirdischen, die Döbeln besuchen, genauere Auskunft. Der Stein trägt eine Sonnenuhr und neben den Planetenzeichen die geografischen Daten von Döbeln: 13° 6' 48" östliche Länge und 51° 7' 36" nördliche Breite.

Einzelgräber

     Zwei Döbelner Bürger haben in der Stadt ihr Einzelgrab außerhalb der Friedhöfe. Der bekannte Industrielle Daniel Beck, der im Bereich der Staupitzstraße ein Gebäude für Gerberei- und Lederindustrie hatte, fand seine letzte Ruhestätte 1860 unterhalb des Weges zum Keglerheim an der Nordseite des Stadtbades. 1950 wurde die Grabstätte eingeebnet. Und im Garten neben dem Wappenhenschstift ruht der große Menschenfreund J.F.F. Wappenhensch nahe der Mulde.
     Damit sei das Kapitel der Endlichkeit des Menschen, welches für jeden von uns einmal bedeutsam sein wird, abgeschlossen. Ich widme diesen Beitrag unserem lieben Vereinsfreund, dem 2007 verstorbenen Hans-Friedrich Seidel, dessen heimatgeschichtliche Broschüre über die Döbelner Begräbnisstätten den Ausarbeitungen zugrunde liegt. Diese Broschüre ist im Stadtmuseum erhältlich.

Gerhard Heruth
"Traditions- und Förderverein Lessing-Gymnasium Döbeln" e.V.
Mitgliederinformation Nr. 34
Mai 2008